November 29, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Graphic Novels ĂŒber das Grauen des Krieges – geht das? Ja, durchaus, wie der französische Zeichner Jacques Tardi in seinen antimilitaristischen Werken ĂŒber die beiden Weltkriege bewiesen hat. Über den berĂŒhmten Graphic-Novel-KĂŒnstler und seine elf AntikriegsbĂ€nde berichtet Lou Marin fĂŒr die Graswurzelrevolution. (GWR-Red.)

Der weit ĂŒber die französische Comic- und Graphic-Novel-Szene hinaus bekannte und geschĂ€tzte Zeichner Jacques Tardi (geb. 1946) verbrachte seine Kindheit an der Seite seines Vaters, der französischer Besatzungssoldat im Nachkriegsdeutschland war, in SĂŒdwestdeutschland. Ab 1970 veröffentlichte er Graphic Novels und stieg beim französischen Comic-Magazin „Pilote“ ein. Seine zahlreichen Werke wurden mehrfach mit Preisen des großen französischen Comic-Festivals in AngoulĂšme ausgezeichnet. Alle seine BĂ€nde sind inzwischen ins Deutsche ĂŒbersetzt. Sie drehen sich vordringlich um die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert, deren jeweilige Vor- und Nachkriegszeit vor dem Hintergrund einer intensiven SelbstbeschĂ€ftigung mit den Kriegsbeteiligungen seiner eigenen Familienangehörigen, seiner GroßvĂ€ter und seines Vaters.
Zu den bekanntesten Werken Tardis zĂ€hlten in den Siebziger- und Achtzigerjahren die neunteilige Serie „Adeles ungewöhnliche Abenteuer“ ĂŒber eine mysteriöse und okkulte Schriftstellerin und die bewegten Jahre der „Belle Epoque“ im Paris vor dem Ersten Weltkrieg, des Weiteren seine BĂ€nde ĂŒber die Commune von Paris, „Le Cri du peuple“ (dt. „Die Macht des Volkes“), sowie insgesamt vier Adaptionen von LĂ©o Malets Romanen ĂŒber seinen Detektiv Nestor Burma. (1)

Und immer wieder der
schmerzhafte RĂŒckblick
auf die Weltkriege

Seine insgesamt acht Graphic Novels ĂŒber den Ersten Weltkrieg und seine drei BĂ€nde ĂŒber die Erlebnisse seines Vaters in deutscher Kriegsgefangenschaft im Zweiten Weltkrieg, im „Stalag IIB“, sowie bei seiner RĂŒckkehr versteht er als sowohl antimilitaristische als auch persönliche Erinnerungsarbeit. Sein Großvater war in den SchĂŒtzengrĂ€ben des Ersten Weltkriegs gestorben, sein Vater wurde als Panzerfahrer 1940 nach nur zwei Wochen Kriegseinsatz von den Nazi-Truppen gefangengenommen.
Tardi hat seinen Vater kurz vor dessen Tod 1985 davon ĂŒberzeugt, seine Erinnerungen an die Kriegsgefangenenzeit in drei Notizheften aufzuschreiben. Paradoxerweise bezeugt Tardi, dass sein Vater trotz seines Kriegseinsatzes antimilitaristische und anarchistische Überzeugungen gehabt habe: „Mein Vater ist ein Antimilitarist, der insgesamt zwanzig Jahre in der Armee war.“ (2) Und Tardi versuchte in seiner Arbeit, sich angesichts dieser Notizhefte zu vergegenwĂ€rtigen: „Wie kann man sich in die MentalitĂ€t eines Jungen zwischen 18 und 25 Jahren im Jahr 1940 hineinversetzen?“
Zu den Motiven seiner Antikriegs-Graphic-Novels meint Tardi: „Was mich an den Beteiligten des Ersten oder Zweiten Weltkriegs interessiert, das sind die Individuen, die nicht mehr wissen, wozu sie auf der Welt sind. Es ist der Typus des manipulierten Heranwachsenden aus Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen, der jede Kontrolle ĂŒber sein Schicksal verloren hat. Mein Vater ist zutiefst verletzt zurĂŒckgekehrt. Er wurde dann immer schnell wĂŒtend, war verbittert, entwĂŒrdigt. Ein Verlierer, dessen Leben völlig gescheitert war. Er war viereinhalb Jahre in Kriegsgefangenschaft. Die Kriegsgefangenen sind alle ohne Heldengloriole zurĂŒckgekehrt.“ (3)

Zeichenstil inspiriert
durch die Ligne claire

Tardis BĂ€nde „Putain de Guerre“ ĂŒber den Ersten Weltkrieg waren auch deshalb so detailgetreu, weil er hier mit dem Historiker und Weltkriegsspezialisten Jean-Pierre Verney eng zusammenarbeitete. (4)
Der Zeichenstil Tardis liegt nahe an der so genannten Ligne claire, die von HergĂ©, dem Zeichner von „Tim und Struppi“, geprĂ€gt wurde. Das geht in AnsĂ€tzen in die Richtung von Illustrationen fĂŒr KinderbĂŒcher; die Zeichnungen Tardis haben die Tendenz, das Konzept herrschender „Heldenfiguren“ lĂ€cherlich zu machen. Seine Figuren sind „Anti-Held*innen“; Opfer der WeltlĂ€ufte, auf die sie keinen Einfluss haben, oder auch nur einfache Zeug*innen, die nicht anders können, als sich um ihr eigenes Überleben zu kĂŒmmern. (5)
Tardis politisches Engagement ist von einer simplen propalĂ€stinensischen Position im Israel-PalĂ€stina-Konflikt geprĂ€gt, die fĂŒr Aktivist*innen hierzulande vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte nicht immer leicht nachzuvollziehen ist. So hat er verschiedene Aufrufe zum Boykott israelischer Kulturveranstaltungen unterzeichnet, zuletzt gegen den Grand Prix Eurovision in Tel Aviv 2019. Ich hatte die Gelegenheit, Jacques Tardi persönlich kennenzulernen, als ich ihn im Auftrag der Orgagruppe der NĂŒrnberger Linken Literaturmesse fĂŒr eine Veranstaltung im November 2018 kontaktierte und ihn in NĂŒrnberg zeitweise begleiten und sprechen konnte. Ich sprach auch das Thema der Problematik des Boykotts Israels an, das aus einer deutschen Perspektive mit dem Wissen um die Rolle des antijĂŒdischen Boykotts 1933 ganz anders betrachtet werde als aus seiner aus der französischen Geschichte geprĂ€gten Perspektive. Ich fand den Austausch mit ihm sehr angenehm, er war sehr ruhig, hörte meinen Argumenten zu und stimmte schließlich mit mir ĂŒberein, dass die Erinnerung aus der deutschen TĂ€ter*innenperspektive zu einer anderen Position fĂŒhrt. Er eskalierte die Diskussion an keiner Stelle und wurde nie polemisch, sondern war empathisch und verstĂ€ndnisvoll.




Quelle: Graswurzel.net