Juni 11, 2021
Von Anarchist Black Cross Wien
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quelle: june11.org, ĂŒbersetzung abc wien

Meine Geschichte ist wohl alles andere als gewöhnlich. Sie beginnt als Teenager, noch keine 18 Jahre alt und wĂŒtend ĂŒber die sozioökonomischen Bedingungen in meiner Community.

Da ich in irisch-republikanischen Arbeiter*innenvierteln aufwuchs, war es unvermeidlich, dass ich dieser Ideologie und Propaganda intensiv ausgesetzt war. Es hieß, dass alle MissstĂ€nde in der irischen Gesellschaft auf die Einmischung des britischen Staates zurĂŒckgefĂŒhrt werden könnten und nur ein unabhĂ€ngiger sozialistischer Staat eine Lösung bieten könne. Der Geschichte, der Romantik und der bereits starken PrĂ€senz in der Community konnte ich nur schwer widerstehen. Ich hatte meine Antwort gefunden.

Da ich jung und unerfahren war, war meine Beteiligung und Einbindung eher nebensĂ€chlich. Es lief auf nicht viel mehr als auf die Teilnahme an Straßenprotesten und das Verteilen von Propaganda hinaus. Wie unbedeutend meine Rolle auch sein mochte, der Staat betrachtete mich mit Argwohn. Ich hatte es gewagt, seinen Status quo herauszufordern; ich war nun ein legitimes Ziel.

Am 9. MĂ€rz 2008 ĂŒberfiel die Continuity Irish Republican Army (CIRA) einen Konvoi des Police Service of Northern Ireland (PSNI) und tötete Constable Steven Carroll. Daraufhin schlug der Staat zu: Razzien und eine Reihe von Verhaftungen. Ich wurde 14 Tage lang festgehalten und verhört, bevor ich ins GefĂ€ngnis verfrachtet wurde. Ich wurde schließlich in einem Schauprozess ohne Geschworene fĂŒr die Beteiligung an dem Angriff verurteilt und erhielt eine lebenslange Haftstrafe mit einem Mindeststrafmaß von 18 Jahren im GefĂ€ngnis. Ich war damals 17 Jahre alt und hatte keinerlei Beteiligung an den Ereignissen jener Nacht. Der Staat brauchte einen Sieg gegen bewaffnete Republikaner*innen und da passte ich als SĂŒndenbock gut ins Bild.

WĂ€hrend meiner Zeit im GefĂ€ngnis war mein Platz natĂŒrlich unter anderen inhaftierten republikanischen Aktivisten. Im Laufe der Jahre kĂ€mpften wir gemeinsam im GefĂ€ngnis, ertrugen harte Bedingungen und BrutalitĂ€t, um uns als politische Gefangene zu behaupten und unsere LebensqualitĂ€t zu verbessern. Wir hatten einige Erfolge, aber es wurden bestimmte taktische Entscheidungen getroffen, die, neben internen Schwierigkeiten, meiner Meinung nach den Fortschritt untergraben haben.

Im Laufe der Jahre des Kampfes reifte meine politische Einstellung und mein VerstĂ€ndnis von Begriffen wie Freiheit und Herrschaft vertiefte sich. Ich begann zu erkennen, dass der Republikanismus eine sehr enge Sicht auf die Welt und eine fest verwurzelte autoritĂ€re Kultur innehatte. Ich wurde davon ĂŒberzeugt, dass jeder unabhĂ€ngige irische Staat, ob sozialistisch oder nicht, genauso schĂ€dlich wĂ€re wie der britische Staat.

Also, nach etwa 7 Jahren Leben als republikanischer Gefangener, begann ich, mich mit dem republikanischen Etikett unwohl zu fĂŒhlen. Ich vertiefte mich in mehr libertĂ€re Ideen und schlussendlich in den Anarchismus.

Um meinen neuen Werten gerecht zu werden, verließ ich den Komfort der republikanischen Community und trat in die „normale“ Gefangenenpopulation ein. Dies war eine schwierige Entscheidung, da ich nicht nur eine Ideologie und Kultur zurĂŒckließ, mit der ich nun grundsĂ€tzlich nicht mehr einverstanden war, sondern auch gute Freund*innen und Genoss*innen.

Jetzt bin ich seit einigen Jahren in der allgemeinen GefĂ€ngnispopulation und bin stolz darauf, anderen, die in unserer Gesellschaft unterdrĂŒckt werden, die Ideen des Anarchismus nĂ€herzubringen und Gemeinschaft, SolidaritĂ€t und gegenseitige Hilfe zu propagieren/vermitteln/fördern.

Ich versuche weiterhin alles, um positive VerĂ€nderungen zu fördern. Ich fordere meine andauernde Inhaftierung heraus und wehre mich gegen den Staat und verschiedene Formen der Herrschaft. Mit der UnterstĂŒtzung meiner Familie, der SolidaritĂ€t anderer Aktivist*innen und der gegenseitigen Hilfe meiner Mitgefangenen bin ich in der Lage, voranzuschreiten und mich den repressiven Maßnahmen des Staates entgegenzustellen. Ich werde nicht zulassen, dass sie mich brechen und werde weiterhin auf meine Weise kĂ€mpfen.

John Paul Wootton
Davis E3
Maghaberry Prison
BT28 2PT
Northern Ireland/UK

[Anmerkung: obwohl in dieser ErklĂ€rung nicht erwĂ€hnt, ist kĂŒrzlich ans Licht gekommen, dass ein verdeckter Staatsagent an der Infiltrierung und Unterminierung der Craigavon 2 Justice Campaign beteiligt war. Siehe JFTC2.IE oder JFTC2 auf Facebook um mehr ĂŒber die Gerechtigkeitskampagne zu erfahren].

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Quelle: Abc-wien.net