Juli 28, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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Quelle: brighton abc, ĂŒbersetzt von abc wien

Am 10. Mai begann die Verhandlung des „Prometeo“-Prozesses, in dem die anarchistischen GefĂ€hrt*innen Natascia, Beppe und Robert beschuldigt werden, drei Paketbomben an den ehemaligen Direktor des DAP (Dipartimento dell’Amministrazione Penitenziaria, „Abteilung fĂŒr Strafvollzugsverwaltung“), Santi Consolo, und zwei Turiner StaatsanwĂ€lte, Roberto Sparagna und Antonio Rinaudo, geschickt zu haben. Der Prozess findet vor dem Schwurgericht von Genua statt, da die Anklageschrift (Artikel 280, Absatz 1 und Absatz 3) eine Strafe ab 20 Jahren Haft vorsieht. Die Verhandlung wurde per Videokonferenz fĂŒr die beiden noch inhaftierten GefĂ€hrt*innen Natascia und Beppe abgehalten, die ĂŒber einen Bildschirm aus den GefĂ€ngnissen von Santa Maria Capua Vetere bzw. Bologna an den Anhörungen „teilnahmen“. Die Verhandlung fand vom 10. Mai bis zum 2. Juni in zwei Sitzungen pro Woche statt, an denen zahlreiche Carabinieri der ROS (Raggruppamento Operativo Speciale) und SachverstĂ€ndige der RIS (Reparto Investigazioni Scientifiche) teilnahmen, die von der Staatsanwaltschaft, vertreten durch Staatsanwalt Federico Manotti, und dem ZivilklĂ€ger, der Rinaudo vertrat, als Zeugen geladen waren.

Im Mittelpunkt der Anklage steht die Aussage des Turiner ROS-Generals Bogliacino, die zwei volle Tage dauerte und sich nicht auf konkrete Fakten bezog, sondern vor allem auf ideologische Fragen im Zusammenhang mit den angeklagten GefĂ€hrt*innen im Prozess, auf ihre zwischenmenschlichen Beziehungen und ihre Korrespondenz mit einigen Gefangenen, auf Internetrecherchen, die bis ins Jahr 2012 (!) zurĂŒckreichen und sich auf Nachrichten und öffentliche Diskussionen beziehen, sowie auf alltĂ€gliche Dialoge, die instrumentalisiert wurden, um zu erzwungenen Schlussfolgerungen zu gelangen. Dasselbe Drehbuch, das in Ă€hnlichen Prozessen gegen andere GefĂ€hrt*innen verwendet wurde: Schließlich spielt die Suggestion in einem Prozess gegen Anarchist*innen eine wesentliche Rolle, erst recht, wenn man vor einer Geschworenenjury steht. Aus diesem Grund wurden auch viele Worte ĂŒber die freundschaftlichen Beziehungen zu einem GefĂ€hrten verloren, der in der Vergangenheit unter dem Vorwurf des Terrorismus und des angeblichen Besitzes von Sprengstoff verhaftet wurde. In diesem Zuge haben die ROS dann die SolidaritĂ€t mit den Angeklagten im Scripta-Manent-Prozess und mit einem anderen Gefangenen angefĂŒhrt, um auf diese Weise die Motive und Abneigungen gegenĂŒber denjenigen zu rechtfertigen, die in diesem Prozess die Angegriffenen sind – dem DAP und zwei StaatsanwĂ€lten, die an der UnterdrĂŒckung der KĂ€mpfe beteiligt sind. Als ob diese Abneigung nicht von fast allen Rebell*innen, Anarchist*innen, Antagonist*innen oder Kriminellen geteilt wĂŒrde, sei es aus Notwendigkeit oder aus Tugend.

Dieselben RIS-Experten waren nicht so sehr von der Tödlichkeit der fraglichen Paketbomben ĂŒberzeugt, und der Zeuge, der versuchte, glaubwĂŒrdiger zu erscheinen, klammerte sich an nicht nĂ€her bezeichnete „von ihm privat durchgefĂŒhrte Experimente“, Experimente, die er im Übrigen nicht einmal in der Verhandlung offenlegte, um die Tödlichkeit zu beweisen.

Die Zivilpartei benannte daraufhin eine eigene Liste von Zeug*innen, die sie in den Gerichtssaal bringen wollte, alle mit dem gleichen Tenor wie die oben genannten. Sie brachte dann Rinaudo und seine Frau persönlich in den Gerichtssaal, um ihr Schicksal als Verfolgte des gefĂ€hrlichen gegnerischen Milieus zu schildern, wobei sie sich im Übrigen ĂŒber die Daten einiger angeblicher EinschĂŒchterungen widersprachen.

Die Verteidigung intervenierte durch das Kreuzverhör aller Zeug*innen, die Benennung von SachverstĂ€ndigen wie eine*r Sprengstoffexpert*in und eine*r Gerichtsmediziner*in fĂŒr die Typologie des Materials, eine*r SachverstĂ€ndigen fĂŒr die Zerlegung bestimmter Abhörmaßnahmen, die nach der inzwischen konsolidierten „cut and sew“-Technik von ROS und DIGOS (Divisione Investigazioni Generali e Operazioni Speciali, „Abteilung fĂŒr allgemeine Ermittlungen und SondereinsĂ€tze“, politische Abteilung der Staatspolizei), und schließlich mit eine*r Expert*in, um das Video zu analysieren, das laut Anklageschrift Beppe und Natascia vor und nach dem Kauf der mysteriösen UmschlĂ€ge filmt. In diesem Zusammenhang ist es interessant festzustellen, dass das GeschĂ€ft, das Beppe und Natascia an jenem Tag betraten, nach Angaben der Staatsanwaltschaft das einzige war, das diese Art von UmschlĂ€gen in ganz Genua und Umgebung verkaufte (d.h. die einzigen Gebiete, in denen solche Kontrollen durchgefĂŒhrt wurden). NatĂŒrlich reichte eine Recherche der AnwĂ€lt*innen aus, um herauszufinden, dass die gleichen UmschlĂ€ge auch in einem anderen GeschĂ€ft in Genua verkauft wurden, und zwar zu genau demselben Preis, der oben mit Bleistift angegeben war. Als wĂ€re das nicht genug, kam dank der Kreuzverhöre der AnwĂ€lt*innen auch noch ans Licht, dass die ROS dieses „Detail“ bereits kannten. Ein „Detail“, das sie absichtlich verschwiegen haben, um das erfundene Kartenhaus der Staatsanwaltschaft zu untermauern.

WĂ€hrend der Anhörung am 1. Juli Ă€ußerte sich Natascia zu ihrem Hungerstreik und ihrem Befinden im GefĂ€ngnis von Santa Maria Capua Vetere, welches sie daran hindert, ihre*n AnwĂ€lt*in und ihre Angehörigen zu sehen.

Am 2. Juli fand eine abschließende ErklĂ€rung aller drei beschuldigten GefĂ€hrt*innen statt.

Das Gericht verschob den Abschluss des Ermittlungsverfahrens auf den 20. September, den Tag, an dem voraussichtlich die PlÀdoyers der Staatsanwaltschaft und des ZivilklÀgers mit der dazugehörigen Anklageschrift und dem Antrag auf Verurteilung stattfinden werden.

Der 27. und 28. September werden ganz der Verteidigung gewidmet sind, der 19. Oktober ist die letzte Anhörung fĂŒr eventuelle Erwiderungen, und dann wird der Termin fĂŒr das Urteil festgelegt werden mĂŒssen.

In der Zwischenzeit sind Natascia und Beppe seit mehr als zwei Jahren im GefĂ€ngnis eingesperrt. Natascia befindet sich seit 20 Tagen im Hungerstreik und ist entschlossen, keinen Bissen mehr zu essen, solange sie im berĂŒchtigten GefĂ€ngnis von Santa Maria Capua Vetere sitzt. Derselbe berĂŒchtigte Ort – der Protagonist der Nachrichten dieser Tage [in Italien] – an dem die schweren SchlĂ€ge vom April 2020 als Vergeltung fĂŒr einen Protest der Gefangenen stattfanden. Dasselbe Gemetzel, von dem die Massenmedien und Institutionen nur in diesen Tagen Notiz zu nehmen scheinen, von dem wir aber wissen, dass es schon immer systematisch stattgefunden hat, in jedem GefĂ€ngnis, in jeder Kaserne, in jeder Polizeistation.

Unser ganzer Hass gilt denen, die versuchen, unsere GefÀhrt*innen in einer Zelle zu begraben.

An der Seite von Natascia, die seit 20 Tagen im Hungerstreik ist und gegen ihre erneute Verlegung in das GefÀngnis von Santa Maria Capua Vetere kÀmpft.

An der Seite von Beppe und Robert, von allen inhaftierten GefÀhrt*innen und allen Gefangenen im Kampf.

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Quelle: Abc-wien.net