Oktober 5, 2021
Von InfoRiot
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Prozess gegen ehemaligen KZ-Wachmann

“Jeder hat gewusst, was im Lager vorgeht”

05.10.21 | 12:23 Uhr

In Brandenburg beginnt am Donnerstag der Prozess gegen einen HundertjÀhrigen. Er soll als Wachmann im KZ Sachsenhausen wissentlich und willentlich Hilfe zur grausamen Ermordung Tausender Menschen geleistet haben. Von Claudia Baradoy

3.518 – diese Zahl hat die Staatsanwaltschaft ermittelt. Es ist die Mindestzahl der Menschen, die zwischen Januar 1942 und Februar 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen zu Tode gekommen sind. In dieser Zeitspanne soll der mittlerweile 100-jĂ€hrige Angeklagte im Lager als Wachmann tĂ€tig gewesen sein.

Ihm wird willentliche Beihilfe zur Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener und zur Ermordung von HĂ€ftlingen mit dem Giftgas Zyklon B in eben diesen 3.518 FĂ€llen vorgeworfen. Auch “die Tötung der HĂ€ftlinge durch die Schaffung und Aufrechterhaltung von lebensfeindlichen Bedingungen” sind laut Gericht Gegenstand der Anklage.

Prozess in Sporthalle der JVA Brandenburg/Havel verlegt

Der Beschuldigte lebte jahrelang unbehelligt in Brandenburg/Havel. Laut einem medizinischen Gutachten ist er fĂŒr zwei bis zweieinhalb Stunden am Tag verhandlungsfĂ€hig. Weil der Hochbetagte den beschwerlichen Weg zum Landgericht in Neuruppin jedoch nicht mehr zurĂŒcklegen kann, wurde zunĂ€chst der “Stahlpalast” in Brandenburg an der Havel zum Gerichtsaal umgebaut. Er sollte ausreichend Platz fĂŒr Gericht, Verteidiger, Zeugen, insgesamt 16 NebenklĂ€ger und die internationale Presse bieten – dort fanden schon Europameisterschaften im Billiard statt, zuletzt wurde er als Corona-Impfzentrum genutzt.

Doch bis kurz vor Prozessbeginn waren beim Einbau von Technik noch Fragen zur Bausicherheit ungelöst – der Prozess wurde am Montag in die Sporthalle der Justizvollzugsanstalt Brandenburg verlegt. Das gelte fĂŒr alle Verhandlungstage. “Das Gericht hat vergleichsweise viele Verhandlungstage angesetzt, insgesamt 22 Termine”, sagte Gerichtssprecherin Iris le Clair.

"Eingangsgebaeude zum Haeftlingslager ""Turm A"", Gedenkstaette und Museum Konzentrationslager Sachsenhausen (Bild: dpa/Joko)EingangsgebÀude zum HÀftlingslager, Turm A

Wieso wird dem Mann erst Jahrzehnte spÀter der Prozess gemacht?

Doch warum wird dem Mann erst jetzt der Prozess gemacht? In der bundesdeutschen Nachkriegszeit wurden Ermittlungen oft nur eingeleitet, wenn eine aktive Beteiligung an konkreten Mordtaten nachgewiesen werden konnte, möglichst mit den Namen der Opfer und dem genauen Zeitpunkt. Die Heerscharen der BeschĂ€ftigten in den Lagern, die das Funktionieren der Tötungsmaschinerie absicherten, blieben unbehelligt. Ohne “Tat” kein TĂ€ter, so der Tenor.

Die Kehrtwende kam im Jahr 2011 – mit dem Urteil gegen John Demjanjuk, einen ehemaligen Wachmann in Sobibor [tagesschau.de]. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass auch Gehilfen schuldig sein können. Denn sie hĂ€tten einen Beitrag zum reibungslosen Ablauf des industriellen Tötens in den Vernichtungslagern geleistet.

Wusste der Mann, was im Lager passiert ist? Diese zentrale Frage, muss das Gericht nun klÀren, nur dann kann er verurteilt werden. Ist es möglich, dass jemand keine Ahnung davon hatte, was vor sich ging?

Richard Fagot berichtet als Zeitzeuge regelmĂ€ĂŸig von den GrĂ€ueln im Lager. Er hat auf diese Frage eine eindeutige Antwort: “Das ist lĂ€cherlich. Es ist unmöglich. Jeder hat gewusst, was im Lager vorgeht. Und auch außerhalb des Lagers!” Der heute 85-JĂ€hrige stammt aus einer jĂŒdischen Familie im polnischen Lodz und war als kleiner Junge in Sachsenhausen interniert. Nach der Befreiung emigrierte er nach Israel und wurde Arzt.

Die Beteiligung an Exekutionen zÀhlten zu den Aufgaben der Wachleute

Mehr als 200.00 Menschen waren zwischen 1936 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert. Zehntausende starben an den Haftbedingungen, durch medizinische Experimente oder wurden ermordet. Zu den Wachmannschaften zĂ€hlten zeitweise mehr als 3.500 SS-MĂ€nner sowie mehrere Hundert Aufseherinnen. Ihre Aufgabe war die Ă€ußere Bewachung des Lagers. Dazu besetzten sie die mit Maschinengewehren ausgerĂŒsteten WachtĂŒrme und patrouillierten entlang der Lagermauer. Sie eskortierten die HĂ€ftlinge zu ArbeitseinsĂ€tzen und stellten die Posten. Auch die Fahndung nach entflohenen Insassen und die Beteiligung an Exekutionen zĂ€hlten zu ihren Aufgaben. Angebliche Erschießungen auf der Flucht durch Wachsoldaten gehörten zum Lageralltag.

Ein Zeitzeuge erinnert sich

Fagots Erinnerungen an das KZ Sachsenhausen sind die eines Kindes: “Der Himmel war rot in den letzten Kriegstagen, man hörte die Geschosse der Flaks und die WachmĂ€nner waren alle aufgeregt, nervös, sie schrien umher und wollten nur noch weg!”

Er war neun Jahre alt, als er zusammen mit seiner Mutter am 21. April 1945 befreit wurde. Seine Mutter konnte nicht mehr laufen, hatte es aber geschafft, sich mit ihrem Sohn und der Tochter in einer leerstehenden Baracke zu verstecken – wĂ€hrend die anderen HĂ€ftlinge auf den Todesmarsch getrieben wurden.

Eine Frage der Gerechtigkeit

Zeitzeuge Richard Fagot hat das Konzentrationslager ĂŒberlebt, Tausende Menschen mussten sterben. FĂŒr ihn gibt es auf die Frage, ob es der Gerechtigkeit dient, Jahrzehnte spĂ€ter einen 100 Jahre alten Mann vor Gericht zu bringen, keine eindeutige Antwort. “Einerseits: Mord ist Mord ist Mord. Anderseits: Wo war die Justiz bis heute? Die Zeugen der Anklage werden wieder die lĂ€ngst bekannten GrĂ€uel erzĂ€hlen. Und die, die sowieso nicht glauben wollen, werden weiterhin darauf beharren, dass alles gelogen sei …”

Der Rechtsanwalt Thomas Walther vertritt die 16 NebenklĂ€ger im Prozess. Sie kommen aus Deutschland, Holland, Israel, Frankreich und Peru und sind Überlebende oder die Söhne und Töchter derer, die im Lager umgebracht wurden. “Dass auch die Gehilfen der Tötungsmaschinerie sich jetzt verantworten mĂŒssen, ist eine spĂ€te Gerechtigkeit”, sagt Walther. Viele Opfer und deren Familien seien an der UntĂ€tigkeit der Justiz ĂŒber Jahre hinweg verzweifelt: “Jetzt besinnt sich die Justiz. Aber dadurch wird nichts repariert, was in der Vergangenheit versĂ€umt wurde.”

Sendung: Brandenburg aktuell, 07.10.2021, 19.30 Uhr

Beitrag von Claudia Baradoy




Quelle: Inforiot.de