Juli 6, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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(Per Post erhalten)

20 Jahre sind seit dem G8 in Genua vergangen. Viele können sich noch an die PrĂŒgelorgien der Carabinieri in der Diaz-Schule oder in der Bullenwache in Bolzaneto erinnern. Entweder weil die Videoaufnahmen oder die eigenen Erfahrungen sich unwiderruflich ins GedĂ€chtnis eingebrannt haben. Die Ausschreitungen, die PrĂŒgel, der Mord an Carlo Giuliani wĂ€hrend diesen Tagen ist mittlerweile Teil eines „kollektiven“ GedĂ€chtnis geworden. Doch seither hat sich kaum etwas verĂ€ndert. Der italienische Staat ist labil wie eh und je und jegliche Politik versucht mit Pflastern das sinkende Schiff zu flicken. Die Gewaltanwendung und Vergeltung gegen die AufstĂ€ndischen ist aus Staatssicht nicht nur legitim, sondern auch notwendig, egal ob eine Regierung Links, Mitte oder Rechts ist.

FrĂŒhling 2020. In ganz Italien brechen Knastrevolten aus. Der Auslöser waren die frisch eingeschrĂ€nkte Besuchszeiten, bzw. Besuchsverbote, wegen der Corona-Pandemie. Es gab Proteste in ĂŒber 50 KnĂ€sten, in einigen davon nĂŒtzten die Gefangene dem Moment aus um auszubrechen. Alleine im Knast von Modena werden neun Gefangene ermordet, die folgt daraus dass die Schließer und die Carabinieri einrĂŒcken und alle verprĂŒgeln. Von offizieller Seite heißt es das dies „Junkies“ die Knast-Apotheke ĂŒberfallen hĂ€tten und dann an einer Überdosis von Medikamenten (Methadon z.B.) gestorben wĂ€ren.

Vor knapp zwei Wochen wurden die Untersuchungen wegen den neun Toten in Modena und fĂŒnf weiteren Toten in anderen KnĂ€sten archiviert. Der Staat hat kein Interesse gegen seine engsten Vertrauten zu ermitteln, jedoch werden 46 Gefangene angeklagt an der Revolte teilgenommen zu haben. Ihnen wird u.a. EntfĂŒhrung, VerwĂŒstung und PlĂŒnderung, Körperverletzung und Diebstahl , die sie begangenen haben sollen, vorgeworfen. Nur zu dumm das vor kurzem Überwachungsvideos aus dem Knast von Santa Maria Capua Vetere (Neapel) veröffentlicht worden sind, die den Hergang in den KnĂ€sten zeigen, nachdem der Staat wieder die „Kontrolle“ dort wiedererlangte. Einen Tag nach der dortigen Revolte, sollte es eine allgemeine Zellendurchsuchung geben. In diesem Video werden die Gefangenen im Spießrutenlauf wahllos verprĂŒgelt. Hier kann man sich selbst ein Bild davon machen:

https://www.youtube.com/watch?v=lCMhK-xUugA

52 Schließer wurden anscheinend identifiziert. Einige sind mittlerweile in Untersuchungshaft, Hausarrest oder wurden vom Dienst suspendiert. Folter wird ihnen angehĂ€ngt. Viele italienische Politiker*innen Ă€ußern sich nun empört ĂŒber diesen Vorfall, aber auch nur weil es diese Videoaufnahme gibt, sonst wĂ€re es ihnen völlig egal, denn das Leben eines und einer Gefangenen ist aus deren Sicht weitaus minderwertiger als das eines braven BĂŒrgers. Wenn man mit Gefangenen in Italien spricht, kommt sehr schnell ans Licht, dass Gewalt, egal ob psychisch oder physisch, an der Tagesordnung ist. Die Selbstmordrate in den KnĂ€sten ist bestĂ€ndig hoch, inwiefern diese dann tatsĂ€chlich Suizide sind, ist eine andere Frage. In den Medien wurden die damaligen Knastrevolten wenig thematisiert, da sie zu unbequem waren um sie ins Rampenlicht zu stellen. Zu groß war die BefĂŒrchtung, dadurch noch mehr Benzin auf die einzelnen Brandherden in den StĂ€dten zu schĂŒtten. Wie kann eine Demokratie mit solchen Bildern umgehen? Reich es, sich ein Jahr spĂ€ter, ein bisschen empört zu zeigen und evtl. ein paar Schließer zu verurteilen?

Diese Video ist eine Momentaufnahme von praktisch ausgeĂŒbter staatlicher Vergeltung. Es stellt den Versuch dar, die Revoltierenden direkt zu bestrafen, bzw., ihren Willen nach Freiheit zu brechen. Wer weiß was sich sonst, in anderen KnĂ€sten, in diesen Tagen abgespielt hat. Ob es irgendwann ans Licht kommen wird, ist davon abhĂ€ngig wie die solidarischen ZusammenhĂ€nge damit umgehen werden, denn von den AutoritĂ€ten und den staatstreuen Medien ist sicherlich keine „Gerechtigkeit“ oder Aufarbeitung zu erwarten.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org