Juni 28, 2022
Von InfoRiot
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Brandenburg an der Havel – Im NS-Prozess gegen einen frĂŒheren Wachmann des Konzentrationslagers Sachsenhausen ist der 101-jĂ€hrige Angeklagte wegen Beihilfe zum Mord zu fĂŒnf Jahren Haft verurteilt worden. Josef S. habe mit seiner TĂ€tigkeit „Terror und Massenmord gefördert“, sagte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann bei der UrteilsverkĂŒndung am Dienstag in Brandenburg an der Havel. Das sei ihm auch bewusst gewesen. Mit seiner WachtĂ€tigkeit habe er die NS-Verbrechen in Sachsenhausen bereitwillig unterstĂŒtzt. Der Verteidiger kĂŒndigte Revision zum Bundesgerichtshof an. (AZ: 11 Ks 4/21)

Das Landgericht Neuruppin verurteilte S. auch wegen Beihilfe zum versuchten Mord und folgte mit dem Strafmaß dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Das Gericht halte fĂŒnf Jahre Haft fĂŒr „tat- und schuldangemessen“, sagte Lechtermann. Damit bestehe fĂŒr Josef S. auch die Chance, seine Haftentlassung noch zu erleben. Eine wirklich gerechte Strafe könne es fĂŒr das Leid, das Menschen durch die NS-Verbrechen zugefĂŒgt wurde, nicht geben, betonte der Vorsitzende der Strafkammer. Das „Grauen von Sachsenhausen“ sei so unbeschreiblich gewesen, dass es sich kaum in Worte fassen lasse.

Josef S. wird noch nicht inhaftiert

Das Strafmaß fĂŒr Beihilfe zum Mord liegt bei 3 bis 15 Jahren, eine BewĂ€hrungsstrafe ist damit nicht möglich. Solange das Urteil nicht rechtskrĂ€ftig ist, wird Josef S. jedoch nicht inhaftiert. Der Verteidiger hatte einen Freispruch oder im Fall einer Verurteilung eine BewĂ€hrungsstrafe beantragt. Nebenklagevertreter hatten sich fĂŒr eine Haftstrafe von mindestens fĂŒnf Jahren ausgesprochen.

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Die Staatsanwaltschaft hatte Josef S. wegen Beihilfe zum grausamen und heimtĂŒckischen Mord in mehr als 3500 FĂ€llen angeklagt. Den Ermittlungen zufolge war er zwischen dem 23. Oktober 1941 und dem 18. Februar 1945 als SS-Mann in Sachsenhausen im Einsatz, zunĂ€chst zur Ausbildung und ab Anfang 1942 auch im regulĂ€ren Dienst als Wachmann. Er selbst hat dies in dem rund neun Monate wĂ€hrenden Verfahren mehrfach bestritten, zuletzt in seinem letzten Wort vor Gericht am Montag.

Wachdienst in Sachsenhausen sei nahezu lĂŒckenlos dokumentiert

Das habe ihm das Gericht jedoch nicht abgenommen, sagte Lechtermann. Sein Wachdienst in Sachsenhausen sei nahezu lĂŒckenlos dokumentiert. Josef S. habe sich an „in ihrem Ausmaß beispiellosen“ Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt, sagte der Vorsitzende der Strafkammer. Ob er nicht nur Beihilfe zum Massenmord geleistet habe, sondern auch selbst TĂ€ter gewesen sei, habe nicht mehr festgestellt werden können. Zu seinen Gunsten sei unter anderem berĂŒcksichtigt worden, dass er zur Tatzeit jung und lebensunerfahren gewesen sei und sich in seinem hohen Alter dem Gerichtsverfahren gestellt habe.

Im KZ Sachsenhausen waren zwischen 1936 und 1945 mehr als 200.000 Menschen inhaftiert. Zehntausende von ihnen wurden ermordet oder kamen auf andere Weise ums Leben. Das zustÀndige Landgericht Neuruppin hatte den Prozess nach Brandenburg an der Havel in die NÀhe des Wohnorts von Josef S. verlegt, weil er laut Gutachten nur wenige Stunden am Tag verhandlungsfÀhig war. Im Zuge der Ermittlungen wurden unter anderem Dokumente aus der GedenkstÀtte Sachsenhausen, dem Bundesarchiv in Berlin und der Stasi-Unterlagenbehörde ausgewertet.

„Er hat bekommen, was er verdient“

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, begrĂŒĂŸte das Urteil. „Das Urteil macht deutlich, dass Schuld keine Altersgrenze nach oben kennt“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Er hob die Rolle von Nebenklage-Vertreter Walther hervor, der als frĂŒherer Staatsanwalt der Zentralstelle Ludwigsburg deren geĂ€nderte Rechtsauffassung mit herbeigefĂŒhrt hatte.

Der Leiter des Wiesenthal-Zentrums in Israel, Efraim Zuroff, sagte ĂŒber den Angeklagten: „Er hat bekommen, was er verdient.“ Zuroff zeigte sich aber besorgt, dass dieser wegen seiner angekĂŒndigten Revision die Strafe nur teilweise oder gar nicht absitzen könnte. Dies sei bei Prozessen gegen Nazi-Verbrecher heute meist der Fall. Sie seien dennoch bedeutsam: fĂŒr die Gesellschaft und die Überlebenden.

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma sprach von einem wegweisenden Urteil. „Mit diesem Urteil, das im Namen des Volkes gesprochen wurde, distanziert sich unsere Gesellschaft von diesen Verbrechen, die einen Zivilisationsbruch darstellten“, sagte dessen Vorsitzender Romani Rose. Bemerkenswert sei, dass das Landgericht auch das Schicksal der von den Nazis verschleppten und ermordeten Sinti und Roma in der Beweisaufnahme berĂŒcksichtigt habe. Denn jahrzehntelang habe diese Verfolgung in Strafprozessen gegen NS-TĂ€ter kaum eine Rolle gespielt, kritisierte Rose. „Gerade fĂŒr die wenigen noch lebenden Überlebenden des Holocaust ist diese öffentliche Anerkennung ihres Leids deshalb von großer Bedeutung, wenn sie auch sehr spĂ€t kommt.“ (epd/dpa)




Quelle: Inforiot.de