Juli 9, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Eine egoistische Sicht auf diese Pandemie

Es ist jetzt ĂŒber ein Jahr her, dass die Nachrichten ĂŒber das neue, gefĂ€hrliche Virus die Runde machten und damit einhergehend, große Unsicherheit, Angst und zum Teil auch Panik spĂŒrbar wurde. Die Infektions- und Todeszahlen wurden in den Medien spektakulĂ€r in Szene gesetzt und vereinnahmten die Aufmerksamkeit der Zuschauer*innen. Das Wort „SolidaritĂ€t“ und seine Manipulationskraft wurde von Polit- und PR-Strateg*innen wiederentdeckt. In diesem Zusammenhang scheint „SolidaritĂ€t“ mittlerweile als anderes Wort fĂŒr „Unterwerfung“ herhalten zu mĂŒssen. Die Moral von der Geschichte ist, wer sich nicht unterwirft und anpasst, wer nicht passiv und isoliert, sondern „egoistisch“ ist, kann nicht solidarisch sein. Wer sich nicht unterwirft, ist verantwortlich fĂŒr die Toten der Pandemie. Diese neue SolidaritĂ€t geht mit dem alten Feindbild des Egoismus Hand in Hand. Das rĂŒcksichtslos und kurzsichtig handelnde Schreckgespenst mit EllenbogenmentalitĂ€t wird immer dann hervorgeholt, wenn es darum geht Macht zu rechtfertigen oder andere zu verurteilen und herabzusetzen.

In diesem Text versuche ich mich dem Egoismus in einem breiteren Sinne zu nĂ€hern. Zum einen dem der verkappten EllenbogenmentalitĂ€t, die gemeinhin als negativ (außer bei reichen Egoist*innen) und schĂ€dlich fĂŒr jede SolidaritĂ€t definiert wird. Zum anderen möchte ich eine Perspektive auf egoistisches Handeln erkunden, die sich selbstbestimmt das Leben wieder aneignen will und sich im Gegensatz zur Selbstaufgabe sieht. Ich möchte behaupten, dass es auf der Grundlage eines solchen selbstbewussten Handels möglich ist selbstorganisiert und ĂŒber das Virus aufgeklĂ€rt, den Problemen der Pandemie zu begegnen.

Ich musste ein bisschen ausholen um den Zusammenhang zwischen Isolation der Einzelnen, der Herrschaft und der Zerstörung des Lebens als Grundlage des pandemischen Ausnahmezustands zu beschreiben und einen Vorschlag zu machen, wie dem begegnet werden kann. Ich kann diese kaputte Ideologie sicher nicht reparieren, aber was ich weiß ist, dass es fĂŒr mich hilfreich war zu versuchen von mir selbst auszugehen, wenn es darum ging einen Weg zu finden, der Gewalt und der Leere dieses Lebens etwas entgegenzusetzen. Ja, ganz egoistisch.

Die Zahlen und Debatten zu Covid-19 beherrschen das Tagesgeschehen und lenken von fast allem was sonst noch so passiert ab. Wie verzaubert sind die Menschen von dem Thema. Morgens vor dem ersten Kaffee werden die Zahlen und Statistiken studiert (oder angebetet?). Im Verlauf des Tages immer wieder Corona. Und besonders wichtig, was sind die neusten Regeln? Darf ich mich heute mit anderen treffen? Darf ich raus gehen? Bloß nichts falsch machen, dann gibt es Tote! Das ganze Leben wird an den Zahlen und Regeln ausgerichtet. Denn alles andere wĂ€re Blasphemie. Was beim Moralisieren dieser Art untergeht ist, dass das Sich-an-staatliche-Regeln-halten nicht automatisch vor Covid-19 schĂŒtzt und das Nicht-daran-halten genau sowenig dazu fĂŒhrt, dass Einzelne mehr Verantwortung an der Ausbreitung des Virus und an den Folgen haben.

Der Fokus auf Zahlen und Statistiken verstĂ€rkt derweil das quantifizierte Menschenbild; eine Sichtweise, die die Einzigartigkeit des Menschen (und der Welt) aufgibt und stattdessen auf die Summe der Einzelteile reduziert. Denn aus dieser technokratischen Sichtweise – allein von Gesichtspunkten der Technik und Verwaltung bestimmt und auf SachzwĂ€nge ausgerichtet – lassen sich Menschen besser (oder ĂŒberhaupt) kategorisieren, verwalten und beherrschen. Es lassen sich damit auch sehr gut, aus rationaler Sicht, lebensfeindliche ZustĂ€nde rechtfertigen.

Staatliche Eingriffe dieser Coronazeit zielten hauptsÀchlich darauf ab den Kontakt unserer Körper im öffentlichen Raum so weit wie möglich zu unterbinden. Mit der neuen Vorstellung von der GefÀhrlichkeit unserer Körper sickerte die umfassende Kontrolle, in Echtzeit durch die digitalen Medien verbreitet, in alle sozialen Beziehungen und Lebensbereiche ein. Das wiederum scheinen die meisten Menschen nicht als Gefahr wahrzunehmen sondern als alternativlos.

Wenig Aufmerksamkeit wurde darauf gerichtet, dass die staatlichen Maßnahmen (wie immer) sofort negative Auswirkungen auf all diejenigen hatten, die in dieser Gesellschaft nichts zu melden haben, z.B. die, die wohnungslos und oder mit unsicherem Aufenthaltsstatus leben. Denn die WohnungslosenunterkĂŒnfte und -kĂŒchen wurden erst mal pauschal geschlossen. War ja schließlich nicht mit den neuen Regeln vereinbar. Aber es gab auch noch ein paar Leute, die egoistisch genug waren sich den Regeln zu widersetzen, die SolidaritĂ€t praktisch lebten und keine Angst davor hatten, unabhĂ€ngig von der rechtlichen Situation, selbst Verantwortung zu ĂŒbernehmen. Denn fĂŒr sie war klar, dass es einiges zu tun gibt, wenn sie das nicht hinnehmen wollten; Essen musste ran geschafft, gekocht und verteilt werden. Das war nicht so leicht, denn die etablierten Strukturen z.B. fĂŒr Lebensmittelspenden und Orte wo das Essen gekocht und verteilt wird, waren ja zum großen Teil geschlossen. Aber all das lĂ€sst sich auch mit ein paar GefĂ€hrt*innen, einer KĂŒche, ein paar FahrrĂ€dern und FahrradanhĂ€ngern und etwas Ortskenntnis relativ schnell selbst organisieren.

In diesen Momenten der Selbstorganisation wird deutlich, wie schwerfĂ€llig, ineffizient und wenig auf die BedĂŒrfnisse der Menschen zugeschnitten, staatliche und staatsnahe Institutionen arbeiten. Bei der Verteilung von Masken, Handschuhen und Desinfektionsmitteln war es Ă€hnlich. Und spĂ€ter, als sich abzeichnete, dass sich die von der Tödlichkeit des Virus hauptsĂ€chlich betroffenen Menschen zum grĂ¶ĂŸten Teil in schlecht ausgestatteten Pflegeheimen befanden, wandelte der Staat diese Lager fĂŒr Alte endgĂŒltig in KnĂ€ste mit Isolationshaft um. Die zudem noch schlecht ausgestattet sind, was Pflegepersonal und Ausstattung fĂŒr den Infektionsschutz betrifft.

Meine Erfahrung ist, dass Menschen in Haus- und Wohngemeinschaften und Nachbarschaften, wenn sie sich trauten, sehr viel besser in der Lage waren selbst ihre Vorkehrungen zum Schutz einzelner, besonders stark Betroffener, zu organisieren. Staatliche Verordnungen und Regeln behinderten diese Selbstorganisation meist nur.

FĂŒr mich war eins schon mal von Anfang an klar; allein, passiv und isoliert zu hause sitzen und auf Bildschirme zu starren war keine Option. Das war zugegebenermaßen ein Reflex, den ich aber nicht bereut habe und der mich weiterhin darin bestĂ€rkt hat in unĂŒbersichtlichen Situationen meiner Intuition zu vertrauen.

In den ersten Monaten wusste niemand, wie sich die Situation entwickeln wĂŒrde. Der geschmierte Motor des kapitalistischen Normalbetriebs, der die Menschen zwischen Arbeiten und Konsumieren gefangen hĂ€lt, kam ein wenig ins stottern. Die Nachfrage nach Klopapier ĂŒberstieg kurzzeitig das Angebot und die Wut, die daraus resultierte, hĂ€tte leicht in PlĂŒnderungen, AufstĂ€nde, ja vielleicht sogar in den Zusammenbruch des ganzen Systems mĂŒnden können! (Zumindest schien es anfangs so, aber bei genauerer Betrachtung war es eine von Regierungen herbeigefĂŒhrte Krise, die eine autoritĂ€re Umstrukturierung vornahm und nimmt und daher wenig revolutionĂ€res Potential hat). Trotzdem genoss ich fĂŒr einen Moment dieses aufregende GefĂŒhl der Unsicherheit, nicht zu wissen, was als nĂ€chstes kommt oder nicht kommt. Wo vorher die Armut des Alltags regierte schien plötzlich vieles möglich zu sein. Aber die Möglichkeiten sich zu treffen und auszutauschen wurden schlagartig weniger. Unsere regulĂ€ren Treffpunkte, KiezlĂ€den, Kneipen, Nachbarschaftskaffees, Sportvereine etc. machten dicht. Manche Menschen, denen ich vorher regelmĂ€ĂŸig begegnet war, habe ich seit dem Ausbruch der Pandemie bis heute nicht mehr gesehen.

Wie viele andere auch fiel ich direkt auf die Strukturen zurĂŒck, die ich mir vorher aufgebaut hatte, ein Netzwerk aus Freund*innen, Mitbewohner*innen, Nachbar*innen und GefĂ€hrt*innen. Doch plötzlich war es notwendig sich nach Bullen und potentiellen Denunziant*innen umzuschauen, wenn ich mich mit ihnen traf. Sie lauerten ĂŒberall, hauptsĂ€chlich hinter den Gardinen ihrer selbstgewĂ€hlten Isolationszellen.

Die (besetzten) Orte, die Hinterhöfe, (Gemeinschafts-) GĂ€rten und verwilderte, versteckte Orte, die unsere Feind*innen schlecht einsehen konnten oder nur selten besuchten, wurden, plötzlich enorm wichtig, denn hier konnten wir uns noch treffen, organisieren und halbwegs ungestört darĂŒber beraten, was zu tun war. Das Treffen an sich wurde zum subversiven Akt.

Die Angst vor dem Risiko, das ein lebenswertes Leben mit sich bringt, rechtfertigte schon vor dieser Pandemie ein möglichst langes Dasein, in Abwesenheit des Lebens, bis zum Tod. Diese Sichtweise erreicht gerade ein neues Level; ein weitestgehend virtuelles Leben ist erstrebenswert, da dort weniger Krankheiten lauern.

Menschen waren vorher schon allein und isoliert. Neu ist, dass es jetzt als solidarisch gilt, Menschen (z. B. in KrankenhĂ€usern und Pflegeheimen) allein leben und sterben zu lassen. In der totalen Isolation sind Menschen vielleicht ein StĂŒck weit sicherer vor dem Virus, wovor wir aber ganz bestimmt sicher sind, ist vor einem lebenswerten Leben!

Die gesellschaftlichen Entwicklungen, die sich im letzten Jahr zuspitzten – die Isolation der Einzelnen, zementiert durch die fortschreitende Digitalisierung aller Lebensbereiche, einschließlich des sozialen Austauschs und durch die Entfremdung von den eigenen BedĂŒrfnissen durch Arbeit, Konsum von Waren, Substanzen und OnlineidentitĂ€ten – sind nicht neu. Neu ist wie weit viele Menschen bereit sind die Selbstaufgabe zu treiben. FĂŒr diese Menschen scheint das autoritĂ€re Durchgreifen des Staates in dieser Situation nicht nur alternativlos, sondern sogar erstrebenswert zu sein. In den bĂŒrgerlichen Medien wurden totalitĂ€re Systeme (wie z. B. im Modell China) zum Kampf gegen das Virus gefeiert. Es ist erschreckend, wie wenig Vertrauen viele Menschen in ihre eigene Urteils- und HandlungsfĂ€higkeit haben und wie weit sie bereit sind sich selbst und ihre Liebsten fĂŒr die Umsetzung der Verbote und Regeln zu opfern. Wenn ich den Menschen bei dieser Art der Selbstzurichtung zusehe, könnte ich nur kotzen. Aus meiner Perspektive ist diese Selbstaufgabe nicht erst durch den pandemischen Ausnahmezustand in Erscheinung getreten, sondern sie ist die Basis, die so eine Pandemie ĂŒberhaupt erst möglich macht!

Viren sind Basis allen Lebens, in so fern als dass sie das Leben auf diesem Planeten von Beginn an mitgeprĂ€gt haben. In intakten Ökosystemen bestehen sie in einer Art Gleichgewicht mit anderen Viren und lebendiger Artenvielfalt. Erst dort wo der Mensch die Artenvielfalt zerstört und das Leben verwertbar macht, wo monokulturelle Ackerwirtschaft und Massentierhaltung Einzug halten, werden Viren zur Gefahr. Zum Beispiel beim Abbau seltener Erden, wie Coltan, fĂŒr die Herstellung von Handys und neuer „grĂŒner“ Technologien. Dabei wird, unter anderem, intakter Regenwald erschlossen und abgeholzt und damit der Grundstein fĂŒr die Übertragung neuer Viren auf den Menschen gelegt. Seit den 60er Jahren erhöht sich die Anzahl neuer Erreger und ihre Reichweite und damit die GefĂ€hrlichkeit der durch Zoonosen (von Tieren auf Menschen ĂŒbertragene Infektionskrankheiten) ausgelösten Epidemien, wie HIV, Ebola, Vogelgrippe etc. erheblich. Diese Epidemien, ihre Ursachen und Ausbreitung sind kein Zufall sondern menschengemacht. Sie basieren nachweislich auf der Zerstörung von Lebensraum, der Reduktion der Artenvielfalt und dem Handel von Wildtieren.

Wie funktioniert das System, das diese Entwicklungen antreibt und das Leben auf dem ganzen Planeten zerstört? Es basiert unter anderem wieder auf der quantitativen Betrachtung der Umwelt als Ressource, die zerlegt und in ihren Einzelteilen verwertet werden muss, um den Profit einiger weniger zu sichern. Das funktioniert aber nur durch die Bereitschaft der Individuen, die eigene Macht abzugeben, sich diesem System unterzuordnen. Dabei macht es die kĂŒnstliche KomplexitĂ€t dieses Systems besonders einfach, sich gedeckt von der eigenen „Ahnungslosigkeit“ der UnmĂŒndigkeit hinzugeben. Das funktioniert fĂŒr die Menschen besonders gut, die ohnehin schon von diesem System bevorteilt werden, also privilegiert sind. Auf eine verkappte Art ist auch das egoistisch. Denn auch die hippen, grĂŒnen, digitalisierten und nachhaltigen Lifestyles sind Teil dieses zerstörerischen Ausbeutungssystems.

In der Massentierhaltung sind Viren und andere Krankheiten ja auch ein massives Problem. Sie mĂŒssen stĂ€ndig durch Impfungen und Antibiotika etc. in Schach gehalten werden. Analog verhĂ€lt es sich in den Monokulturen unserer Land-, Forst- und Parkwirtschaft. Die Vielfalt wird so weit wie möglich in Einzelteile zerlegt und als Nutzpflanze, Unkraut oder Parasit kategorisiert und bekĂ€mpft, das zerstörte Gleichgewicht dann mit Spritzmitteln und Gentechnik aufrechterhalten.

Ähnlich verhĂ€lt es sich mit der Lagerhaltung (Kindergarten, Schule, Uni, Fabrik, BĂŒro, Einkaufszentrum, Wohnung, Arbeiter*innenviertel, Psychiatrie, Knast, GeflĂŒchtetenunterkunft, Pflegeheim etc.) unseres domestizierten Lebens und der damit einhergehenden „Gesundheitspolitik“. Sie dienen der besseren Organisation der Produktion und Verwaltung der Massen. Ein Zustand, der massiv lebensfeindlich ist, wird mit Hygiene, Giften, Isolation, Einsperrung und Disziplin beibehalten und die entsprechenden Maßnahmen als einzige Möglichkeit verkauft, gegen den angeblich „natĂŒrlichen“ Umstand der bestĂ€ndigen Gefahr, Viren und sonstigen Krankheiten in einem solchen Maße ausgesetzt zu sein, vorzugehen.

Der Punkt ist, dass die Entstehung dieser und zukĂŒnftiger Pandemien der kaputten Ideologie geschuldet ist, nach der wir unser Leben ausrichten. Das fĂ€ngt bereits beim Individuum an, das keinen Schritt tun kann, ohne dass dieser vorher staatlich genehmigt wurde. Ein Individuum in einer Masse von Menschen, die komplett vergessen haben zu leben, ohne dass ihnen jemand vorschreibt wie. Diejenigen, die diese Vorschriften machen, die entscheiden, wie wir leben, die die meiste Macht und den grĂ¶ĂŸten Reichtum anhĂ€ufen und wirklich von der Zerstörungskraft des Systems profitieren, die die unsere Arbeitskraft besitzen, unsere Wohnungen und GeschĂ€fte, die die ĂŒber uns herrschen, sind Egoist*innen (viele sind zudem auch Arschlöcher). Sie haben leichtes Spiel, so lange wir uns selbstlos unterordnen und weigern einen eigenen Willen zu entwickeln und uns die Macht ĂŒber unsere Leben wieder anzueignen.

Es geht mir, wie gesagt, um eine neue Perspektive auf egoistisches Handeln. In der es darum geht von den eigenen WĂŒnschen und BedĂŒrfnissen auszugehen. Sie steht im Gegensatz dazu, sich selbst aufzugeben, sich Regeln, Gesetzen und gesellschaftlichen Normen (Moralvorstellungen) unterzuordnen. Diese Sichtweise bricht mit der quantifizierten Welt und betrachtet stattdessen jeden Menschen als einzigartig. Dementsprechend vielfĂ€ltig sind auch die Handlungsmöglichkeiten.

Im weitesten Sinne ist jedes menschliche Handeln egoistisch, denn jedem bewussten Handeln liegt eine AbwĂ€gung des Nutzens fĂŒr einen selbst zugrunde. Dieses Handeln kann sehr gut auch empathisch, wohlwollend und solidarisch sein, auch ohne Nötigung durch soziale und moralische Normen. Erst durch die Regulierung und Kriminalisierung von Sozialverhalten, den Verlust der Autonomie, und die Entfremdung, verfĂ€llt das Individuum in Geiz und Habgier der Ellenbogengesellschaft. Da Selbstverwirklichung in diesem System kaum möglich ist, mĂŒssen Ersatzbefriedigungen gefunden werden, die die Leere aber niemals fĂŒllen; Geld, Statussymbole, Konsum- und DrogenabhĂ€ngigkeit, Flucht in OnlineidentitĂ€ten und -unterhaltung, Neid und Gier etc. Das Ergebnis sind vereinzelte Menschen mit schwachen sozialen Beziehungen, die sich ihrer individuellen und kollektiven HandlungsfĂ€higkeit nicht bewusst sind.

Die Gesellschaft in der wir leben hat eine besonders verkappte Form des Egoismus kultiviert. Das fĂ€ngt schon bei der politischen ReprĂ€sentation an (schließt aber alle Formen der ReprĂ€sentation ein), die vorgibt, dass Menschen durch Wahl von Parteien und ReprĂ€sentant*innen irgendeinen echten Einfluss auf das System von Macht und Kontrolle haben. Dabei bleiben sie immer Zuschauer*innen. Der Impuls, Einfluss auf die Ereignisse nehmen zu wollen, die das eigene Leben gestalten, ist ein egoistischer. Aber er ist verkappt, in dem er nicht erkennt, dass politische ReprĂ€sentation eine LĂŒge ist und das Individuum keine Macht hat, so lange es die rosarote Brille der Rechtsstaatsromantik nicht ablegt.

Wenn das Individuum also die eigene Machtlosigkeit gegenĂŒber dem Staat akzeptiert hat, verspricht letzterer sich um „die Sicherheit“ zu kĂŒmmern. DafĂŒr haben Staat und Medien mittlerweile ein fantastisches ideologisches Horrorszenario inszeniert, was dem hilflosen Individuum angeblich blĂŒht, sollten es wagen das Leben irgendwann mal selbst in die Hand zu nehmen. Die Welt in der jede*r gegen jede*n kĂ€mpft und das Recht der*des StĂ€rkeren gilt, ist ein gefĂŒrchtetes MĂ€rchen, was ausreicht um die Einzelnen ewig in Schockstarre zu halten. Wer ĂŒberleben will muss schwach sein und die SchlĂ€ger*innen des Staates akzeptieren. Die Bullen zu rufen ist nicht nur feige sondern auch unsolidarisch und auf eine verkappte Art egoistisch. Es lĂ€uft dabei meist darauf hinaus andere zu einem bestimmten Verhalten zu zwingen, das man selbst fĂŒr richtig hĂ€lt (oder, schlimmer noch, zu einem Verhalten zwingen zu wollen, dass man sich selbst gegen den eigenen Willen abverlangt und deshalb der Meinung ist auch andere zu dieser Selbstzurichtung zwingen zu mĂŒssen). Dabei ist es wieder besonders bequem, sich auf den eigenen Privilegien auszuruhen. Nicht nur weil die Bullen ĂŒberhaupt gefahrlos rufen zu können schon auf eine privilegierte Stellung innerhalb der Gesellschaft hinweist, sondern in dem man die Drecksarbeit der eigenen KonfliktunfĂ€higkeit auch noch durch die Gewalt der Bullen klĂ€ren lĂ€sst. Dadurch dass die*der Denunziant*in, WĂ€hler*in und Konsument*in sich nicht mit den Konsequenzen des eigenen Handelns auseinandersetzen muss, kann sie*er sich bequem aus der AffĂ€re ziehen, denn die Gewalt und Zerstörung, die durch die Bullen, die reprĂ€sentative Demokratie und in der komplexen Ökonomie ausgeĂŒbt werden, können leicht ausgeblendet werden. Es gibt noch in ganz anderen Bereichen unzĂ€hlige Beispiele fĂŒr den verkappten Egoismus, wie gesellschaftlich akzeptierte Paarbeziehungen, wo oft ein gewisser Besitzanspruch mitschwingt oder staatlich legitimierte BesitzverhĂ€ltnisse als Vorwand ĂŒber Leichen zu gehen oder sich in der Projektion des Selbsts zu verlieren, das sich nur noch technologisch vermittelt, also online, ausdrĂŒckt und damit auch andere zu nötigen sich darauf einzulassen.

Was ist denn Moral anderes als der gesellschaftliche Zwang sich auf eine bestimmte Art zu verhalten, die andere fĂŒr richtig halten? Wie auch vom reprĂ€sentativen System und dem Kapitalismus profitieren von der Moral in der Regel aber nicht Du und Ich, sondern einige wenige mĂ€chtige Egoist*innen, die nichts zu befĂŒrchten haben, so lange die meisten genug Angst vor der eigenen Autonomie haben um sich und andere immer wieder zu Unterordnung und Selbstaufgabe zu zwingen. Wer sich sein Leben nicht aneignet wird immer von anderen fĂŒr ihre Ziele benutzt werden.

Wer also anstrebt aus der sozialen Kontrolle durch gesellschaftliche Normen und Rollen auszubrechen, den verkappten Egoismus hinter sich zu lassen, sich selbst zu verwirklichen und die individuellen WĂŒnsche zu entfesseln, kann relativ einfach unterscheiden, wer oder was dabei unterstĂŒtzt oder im Weg steht. Ausgangspunkt ist die Vorstellung nichts ĂŒber sich selbst zu stellen, keine AnfĂŒhrer*innen, kein Gesetz, keine Institution und keine Idee davon, wie Dinge zu laufen haben. Aus dieser Perspektive können Manipulationen und Angriffe auf die eigene Selbstbestimmung leichter erkannt und ihnen begegnet werden. Mich hat diese Perspektive gelehrt, dass jeder Mensch einzigartig ist und daher nur selbst wissen kann was die eigenen BedĂŒrfnisse sind. Dann wird auch schnell klar, warum es ein großer Fehler ist, die Macht ĂŒber diese Entscheidungen abzugeben. Allgemein traue ich auch anderen Menschen selbstbestimmtes Handeln zu. Wer keine Angst vor der eigenen Autonomie hat, kann auch Verantwortung fĂŒr das eigene Handeln ĂŒbernehmen. In diesen Zeiten heißt das konkret; aufgeklĂ€rt und informiert, ohne Angst, im eigenen Lebensumfeld zu analysieren und verhandeln, wie wir den pandemischen Auswirkungen dieses kaputten Systems begegnen wollen. Außerdem bedeutet es fĂŒr mich, die tatsĂ€chlichen Ursachen der Probleme, mit denen wir uns gerade konfrontiert sehen, zu analysieren und anzugreifen. Denn entgegen der herrschenden Vorstellung ĂŒber Egoist*innen, ist es mir nicht egal wie Menschen auf diesem Planeten leben und sterben. Herrschaft bedeutet andere dazu zu bringen etwas entgegen ihrer BedĂŒrfnisse, entgegen ihrem Willen zu tun. Wer also sich selbst und die eigenen BedĂŒrfnisse kennt und von ihnen ausgeht, und auch nicht bereit ist, sie unterzuordnen, ist nicht mehr so einfach zu beherrschen. Auch lĂ€sst sich dieser Mensch ganz schlecht in das System der Entfremdung, Verwertung und Ausbeutung durch Domestizierung und industrielle Zivilisation integrieren. Von der Befreiung der BedĂŒrfnisse ausgehend, ergibt sich die Revolte von selbst. Die Herrschaftsstrukturen, die sonst ideologisch verschleiert bleiben, werden klarer. DafĂŒr braucht es kein politisches Programm.

NatĂŒrlich gibt es mit der neugewonnen Freiheit auch Fallstricke in die man sich leicht verheddern kann. Aus Erfahrung weiß ich z.B., dass die Selbstbefreiung, die nirgendwo aneckt, eher darauf hindeutet, dass man im Hedonismus versackt ist. Aber das kann jede*r fĂŒr sich selbst erkunden.

Mit Egoist*innen lĂ€sst sich jedenfalls kein Krieg fĂŒhren, kein Nationalismus, keine menschenfeindliche Ideologie, keine Religion, kein Rechtsstaat durchsetzen und auch kein Sozialismus einrichten. Sie werden sicher keine Kompliz*innen bei der Verwertung ihres Lebens sein oder tatenlos der Zerstörung ihrer Umwelt zusehen. Die Manipulationskraft der Medien und Politiker*innen verlieren ihre Macht. Letztere werden auch nicht mehr benötigt, wenn Menschen selbstbewusst sind, starke Beziehungen zu einander eingehen und sich frei miteinander organisieren. Solidarisch sind sie nicht aus Angst vor Repression oder gesellschaftlicher SchmĂ€hung, sondern sie entscheiden sich dafĂŒr, weil sie wissen, dass ein Leben in Freiheit ohne SolidaritĂ€t nicht möglich ist.

Die egoistische Perspektive öffnet einen Weg aus der UnmĂŒndigkeit. Einen Weg in ein selbstbestimmtes, lebenswertes Leben. Selbstorganisation bedeutet mit anderen zusammen selbst zu entscheiden, wie wir unseren Lebensraum gestalten möchten.

Das Virus ist gefÀhrlich. Um dieser Situation zu begegnen braucht es selbstbewusste Individuen, die starke, selbstorganisierte Gemeinschaften schaffen, anstatt die Entscheidungen an Politiker*innen und Technokrat*innen abzugeben und damit weiter dieses lebensfeindliche System zu stabilisieren.

Ich habe diesen Text ausschließlich aus egoistischen GrĂŒnden geschrieben und ohne die Hilfe anderer wĂ€re er sicher nicht entstanden. Ich wĂŒnsche mir, gerade in diesen Zeiten, mehr Egoist*innen mit denen ich mich gemeinsam aus dieser Welt der kaputten Ideologie befreien kann.




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org