November 15, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Der nachfolgende Beitrag ist eines von 85 Artikeln aus dem Buch Schwarze Saat – Gesammelte Schriften zum Schwarzen und Indigenen Anarchismus. Eine gedruckte Ausgabe kannst du hier bestellen und damit BIPOC-Strukturen und anarchistische Gefangene unterstĂŒtzen.

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Eine Analyse der weißen Vorherrschaft und der UnterdrĂŒckung von People of Color

Black Autonomy Federation

Race und Klasse: Die kombinierte Eigenschaft der UnterdrĂŒckung von Schwarzen und People of Color

Wenn ein effektiver Widerstand gegen die aktuelle rassistische Offensive der kapitalistischen Klasse geleistet werden soll, ist die grĂ¶ĂŸtmögliche SolidaritĂ€t zwischen den Armen und Arbeiter*innen aller Races notwendig, aber besonders unter den verschiedenen People of Color. Meine Position war schon immer die, dass statt des ĂŒblichen, von Weißen dominierten Weges zur „Einheit“, wie ihn die weiße Linke vorgibt, ein BĂŒndnis der unterdrĂŒckten People of Color wirklich der Weg nach vorne ist. Das bedeutet nicht, dass wir keine Gruppenunterschiede haben oder uns in einzelnen Fragen zwischen verschiedenen nicht-weißen ethnischen und racialen Gruppierungen immer einig sein werden. Aber unsere gemeinsame Geschichte der UnterdrĂŒckung und unser Wunsch nach Befreiung rĂŒsten uns fĂŒr eine neue Art von Einheit und legen einen Weg frei, um uns mit fortgeschrittenen Elementen der weißen Arbeiter*innenklasse zu vereinen.

Wir mĂŒssen denjenigen Weißen, die sagen, dass sie gegen das System sind, klar machen: dass der Weg, die kapitalistische Strategie zu besiegen, darin besteht, dass weiße Arbeiter*innen die demokratischen Rechte verteidigen, die Schwarze und andere unterdrĂŒckte Völker nach jahrzehntelangem, hartem Kampf errungen haben, und dass sie dafĂŒr kĂ€mpfen, das System des Privilegs der weißen Hautfarbe zu zerschlagen. Weiße Arbeiter*innen sollten die konkreten Forderungen der BIPOC-Bewegung unterstĂŒtzen und ĂŒbernehmen und daran arbeiten, die weiße IdentitĂ€t vollstĂ€ndig abzuschaffen. Diese weißen Arbeiter*innen sollten nach multikultureller Einheit streben und mit BIPOC-Aktivist*innen zusammenarbeiten, um eine antirassistische Bewegung aufzubauen, die die weiße Vorherrschaft herausfordert. Sie sollten in absoluter SolidaritĂ€t mit den Befreiungsbewegungen in diesen Gemeinschaften stehen, die entstehen.

Doch auch wenn wir die weißen Arbeiter*innen dazu aufrufen, unseren Kampf zu unterstĂŒtzen, ist es auch fĂŒr sie sehr wichtig, das Recht der Schwarzen Bewegung anzuerkennen, einen unabhĂ€ngigen Weg in ihrem eigenen Interesse zu gehen. Das ist es, was Selbstbestimmung bedeutet. Es bedeutet nicht, unsere KĂ€mpfe auf die der weißen Radikalen oder anderer Segmente der weißen Gemeinschaft zu verschieben, in der Hoffnung auf irgendeine geistlose „Einheit“ in der Zukunft. Es ist noch nicht einmal bewiesen, dass die progressivsten oder „radikalsten“ Weißen der Aufgabe gewachsen sind und da der Rassismus so tief sitzt, dass sie in der Lage wĂ€ren, sich davon zu lösen. Aber wir bieten ihnen einen Weg nach vorne, zur UnterstĂŒtzung und als Teil einer neuen Bewegung.

Doch wenn eine solche Schwarze Bewegung tatsĂ€chlich zu einer sozialrevolutionĂ€ren Bewegung wird, muss sie ihre KrĂ€fte letztlich mit Ă€hnlichen Bewegungen unter Native Americans, Chicanos, Puerto Ricaner*innen und anderen unterdrĂŒckten People of Color, die sich gegen das System auflehnen, vereinen. Eine solche vereinte Bewegung von aktivistischen People of Color könnte noch breitere Sektoren der weißen Gesellschaft, wie Student*innen, Jugendliche, Arbeiter*innen und andere, radikalisieren und so den Konsens untergraben, der die weiße UnterstĂŒtzung fĂŒr die Regierung ĂŒber Klassengrenzen hinweg aufrechterhĂ€lt.

Das ist es, was unserer Meinung nach das meiste Potential hat, wieder zu passieren: radikale autonome Bewegungen, die als revolutionĂ€re „Inkubatoren“ breit angelegter KĂ€mpfe agieren, obwohl es nicht ausreicht, zu einer geistlosen „Einheit“ aufzurufen, wie es ein Großteil der weißen Linken tut. Ihre „Einheit“ bedeutet nur die Kontrolle und FĂŒhrung des gesamten Kampfes durch die weiße Linke.

Wir können also nicht herumsitzen und darauf warten, dass weiße Arbeiter*innen sich unseren Bewegungen anschließen, oder um weiß dominierten Organisationen beizutreten. Weiße Menschen befinden sich immer noch nicht in der gleichen verzweifelten Lage wie Schwarze, Latinx oder Native Americans und wollen auch nicht, dass das System jetzt besiegt wird, solange es ihnen dient.

Autonomie als revolutionÀre Tendenz

Aufgrund der dualen Formen der UnterdrĂŒckung von nicht-weißen Arbeiter*innen und der Tiefe der sozialen Verzweiflung, die dadurch entsteht, mĂŒssen Schwarze und People of Color zuerst zuschlagen, egal ob ihre potentiellen weißen VerbĂŒndeten dafĂŒr zur VerfĂŒgung stehen oder nicht. Das ist Selbstbestimmung und deshalb ist es notwendig, dass unterdrĂŒckte Arbeiter*innen unabhĂ€ngige Bewegungen aufbauen, um ihre eigenen Völker zuerst zu vereinen. Malcolm X war der erste, der dies wirklich erklĂ€rt hat. Diese SelbstaktivitĂ€t der unterdrĂŒckten Massen of Color, wenn sie das radikale Stadium erreicht, ist von Natur aus eine revolutionĂ€re Kraft und ist ein wesentlicher Teil des sozialrevolutionĂ€ren Prozesses der gesamten Arbeiter*innen- und Armenklasse.

Anarchismus + Schwarze Revolution = Neue Schwarze Autonome Politik

Obwohl Anarchist*innen nicht an politische Vorhutparteien glauben, ist die RealitĂ€t, dass aufgrund der Besonderheiten der sozialen Entwicklung der Vereinigten Staaten von Amerika und insbesondere der racialen Sklaverei, Afrikaner*innen in Amerika und andere People of Color mit einer gemeinsamen Geschichte prĂ€disponiert sind, zumindest die Anfangsstadien einer sozialen Revolution anzufĂŒhren, um danach ihre potentiellen VerbĂŒndeten in der weißen Arbeiter*innenklasse anzuwerben oder sich ihnen anzuschließen. Afroamerikaner*innen bilden eine „Klassenavantgarde“, eine Klasse, die mit ihrem Kampf gegen Rassismus und Kapitalismus die Gesellschaft radikalisieren kann. Die meisten weißen Radikalen geben zumindest ein Lippenbekenntnis ab, dies zu verstehen, vor allem seit sich die Black Power- und BĂŒrgerrechtskĂ€mpfe in den 1960er Jahren entfalteten, obwohl sie immer noch an der „Held*innen der weißen Arbeiter*innenklasse“-Ideologie der Vergangenheit festhalten, um zu versuchen, diese Themen mit einem rĂŒckstĂ€ndigen Klassenargument abzulenken. Wir können nicht einfach darauf warten, dass die Weißen „es kapieren“ und in unserer Sache aktiv werden.

Auch wenn Schwarze und People of Color eine „Minderheit“ der Gesamtbevölkerung sind, kann es keine erfolgreiche soziale Revolution in den USA geben, ohne dass Schwarze und nicht-weiße Menschen nicht nur gleichberechtigt an einer von Weißen dominierten Bewegung teilnehmen, sondern tatsĂ€chlich den Weg anfĂŒhren. Das Klassensystem der USA basiert auf rassifizierter sozialer, wirtschaftlicher und politischer UnterdrĂŒckung. Bei einer derart racial und klassenmĂ€ĂŸig geteilten Gesellschaft ist das Ignorieren dieser grundlegenden Tatsache ein Ausverkauf oder eine Kapitulation vor der weißen Vorherrschaft. Anstatt alle WidersprĂŒche allein auf die Klasse zu reduzieren, wie es die meisten weißen Radikalen weiterhin tun, mĂŒssen wir die Funktionsweise des Rassismus als Teil der Struktur der allgemeinen UnterdrĂŒckung verstehen.

FĂŒr weiße Radikale bedeutet dies zu ignorieren, dass sie selbst weißen Chauvinismus der schlimmsten Sorte betreiben und die Idee der sozialen Revolution verraten. Obwohl sie denken, dass sie alle anfĂŒhren sollten oder alle Antworten haben, hat die soziale Geschichte der Vereinigten Staaten zu oft bewiesen, dass weiße Radikale der Mittelklasse nicht einmal die Weißen der Arbeiter*innenklasse, geschweige denn die gefangenen NationalitĂ€ten in die Freiheit fĂŒhren können. Aufgrund ihrer fast totalen Ignoranz gegenĂŒber Race- und Klassenfragen wissen weiße anarchistische Radikale nicht einmal, welche Fragen sie stellen sollen und können daher auch nicht mit den richtigen Antworten aufwarten. Also organisieren wir uns in unserem eigenen Namen und fĂŒr unsere Interessen in einer autonomen Bewegung von BIPOC, anstatt von ihnen abhĂ€ngig zu sein.

Die neue autonome Politik setzt sich aus dem libertĂ€r-sozialistischen Kern des Anarchismus und vielen Lehren des revolutionĂ€ren Schwarzen Nationalismus zusammen, wie er von der ursprĂŒnglichen Black Panther Party vertreten und praktiziert wurde. Diese Kombination von Elementen macht etwas so Neues aus, dass es bis jetzt noch nicht vollstĂ€ndig definiert wurde. Wir werden versuchen, schĂ€rfer zu definieren, worĂŒber wir seit so vielen Jahren sprechen und es auch in einen historischen Kontext zu stellen, damit es nicht mehr als „eklektischer Mischmasch“ oder „Korruption von beiden Idealen“ abgetan werden kann, wie die Purist*innen behaupten wĂŒrden. Dennoch sollte es die anarchistischen ideologischen „Purist*innen“ nicht beunruhigen, wenn wir von einer autonomen Bewegung von Anarchist*innen of Color sprechen.

Die frĂŒhe anarchistische Bewegung in Amerika reflektierte immer die kulturellen, sozialen und politischen Ideale der Gemeinschaft, die sie hervorbrachte. So hatten wir in den 1880er Jahren eine germanisch dominierte anarcho-syndikalistische Tendenz, die sich International Working People’s Association nannte und in Chicago, Pittsburgh und einigen anderen IndustriestĂ€dten stark war; eine jĂŒdische anarchistische Bewegung in New York und anderen StĂ€dten in den 1900er Jahren, die bis in die 1980er Jahre andauerte und in der einige Zeitungen auf Jiddisch gedruckt wurden; eine italienische Bewegung blĂŒhte in New York, New Jersey und anderen stĂ€dtischen Gebieten in den 1920-30er Jahren und so weiter. Eine europĂ€ische ethnische Gruppe nach der anderen brachte einzigartige amerikanische anarchistische soziale Bewegungen hervor, die diese Gemeinschaften kulturell und politisch reflektierten.

Es stellt sich also die Frage, warum jemand ĂŒberrascht sein sollte, dass es anarchistische Bewegungen von Pazifikinsulaner*innen, Afroamerikaner*innen oder Latinx und anderen People of Color gibt? Wenn wir ĂŒber anarchistische Ideale und autonome Bewegungen sprechen, reden wir nicht ĂŒber „Orthodoxien“, die nicht revidiert werden können. Wir reden ĂŒber Ideen, die von Millionen unterdrĂŒckter Völker aufgegriffen, genutzt und an ihre Zwecke und UmstĂ€nde angepasst werden. Aber viele der weißen Anarchist*innen haben nichts als Angst und Abscheu gezeigt.

Schwarze Autonomie ist kein Schwarzer Nationalismus. Wir glauben an Selbstbestimmung, aber nicht an irgendeine Form von racialer Überlegenheit. Wir negieren nicht die Klassenunterschiede zwischen Arm und Reich innerhalb einer NationalitĂ€t. Diejenigen unter uns, die unsere neokolonialen Herren sein wollen, sind genauso unsere Feinde wie die europĂ€ischen Rassist*innen. Wir streben nicht danach, einen Nationalstaat fĂŒr unsere eigenen getrennten Völker zu errichten. Wir bekennen uns zu den HauptgrundsĂ€tzen des Anarchismus und der antiautoritĂ€ren Politik, auch wenn wir vieles davon neu definieren, um mit unserer unterdrĂŒckten Situation und unseren Vorstellungen von Befreiung umzugehen.

Interessanterweise waren es Fred Hampton und der Chicagoer Zweig der Black Panther Party, die als erste in den spĂ€ten 1960er Jahren eine „Regenbogenallianz“ von revolutionĂ€ren Organisationen verschiedener ethnischer und racialer Gruppen erdachten. Hampton war kein Integrationist und obwohl er ein starker Schwarzer RevolutionĂ€r blieb, begann Hampton weiße Radikale mit progressiven Elementen der Schwarzen Community, Latinx, Asiat*innen und anderen in einer politischen Basisbewegung zu vereinen, um sich in ihren eigenen Gemeinschaften zu organisieren und dann ihre lokalen politischen Vereinigungen in einer stadtweiten Basisallianz zu vereinen. Er bezeichnete dies offen als eine duale Machtinstitution, um die etablierte weiße Machtstruktur herauszufordern. Allerdings wurde er im Dezember 1969 ermordet, bevor er sein Programm wirklich in die Tat umsetzen konnte. Und doch ist es etwas, das immer noch passieren muss.

Wir gehen jetzt weiter und sagen, dass es eine Bewegung geben sollte, die aus autonomen People of Color besteht, die mit der anarchistischen Bewegung verbunden ist, aber als unabhĂ€ngige Tendenz existiert. Es hat kurzfristige BĂŒndnisse zwischen ethnischen und racialen Gruppen gegeben, aber es gab nie einen wirklichen Versuch, eine revolutionĂ€re Organisation von People of Color zu schaffen. Was aber gebraucht wird, ist ein radikaler Bruch vom beschrĂ€nkten Race-Nationalismus des „unser Volk zuerst und nur“ hin zu einem neuen radikalen Race- und Klassenbewusstsein, das jene People of Color und unterdrĂŒckten Völker unterschiedlicher ethnischer Herkunft einschließt, die Ansichten ĂŒber autonome politische Aktion teilen. Viele Schwarze Nationalist*innen und doktrinĂ€re weiße radikale Gruppen wĂŒrden aus eigenen GrĂŒnden dagegen sein.

Aber sowohl die anarchistischen Purist*innen als auch die Schwarzen Chauvinist*innen werden einfach zittern mĂŒssen, denn eine neue Bewegung ist jetzt im Begriff zu entstehen und es gibt nichts, was irgendjemand tun kann, um sie zu stoppen. Es gibt antiautoritĂ€re Aktivist*innen jeder ethnischen Gruppe und Hautfarbe, die die ersten langsamen Schritte zum Aufbau einer Tendenz innerhalb der anarchistischen Bewegung machen oder sich sogar als autonome AntiautoritĂ€re herauswagen. Sie haben die Ideale genommen, die ich und andere in die Welt gesetzt haben, und sie zu einer Klassenwaffe gemacht, die die afrikanischen, asiatischen oder Latinx-Erfahrungen auf diesem Kontinent widerspiegelt, und so die ersten Schritte zur Befreiung ihrer Völker und ihrer Klasse unternommen.

Dieser große Sektor der unterdrĂŒckten Menschheit of Color hat gesagt, wir haben genug: Genug Rassismus! Genug Armut! Genug EntwĂŒrdigung! Genug UnterdrĂŒckung! Sie wissen auch, dass sie ihren eigenen Kampf werden kĂ€mpfen mĂŒssen, wenn sie frei sein wollen. Niemand aus der weißen Welt wird kommen, um sie zu retten. Obwohl sie wissen, dass das revolutionĂ€re Projekt, um dieses System des Kapitalismus und der Versklavung zu besiegen, Millionen anderer VerbĂŒndeter benötigt, die ihnen helfen werden, sind es die People of Color, die die Agenda, den Zeitplan und die Taktik zur Erlangung unserer Befreiung bestimmen werden. Zu lange haben andere fĂŒr uns gesprochen, ohne unsere besten Interessen im Sinn zu haben.

Die neue autonome Politik der BIPOC unterscheidet sich vom europĂ€ischen Anarchismus dadurch, dass wir wissen, dass wir als eigenstĂ€ndiges Volk und als Arbeiter*innen unterdrĂŒckt werden. GegenwĂ€rtig platziert der europĂ€isch dominierte Anarchismus seine grĂ¶ĂŸten WidersprĂŒche allein mit dem Staat, mit der FĂ€higkeit des Staates, einen freien Lebensstil aufzuhalten und doch ist es genau das, worauf wir unsere Kritik nicht beschrĂ€nken können. Dies ist eine weiße Weltanschauung, die auf dem privilegierten Hintergrund vieler Mitglieder in der kapitalistischen Gesellschaft basiert. Einige Anarchist*innen und andere weiße Radikale argumentieren, dass wir uns ĂŒberhaupt nicht in eine Racedifferenzierung „einkaufen“ sollten, noch weniger in bekannte Ideale der Autonomie. Ihnen sagen wir: Ja, wir wissen, dass unter diesem System historisch konstruierte „Rassen“ geschaffen wurden, die sowohl die Art und Weise des Lebens als auch des Todes unter diesem System bestimmen und dass der Staat dieses Race-/Klassensystem aufrechterhĂ€lt.

Ja, wir wissen, dass es kein Zufall ist, dass es so ist. Ja, es ist auch wahr, dass einzelne weiße Arbeiter*innen den Rassismus nicht in Auftrag gegeben haben und wir nicht alle weißen Menschen als Feind*innen wahrnehmen. Aber wir wissen auch, wie dieses System wirklich fĂŒr die weiße Vorherrschaft funktioniert und dass alle Klassen von Weißen die Nutznießer*innen unserer UnterdrĂŒckung waren und dass die Kollaboration der weißen Klasse Teil des sozialen Kontrollmechanismus des Staates ist. Tatsache ist, dass es die Weißen sind, die die Whiteness dekonstruieren und dem weißen Rassismus entgegentreten sollten, wĂ€hrend wir auf unsere eigene Weise fĂŒr Freiheit und Befreiung kĂ€mpfen!

Deshalb widersprechen wir vehement den Sozialist*innen, Kommunist*innen und jenen Anarchist*innen, die sagen, dass die UnterdrĂŒckung aller Arbeiter*innen unter diesem System identisch ist. Dies spiegelt die RealitĂ€t ĂŒberhaupt nicht wider.

Wir sagen, dass wir eine Klasse von super-unterdrĂŒckten People of Color sind, die historisch gleichermaßen aufgrund unserer racialen UnterdrĂŒckung unter diesem System unterdrĂŒckt werden, nicht nur aufgrund unserer sozialen Klasse als Arbeiter*innen. Selbst ein flĂŒchtiger Blick auf die Geschichte und die alltĂ€gliche soziale RealitĂ€t beweist, dass der Platz eines Menschen in dieser rassistischen Gesellschaft von seiner Hautfarbe oder seiner ethnischen Zugehörigkeit abhĂ€ngt. Rassismus ist also eine Klassendoktrin, die vom Staat zur sozialen Kontrolle der Arbeiter*innen of Color eingesetzt wird. In der Tat ist Rassismus das eigentliche KlassenverhĂ€ltnis in der nordamerikanischen Gesellschaft.

Ich habe schon frĂŒher darauf hingewiesen, dass die sogenannten „Weißen“ eine erfundene SupernationalitĂ€t sind, die den Kapitalist*innen helfen soll, Arbeiter*innen of Color in Schach zu halten und den Status Quo zu sichern. Anstatt also die weiße Industriearbeiter*innenklasse als eine potenziell revolutionĂ€re Klasse zu sehen, sehen wir sie stattdessen als eine opportunistische, kollaborierende Körperschaft, die neu definiert und reorganisiert werden muss, wenn sie ein verlĂ€sslicher VerbĂŒndeter fĂŒr Arbeiter*innen of Color sein und ĂŒberhaupt die FĂ€higkeit haben soll, im Interesse einer neuen Arbeiter*innenklasse zu kĂ€mpfen. So wie es jetzt aussieht, kĂ€mpfen sie fĂŒr die Rechte der Weißen, nicht fĂŒr die Rechte der gesamten Klasse der Armen und Arbeiter*innen.

Als autonome Arbeiter*innen of Color sind wir natĂŒrlich anderer Meinung als Marxist*innen und andere sogenannte Radikale, die behaupten, dass eine autoritĂ€re politische Partei und ein starker FĂŒhrerkult notwendig sind, um eine soziale Revolution hervorzubringen. Aber wir gehen noch weiter und sagen, dass weder sie noch die weißen Anarchist*innen uns als People of Color (oder sogar sich selbst) zu unserer Freiheit fĂŒhren können, auch wenn sie als EuropĂ€er*innen darauf konditioniert wurden, ĂŒber People of Color und die unteren Klassen zu befehlen und zu herrschen. Wir lehnen ihre FehlfĂŒhrung und autoritĂ€re Herrschaft ĂŒber uns vehement ab, oder ihre alten Ideale von weißen Industriearbeiter*innen als proletarische Klasse von Erlösenden.

Schwarze Autonomie ist nicht separatistisch

Wir haben aber auch Differenzen mit den Schwarzen (und anderen Race-) Nationalist*innen, obwohl wir viele Grundideen zur kulturellen Autonomie mit ihnen teilen. Wir glauben auch an viele Traditionen und die Geschichte unserer Völker und schĂ€tzen sie sehr, glauben aber, dass sie entmystifiziert und zu einer Kultur des Widerstands gemacht werden mĂŒssen, anstelle von Personenkulten oder Eskapismus vor der RealitĂ€t des Kampfes gegen Rassismus und den Staat. Außerdem glauben wir kategorisch nicht an einen „Racenationalismus“, der Weiße dĂ€monisiert und eine Art biologischen Determinismus befĂŒrwortet. Wir sind nicht xenophob; unterhalten also keine Racemythologie ĂŒber europĂ€ische Völker als entweder eine ĂŒberlegene Spezies oder als Teufel. Und obwohl wir die Notwendigkeit von autonomen KĂ€mpfen in dieser Zeit anerkennen, können wir mit weißen Arbeiter*innen und armen Menschen um spezifische Kampagnen herum arbeiten. Der Hauptpunkt unserer Unterschiede ist, dass wir nicht danach streben, einen Schwarzen Nationalstaat aufzubauen.

TatsĂ€chlich glauben wir, dass dieselbe Klassenpolitik des „Habens und Nicht-Habens“ sich in jeder Art von Schwarzem Nationalstaat zeigen wird, egal ob es sich um einen islamischen, sĂ€kularen neubafrikanischen oder afrikanisch-sozialistischen Staat handelt, und dass dies ein extremes KlassengefĂ€lle und ökonomische/politische Ungerechtigkeit unter den unterdrĂŒckten Völkern of Color produzieren wird. Wir können uns die Abfolge von Diktaturen und kapitalistischen Regimen in Afrika ansehen, um dies zu verdeutlichen. Wir glauben, dass eine bĂŒrgerliche Klassen- und politische Diktatur unvermeidlich ist und dass eine Volksrevolution unter einer solchen schwarznationalistischen Regierung ausbrechen wird.

Schau dir an, was heute unter der ehemaligen Apartheid-Regierung passiert, die jetzt unter Schwarzer Herrschaft steht und mit der weißen kapitalistischen Klasse vereint ist. Die Schwarze Bourgeoisie und GeschĂ€ftsklasse wurde zur nominell herrschenden Klasse erhoben, wĂ€hrend die gleichen wirtschaftlichen KrĂ€fte die afrikanische Arbeiter*innenklasse und die Armen ausbeuten und unterdrĂŒcken. Millionen sind obdachlos, arbeitslos, werden in Niedriglohnjobs ausgebeutet und sind landlos. Die kapitalistische Black Power hat die Schwarzen nicht befreit, selbst nachdem die Apartheid besiegt worden ist. Können die kapitalistischen imperialistischen Finanzinstitutionen noch weniger Kontrolle ĂŒber einen Schwarzen Nationalstaat in Amerika ausĂŒben? SouverĂ€nitĂ€t ist keine Option in einer solchen von diesem System beherrschten Welt. Ein neuer Schwarzer Nationalstaat auf einem nordamerikanischen Landgebiet bedeutet nicht mehr Freiheit als die in Afrika, Asien und Lateinamerika.

Wir glauben auch, dass unter dem kapitalistischen System, das jetzt existiert, die meisten Manifestationen des Schwarzen Nationalismus nie eine wirklich revolutionĂ€re Doktrin waren, sondern dass sich solche Bewegungen am stĂ€rksten als defensive Doktrin zum Schutz der Schwarzen Mittelklasse durchgesetzt haben. Es ist nicht einmal eine Bewegung, die den weißen Rassismus bekĂ€mpft, sondern eher eine Interessengruppenpolitik, die fĂŒr gleiche politische Macht fĂŒr Schwarze GeschĂ€ftsleute oder die Berufsklasse unter diesem System kĂ€mpfen kann, nicht um es zu beseitigen.

Ein Schwarzer Nationalstaat ist also nicht die Antwort auf unsere Probleme als unterdrĂŒcktes Volk. TatsĂ€chlich fĂŒhrt er uns zurĂŒck in die Sklaverei, so wie er auch fĂŒr kein Volk der Welt zur Freiheit gefĂŒhrt hat. Sie ersetzt den weißen Meister durch den Schwarzen Meister. Wir sind nicht immun gegen die Gesetze des sozialen Wandels; der Staat ist von Natur aus eine unterdrĂŒckerische Institution.

Außerdem sagen diejenigen, die fĂŒr einen Schwarzen Staat plĂ€dieren, fast nie, wie er erreicht werden soll, und viele ihrer vorgebrachten Argumente sind absichtlich vage und phantasievoll. Wer glaubt wirklich, dass Amerika der Nation of Islam einfach einen islamischen Staat zugesteht oder fĂŒnf SĂŒdstaaten an die Republik Neu-Afrika abtritt, nur weil eine kleine Fraktion, die sich selbst eine „Regierung im Exil“ nennt, existiert und dafĂŒr eintritt? Wer kann ĂŒberhaupt beweisen, dass die meisten Menschen das ĂŒberhaupt wollen? Warum, es wĂŒrde Jahre eines blutigen Kampfes und eine große Organisierungskampagne erfordern. Und was sollen wir tun, bis dieser große Tag kommt; die Schwarzen nationalistischen Gruppen sagen es uns nie, aber wir können davon ausgehen, dass wir einfach ihren FĂŒhrenden folgen und unsere BeitrĂ€ge an ihre Organisationen zahlen sollen. Das ist Opportunismus und Verrat und fĂŒhrt uns in eine Sackgasse.

DarĂŒber hinaus war die einzige revolutionĂ€r-nationalistische Gruppe, die ĂŒberhaupt ĂŒber die DurchfĂŒhrung eines Plebiszits sprach, um herauszufinden, welche Form die afrikanischen Menschen in Amerika glauben, dass unsere Freiheit annehmen sollte, die Black Panther Party. Sie erkannten, dass es an den Massen liegt, solche Entscheidungen zu treffen, und nicht an den Vorhutorganisationen an ihrer Stelle. Wie die Panther glauben wir, dass wir, noch bevor Rassismus oder Kapitalismus besiegt sind, jetzt damit beginnen können, einen langwierigen Kampf gegen den Kapitalismus und seine Agent*innen zu fĂŒhren und dass der einzige Nationalstaat, mit dem wir uns beschĂ€ftigen sollten, der korrupte amerikanische Staat ist, der uns und die meisten Völker der Welt immer noch unterdrĂŒckt.

Gemeinsam mit dem Student Nonviolent Coordinating Committee, der fĂŒhrenden militanten Organisation der frĂŒheren BĂŒrgerrechtsperiode, glauben Anarchist*innen, dass die Rolle der Organisator*innen nicht darin besteht, die Menschen zu fĂŒhren, sondern sie zu ermĂ€chtigen und sie ihre eigenen lokalen KĂ€mpfe ĂŒbernehmen zu lassen. Wir glauben auch, dass solche Gemeinschaften virtuelle Kolonien oder Halbkolonien sind, die unter der militĂ€rischen und politischen Kontrolle des Staates stehen. Aber wir glauben nicht, dass eine nationale Befreiungsbewegung allein uns befreien kann und dass die eigentliche Aufgabe darin besteht, den Kapitalismus selbst zu demontieren. Unser Befreiungskampf ist Teil eines breiteren Kampfes fĂŒr einen totalen sozialen Wandel.

Viele Schwarze nationalistische Gruppen der Mittelschicht sind an die Demokratische Partei oder Ralph Naders GrĂŒne Partei gebunden und bieten keine wirkliche radikale Alternative. Erstens glauben wir nicht an konventionelle oder elektorale Politik in jeglicher Form und lehnen von Liberalen und Sozialdemokrat*innen gefĂŒhrte Koalitionen ab. Schließlich glauben wir, wie die Panther der 1960er Jahre und im Gegensatz zur heutigen Nation of Islam und der afrozentrischen Bewegung, an eine Klassenanalyse und verstehen, dass es historische, sozioökonomische Faktoren gab, die sowohl fĂŒr die Sklaverei als auch fĂŒr den Rassismus verantwortlich waren, nicht weil Weiße „Eismenschen“, „Teufel“ oder anderen solchen Unsinn sind. Das Hauptmotiv war Geld, die Bereicherung von Europa und der „Neuen Welt“. Dieses kapitalistische System produziert Rassismus und weiße Vorherrschaft. Es ist dieses kapitalistische System, das zerstört werden muss, um es loszuwerden.

Deshalb sind wir autonome People of Color, KĂ€mpfende fĂŒr Anarchismus, Selbstbestimmung und Freiheit fĂŒr unser Volk und alle unterdrĂŒckten Menschen. Die Panther haben bewiesen, wie gefĂ€hrlich Schwarze RevolutionĂ€r*innen fĂŒr dieses System sein können, jetzt werden wir die Arbeit beenden und den Kapitalismus in sein Grab zu legen. Keine Freiheit ohne Kampf!

anarchist*queer*vegan*

~ Burn this world to build a new. ~

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Elany



Quelle: Schwarzerpfeil.de