September 30, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen unterstĂŒtzen.

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Lorenzo Kom’boa Ervin

Die Existenz des Staates und des Kapitalismus wird von ihren Apologet*innen als „notwendiges Übel“ begrĂŒndet, da der grĂ¶ĂŸte Teil der Bevölkerung angeblich nicht in der Lage ist, ihre eigenen Angelegenheiten und die der Gesellschaft zu regeln, sowie als Schutz vor Verbrechen und Gewalt. Anarchist*innen wissen, dass im Gegenteil der Staat und die Institution des Privateigentums die Haupthindernisse fĂŒr eine freie Gesellschaft sind. Es ist der Staat, der Krieg, polizeiliche UnterdrĂŒckung und andere Formen der Gewalt verursacht, und es ist das Privateigentum — das Fehlen einer gleichmĂ€ĂŸigen Verteilung des großen gesellschaftlichen Reichtums — das Verbrechen und MĂ€ngel verursacht.

Aber was ist der Staat? Der Staat ist eine politische Abstraktion, eine hierarchische Institution, durch die eine privilegierte Elite danach strebt, die große Mehrheit der Menschen zu beherrschen. Zu den Mechanismen des Staates gehört eine Gruppe von Institutionen, die die gesetzgebenden Versammlungen, die BĂŒrokratie des öffentlichen Dienstes, das MilitĂ€r und die Polizei, die Justiz und die GefĂ€ngnisse sowie den subzentralen Staatsapparat umfassen. Die Regierung ist das administrative Vehikel, um den Staat zu fĂŒhren. Der Zweck dieser spezifischen Reihe von Institutionen, die der Ausdruck der AutoritĂ€t in kapitalistischen Gesellschaften (und sogenannten „sozialistischen Staaten“) sind, ist die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Herrschaft ĂŒber das gemeine Volk durch eine privilegierte Klasse. Die Reichen in kapitalistischen Gesellschaften, die sogenannte kommunistische Partei in staatssozialistischen oder kommunistischen Gesellschaften wie der ehemaligen Union der sozialistischen Sowjetrepubliken.

Der Staat selbst ist jedoch immer ein elitĂ€res PositionsgefĂŒge zwischen den Herrschenden und den Beherrschten, den Befehlsgebenden und den BefehlsempfĂ€nger*innen, den wirtschaftlich Besitzenden und den Habenichtsen. Die Elite des Staates sind nicht nur die Reichen und Superreichen, sondern auch jene Personen, die staatliche AutoritĂ€tspositionen einnehmen: Politiker*innen und juristische Beamt*innen. So kann die staatliche BĂŒrokratie selbst, in Bezug auf ihre Beziehung zum ideologischen Eigentum, zu einer eigenen Eliteklasse werden. Diese administrative Eliteklasse des Staates entwickelt sich nicht nur durch die Verteilung von Privilegien durch die wirtschaftliche Elite, sondern auch durch die Trennung von privatem und öffentlichem Leben — der Familieneinheit bzw. der Zivilgesellschaft — und durch den Gegensatz zwischen einer individuellen Familie und der grĂ¶ĂŸeren Gesellschaft. Es ist purer Opportunismus, hervorgerufen durch kapitalistische Konkurrenz und Entfremdung. Es ist ein NĂ€hrboden fĂŒr die Agent*innen des Staates.

Die Existenz des Staates und einer herrschenden Klasse, die auf der Ausbeutung und UnterdrĂŒckung der Arbeiter*innenklasse basiert, sind untrennbar. Herrschaft und Ausbeutung gehen Hand in Hand und in der Tat ist diese UnterdrĂŒckung ohne Gewalt und gewaltsame AutoritĂ€t nicht möglich. Deshalb argumentieren Anarchist*innen, dass jeder Versuch, die Staatsmacht als Mittel zur Errichtung einer freien, egalitĂ€ren Gesellschaft einzusetzen, nur selbstzerstörerisch sein kann, weil die Gewohnheiten des Kommandierens und Ausbeutens zum Selbstzweck werden. Dies wurde mit den Bolschewiki in der russischen Revolution (1917-1921) bewiesen. Tatsache ist, dass die Beamt*innen des „kommunistischen“ Staates politische Macht anhĂ€ufen, Ă€hnlich wie die kapitalistische Klasse wirtschaftlichen Reichtum anhĂ€uft. Diejenigen, die regieren, bilden eine eigene Gruppe, deren einziges Interesse darin besteht, die politische Kontrolle mit allen ihnen zur VerfĂŒgung stehenden Mitteln zu behalten. Aber die Institution des kapitalistischen Eigentums erlaubt es einer Minderheit der Bevölkerung, den Zugang zu und die Nutzung von allen gesellschaftlich produzierten ReichtĂŒmern und natĂŒrlichen Ressourcen zu kontrollieren und zu regulieren. Du musst fĂŒr das Land, das Wasser und die frische Luft an eine riesige Versorgungsgesellschaft oder Immobilienfirma bezahlen.

Diese kontrollierende Gruppe kann eine separate Wirtschaftsklasse oder der Staat selbst sein, aber in jedem Fall fĂŒhrt die Institution des Eigentums zu einer Reihe von sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen, dem Kapitalismus, in dem ein kleiner Sektor der Gesellschaft enorme Vorteile und Privilegien auf Kosten der arbeitenden Minderheit erntet. Die kapitalistische Wirtschaft basiert nicht auf der Befriedigung der BedĂŒrfnisse aller, sondern auf der AnhĂ€ufung von Profit fĂŒr einige wenige. Sowohl der Kapitalismus als auch der Staat mĂŒssen angegriffen und gestĂŒrzt werden, nicht das eine oder das andere, oder das eine dann das andere, denn der Sturz des einen wird nicht den Sturz beider gewĂ€hrleisten. Nieder mit dem Kapitalismus und dem Staat!

Zweifelsohne werden einige Arbeiter*innen das, wovon ich spreche, als eine Bedrohung ihres persönlichen angehĂ€uften Eigentums missverstehen. Nein: Anarchist*innen erkennen den Unterschied zwischen persönlichem Besitz und großem kapitalistischen Eigentum an. Kapitalistisches Eigentum ist jenes, das als grundlegende Eigenschaft und Zweck die VerfĂŒgung ĂŒber die Arbeitskraft anderer Menschen aufgrund ihres Tauschwertes hat. Die Institution des Eigentums bedingt die Entwicklung einer Reihe von sozialen und ökonomischen Beziehungen, die den Kapitalismus etabliert hat, und diese Situation erlaubt es einer kleinen Minderheit innerhalb der Gesellschaft, enorme Vorteile und Privilegien auf Kosten der arbeitenden Minderheit zu ernten. Dies ist das klassische Szenario der Ausbeutung der Arbeit durch das Kapital.

Wo es eine hohe gesellschaftliche Arbeitsteilung und eine komplexe industrielle Organisation gibt, ist Geld notwendig, um Transaktionen durchzufĂŒhren. Es ist nicht einfach so, dass dieses Geld gesetzliches Zahlungsmittel ist und anstelle des direkten Warentauschs verwendet wird. Das ist nicht das, worauf wir uns hier kĂŒnstlerisch beschrĂ€nken: Kapital ist Geld, aber Geld als Prozess, der seinen Wert reproduziert und steigert. Kapital entsteht erst dann, wenn EigentĂŒmer*innen der Produktionsmittel auf dem Markt Arbeiter*innen als VerkĂ€ufer*innen ihrer eigenen Arbeitskraft findet. Der Kapitalismus entwickelte sich als die Form des Privateigentums, die sich vom lĂ€ndlichen, landwirtschaftlichen Stil zum stĂ€dtischen, fabrikmĂ€ĂŸigen Stil der Arbeit verschob. Der Kapitalismus zentralisiert die Produktionsmittel und bringt die Individuen in einer disziplinierten Arbeiter*innenschaft eng zusammen. Kapitalismus ist industrialisierte Warenproduktion, die GĂŒter fĂŒr den Profit und nicht fĂŒr soziale BedĂŒrfnisse herstellt. Dies ist eine besondere Unterscheidung des Kapitals und des Kapitals allein.

Wir können den Kapitalismus, und das ist die Grundlage unserer Beobachtungen, als mit Willen und Bewusstsein ausgestattetes Kapital verstehen. Das heißt, als jene Menschen, die sich Kapital aneignen und als eine elitĂ€re, geldbesitzende Klasse fungieren, die genug nationale und politische Macht hat, um die Gesellschaft zu beherrschen. Weiterhin ist dieses akkumulierte Kapital Geld, und mit Geld kontrollieren sie die Produktionsmittel, die als MĂŒhlen, Minen, Fabriken, Land, Wasser, Energie und andere natĂŒrliche Ressourcen definiert sind, und die Reichen wissen, dass dies ihr Eigentum ist. Sie brauchen keine ideologischen Anmaßungen und machen sich keine Illusionen ĂŒber „öffentliches Eigentum“.

Eine Wirtschaft, wie die, die wir kurz skizziert haben, basiert nicht auf der ErfĂŒllung der BedĂŒrfnisse aller in der Gesellschaft, sondern auf der AnhĂ€ufung von Profiten fĂŒr die wenigen, die als Freizeitklasse in palastartigem Luxus leben, wĂ€hrend die Arbeiter*innen entweder in Armut oder ein oder zwei Lohnschecks davon entfernt leben. Du siehst also, dass die Abschaffung der Regierung auch die Abschaffung des Monopols und des persönlichen Eigentums an den Produktions- und Verteilungsmitteln bedeutet.

anarchist*queer*vegan*

~ Burn this world to build a new. ~

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Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de