August 4, 2022
Von Graswurzel Revolution
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In dem Film  „Lauter FrĂŒhling“ begrĂŒndet Regisseurin Schellhagen, warum kĂ€mpferische Arbeiter*innen und Klimaaktivist*innen gemeinsam agieren und eine neue Welt schaffen sollen, die eben kein grĂŒner Kapitalismus sein soll.

„Gemeinsam aus der Klimakrise“: Der Untertitel von Johanna Schellhagens neuestem rund einstĂŒndigem Film klingt zunĂ€chst nicht besonders spannend. Schließlich erwarten wir in der Regel die Aufforderung, den GĂŒrtel enger zu schnallen und in der Gesellschaft zusammenzurĂŒcken, wenn Appelle mit dem Wort „gemeinsam“ beginnen. Doch wer Filme von Johanna Schellhagen, der MitbegrĂŒnderin der Plattform labournet.tv, kennt, weiß, dass sie nicht in diese Tradition gehört. Schließlich ist sie seit Jahren bekannt fĂŒr ihre Filme und Videos ĂŒber die KlassenkĂ€mpfe in aller Welt. Immer kommen dabei die Arbeiter*innen selbst zu Wort. Aus diesem Fundus schöpft die Regisseurin auch bei ihrem neuesten Film „Der laute FrĂŒhling“, in dem sie begrĂŒndet, warum kĂ€mpferische Arbeiter*innen und Klimaaktivist*innen gemeinsam agieren und eine neue Welt schaffen sollen, die eben kein grĂŒner Kapitalismus sein soll.

Der Film ist ein Diskussionsangebot an die Klimabewegung, weil es die Möglichkeiten aufzeigt, die ein gemeinsames Agieren von LohnabhĂ€ngigen und Klimaaktivist*innen eröffnen wĂŒrde

Im ersten Teil kommen Aktivist*innen vor allem aus dem globalen SĂŒden zu Wort, die wegen ihrer AktivitĂ€ten gegen umweltschĂ€dliche Projekte multinationaler Konzerne verfolgt werden. Sie machen auch die Dringlichkeit klar, die KĂ€mpfe gegen die Klimakrise, gegen Kapitalismus und Umweltzerstörung zusammenzubringen. Das ist in der hiesigen noch recht jungen Klimabewegung natĂŒrlich noch lĂ€ngst nicht Konsens. Aber auch hier ist vielen Aktivist*innen mittlerweile klar geworden, dass die Lösung der Klimakrise nicht in noch mehr Minister*innen mit grĂŒnem Parteibuch liegen kann. Der Film ist ein Diskussionsangebot genau an diese Klimabewegung, weil es die Möglichkeiten aufzeigt, die ein gemeinsames Agieren von LohnabhĂ€ngigen und Klimaaktivist*innen eröffnen wĂŒrde.

FĂŒr einen Systemwechsel

„In der globalen Klimabewegung setzt sich mehr und mehr die Erkenntnis durch, dass es so nicht weitergehen kann und dass wir einen Systemwechsel brauchen. In ‚Der laute FrĂŒhling‘ schauen wir mit Hilfe von animierten Sequenzen in die Zukunft und beschreiben, wie jene tiefgreifende gesellschaftliche Transformation, die wir brauchen, aussehen könnte“, erklĂ€rt Schellhagen. Diese Zukunft beginnt im Film schon 2024 und ist tatsĂ€chlich ziemlich futuristisch.

Die Klimakrise und die sozialen Verwerfungen wachsen im ganzen Land, aber auch der Widerstand der Bevölkerung nimmt zu. Es gibt große Streiks, nur die Arbeiter*innen im Lebensmittel- und Caresektor arbeiten weiter, weil sie fĂŒr lebenswichtige GĂŒter oder Dienstleistungen verantwortlich sind. Radio- und Fernsehstationen werden besetzt, öffentliche GroßkĂŒchen ĂŒbernehmen die Essensversorgung. Es sind gleichzeitig Orte der sozialen Revolte.

Wenn Klimaaktivist*innen das ehemalige VW-Werk in Wolfsburg verteidigen

Im Rahmen des Aufstands bilden sich RĂ€te, und es kommt zur Besetzung von Fabriken. Klima- und Betriebsaktivist*innen lernen sich kennen. Am vierten Tag des Aufstands kommt es zu RĂ€umungsversuchen von Polizei und MilitĂ€r. Aktivist*innen rufen ĂŒber die besetzten Radios zur UnterstĂŒtzung der besetzten ehemaligen VW-Werke Wolfsburg auf. Dort werden dann schon keine Autos, sondern gesellschaftlich nĂŒtzliche Produkte hergestellt.

Auf den ersten Blick mag man denken, es handle sich bei den Szenen um Science-Fiction ohne jeden realen Bezug zur Wirklichkeit. Doch im Sommer 2021 kĂ€mpften Klimaaktivist*innen gemeinsam mit den BeschĂ€ftigten eines von Schließung bedrohten Bosch-Werks in Bayern fĂŒr den Erhalt des Werks mit umweltfreundlichen Produkten. Vielleicht hĂ€tte ein kleiner Hinweis darauf im Film deutlicher gemacht, dass die Zukunftsutopien durchaus RealitĂ€t werden könnten.

Aber auch so wird der Film Diskussionen auslösen. Es wÀre zu hoffen, dass es dabei tatsÀchlich zu Kontakten zwischen Klimabewegung und Arbeiteraktivist*innen kommt. Dann könnte der Film die Rolle eines kollektiven Organisators spielen, der unterschiedliche Milieus zusammenbringt. Das ist gerade in einer Zeit, in der die unterschiedlichen gesellschaftlichen Szenen oft nur in ihrer eigenen Blase kommunizieren, wirklich sehr wichtig.




Quelle: Graswurzel.net