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Thomas Banneyer/dpa

Sie erledigen die Arbeit, aber werden trotzdem nur Helfer genannt: Feldarbeiter vom Spargelbetrieb Ritter protestieren (Bornheim, 18.5.2020)

Es war bereits der 45. Kongress der Freien Arbeiter*innen-Union, FAU, der vom 22. bis 24. Mai ĂŒber die BĂŒhne ging, coronabedingt online. Welche Themen standen auf der Tagesordnung?

Dadurch, dass die FAU insgesamt gewachsen ist, mussten wir uns dieses Jahr viel mit unserer Struktur beschÀftigen. Jedes Syndikat ist zwar autonom, aber wir sind ja doch föderativ bundesweit gemeinsam organisiert. Und je mehr wir sind, desto wichtiger ist eine gute Struktur, um uns zu koordinieren.

Wie viele Syndikate aus wie vielen StĂ€dten haben teilgenommen? Und: Wie hat sich die FAU in den zurĂŒckliegenden ein, zwei Jahren in der Coronakrise organisatorisch entwickelt?

Am Kongress haben sich Syndikate aus 26 StĂ€dten beteiligt. In den beiden Jahren der Coronakrise ist die FAU mitgliedermĂ€ĂŸig um rund ein Drittel gewachsen. Als kĂ€mpferische Basisgewerkschaft hat bei uns das Engagement der Mitglieder einen viel höheren Stellenwert als anderswo. Das macht es aber in der Krise nicht eben einfacher fĂŒr uns. Denn es ist schwieriger geworden, sich auf der Arbeit oder im Gewerkschaftslokal zu treffen, um Aktionen zu verabreden und bei Konflikten durchsetzungsfĂ€hig zu sein.

DGB-Einzelgewerkschaften zĂ€hlen weiterhin Millionen Mitglieder, versuchen alle Branchen abzudecken. Was fehlt der FAU, um beispielsweise in großen Industriebetrieben in der Metall- oder Automobilbranche Fuß zu fassen?

Die FAU ist keine Gewerkschaft mit hauptamtlichen BeschĂ€ftigten. Sie besteht aus ihren Mitgliedern, die alle noch irgendwie anders an Geld zum Leben kommen mĂŒssen. Es gibt auch niemanden, der Vollzeit in einen Betrieb geht und Mitglieder wirbt. Die meisten von uns arbeiten eher in nichttarifgebundenen Firmen, in der sogenannten Gig-Economy, oder in anderen prekĂ€ren BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnissen. Also in einem Bereich, der sich stark ausdehnt, und in dem das rein auf Tarifpolitik reduzierte Agieren der sozialpartnerschaftlichen Gewerkschaften Arbeiterinnen und Arbeitern oft nicht weiterhilft.

Machen wir es konkret: In welchen Konflikten um Löhne oder WeiterbeschĂ€ftigung konnte die FAU in jĂŒngster Zeit Erfolge erzielen?

Der Arbeitskampf von mehr als 100 Saisonarbeiterinnen und -arbeitern in der Spargelernte im rheinischen Bornheim im Mai vorigen Jahres hatte bundesweit Schlagzeilen gemacht. Mit ihnen zusammen hatten wir Lohnauszahlungen an Ort und Stelle erzwingen können. Im nachhinein gab es mittels einer Lohnklage zusÀtzlich Nachzahlungen im sechsstelligen Bereich.

Und was lÀuft aktuell?

Die Auseinandersetzung bei der Buchhandelskette Walther König in MĂŒnchen etwa. Dort wurde ein Großteil der Belegschaft vor die TĂŒr gesetzt, nachdem sich BeschĂ€ftigte mit Hilfe der FAU MĂŒnchen mit konkreten Forderungen hinsichtlich Löhnen und Arbeitszeit an die Unternehmensleitung gewandt hatten. Wir sehen, die Konflikte werden zahlreicher. Erfolgreiche Lohneintreibungen, hĂ€ufig begleitet von Protestaktionen vor Firmen und GeschĂ€ften, hat es wĂ€hrend der vergangenen ein, zwei Jahre ĂŒberregional von Freiburg im Breisgau bis nach Jena in ThĂŒringen gegeben.

Ein RĂŒckblick. Basisgewerkschaft oder anarchosyndikalistischer Kampfverbund – wie ist das: Welche Rolle spielt bei Ihnen noch der klassische Anarchosyndikalismus?

Der Anarchosyndikalismus ist zentral fĂŒr die FAU. Also ein Konzept von Gewerkschaften, die zum einen helfen, die Angriffe der Bosse auf unsere Lebensbedingungen abzuwehren, und mit dem wir zum anderen eine komplett andere, nichtkapitalistische Produktionsweise und freie Gesellschaft anstreben.

Was steht in den kommenden Monaten an: der weitere bundesweite Organisationsausbau mit regionalen Schwerpunkten oder Arbeitskonflikte in bestimmten Branchen?

Sicher beides. Wir können schon sagen, dass es in den nĂ€chsten Monaten eine Reihe neuer Syndikate in weiteren StĂ€dten geben wird. Und wir hoffen und freuen uns darauf, unsere Gewerkschaftslokale bald wieder öffnen zu können. Uns erwarten spannende Dinge – und nicht zuletzt KĂ€mpfe.




Quelle: Fau.org