Dezember 5, 2022
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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(Italien) Die Bedeutung der revolutionÀren SolidaritÀt. Mit dem Anarchisten Alfredo Cospito, seinem Weg und seinen Positionen

Am Morgen des 7. Mai 2012 in Genua, als sie freudig das Magazin einer alten Tokarew fĂŒllten, die spĂ€ter, zur Faust geballt, dem CEO von Ansaldo Nucleare Roberto Adinolfi in die Beine schoss, gab es nicht nur zwei Anarchisten der Aktion, Nicola Gai und Alfredo Cospito, sondern es war der lebendigste und konkreteste Teil des revolutionĂ€ren Anarchismus, der zur Aktion wird. Der als „Olga Kern“ der durch das Mittel der Informellen Anarchistischen Föderation an jenem Tag mit der damaligen Gegenwart, mit der Unbeweglichkeit eines gewissen Anarchismus und dem RĂŒckzug desselben in immer niedertrĂ€chtigere Töne, brach. Nach Fukushima und der RĂŒckkehr des Schreckgespenstes der Atomkraft in Europa wird uns gezeigt, dass es hinter den Tragödien, die den Planeten, die Natur, die Menschheit quĂ€len und die in unseren Herzen starke Emotionen auslösen, keine Abstraktionen, keine Konzepte gibt: sondern Menschen, die ihr wahnsinniges und selbstzerstörerisches Rennen unerbittlich fortsetzen, Strukturen, die den Vormarsch des Todes ermöglichen, Sklaven, die sie mit Waffen schĂŒtzen. Und, dass diese Menschen, diese Strukturen, Namen und Adressen haben.

Nach der Aktion wurden Nicola und Alfredo verhaftet, vor Gericht gestellt und haben sich dort zu ihrer Tat bekannt. Es war notwendig, hervorzuheben, dass die zerstörerische direkte Aktion und die bewaffnete Hypothese immer noch so real sind wie ihre Bekennerschaft von Anarchisten.

Nach zehn Jahren Haft wurde Alfredo am 5. Mai 2022 ĂŒber seine Verlegung vom „Hochsicherheit Trakt 2“ in das „41 bis“-Regime informiert.

Am 6. Juli 2022 stufte das Kassationsgerichtshof den Sprengstoffanschlag auf die Kadettenschule der Carabinieri in Fossano im Juni 2006, zu dem sich die „Zelle-Rivolta Anonima e Tremenda / Anonyme und Gewaltige Revolte – Informelle Anarchistische Föderation“ bekannte und fĂŒr den die GefĂ€hrten Anna Beniamino und Alfredo Cospito angeklagt waren, als „politisch motivierten Massenmord“ ein und verwies auf eine verschĂ€rfte Strafbemessung, die auch eine lebenslange Freiheitsstrafe vorsehen könnte.

Heute ist Alfredo wieder einmal dabei, dem Anarchismus und uns allen so viel zu geben, indem er seine WĂŒrde und seine unumstĂ¶ĂŸlichen Positionen sogar vor seine eigene körperliche Verfassung stellt, indem er ab dem 20. Oktober 2022 in einen Hungerstreik gegen das 41bis-Regime und die lebensfeindliche Strafe tritt, der bis zum bitteren Ende andauern wird, wobei er seinen Körper als Barrikade benutzt, damit die Anwendung des 41bis-Regimes gegen Anarchisten nicht durchgeht. Ein Hungerstreik, an dem sich seit dem 25. Oktober auch die Anarchisten Juan Sorroche, seit dem 27. Oktober Ivan Alocco und seit dem 7. November Anna Beniamino beteiligen.

Die aktuelle Situation bietet Raum fĂŒr verschiedene Überlegungen, starke Emotionen und viele Initiativen unterschiedlicher Art, die in diesen Tagen entstanden sind, was in diesem Kontext immer gut und von grundlegender Bedeutung ist, damit dieser Kampf ein möglichst großes Echo findet, aber Alfredos Kampf wird in dieser Zeit auch zu einem Instrument der Kritik am 41-Bis-Regime und der GefĂ€ngnisgesellschaft im Allgemeinen. Was in dieser Zeit als revolutionĂ€re anarchistische Komponente vorherrschen sollte, sind die Gelassenheit, Klarheit und Entschlossenheit, die die Situation erfordert. Zu verstehen, was zu tun ist und wie es zu tun ist, welche Argumente vorzubringen sind, aber vor allem, was ein bestimmter Moment wie ein Hungerstreik erfordert, um das, was wir bis gestern getan haben, fortzusetzen und uns die Möglichkeit zu geben, es morgen wieder zu tun. Eine Überlegung, die mit dem soeben Geschriebenen ĂŒbereinstimmt, ist sicherlich die Notwendigkeit, aus den Maschen des Anti-Knast-Spezialismus auszubrechen und aus der Sackgasse einer generalistischen und sensibilistischen Mobilisierung herauszukommen, die sich nur mit dem 41bis-Regime befasst und weiß, wie man die Phase liest und diesmal den wirklichen Gegenstand der Auseinandersetzung erfasst, ausgehend vom Aufbau einer internationalen, spezifischen SolidaritĂ€t und einer Mobilisierung ad personam, die die Ermordung unseres GefĂ€hrten Alfredo Cospito, alleine in einem eisernen und betonierten Grab, verhindert.

Eine revolutionĂ€re SolidaritĂ€t, die zuallererst damit beginnt, nicht nur die allgemeinen Praktiken offen zu beanspruchen, die schließlich den Charakter derjenigen annehmen, die sie ausĂŒben, sondern die Geschichte, die Ideen, die Positionen, die konkreten Aktionen, wegen denen unser GefĂ€hrte angeklagt wurde, und die daraus resultierenden Debatten, die sie begleiteten. Und das mĂŒssen wir laut sagen, denn es ist einer der grundlegenden Schritte, um die Isolation zu durchbrechen. Denn wenn wir auf der Seite von Alfredo stehen, dann vor allem, weil er ein GefĂ€hrte ist, der sein Leben der anarchistischen Idee gewidmet hat, die auch unsere ist. Und es ist klar, dass, wenn wir nicht in der Lage sind, unseren revolutionĂ€ren Anarchismus und seine Motivationen zu verteidigen, niemand sonst jemals in der Lage sein wird, dies zu tun.

Jeder Diskurs, der mehr oder weniger teilbar ist, birgt die Gefahr, dass er – in diesem speziellen Moment – nur auf der Ebene der menschlichen SolidaritĂ€t bleibt und in einem stumpfen und allgemeineren Kampf gegen das GefĂ€ngnis verwĂ€ssert wird. Wir haben uns in der Vergangenheit mehrfach mit dem Thema 41bis, mit einer gewissen KontinuitĂ€t auseinandergesetzt, auch wenn wir keinen anarchistischen GefĂ€hrten in diesem Regime hatten. Wir werden uns auch in der nĂ€heren Zukunft damit befassen mĂŒssen, wenn wir in der Lage sind, perspektivisch eine breitere Argumentation darĂŒber zu erarbeiten, wie das Instrument eines solchen Haftregimes auf immer grĂ¶ĂŸere Teile der verschiedenen Bewegungen im sozialen GefĂŒge angewendet werden kann.

In diesem Wettlauf gegen die Zeit geht es jedoch darum, Alfredo aus diesem Regime herauszuholen und eine sofortige Deklassifizierung zu erreichen, wie partiell dieser Kampf auch erscheinen mag.

Alfredo war in all den Jahren nie ein Opfer, und wenn er sich heute diesem Regime unterworfen sieht, dann nur, weil die Macht ihn in seiner eigenen Person vernichten will, indem sie ihm die Beziehungen zu dem nimmt, was Alfredo anfangs oft als seine Gemeinschaft bezeichnete. Die Herrschaft versucht auch, das Terrain der „Bewegung“ zu erforschen, wahrscheinlich mit der Absicht, dieses Vernichtungsinstrument in Zukunft fĂŒr das, was man ist, als das was man tut, zur VerfĂŒgung zu haben. Wir können sogar spekulieren, dass dieses System den „Hochsicherheitstrakt 2 -AS2“ im Laufe der Zeit dauerhaft ersetzen könnte.

Es scheint klar zu sein, dass das Ziel, das das System des Staatskapitals mit Hilfe der Justiz, mit Gerichtsurteilen und der Bereitstellung von Aufhebungsregelungen wie 41bis verfolgt, die Beseitigung, die Isolierung des erklĂ€rten Klassenfeindes ist, wie uns auch die Situation gegen die revolutionĂ€ren Kommunisten Nadia Lioce, Roberto Morandi und Marco Mezzasalma zeigt, die ĂŒber 15 Jahre lang lebendig begraben wurden. Und all dies erinnert uns eindringlich daran, wie sehr Alfredos Kampf auch fĂŒr sie weitergehen muss.

Als Anarchisten sind wir gegen alle GefĂ€ngnisse und werden dies auch immer sein, denn es ist eine Tatsache, dass das 41bis ein Regime der psychophysischen Folter, der Vernichtung des Individuums ist, aber dies kann nicht allein unser öffentlicher Diskurs -als Anarchisten- sein, genauso wie Argumente wie seine Verfassungswidrigkeit oder auch BĂŒrgschafts-Diskurse, die die UnverhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit der kĂŒrzlich gegen die Anarchisten Anna Beniamino, Alfredo Cospito und Juan Sorroche verhĂ€ngten Strafen hervorheben, dies niemals sein können.

All dies ist Teil des polizeilichen und gerichtlichen Systems und seines Rechts und kann, bis heute nicht, aus einem umfassenderen UnterdĂŒckungsdiskurs des Staates gegen den revolutionĂ€ren Kampf gegen das globale staatskapitalistische System, herausgelöst werden. Auch wenn die Anwendung des 41bis ein Instrument des Zwangs und der Erpressung der Reue ist, kann die Herrschaft keine IndividualitĂ€t und revolutionĂ€re Aktionen rekuperieren, weil es unser Wille ist, ein revolutionĂ€rer eben, der dem Treibsand der Desorientierung widersteht. Ein Wille, der die Entschlossenheit und die optimistische Anmaßung hat, die RealitĂ€t zu verĂ€ndern.

Es ist kein Zufall, dass die Verurteilungen wegen Anstiftung zu Straftaten in den letzten Jahren, zunĂ€chst im Zusammenhang mit dem revolutionĂ€ren anarchistischen Blatt „KNO3“, dann mit der letzten Ausgabe der „Anarchist Black Cross“-Zeitung, die Operation Sibilla wegen der anarchistischen Zeitung „Vetriolo“ und die Veröffentlichung des Interviews mit Alfredo Cospito „Welche Internationale?“, ebenfalls ganz in diesem Sinne zu verstehen sind. So gesehen können wir tatsĂ€chlich sagen, dass das, was in den letzten Jahren mit unseren Publikationen gemacht wurde, von unschĂ€tzbarem Wert war und ist, weil es den Anarchisten heute erlaubt, sich ihre Ideen wieder anzueignen, ihnen Raum zu geben, mit der KĂŒhnheit, immer, unverĂ€nderlich, mit der gleichen Neigung, in revolutionĂ€rem Bewusstsein zu handeln, die Internationale aufzubauen, die Internationale zu leben.

Raus mit Alfredo aus dem 41bis!

Gegen den Einsatz von 41bis gegen revolutionÀre Gefangene!

RevolutionĂ€re SolidaritĂ€t mit den Anarchisten Juan Sorroche, Ivan Alocco und Anna Beniamino im Hungerstreik zur UnterstĂŒtzung von Alfredo!

Immer fĂŒr (die) Anarchie!

Omar Nioi
Sardinien, 07.11.2022




Quelle: Panopticon.blackblogs.org