April 11, 2021
Von Bure Bure Bure
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Januar 2017 : Zeugnis eines Übergriffs in Bure

Vor 4 Jahren, im Januar 2017, wurde das Heft « Pour une fois j’ai dit NON Â» (Ich habe NEIN gesagt) auf infokiosques.net veröffentlicht.

« In diesem Heft geht es um Vergewaltigung. Nicht um eine Vergewaltigung in einer dunklen Gasse, spĂ€t in der Nacht, ausgeĂŒbt von einem gewalttĂ€tigen und irren Unbekannten. Nein, es geht um eine Vergewaltigung, die von einem « Mitstreiter Â» an einem Ort des gemeinsamen Kampfes begangen wurde. Â»

Dieser Ort, das versteht man schnell, ist Bure.

Nach seiner Veröffentlichung druckten und verteilten mehrere Menschen diesen Text im Haus des Widerstands in Bure und schlugen vor, sich zu treffen, sobald alle ihn gelesen haben wĂŒrden, um gemeinsam darĂŒber zu diskutieren.

Im Verlauf dieser Diskussion wurde die politische Entscheidung getroffen, den Aggressor aus den kollektiven RĂ€umen von Bure rauszuwerfen, um der angegriffenen Person zu ermöglichen, dort weiterhin aktiv zu sein, ohne seine Anwesenheit ertragen zu mĂŒssen [1].

Das Ziel war auch die klare und politische Aussage, dass sexuelle Aggression keinen Platz haben darf, weder in KĂ€mpfen noch anderswo.

Da er ein sehr aktiver Mitstreiter war, zeitweise auch Sprecher der Bewegung und in vielen Arbeitsgruppen und Treffen anwesend, wurden ihm alle Mandate entzogen und es wurde ihm verboten, im Namen der Bewegung zu sprechen oder sie in irgendeiner Weise zu reprÀsentieren.

Danach wurde das Heft in Papierform in den kollektiven RÀumen ausgelegt und auch auf der Website der Bewegung, vmc.camp, veröffentlicht.

 Â» (
) Die Gewalt besteht darin, dass eine Vergewaltigung begangen wurde, die Gewalt besteht darin, dass in einer vermeintlich sicheren Umgebung, die vorgibt, antisexistisch zu sein, von Mitstreitern Vergewaltigungen und Übergriffe begangen werden. (
)  Â»

AUSZUG AUS DEM HEFT « Pour une fois j’ai dit NON Â»

Wenn man das Fanzine der Anti-Atom-Woche vom Oktober 2020 [2] liest, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass trotz #metoo, trotz der feministischen BĂŒndnisse und trotz der reichhaltigen feministischen Literatur, die seit Jahren in militanten RĂ€umen zur VerfĂŒgung steht, einige Menschen immer noch nicht verstanden haben, was so einfache und grundlegende Begriffe wie Zustimmung [3] bedeuten. Wahrscheinlich dieselben Leute, die Feminismus immer noch als einen sekundĂ€ren Kampf betrachten


« Es betrifft dich immer. Es betrifft uns immer noch. Â»

Une Bella

das Heft « Pour une fois j’ai dit NON«  (auf Französisch)

« UrsprĂŒnglich wollte ich vor allem einen Erfahrungsbericht schreiben, weil das Lesen der Berichte anderer mir geholfen hat, weiterzukommen. Es war wichtig zu lesen, dass nicht nur ich das erlebt und vor allem gefĂŒhlt habe, es tat gut, die Worte anderer zu lesen, damit ich meine eigenen finden konnte.

Auch um Zeugnis abzulegen von einer Situation, die leider kein Einzelfall ist. Denn zu viele Geschichten sind Ă€hnlich wie meine, aber sie verblassen oft in der Erinnerung und bleiben nur « individuelle Â» Geschichten. Deshalb war es mir wichtig, dies auszusprechen, in der Hoffnung, dass es anderen Menschen hilft, sich nicht allein zu fĂŒhlen, die Kraft zu finden, zu reagieren (im weitesten Sinne fĂ€ngt es schon damit an, sich nicht selbst die Schuld zu geben und zu versuchen, darĂŒber zu sprechen). Ich hielt es auch fĂŒr wichtig, einige theoretische BezĂŒge herzustellen, die helfen, bestimmte Mechanismen zu verstehen und vielleicht den Überlebenden einen Weg nach vorne und den ihnen Nahestehenden Möglichkeiten der UnterstĂŒtzung aufzuzeigen.

Als ich dann schließlich meine Beziehung zu diesem Mann, der mich vergewaltigt hat, beschrieb, darĂŒber nachdachte und sprach, erkannte ich, wie viel mit meiner Erziehung zusammenhing, mit der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, mit der Durchdringung durch bestimmte Normen, kurz mit dem, was man « Vergewaltigungskultur Â» nennt. Das sind nicht « nur Â» einzelne Situationen, sondern sie sind Teil eines sexistischen gesellschaftlichen Kontextes, den ich neu definieren wollte.

Auf jeden Fall hoffe ich, dass es mir durch dieses Zeugnis und diese Überlegungen gelungen ist, ein wenig von dieser Kraft zu vermitteln, von dieser Überzeugung, dass wir noch nicht verloren sind, dass wir viele sind, dass wir nicht zum Schweigen gebracht werden können, dass wir nicht die Schuldigen sind und dass wir alle es verdienen, respektiert und geachtet zu werden.  Â»

ANMERKUNGEN

[1] In diesen FĂ€llen kommt es fast immer zum Ausschluss, wobei sich allerdings die Frage stellt, wer ausgeschlossen wird. Die angegriffene Person wird im Allgemeinen nicht mehr dorthin gehen, wo sie dem Angreifer begegnen könnte. Wird der Angreifer nicht aus diesen RĂ€umen ausgeschlossen (zu bestimmten Zeiten, auf Dauer
) oder wird bei der Verwaltung dieser RĂ€ume gar keine RĂŒcksicht auf das Geschehene genommen, so wird indirekt entschieden, die angegriffene Person auszuschließen.

[2] https://bureburebure.info/semaine-antinucleaire-le-fanzine/ – Seite 6

3] Consent, 100 Questions about Sexual Interactions
, Zine von 2009.

27/01/2021




Quelle: Bureburebure.info