Oktober 10, 2021
Von Der Rechte Rand
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von Volkmar Wölk
Antifa-Magazin »der rechte rand« Ausgabe 187 – Dezember 2020

#Portrait

»Panta rhei« – alles fließt – wusste der antike griechische Philosoph Heraklit. Wir heutigen Normalsterblichen, die wir weniger weise sind, wissen trotzdem, dass sich alles verĂ€ndert. Nichts bleibt, wie’s mal war. Manche Dinge verschwinden ganz, manche mutieren langsam und graduell, andere wiederum wechseln völlig ihre Gestalt.

Antifa Magazin der rechte rand
ElsÀsser auf der Buchmesse in Leipzig 2018
@ Mark MĂŒhlhaus / attenzione

Die Monatszeitung ak gibt es immer noch. Einstmals hieß sie mit vollem Namen »arbeiterkampf« und war das Organ des Kommunistischen Bundes (KB); heute steht ak fĂŒr »analyse + kritik«. Als der ak noch »arbeiterkampf« hieß, schrieb dort regelmĂ€ĂŸig ein gewisser »jĂŒ./Stuttgart«. Die KonspirativitĂ€t gebot das KĂŒrzel, die Eingeweihten wussten trotzdem, dass es sich bei dem Autor um einen gewissen JĂŒrgen ElsĂ€sser, einen Berufsschullehrer fĂŒr Geschichte und Deutsch aus Stuttgart handelte. Der heutige ak kĂ€me niemals auf die Idee, diesen Autor, egal unter welchem Namen, fĂŒr sich schreiben zu lassen. Nicht weil ak einen völlig anderen Kurs eingeschlagen hĂ€tte, sondern weil besagter ElsĂ€sser die Seiten gewechselt hat.

Der 1957 geborene JĂŒrgen ElsĂ€sser stammt aus Pforzheim, geboren in einfachen VerhĂ€ltnissen. Er war ein Kind der Aufstiegsgesellschaft der alten Bundesrepublik, konnte studieren. Seine politische Sozialisation erfolgte als SchĂŒler. 1974 trat er dem »Bund Demokratischer Jugend – Ring BĂŒndischer Jugend« bei. Es spricht einiges dafĂŒr, dass er sich im Organ dieser in der Tradition der BĂŒndischen Jugend stehenden und durch die 68er-Bewegung nach links radikalisierten Organisation, der »KĂ€mpfenden Jugend«, die ersten Sporen als Autor verdiente. 1976, damals Student in Freiburg, schloss er sich der dortigen KB-Gruppe an. 1989 wurde er in das »Leitende Gremium« des KB gewĂ€hlt. Mit 55 Prozent und damit dem schlechtesten Ergebnis aller Kandidierenden. Manches verĂ€ndert sich eben doch nicht. Streitbar und umstritten war ElsĂ€sser schon immer.
Dies galt erst recht in der Zerfallsphase des KB, deren Katalysator der Anschluss der DDR gewesen war. Die Fetzen flogen. Öffentlich wurde ElsĂ€sser aus den eigenen Reihen vorgeworfen, sich vom kambodschanischen Diktator Pol Pot nur dadurch zu unterscheiden, dass ihm dessen Machtmittel zur Durchsetzung der eigenen Ziele fehlten. War in den Jahren zuvor eine flexible BĂŒndnispolitik ein Markenzeichen des KB gewesen, setzte ElsĂ€sser angesichts der deutschen Großmachtambitionen auf strikte Konfrontation. Im Februar 1990 sah er im ak die »kulturrevolutionĂ€re Aufgabe« der radikalen Linken in der »Zerstörung des deutschen Staates und seiner Ersetzung durch einen Vielvölkerstaat, sowie der Auflösung des deutschen Volkes in eine multikulturelle Gesellschaft«. »Die Deutschen« seien besonders anfĂ€llig fĂŒr die Propagierung expansionistischer und faschistischer Ziele.

Heute, 30 Jahre spĂ€ter, klingt das alles ganz anders bei JĂŒrgen ElsĂ€sser. Der Beginn der Kundgebungswelle gegen Refugees im Jahr 2015 war der Beginn seiner neuen Karriere als Volksredner und Volkstribun. »Ich bin Deutscher, und ich werde nicht zulassen, dass unser Deutschland vor die Hunde geht«, verkĂŒndete er im Dezember 2016 zu Beginn seiner Rede bei PEGIDA in Dresden, um gleich anschließend im Duktus der extremen Rechten gegen den laufenden »Bevölkerungsaustausch« zu wettern. »Aber wir lieben unser Land so sehr«, ergĂ€nzte er in Zwickau, dass »wir« das nicht zulassen werden. »Meine Zielgruppe ist das Volk«, ergĂ€nzte an gleicher Stelle der, der einstmals die »Auflösung des deutschen Volkes« gefordert hatte. Was einstmals fĂŒr ihn deutscher Imperialismus war, war inzwischen lĂ€ngst zum Freiheitskampf des Volkes geworden. »Wir haben die historische Route von 1989 fĂŒr die Freiheitsbewegung zurĂŒckerobert«, verkĂŒndete er vor den jubelnden Massen in Leipzig nach dem Marsch um den dortigen Innenstadtring.

Diesen verĂ€nderten JĂŒrgen ElsĂ€sser rechnet der Soziologe Wilhelm Heitmeyer in seinem Buch »Rechte Bedrohungsallianzen« zu einem Netzwerk, dessen Publikationsorgane die Ideologie des autoritĂ€ren Nationalradikalismus verbreiten und dessen Handeln legitimieren«. Zentral sei dabei der Bedeutungsrahmen des »Bevölkerungsaustauschs«, mit dem die extreme Rechte bis hin zu klandestinen Netzwerken und terroristischen Zellen ihr Handeln als angebliche Notwehr begrĂŒnden. Er betĂ€tige sich, so Heitmeyer, als »IdeologieaufrĂŒster«.

Eines aber ist klar: Der JĂŒrgen ElsĂ€sser, der 1992 in seinem Buch »Antisemitismus – das alte Gesicht des neuen Deutschland« von der deutschen Nation als »kollektiver Halluzination« schrieb, ist schwerlich vereinbar mit jenem JĂŒrgen ElsĂ€sser, der die September-Ausgabe seines aktuellen Publikationsortes, der Monatszeitschrift »Compact«, mit dem Zeichen der antisemitischen Verschwörungserscheinung »QAnon« schmĂŒckt. Er unterscheidet sich vom JĂŒrgen ElsĂ€sser des Jahres 2009, der damals im ersten Band seiner »Compact«-Buchreihe schrieb: »Wer vom â€čZionismusâ€ș nicht reden darf, muss auch vom Faschismus schweigen.« Und der an gleicher Stelle ergĂ€nzte: »Compact ist das Gegengift zur politischen Korrektheit, also zur Ideologie der Neuen Weltordnung, die in den Massenmedien und auch in der linken Presse zum unantastbaren Tabu geworden ist.«
2009 also war bei ihm die Ideologie der extremen Rechten bereits vollstĂ€ndig ausgeformt, auch wenn er sich damals noch immer als »Linker« bezeichnete und am 10. Januar dieses Jahres, bei der GrĂŒndung seiner kurzlebigen und wenig erfolgreichen »Volksinitiative gegen das Finanzkapital« beteuerte, zwischen seinem neuen Projekt und Nazis »jedweder Couleur« stehe »eine Feuerwand der Ablehnung«. Dass allerdings bereits damals die NPD fĂŒr ein »unverkrampftes« Herangehen an BĂŒndnisse mit ihm warb, war keineswegs ein MissverstĂ€ndnis, sondern angesichts der Namensgebung und seiner Wortwahl nur folgerichtig.
Überraschend kam diese Entwicklung fĂŒr jene, die seinen Weg verfolgt hatten, keineswegs. »Wie der Dschihad nach Europa kam« lautete der Titel seiner Buchveröffentlichung aus dem Jahre 2005. Die französische Übersetzung erschien ein Jahr spĂ€ter. In einem Verlag der Neuen Rechten. Zur Werbung fĂŒr den Band erfolgte zeitnah ein Interview in dem Monatsblatt »Choc du mois«, einem Debattenorgan der extremen Rechten. Die weiteren Interviewpartner in der Ausgabe waren Jean-Marie Le Pen und dessen langjĂ€hriger Kronprinz Bruno MĂ©gret. O-Ton ElsĂ€sser in dem GesprĂ€ch: »Auf dem Balkan ist die Hauptkraft der Destabilisierung die albanische Mafia, die Drogen und Waffen von ihren BrĂŒdern in Afghanistan und anderswo bezieht.« Daneben gab es die fast schon ĂŒblichen Verschwörungsmythen zum 11. September.

Jede revolutionĂ€re Bewegung, und als solche verstehen sich die Zuhörer*innen ElsĂ€ssers, braucht ihre Intellektuellen. Deren Bedeutung und GlaubwĂŒrdigkeit steigert sich noch, wenn es sich bei ihnen um ehemalige Gegner handelt. NatĂŒrlich trifft das besonders auf jemanden zu, der fĂŒr sich stolz in Anspruch nimmt, einer der GrĂŒndungsvĂ€ter der Strömung der Antideutschen gewesen zu sein, und der heute beteuert, das deutsche Volk zu lieben. Neu ist dieses PhĂ€nomen nicht. Der israelische Faschismusforscher Zeev Sternhell hat umfassend die Bedeutung ehemaliger linker Intellektueller fĂŒr die Entstehung und Verbreitung der faschistischen Ideologie hingewiesen. Bei ElsĂ€sser verlief der Weg von der Negativfixierung auf das »deutsche Volk« hin zu dessen Vergötzung. RevolutionĂ€r ist er geblieben, aber seine Revolution ist zur völkischen geworden. Die Revolution ist nicht mehr das Mittel gegen den Kapitalismus, sondern gegen die Demokratie, die den »Bevölkerungsaustausch« und damit die »Abschaffung des deutschen Volkes« ermögliche.

Ein solcher Weg hat sich weder in der Vergangenheit bruchlos vollzogen, noch war dies bei JĂŒrgen ElsĂ€sser in der Gegenwart der Fall. Der ehemalige Lehrer belehrte weiterhin. Mittels der Tageszeitung »Junge Welt«, dann mittels der Wochenzeitung »Jungle World«, nachdem sich diese von der erstgenannten abgespalten hatte, dann bei der Monatszeitschrift »konkret«, danach wiederum bei der »Jungen Welt«. Es ist mĂŒĂŸig zu spekulieren, wo und wann sowie aus welchen GrĂŒnden sich sein politisches Weltbild grundlegend verĂ€nderte, welche ideologischen Elemente dabei erhalten blieben.

Eigentlich erstaunlich, dass ElsĂ€ssers aktuelle Publikation »Compact«, die seit nunmehr zehn Jahren erscheint, angesichts dieses Vorlaufs noch immer gelegentlich als »Querfront-Projekt« beschrieben wird. ArtikelĂŒberschriften wie »Revolution der Herzen. StĂŒrzen Querdenker die Corona-Diktatur?« (9/20), »Ein Traum, der niemals endet. Die Reichsidee nach 1945« (10/20) oder »Endkampf um Amerika. Donald Trump gegen den Tiefen Staat« (11/20) lassen zwar auf Verkaufstalent schließen, nicht jedoch darauf, dass sich Linke angesprochen fĂŒhlen könnten. Auch die wenigen linken Autoren waren schon nach den ersten Ausgaben abgesprungen. Nein, keine Querfront. Faschismus. Einfach nur schnöder Faschismus.




Quelle: Der-rechte-rand.de