Januar 20, 2022
Von End Of Road
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via crimethinc

EinschÀtzungen und Berichte von Anarchist*innen aus Russland und Almaty

Im Anschluss an unsere Berichterstattung ĂŒber den Aufstand in Kasachstan in der vergangenen Woche haben wir unterschiedliche Perspektiven auf die Situation aus verschiedenen russischen anarchistischen Quellen ĂŒbersetzt und zwei Anarchist*innen aus Almaty, der grĂ¶ĂŸten Stadt Kasachstans und dem Ort, an dem die KĂ€mpfe am heftigsten wurden, interviewt.

Dieser Text enthÀlt auch bisher unveröffentlichte Fotos, die von unseren Kontakten in Almaty aufgenommen wurden.

  1. Januar: Eine Ansicht von Almaty. Die Fotografin: »Ein dĂŒsterer Nebel hĂ€ngt ĂŒber den Feuern; jetzt sieht alles nach nuklearem Winter aus.«

Die folgenden Quellen sollen dazu dienen, alle oberflĂ€chlichen Falschdarstellungen des Aufstands seitens der Behörden in Kasachstan, Russland oder den Vereinigten Staaten – oder ihrer fehlgeleiteten UnterstĂŒtzer*innen – zu entlarven.

Denjenigen, die Verschwörungstheorien darĂŒber verbreiten, dass die USA versuchen, eine »Farbenrevolution« in Kasachstan zu inszenieren, sei gesagt, dass die Proteste als Reaktion auf die Streichung der Subventionen fĂŒr Gas durch die Regierung begannen, welches in Kasachstan im Rahmen eines profitablen Staatsmonopols gefördert wird. Diejenigen, die die Regierungen Kasachstans und Russlands verteidigen, verteidigen die repressiven KrĂ€fte, die den Arbeiter*innen neoliberale Sparmaßnahmen aufzwingen. Der wĂŒrdige Platz fĂŒr alle, die sich wirklich gegen den Kapitalismus stellen, ist an der Seite der einfachen Arbeiterinnen und anderer Rebellen, die sich gegen die herrschende Klasse auflehnen – und nicht an der Seite der Regierungen, die vorgeben, die Demonstrant*innen zu reprĂ€sentieren, wĂ€hrend sie sie niederschießen und inhaftieren.

Das soll nicht heißen, dass die ZusammenstĂ¶ĂŸe in Kasachstan einen einheitlichen antikapitalistischen Kampf darstellen. In den glaubwĂŒrdigsten Berichten ĂŒber die Zusammensetzung der Proteste wird eingerĂ€umt, dass es ein breites Spektrum an Teilnehmer*innen gab, die unterschiedlichste Taktiken einsetzten, um unterschiedliche Ziele zu erreichen. Da wir mit den Arbeiter*innen sympathisieren, die gegen die steigenden Lebenshaltungskosten protestieren, können wir natĂŒrlich auch verstehen, warum Arbeitslose und Ausgegrenzte sich an PlĂŒnderungen beteiligen könnten.

Eine Krise, wie der Aufstand in Kasachstan, legt alle Verwerfungen innerhalb einer Gesellschaft offen. Jeder bestehende Konflikt wird auf die Spitze getrieben: ethnisierte und religiöse Spannungen, RivalitĂ€ten zwischen den herrschenden Eliten, geopolitische KĂ€mpfe um Einfluss und Macht. Wir haben dies in geringerem Maße in Frankreich wĂ€hrend der Gelbwesten-Bewegung und in den Vereinigten Staaten wĂ€hrend der George-Floyd-Rebellion und dessen Folgen gesehen, obwohl diese Krisen nicht so weit gingen wie der Aufstand in Kasachstan. In Kasachstan wird wegen der verfestigten autoritĂ€ren Machtstruktur jeder Kampf sofort zu einem Alles-oder-Nichts-Unterfangen.

Wenn wir mit der These – dass die Demonstrant*innen in Kasachstan sich denselben KrĂ€ften entgegenstellten, mit denen wir anderen auf der ganzen Welt konfrontiert sind – richtig liegen, dann wirft die gewaltsame UnterdrĂŒckung dieser Proteste durch die Soldaten1 der Armeen von sechs Nationen Fragen auf, denen wir uns alle stellen mĂŒssen. Es scheint, dass solche Explosionen praktisch unvermeidlich werden, da wirtschaftliche, politische und ökologische Katastrophen ĂŒberall auf der Welt, eine nach der anderen, eintreten. Wie bereiten wir uns vor, um die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass diese BrĂŒche trotz aller gegen uns gerichteten KrĂ€fte gut ausgehen? Wie können wir in Momenten mit revolutionĂ€rem Potenzial den anderen, die mit uns diese Gesellschaft bilden, transformative Fragen stellen und die Konfliktlinien auf die generativsten und befreiendsten Achsen ausrichten, auch wenn wir mit einer Vielzahl von Gruppierungen konkurrieren, die ihre eigenen Ideologien und Interessen in den Mittelpunkt stellen wollen? Wie vermeiden wir sowohl Verschwörungsmythen als auch Manipulation, sowohl DefĂ€tismus als auch Niederlage?

In der folgenden Übersicht, die in Zusammenarbeit mit russischen Anarchist*innen verfasst wurde, stellen wir die Analyse des Aufstands in Kasachstan vor, die aus der ehemaligen Sowjetregion stammt, und geben dann ein Interview wieder, das wir mit Anarchist*innen in Almaty gefĂŒhrt haben, sobald der Internetzugang nach der Niederschlagung wiederhergestellt war.

  1. Januar in Almaty; ein Foto von Zhanabergen Talgat.

Was am 1. Januar als Protest gegen die steigenden Lebenshaltungskosten begann, eskalierte schnell zu einem landesweiten Aufstand, der mit einer Kombination aus in- und auslÀndischer MilitÀrgewalt brutal niedergeschlagen wurde.

ZunĂ€chst forderten die Demonstrant*innen den RĂŒcktritt der Regierung, eine Senkung des Gaspreises und die Absetzung des Ex-PrĂ€sidenten Nursultan Nasarbajew, des â€șAltenâ€č von Kasachstan, vom Vorsitz des Nationalen Sicherheitsrates. Der Slogan des ganzen Landes lautete in diesen Tagen â€șShal ket!â€č – â€șAlter, geh weg!â€č. Als die Proteste an Schwung gewannen, kamen die Menschen schnell zu dem Punkt, dass sie nichts Geringeres als einen vollstĂ€ndigen Wechsel der Regierung, einschließlich der Absetzung des derzeitigen PrĂ€sidenten Kassym-Jomart Tokajew, akzeptieren wollten.

Das Regime versuchte, die Proteste zu unterdrĂŒcken. Den Demonstrant*innen gelang es zwischenzeitlich jedoch der Polizei Waffen abzunehmen und sich zu wehren, GeschĂ€fte zu plĂŒndern und stĂ€dtische GebĂ€ude niederzubrennen oder zu besetzen. PrĂ€sident Tokajew verhĂ€ngte den Ausnahmezustand und schickte das MilitĂ€r gegen die Demonstrant*innen mit dem Befehl, jeden, der es wagte, Widerstand zu leisten, sofort zu erschießen. Gleichzeitig bat Tokajew offiziell die Organisation des Vertrags ĂŒber kollektive Sicherheit (OVKS, bestehend aus Russland und mehreren NachbarlĂ€ndern) um UnterstĂŒtzung bei der Wiedererlangung der Kontrolle ĂŒber das Land.

Nach Angaben des kasachischen Innenministeriums wurden wĂ€hrend der Demonstrationen fast 8000 Menschen verhaftet und mindestens 164 Menschen getötet; es kursieren seitdem auch weitaus höhere Zahlen. Einige prominente Bloggerinnen und GewerkschaftsfĂŒhrer sind Berichten zufolge verschwunden. Das Internet war tagelang abgeschaltet. Auf den PlĂ€tzen und auf der Straße wurden Menschen von ScharfschĂŒtzen und anderen Soldaten erschossen.

Die militĂ€rische Niederschlagung des Aufstands, einschließlich des Eingreifens der OVKS, spielte eine SchlĂŒsselrolle fĂŒr das Ergebnis. Seit dem 10. Januar haben Medienberichte und Aussagen von Menschen in Kasachstan gezeigt, dass die KĂ€mpfe in Almaty eingestellt wurden und Massenversammlungen in anderen StĂ€dten aufgehört haben.

Anarchist Fighter, eine anarchistische Plattform, die von Russland aus die Ereignisse beobachtet, schreibt auf ihrem Telegram-Kanal:

1) OKVS-Intervention. Alle mehr oder weniger vernĂŒnftigen Quellen unter den Kasach*innen sehen darin eine Intervention und einen Angriff des â€șGroßen Brudersâ€č auf ihre SouverĂ€nitĂ€t. Jede Stunde der Anwesenheit dieser KrĂ€fte im Land vervielfacht die Unzufriedenheit und den Ärger;

2) Die autoritĂ€re Herrschaft ist nicht verschwunden. PrĂ€sident Tokajew hat mehr Macht in seine HĂ€nde gelegt, auslĂ€ndische MilitĂ€rs eingeladen und seinen Truppen befohlen, »ohne Vorwarnung zu schießen«  Allerdings sind die Kasach*innen nicht an die BrutalitĂ€t der Regierung gewöhnt. Das hĂ€lt sie nicht auf, und die Unzufriedenheit mit der Regierung reißt nicht ab.

3) Die Wirtschaftskrise wird ohne grundlegende Reformen in Richtung sozialer Gerechtigkeit nicht ĂŒberwunden werden. Die Durchsetzung dieser ist im Grunde nur ein Aufschub der Preiserhöhungen. Maßnahmen zur Überwindung der Armut und zur Verringerung der Ungleichheit in der Gesellschaft werden von den Behörden nicht angeboten. Folglich wird die von ihnen geschaffene Unzufriedenheit auch nicht abebben.

Im 21. Jahrhundert wird die vorherrschende Gesellschaftsordnung nur noch durch eine immer stÀrkere Anwendung roher Gewalt aufrechterhalten.

Laut dem avtonom.org-Podcast â€șTrends of order and chaosâ€č.

Die kasachischen Behörden sind sehr bemĂŒht, ihr Gesicht zu wahren und ihre Version der RealitĂ€t zu konstruieren. Die Strafaktion wird als â€șTerrorismusbekĂ€mpfungâ€č bezeichnet, als ob ein â€șTerroristâ€č jede Person wĂ€re, die sich den Behörden mit Gewalt widersetzt. AufstĂ€ndische Menschen sind »Militante und Banditen, sie mĂŒssen getötet werden«, und der Grund fĂŒr den Aufstand sind angeblich »freie Medien und auslĂ€ndische Persönlichkeiten«, was Tokajew wörtlich sagte. Wir erleben die Entwicklung der militanten Propaganda praktisch live auf Sendung. Die LĂŒge, schwarz sei weiß und Krieg sei Frieden, wird bis zur RĂŒhrseligkeit verbreitet, und wer sie nicht glaubt, wird an die Wand gestellt. Schließlich hat niemand Mitleid mit den â€șTerroristenâ€č, das ist ein Mantra, das die postsowjetischen Diktatoren gut gelernt haben.

Von Beginn der KĂ€mpfe an stellten sowohl kasachische als auch auslĂ€ndische Medien Behauptungen ĂŒber die IdentitĂ€t der Demonstrant*innen auf. Die Beschreibungen reichten von »Demonstranten«, »aggressiven Jugendlichen« und »Marodeuren« bis hin zu »nationalistischen Banden«, »20.000 Banditen, die Almaty angreifen« und »islamischen Terroristen«. Es stimmt, dass eine Vielzahl von Gruppierungen an dem Aufstand beteiligt war – eine ganze Gesellschaft war dort vertreten, mit all ihren Unterschieden und WidersprĂŒchen. Es ist davon auszugehen, dass verschiedene Personen an verschiedenen Aktionen gegen das Regime teilgenommen haben, einschließlich an den KĂ€mpfen und PlĂŒnderungen.

Von Anarchist Fighter:

»Der Journalist Maksim Kurnikov sagte in der Morgensendung von Echo Moskwy, dass der Plan, â€șWaffen aus Waffenlagern zu nehmen und dann SicherheitskrĂ€fte anzugreifenâ€č, in Kasachstan nicht neu sei. Genau dasselbe geschah im Juni 2016 in der Stadt Aktobe: Mehrere Dutzend junge MĂ€nner erbeuteten Waffen aus zwei WaffenlĂ€den, beschlagnahmten Fahrzeuge und griffen damit die Nationalgarde an, von der sie besiegt wurden. Die kasachischen Behörden haben sich in diesem Fall sehr verwirrt gezeigt: Es ist immer noch nicht ganz klar, worauf sich ihre Behauptungen ĂŒber eine â€șislamistische Verbindungâ€č stĂŒtzen.

Kurnikov sprach auch von paramilitĂ€rischen Wachmannschaften bei illegalen Ölraffinerien in Westkasachstan, die sich aus Dorfbewohnern zusammensetzen, die von den kasachischen StĂ€dter*innen abschĂ€tzig â€șMambetsâ€č (Kolchosebauern) genannt werden. Diese Gruppen hĂ€tten sich gelegentlich auch bewaffnete Auseinandersetzungen mit Polizeibeamten geliefert.

Was sagt uns das alles? SelbstverstĂ€ndlich sind die Worte von PrĂ€sident Tokajew ĂŒber »im Ausland sorgfĂ€ltig ausgebildete Terrorgruppen« reine Propaganda und höchstwahrscheinlich eine grobe LĂŒge. Dass bewaffnete Zellen, die in der Lage sind, Sicherheitseinrichtungen und Waffenlager in ihre Gewalt zu bringen, plötzlich aus einer bunt zusammengewĂŒrfelten Gruppe hervorgegangen sind, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Abgesehen davon haben wir keine Beweise fĂŒr eine islamistische oder nationalistische Beteiligung an den Ereignissen in Almaty. Es gibt in der kasachischen Gesellschaft grundsĂ€tzlich allerdings organisierte Gruppen, die zu aktivem bewaffneten Widerstand fĂ€hig sind. Es ist wahrscheinlich, dass es sich bei den Personen, die sich auf eine direkte Konfrontation mit den SicherheitskrĂ€ften einließen, zum Teil um Angehörige solcher Gruppen und zum Teil um spontane, selbst organisierte Demonstrant*innen handelte. Es besteht eine Analogie zum Maidan 2014 [zum Beispiel in Kiew], wo die Verteidigung sowohl spontan von der Menge als auch unter Beteiligung radikaler Gruppen, die sich anschlossen, organisiert wurde.

Die Behauptungen ĂŒber die Beteiligung islamischer Fundamentalisten an den Ereignissen mögen in gewissem Maße zutreffen. Sicher ist aber auch, dass die Behörden alle Informationen ĂŒber sie nutzen werden, um alle anderen am Aufstand beteiligten Gruppen, IdentitĂ€ten und Teilnehmer*innen zu diskreditieren. Wirtschaftliche Verzweiflung und soziale und politische Verfolgung treiben die Menschen oft zum Fundamentalismus und zu anderen radikalen Formen.

Laut Anarchist Fighter:

»Die Frage nach dem tatsÀchlichen KrÀfteverhÀltnis zwischen den nichtstaatlichen Akteur*innen der Ereignisse ist nach wie vor dringend:

Der Oppositionsjournalist Lukpan Akhmedyarov Ă€ußerte sich im Radiosender Echo Moskwy ĂŒberzeugt, dass der bewaffnete Angriff auf die Behörden in Almaty das Werk von Nasarbajews Leuten war. Die Argumente fĂŒr seine Überzeugung sind nicht klar.

Es ist bemerkenswert, dass Achmedjarow in seiner Heimatstadt Uralsk auf dem Platz neben den Demonstrant*innen eine Gruppe von mehreren Dutzend organisierten Personen bemerkte, die zu einem Angriff auf das Akimat aufriefen. Auch aus Kostanai wurde eine kleine Gruppe “identisch gekleideter Aufwiegler” gemeldet.

Worum handelt es sich? Eine schattenhafte organisierte Rebellentruppe, kriminelle Gruppen oder tatsĂ€chlich Provokateure aus staatlichen Diensten? Oder handelt es sich vielleicht um ein â€șgewaltfreiesâ€č Narrativ, welches darauf abzielt, die BefĂŒrworter*innen direkter Aktionen sofort als solche zu bezeichnen? Es gibt keine Antworten.

Eines ist klar: Die Einteilung der Demonstrant*innen in â€șfriedlicheâ€č und â€șTerroristenâ€č ist eine Verzerrung der RealitĂ€t. Schon vor den Ereignissen in Almaty gab es Clips aus demselben Uralsk, wo die Demonstrant*innen mutig die Festgenommenen von der Polizei befreiten.

Erlauben wir uns eine Binsenweisheit: Ja, ein radikaler â€șgewalttĂ€tigerâ€č Protest ist keineswegs eine Erfolgsgarantie, und er ist auch nicht immun gegen Provokationen. Aber ein rein â€șgewaltfreierâ€č Protest ist in unserer autoritĂ€ren RealitĂ€t einfach von vornherein zum Scheitern verurteilt. »Ihr seid angehört worden, wir werden das regeln, und die GewalttĂ€tigsten unter euch werden wir ins GefĂ€ngnis stecken« – das ist immer die Antwort der Machthaber in Russland, Belarus, Kasachstan


Die GerĂŒchte ĂŒber Konflikte innerhalb des Machtblocks in Kasachstan und die Spekulationen ĂŒber geopolitische PlĂ€ne, die beim Aufstand im Spiel sind, könnten alle wahr sein. Aber diese GerĂŒchte und Spekulationen in den Mittelpunkt der ErzĂ€hlung ĂŒber die Geschehnisse zu stellen, ist eine Entscheidung, die den zahllosen alltĂ€glichen Menschen, die aus ihren eigenen GrĂŒnden am Aufstand teilgenommen haben, ihre HandlungsfĂ€higkeit abspricht. Wie alle Verschwörungsmythen geht auch diese davon aus, dass die einzigen Menschen, die etwas in so einer Situation zu sagen haben, schattenhafte globale MĂ€chte sind. Solche ErzĂ€hlungen dienen dazu, sowohl die Ereignisse zu beeinflussen – und die Art und Weise, wie andere sich mit ihnen auseinandersetzen. Wenn diese Verschwörungsmythen die Teilnehmer*innen des Aufstands so sehr in Zweifel ziehen, dass sie Menschen davon abhalten, die Demonstrant*innen zu unterstĂŒtzen, die sich gegen wirtschaftliche Ausbeutung und politische Herrschaft zur Wehr setzen, dann haben sie ihr Ziel erreicht.

Ein Thron nach der PlĂŒnderung der PrĂ€sidentenresidenz in Almaty.

Tokajew selbst hat nicht gezögert, die haarstrĂ€ubendsten Geschichten zu verbreiten und behauptet, dass die internationalen Terroristen, die den Aufstand angeblich angefĂŒhrt haben, nicht identifiziert werden können, weil ihre Leichen aus den Leichenhallen gestohlen wurden. Laut Anarchist Fighter:

stellt es sich heraus, dass die Terroristen der Öffentlichkeit nicht gezeigt werden können, selbst wenn sie tot sind. Ihre Mitstreiter haben die Toten direkt aus den Leichenhallen entfĂŒhrt!

Und das Wichtigste ist, dass die kasachischen Behörden ohne Scham offen erklĂ€ren, dass sich radikale Demonstrant*innen als Polizisten und Soldaten verkleidet haben (!!!), so dass jede GrĂ€ueltat der Staatsorgane den RevolutionĂ€r*innen selbst zugeschrieben werden kann. Vielleicht wurden die Demonstrant*innen von den â€șVerkleidetenâ€č erschossen? Und wenn sich nun herausstellt, dass die Kinder und Journalist*innen von MĂ€nnern in Uniform und mit Schulterriemen erschossen wurden – dann wissen sie schon: NatĂŒrlich waren es die verkleideten â€șRandaliererâ€č und nicht die brutalen Henker der Tokajew-SpezialkrĂ€fte.

Abgesehen von der Frage, wer an dem Aufstand beteiligt war, ist es wichtig zu fragen, wer von seiner Niederschlagung profitiert. Wie es in einem Kommentar heißt:

Putin ist kein Nationalist, sondern ein Garantiegeber. Er garantiert die Sicherheit der postsowjetischen Elite und die Sicherheit ihres Eigentums. FrĂŒher garantierte er dies nur in der Russischen Föderation, aber jetzt scheint er es auch in Kasachstan zu garantieren. Schließlich gibt es auch dort russisches Kapital.

Schauen wir uns die Forbes-Liste von Kasachstan an. Dort sind die wahren Nutznießer der friedenserhaltenden Maßnahmen aufgefĂŒhrt. Die Liste ist im Übrigen interessant international. Die ersten beiden Zeilen sind von den kasachischen Koreanern von Kim besetzt. Der erste ist HauptaktionĂ€r von KAZ Minerals, einer â€șbritischen Kupfergesellschaftâ€č, wie Wikipedia sie beschreibt. Im Jahr 2021 ist sein Vermögen um 600 Millionen Dollar gestiegen. Der zweite Kim ist zusammen mit Baring Vostok EigentĂŒmer einer der wichtigsten kasachischen Banken, der Kaspi Bank, die ebenfalls in London gehandelt wird und trotz der Pandemie ein beeindruckendes Wachstum verzeichnet hat. An dritter Stelle steht ĂŒberraschenderweise der georgische StaatsbĂŒrger Lomatdze, der ebenfalls MiteigentĂŒmer der Kaspi Bank und deren Manager ist.

Dann kommt ein gewisser Bulat Utemuratow, der sich in der Regierung Nasarbajew in den 90er Jahren auf den Außenhandel spezialisiert hatte. Ihm gehört die ForteBank, deren Nettogewinn im Jahr 2020 »53,2 Milliarden Tenge” (121 Millionen Dollar) betrug, sowie die wichtigsten Anteile an den großen Mobilfunkbetreibern, 65 % des Goldminenunternehmens RG Gold und eine Reihe anderer Vermögenswerte, darunter ein Burger-King-Franchise und Ritz-Carlton-Hotels in Nur-Sultan, Wien und Moskau« 


Den fĂŒnften und sechsten Platz teilen sich die Tochter und der Schwiegersohn von Nasarbajew. Sein Schwiegersohn, Timur Kulibajew, besitzt »die Mehrheitsbeteiligung an der Steppe Capital Pte Ltd. in Singapur«, der die â€șniederlĂ€ndischeâ€č KazStroyService Infrastructure BV und Asset Minerals Holdings (Caspi Neft JSC, 50 % von Kazazot JSC) gehören.

Dinara Kulibajewa, die Tochter von Nasarbajew, ist zusammen mit ihrem Mann EigentĂŒmerin der kasachischen Halyk Bank, deren »Marktkapitalisierung 3,1 Milliarden Pfund (4,3 Milliarden Dollar) erreicht hat«. An siebter Stelle steht ein russischer Finanzspekulant und GrĂŒnder der â€șamerikanischen Investmentgesellschaftâ€č Freedom Holding Corp. Timur Turlov. »Laut Jahresabschluss des Unternehmens verdreifachte sich das Vermögen im Jahr 2020 auf 1,47 Milliarden Dollar (453,5 Millionen Dollar im Jahr 2019), das Eigenkapital verdoppelte sich fast auf 225,5 Millionen Dollar (131,3 Millionen Dollar), der Nettogewinn verzehnfachte sich auf 42,3 Millionen Dollar (4 Millionen Dollar).«


 und so geht es weiter.

Auf der anderen Seite der Barrikaden stehen all jene, die entweder fĂŒr 300 Dollar im Monat (so ungefĂ€hr wird der Durchschnittslohn in Kasachstan geschĂ€tzt) fĂŒr all diese Bonzen arbeiten, indem sie Mineralien fĂŒr â€șbritischeâ€č und â€șsingapurischeâ€č Unternehmen abbauen oder ihre MitbĂŒrger*innen im Dienstleistungssektor bedienen, der ebenfalls zu all diesen Unternehmen gehört; oder diejenigen, die ĂŒberhaupt keine Arbeit in großen und mittelstĂ€ndischen Unternehmen gefunden haben, deren Verdienst nur geschĂ€tzt werden kann (es wird angenommen, dass er noch niedriger ist). Die Arbeiter*innen, die sich um die Unternehmen scharen, fordern soziale Garantien (niedrigere Versorgungspreise, kostenlose medizinische Versorgung, höhere Löhne usw.). Diejenigen, die noch nicht einmal Arbeiter*innen sind, versuchen einfach, ihr Einkommen direkt von Einzelhandelsketten und Banken durch eingeschlagene Fensterscheiben und geplĂŒnderte GeschĂ€fte zu bekommen.

In Anbetracht der Tatsache, dass die Arbeiter*innen mit Sicherheit entlassen werden, sobald die Unruhen nachlassen, kann ihr Vorgehen nicht als irrational oder ungerecht bezeichnet werden.

Das Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar; ein Foto von Zhanabergen Talgat.

Noch einmal zum avtonom.org-Podcast â€șTrends of order and chaosâ€č:

»Die kasachischen Behörden und PrĂ€sident Tokajew hatten von vornherein kein Vertrauen in ihre eigenen Polizei- und Regierungsstrukturen. Die Polizei und die Armee hatten bereits begonnen, sich auf die Seite der Rebell*innen zu schlagen, und es war offensichtlich, dass diverse AusgĂ€nge möglich waren. Unter diesen UmstĂ€nden entschied sich Tokajew fĂŒr den letzten Ausweg: die Entsendung von Strafeinheiten aus den NachbarlĂ€ndern. Das war politischer Selbstmord: Er gab zu, dass er sich im Krieg mit seiner eigenen Bevölkerung und sogar mit seinem eigenen Staatsapparat befand.«

Die Situation in Kasachstan ist sehr schnell eskaliert – nicht nur durch die Proteste, sondern auch durch die BrutalitĂ€t, mit der sie unterdrĂŒckt wurden. Die KĂ€mpfe auf den Straßen sind eine Folge der Art und Weise, wie die Geduld der Menschen in Kasachstan seit Jahrzehnten auf die Probe gestellt worden ist. Die kasachische Gesellschaft hat schon frĂŒher KĂ€mpfe und Schießereien auf der Straße erlebt – 1986, als die Regierung von Michail Gorbatschow einen Aufstand in Almaty niederschlug und ein Massaker anrichtete2 und 2011, als die Polizei auf streikende Arbeiter in Zhanaozen schoss und Dutzende tötete.

Als die ersten Nachrichten ĂŒber eine militĂ€rische Intervention im Land auftauchten, schien dies keinen großen RĂŒckschlag fĂŒr den Aufstand zu bedeuten. Die KĂ€mpfe hörten nicht auf – im Gegenteil, sie nahmen zu. Wir sahen Videos von entwaffneten Soldaten in der Menschenmenge, die begrĂŒĂŸt wurden, weil sie die Seiten gewechselt hatten.

Dann wurde das Internet abgeschaltet. Der offizielle Grund fĂŒr die Internetsperre war, »die Terroristen aus verschiedenen LĂ€ndern, die in Almaty kĂ€mpfen, daran zu hindern, sich mit ihrem Hauptquartier zu koordinieren«. Dies fĂŒhrte zu einem entscheidenden Mangel an Informationen aus den Orten, an denen der Aufstand stattfand, was es leichter machte, die Ereignisse falsch darzustellen. In einer Zeit, in der alles gefilmt, fotografiert, hochgeladen und geteilt wird, dient das Abschneiden eines sozialen Aufstands von den Kommunikationsmitteln dazu, ihn aus der RealitĂ€t auszulöschen und einen Raum zu schaffen, in dem Unwahrheiten gedeihen können.

Riot-Cops, die die KĂ€mpfe in Kasachstan von ihrem Beobachtungsposten aus filmen. Der Krieg um Informationen findet immer auf einem ungleichen Schlachtfeld statt.

Eines der wichtigsten Ereignisse fand jedoch im Verborgenen statt: die Intervention der OVKS. Dies machte gleich mehrere WidersprĂŒche deutlich. Offiziell als »friedenserhaltende Hilfe der Organisation des Vertrags ĂŒber kollektive Sicherheit (OVKS)« bezeichnet, umfasst sie ein Kontingent von bis zu 200 Hundert Soldaten aus Armenien und Tadschikistan, 500 aus Belarus von Diktator Lukaschenko (der vor kurzem einen eigenen Aufstand niedergeschlagen hat), eine nicht nĂ€her bezeichnete Anzahl kirgisischer Soldaten und 3000 Soldaten aus Russland. Es ist bezeichnend, dass die russischen FallschirmjĂ€ger, die nach Kasachstan verlegt wurden, von Anatoliy Serdyukov kommandiert werden, der Erfahrungen mit den Kriegen in Tschetschenien, der Annexion der Krim und dem Krieg in Syrien hat. Hier können wir die imperialen AktivitĂ€ten Russlands in vollem Umfang sehen.

In Kasachstan versucht das Regime, mit allen Mitteln an der Macht zu bleiben, und lĂ€dt sogar benachbarte Diktaturen zum Einmarsch ein. FĂŒr die Menschen in Kasachstan dĂŒrfte dies den endgĂŒltigen Verlust jeglicher LegitimitĂ€t bedeuten, die Tokajew in ihren Augen gehabt haben könnte. Jeder in der Region kann sehen, dass die OVKS die Einheit ihrer Regierungen gegen ihre Bevölkerung darstellt.

laut avtonom.org:

Ein PrĂ€sident, der die Menschen in seinem eigenen Land als â€șterroristische Bandenâ€č bezeichnet, stellt selbst fĂŒr die Standards postsowjetischer autoritĂ€rer â€șRepublikenâ€č einen Tiefpunkt dar.

In Wirklichkeit handelt es sich um eine gewaltsame Invasion eines anderen Landes auf der Seite der Behörden, die das Vertrauen der Bevölkerung verloren haben. Es wĂŒrde die endlose Wiederholung des Szenarios »Das GefĂ€ngnis der Nationen« bedeuten und wĂ€re gleichzusetzen mit der Niederschlagung der ungarischen Revolutionen 1848 und 1956, mit Panzern in den Straßen von Prag 1968 und mit der Invasion in Afghanistan 1979.

Die ausgebrannte HĂŒlle eines MilitĂ€rfahrzeugs in Almaty, fotografiert am 7. Januar. Keine Regierung ist unbesiegbar, nicht einmal das mĂ€chtigste Imperium.

Von Anarchist Fighter:

»Der aktuelle Aufstand in Kasachstan begann mit den Protesten in Zhanaozen. Dieselbe Stadt, in der die Behörden im Dezember 2011 auf streikende Ölarbeiter*innen schossen. Die Tragödie in Zhanaozen hat die Protestkultur in Kasachstan geprĂ€gt. Die Menschen haben das Andenken an die Toten hochgehalten. Die Pflicht der Lebenden ist es, die Arbeit der Gefallenen fortzusetzen.

Und im Januar 2022 stand Zhanaozen wieder auf. Die erste Stadt des Landes, ein Beispiel fĂŒr alle anderen. Der formale Grund fĂŒr die Proteste war die Erhöhung der Gaspreise und der steigenden Lebensmittelpreise. Aber, wie Michail Bakunin feststellte, reicht die bloße Unzufriedenheit mit der materiellen Situation fĂŒr eine Revolution nicht aus, es bedarf einer mobilisierenden Idee. In Kasachstan war eine solche Idee die LoyalitĂ€t zu den KĂ€mpfer*innen, die 2011 starben. Die Arbeiter*innen, die damals unter den Kugeln starben, werden die Welt, von der sie trĂ€umten, nie sehen, aber der Tod um eines Traums willen wurde zu einem Auftrag fĂŒr die Lebenden, ihre Sache weiterzufĂŒhren. Und so gibt es fĂŒr die Rebell*innen in Kasachstan jetzt keinen Weg mehr zurĂŒck.

Von der rebellischen Kultur Kasachstans können wir viel lernen. Auch wir mĂŒssen das Andenken an die MĂ€rtyrer*innen der Befreiungsbewegung in Russland und Belarus bewahren. An Michael Zhlobitsky, Andrey Zeltzer, Roman Bondarenko und andere Held*innen. Sie starben, um uns mutiger und stĂ€rker zu machen, und wir sind ihnen zu Dank verpflichtet. Wir mĂŒssen erzĂ€hlen, wie sie gelebt haben und wofĂŒr sie ihr Leben gegeben haben. Wie die Ereignisse in Kasachstan zeigen, sind gefallene MĂ€rtyrer*innen in der Lage, die Menschen zum Aufstand zu bewegen.«

Die TrĂŒmmer der Revolte: Almaty nach dem Aufstand.

Um mehr ĂŒber die Ereignisse in Kasachstan zu erfahren, haben wir uns an zwei Anarcha-Feministinnen aus Almaty gewandt, die einige Situationen des Aufstands miterlebt haben. Sie waren nicht bei den ZusammenstĂ¶ĂŸen dabei, aber beteiligen sich seit Jahren an den feministischen AktivitĂ€ten in der Stadt3. Sie vertreten, nach allem, was wir finden konnten, am ehesten einen »neutralen« Standpunkt zu den Ereignissen.

Anarchistische Feministinnen in Almaty am Internationalen Frauentag, 8. MĂ€rz 2021.

Stellt euch und die Situation, aus der ihr sprecht, bitte kurz vor.

Wir sind zwei Anarchistinnen aus Kasachstan. Wir haben in den letzten elf Jahren an vielen linken Anarcha-Fem-Öko-, Tierbefreiungs- und Vegan-AktivitĂ€ten in Almaty teilgenommen, aber im Moment sind wir nicht so aktiv.

Mir ist keine anarchistische Bewegung in Kasachstan im 21. Jahrhundert bekannt. In den 1990ern gab es einige AktivitĂ€ten im Untergrund, aber aktuell gibt es nichts dergleichen. Ich habe frĂŒher an einer linken marxistischen Gruppe teilgenommen: Treffen, ein Lesekreis, einige öffentliche VortrĂ€ge. Ich weiß nicht, was die Ex-Mitglieder jetzt machen. Ich höre nichts von irgendwelchen »linken« Gruppen hier.

Ich war eine der Organisatorinnen einer der ersten feministischen Bewegungen in Kasachstan – Kazfem. Wir haben öffentliche Aktionen und Performances, zum Beispiel zum 8. MĂ€rz [Internationaler feministischer Kampfag], organisiert und die feministische Zeitschrift YudolÊŒ herausgegeben.

Es gibt hier eine liberale Jugendbewegung namens Oyan Kazakhstan (»Wach auf, Kasachstan«), die jetzt aktiv ist. Sie organisiert Versammlungen, Performances und Demos und wird oft von der Polizei schikaniert. Sie entstand nach der Banneraktion, die Beibarys Tolymbekov und Asya Tulesova beim Stadtmarathon 2019 durchfĂŒhrten. Sie hatten entlang der Marathonstrecke in Almaty ein Transparent mit der Aufschrift »Du kannst nicht vor der Wahrheit davonlaufen« aufgehĂ€ngt – ein Kommentar zu den PrĂ€sidentschaftswahlen – und wurden dafĂŒr 15 Tage ins GefĂ€ngnis gesteckt, was vor allem in den sozialen Medien große Aufmerksamkeit auslöste. Es gibt einen Verschwörungsmythos dass all diese Aktivist*innen auf der Seite der Regierung sind, weil niemand mehr im GefĂ€ngnis sitzt, aber ich glaube nicht, dass das stimmt. Ich kenne viele von ihnen persönlich. Sie unterstĂŒtzen auch feministische und LGBTQ-AktivitĂ€ten. Von der Gegenseite – vor allem die Hater im Internet und in einigen staatlichen Medien – wird behauptet, dass dies alles das Werk â€șdes Westensâ€č (Europa und der Vereinigten Staaten) sei.

Kasachstan ist ein autoritĂ€res Land. Wir hatten 28 Jahre lang denselben PrĂ€sidenten [Nursultan Nasarbajew], und der neue [Kassym-Jomart Tokajew] ist nur eine Marionette. Aber als der erste PrĂ€sident aufhörte, begannen die Menschen, ĂŒber VerĂ€nderungen nachzudenken. Der Personenkult um Nursultan Nasarbajew ist auch nach seinem RĂŒcktritt nicht verschwunden. Die Hauptstadt Astana wurde in â€șNursultanâ€č umbenannt, was viele Proteste auslöste. In den letzten Jahren hat sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert, insbesondere nach der Pandemie, der sehr hohen Inflation, der Korruption usw. Außerdem wurde Land in großem Umfang an China und andere LĂ€nder verkauft und verpachtet.

Vor zehn oder sogar fĂŒnf Jahren waren mehr Menschen dem PrĂ€sidenten gegenĂŒber loyal. Damals gab es die Hoffnung, dass Kasachstan sich »entwickeln« wĂŒrde, dass es bald besser werden wĂŒrde. Selbst bei den Ereignissen in Zhanaozen im Jahr 2011, als protestierende Arbeiter*innen erschossen wurden, gab es nur sehr wenig UnterstĂŒtzung aus Almaty. Viele Menschen waren der Meinung, dass das, was dort geschah, richtig war. Wenn es frĂŒher Proteste gab, wurden sie von der Ă€lteren Generation, von Arbeiter*innen und Menschen aus den Regionen, den Auls (Dörfern), organisiert und unterstĂŒtzt, in der Regel angefĂŒhrt vom zwielichtigen OppositionsfĂŒhrer Muchtar Obljasow. Doch in den letzten drei Jahren sind junge Menschen aus der stĂ€dtischen Mittelschicht zu politischen Aktivist*innen geworden. Übrigens glaube ich, dass die ökologischen Probleme in Almaty – die Umweltverschmutzung ist extrem und wird von Jahr zu Jahr schlimmer – neben den sozialen Medien der Hauptgrund fĂŒr die Jugendproteste hier sind.

Stadtzentrum von Almaty, 5. Januar.

ErzÀhlt uns, was ihr in der ersten Januarwoche in Almaty erlebt habt.

Kurz nach Neujahr erreichten uns Nachrichten ĂŒber einen Arbeiteraufstand in Zhanaozen. Der Protest war friedlich, aber die Forderungen waren ziemlich radikal – von niedrigeren Gaspreisen bis zum RĂŒcktritt der Regierung. Auch in anderen StĂ€dten begannen Proteste. Es wurde bekannt, dass es am 4. Januar SolidaritĂ€tsaktionen in Almaty geben wĂŒrde, aber ich hatte keine genauen Informationen. Auf dem Heimweg erfuhr ich von Protesten in verschiedenen Teilen der Stadt und von der Verhaftung von Aktivist*innen durch Oyan Kazakhstan [von der bereits erwĂ€hnten liberalen Jugendbewegung]. Ich wohne etwas außerhalb der Stadt, in den Bergen, und schon zu Hause wurde mir klar, dass etwas Ernstes im Gange war. Am Abend gingen alle Internetverbindungen offline. Ich wusste nicht, wohin ich gehen und ob ich zurĂŒckkommen konnte.

Mein Genosse Daniyar Moldabekov, ein politischer Journalist, schrieb ĂŒber die Geschehnisse in der Stadt wĂ€hrend dieser Zeit:

Als sich die Demonstrant*innen dem Platz nĂ€herten, begann die Polizei, Blendgranaten und TrĂ€nengas zu werfen. Ich und Tausende andere bekamen kaum Luft, unsere Augen und Gesichter brannten, uns war ĂŒbel, wir husteten unaufhörlich. Es ist ein Wunder, dass ich nicht ohnmĂ€chtig wurde. Zwischen 23.00 Uhr und 4.00 Uhr morgens, als meine Kolleg*innen mich nach Hause bringen mussten, mĂŒssen sie mehr als hundert Blendgranaten abgefeuert haben. Ich konnte die Explosionen noch von meiner Wohnung aus hören.

Etwa eine Stunde, nachdem die Menge den Platz der Republik erreicht hatte, ging sie hinunter zur Abai-Straße. Dort sahen sie sich einem gepanzerten Mannschaftswagen gegenĂŒber, der in ihre Richtung kam. Ein Lastwagen fuhr mit BĂŒrger*innen vorbei, die kasachische Fahnen schwenkten. Einige von ihnen hielten Schilde, die sie offenbar der Bereitschaftspolizei entrissen hatten.

Die ganze Nacht ĂŒber hörte man von Explosionen. Ich weigerte mich erst, das zu glauben. Ich rief einen halben Tag lang alle an, hörte von Opfern. Das Akimat (Rathaus) wurde besetzt. Alle versuchten, uns zu ĂŒberreden, zu Hause zu bleiben. In der Annahme, dass die Proteste einen nationalistischen Charakter haben könnten, begannen einige Leute, Angst zu bekommen (ich bin Russin in Kasachstan). Es gab keine Informationen darĂŒber, wer sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Platz oder in der Stadt aufhielt. Meine Freundin und ich beschlossen, uns selbst ein Bild zu machen.

Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar.

Die Stadt war halb leer. Autos mit kasachischen Fahnen fuhren durch die Straßen, fröhliches Rufen, alles war geschlossen. An den TĂŒren hingen Schilder mit der Aufschrift »Wir sind bei den Menschen«. Eine AtmosphĂ€re der Aufregung. Als wir uns dem Platz nĂ€herten, sahen wir Gruppen junger MĂ€nner, manche hatten Stöcke in der Hand. Ich sah einen Schulterriemen der Polizei auf der Straße liegen. Es war ein bisschen unheimlich, aber niemand war aggressiv. Am Denkmal fĂŒr die Ereignisse von 1986, dem Aufstand gegen das Sowjetregime, trafen wir auf Demonstrierende mit Polizeischilden. Es war kein einziger Polizist oder Soldat zu sehen.

Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar. Auf dem Schild an der TĂŒr steht »Wir sind bei den Menschen«.

Dann sahen wir das Akimat brennen. Wir trauten unseren Augen nicht. Jemand schlug die TĂŒren des GebĂ€udes gegenĂŒber des Akimat ein. Dort befinden sich Fernsehsender und andere staatliche Einrichtungen. Wieder kamen MĂ€nner auf uns zu: »Warum seid ihr hier?« (Sie meinten: Warum seid ihr gekommen, wo ihr doch russisch seid?) »Das ist meine Stadt und mein Land und auch Ihres«, antwortete ich. Sie begrĂŒĂŸten uns freundlich.

Wir boten den Demonstrierenden heißen Tee an. Ein Mann erzĂ€hlte uns, dass er von Anfang an bei den Protesten dabei war, dass alles friedlich begann, bis die Behörden anfingen, Blendgranaten zu zĂŒnden und Gewalt anzuwenden. Lediglich in der NĂ€he des Akimat-GebĂ€udes blieben SicherheitskrĂ€fte. Er und andere MĂ€nner dort hatten gesehen, wie Menschen in den Kopf geschossen wurde. Sie riefen Taxis, um sie ins Krankenhaus zu bringen. Er erzĂ€hlte uns, dass sie planten, den Flughafen zu besetzen, damit das russische MilitĂ€r dort nicht landen könne. Viele hochrangige Regierungs- und GeschĂ€ftsleute hatten das Land bereits mit PrivatflĂŒgen verlassen.

Keiner der Menschen, die wir auf dem Platz sahen, wirkte wie ein »Marodeure« [sic]. Sie wollten den RĂŒcktritt der Regierung. Niemand hatte den Befehl dazu erteilt. Dies war ein landesweiter Arbeiter*innenaufstand. Niemand hatte Angst zu sterben, aber wir sahen auch keine Wut. Sie zeigten uns Verletzungen durch Gummigeschosse und warnten uns, dass es bald zu Schießereien kommen wĂŒrde und dass es besser wĂ€re, wenn wir gehen wĂŒrden. GerĂ€usche von Explosionen und SchĂŒssen kam immer nĂ€her, also gingen wir. Ein Mann nahm uns in seinem Auto mit. An diesen Tagen zeigten sich die Menschen untereinander sehr solidarisch.

Meine Freund*innen und ich beschlossen, zusammen in meinem Haus außerhalb des Stadtzentrums zu bleiben. Wir waren alle aufgeregt. Um Mitternacht, zwischen dem 5. und 6. Januar, wurden alle Internetverbindungen gekappt. Vier Tage waren wir isoliert; wir konnten nur noch telefonieren, und auch das funktionierte nicht gut. In dieser Nacht verließen alle öffentlichen Dienste die Stadt, einschließlich der Feuerwehr und der medizinischen Versorgungsdienste. Freiwillige löschten die BrĂ€nde. Außerdem versuchten einige Demonstrierende, »RĂ€uber« zu stoppen.4

Am 7. Januar funktionierten einige GeschĂ€fte und Geldautomaten fernab des Stadtzentrums noch. In diesem Teil der Stadt war grĂ¶ĂŸtenteils alles ruhig und aufgerĂ€umt, mit Ausnahme der ausgebrannten RegierungsgebĂ€ude. Am Vortag war es möglich gewesen, in die GebĂ€ude zu gelangen, sie wurden nicht bewacht. Diesmal machten wir ein paar Fotos, dann war in der NĂ€he ein Schuss zu hören, und wir verließen den Ort.

Am Abend des 9. Januar war es möglich, ĂŒber Proxy-Dienste eine Internetverbindung herzustellen. Eine mobile Verbindung war immer noch nicht verfĂŒgbar. Am Morgen des 10. Januar funktionierte die Verbindung ĂŒberall, allerdings nur bis 13 Uhr und dann von 17:30 bis 19:30 Uhr.

Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar.

Außerhalb Kasachstans wurde viel darĂŒber geredet, wer â€șhinterâ€č den Protesten steckt. Sind diese Anschuldigungen ĂŒberhaupt glaubwĂŒrdig? Wir haben auch einige Nachrichtenberichte gesehen, in denen behauptet wird, dass ZusammenstĂ¶ĂŸe zwischen rivalisierenden Fraktionen innerhalb der Machtstruktur ebenfalls zu der Situation beitragen. Inwieweit glaubt ihr, dass der islamistische Fundamentalismus in diese Ereignisse verwickelt ist?

PrĂ€sident Tokajew regiert immer noch, trotz der GerĂŒchte ĂŒber seinen RĂŒcktritt. Jetzt verbreiten die staatlichen Fernsehsender und Medien so viele Desinformationen und Propaganda. Es ist noch sehr frĂŒh, um Schlussfolgerungen zu ziehen, aber einige Dinge sind klar.

Alles begann mit einem populĂ€rem Aufstand. Ja, sie haben Akimat verbrannt, aber niemand hat sie angefĂŒhrt. Sie wollten nur das alte Regime loswerden. Sie waren keine â€șKriminellenâ€č [sic].

Nachdem es losging, tauchten einige andere KrĂ€fte auf. Wir wissen nicht, wer sie waren. Aber es stimmt, dass sie organisiert waren. Aber von wem? Jetzt gibt es viele GerĂŒchte. In einigen offiziellen Medien heißt es, sie kĂ€men aus [dem benachbarten] Kirgisistan, wo es seit der UnabhĂ€ngigkeit mehrere Revolutionen gegeben hat [wie Kasachstan wurde Kirgisistan nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 unabhĂ€ngig]. Diese Medien verbreiten auch Berichte ĂŒber die Taliban oder Dschihadisten. Leute, die ich persönlich kenne, sagten, sie hĂ€tten auf der Straße Leute gesehen, die â€șwie die aussahenâ€č [sic].

Hier in Kasachstan habe ich noch kein GesprĂ€ch ĂŒber die CIA [die Central Intelligence Agency der US-Regierung] gehört. Ich denke, das ist russische Propaganda.

Der ehemalige Berater des PrĂ€sidenten hat Behauptungen ĂŒber eine Verschwörung innerhalb der Regierungsstrukturen aufgestellt und behauptet, dass es mehrere Jahre lang â€șAusbildungslagerâ€č in den Bergen gab und das Nationale Sicherheitskomitee diese Informationen verheimlicht hat. Er behauptete: »Ich habe exklusive Informationen, dass zum Beispiel 40 Minuten vor dem Angriff auf den Flughafen der Befehl erteilt wurde, die Absperrung und die Wachen vollstĂ€ndig zu entfernen.«

Almaty, 7. Januar.

Was wisst ihr ĂŒber die innere Dynamik des Aufstands?

Jeder außerhalb Kasachstans versucht zu analysieren, was vor sich geht. Ich denke, dass selbst wir, die Einwohner*innen des Landes, noch lange nicht verstehen werden, was genau passiert ist. Abgesehen davon, dass es jetzt keine stabile Internetverbindung gibt, werden alle Nachrichtensender stark zensiert, und es wird noch schlimmer werden.

Ich werde nicht auf jene Theorien eingehen – aber es kursieren welche ĂŒber verschiedene MachtkĂ€mpfe zwischen dem Nasarbajew-Clan und anderen Machtsuchenden: zum Beispiel gibt es eine Theorie, dass Tokajew mit Hilfe des russischen MilitĂ€rs seine Machtposition sichert.

Das Erschreckende daran ist, dass Zehntausende beteiligt waren und ihre guten Absichten, die sozialen und politischen VerhĂ€ltnisse zum Wohle aller zu verĂ€ndern, nun von einigen wenigen dazu benutzt werden, die Ressourcen des Landes neu unter sich aufzuteilen. Ja, alles begann mit den wirtschaftlichen Forderungen der Arbeiter*innen in Westkasachstan, die gegen den starken Anstieg der Gaspreise protestierten. Dann wurden die Forderungen politisch: RĂŒcktritt der Regierung und des PrĂ€sidenten, Wahl von Akims (BĂŒrgermeistern) und eine parlamentarische Republik. Einige der Forderungen wurden erfĂŒllt, aber nicht sofort, und als sie ignoriert wurden, breitete sich eine Welle des Protests und der SolidaritĂ€t in allen StĂ€dten Kasachstans aus, so dass es von außen wie ein großer revolutionĂ€rer Ausbruch aussah, den es in unserem Land in dreißig Jahren autoritĂ€ren Regimes nicht gegeben hat.

Wir können jetzt nichts mit Sicherheit sagen, außer einer Sache: Dieser Protest hatte keinen öffentlichen AnfĂŒhrer*innen, und die Straßenunruhen und Besetzungen von VerwaltungsgebĂ€uden hatten keine klaren Forderungen. Aber es gab Morde und viele Opfer in der Bevölkerung, erst in den KĂ€mpfen mit der Polizei, dann, als die Polizei abgezogen war, untereinander auf den Straßen und schließlich durch die Erschießung von Zivilist*innen durch die StreitkrĂ€fte Kasachstans und der OVKS.

Die Massenmedien, die weiter arbeiten durften, begannen, ĂŒber Radikale und Islamisten zu berichten und dabei das Bild des Feindes von außen zu zeichnen. Davor, in den ersten Tagen der Proteste, gab es einen Diskurs, in dem zu einem »friedlichen Dialog mit den Demonstranten« aufgerufen wurde – und einen Tag spĂ€ter gab es bereits den Schießbefehl. Nach dem Einmarsch der OVKS-Truppen und zwei Tagen stĂ€ndiger Schießereien auf den Straßen setzte Tokajew die Demonstrantinnen mit Terroristen gleich, ebenso Aktivisten und Menschenrechtlerinnen, und unabhĂ€ngige Medien wurden zu einer Bedrohung fĂŒr die StabilitĂ€t erklĂ€rt. Im Zuge dieser Feindbildsuche Ă€ndert sich der staatliche Diskurs stĂ€ndig: Gestern waren es angeblich Arbeitslose aus Kirgisistan, denen Geld geboten wurde, heute sind es Radikale aus Afghanistan. Wir alle hoffen, dass es morgen nicht die Aktivist*innen sein werden, die sich in den letzten drei Jahren fĂŒr politische Reformen in Kasachstan eingesetzt haben und zu Kundgebungen erschienen sind.

Das Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar.

Was könnt ihr uns ĂŒber die Repressionen sagen?

Der kirgisische Musiker Vicram Ruzakhunov wurde von den kasachischen Behörden als â€șTerroristâ€č verhaftet, gefoltert und gezwungen, ein Video aufzunehmen und zu â€șgestehenâ€č. Jetzt ist er wieder frei. Der unabhĂ€ngige Lokaljournalist Lukpan Akhmediyarov wurde verhaftet. Ein anderer unabhĂ€ngiger Journalist, Makhambet Abjan, teilte mit, dass am 5. Januar die Polizei in seiner Wohnung war; nun wird er vermisst. Meine Freund*innen und viele andere Menschen berichten, dass auch ihre Verwandten und Freund*innen vermisst werden. Die Behörden haben bereits den Tod hunderter Menschen bestĂ€tigt, darunter zweier Kinder. Gewerkschafter*innen werden vermisst, darunter Kuspan Kosshigulov, Takhir Erdanov und Amin Eleusinov und seine Angehörigen. In Almaty wurde auf Journalisten des Kanals DozhdÊŒ (йДлДĐșĐ°ĐœĐ°Đ» Đ”ĐŸĐ¶ĐŽŃŒ), die versuchten, in der stĂ€dtischen Leichenhalle zu filmen, geschossen (sie wurden nicht verletzt). Am 6. Januar waren auf dem Platz einige Aktivist*innen, die ein Transparent trugen mit der Aufschrift »Wir sind keine Terroristen«. Die Polizei schoss auf sie und tötete mindestens einen.

Das Stadtzentrum von Almaty am 5. Januar; ein Foto von Zhanabergen Talgat.

Wie wird der Einmarsch russischer Truppen in Kasachstan eurer Meinung nach die Situation langfristig verÀndern?

Der Einmarsch der russischen Truppen ist sehr beunruhigend. Im Falle eines Krieges mit der Ukraine kann man sich die schlimmsten Szenarien ausmalen. Alle, die ich kenne, sind sich einig, dass dies unangemessen ist und dass man es eine Besetzung nennen kann.

Ich persönlich befĂŒrchte, dass der Einmarsch russischer Truppen den ohnehin schon starken Einfluss Russlands auf Kasachstan politisch zementieren wird und Kasachstan sich dem Russland anpassen wird, das wir aktuell kennen: mit gefolterten Aktivist*innen und erfundenen FĂ€llen. Unsere politische Opposition ist bereits vollstĂ€ndig zum Schweigen gebracht worden, und die Bevölkerung des Landes ist völlig eingeschĂŒchtert. Wenn man bedenkt, dass dies die zweite Schießerei wĂ€hrend der Proteste ist (2011 und 2022), und dass es in der Geschichte Kasachstans 1986 auch eine brutale Niederschlagung eines Aufstands unter der UdSSR gab, und die Informationen ĂŒber die Zahl der damals getöteten Menschen immer noch geheim sind
 dann gibt es keine Hoffnung, dass wir in naher Zukunft wissen werden, was wirklich passiert ist und wie viele Menschen getötet und verletzt wurden. Die Zahl geht höchstwahrscheinlich in die Tausende.

Was glaubt ihr, wird als NĂ€chstes passieren?

Es ist noch zu frĂŒh, um sich in einer Situation des Krieges um Informationen, Propaganda und Isolation eine Vorstellung zu machen. Ich bin keine politische Expertin.

Mit Sicherheit wird die Repression jetzt zunehmen. Das Internet und alle Medien werden zensiert werden. Jetzt versucht die Regierung, ein “freundliches Gesicht” aufzusetzen, als wĂ€ren sie die Retter, die uns vor den Terrorist*innen gerettet haben. Ich bin mir nicht sicher, ob das funktionieren wird. Aber ich denke, dass es vorerst ruhig bleiben wird. Die Menschen sind zu verĂ€ngstigt und schockiert.

Gibt es irgendetwas, was Leute außerhalb Kasachstans tun können, um euch oder andere dort zu unterstĂŒtzen?

Informationen verbreiten. Vielleicht wird es bald mehr Repressionen geben, und einige Aktive werden Hilfe benötigen, um das Land zu verlassen.

Aber das wichtigste ist die Informationsarbeit. Nach den PrĂ€sidentschaftswahlen 2019 wurden wir alle bei den Kundgebungen verhaftet, und die einzigen, die darĂŒber berichteten, waren auslĂ€ndische Medien und unabhĂ€ngige kasachische Medien – von denen es nur sehr wenige gibt. Jetzt ist es sehr wichtig, dass der blutige Januar in Kasachstan nicht nur ein schönes revolutionĂ€res Bild war, wie viele linke Publikationen schreiben, sondern auch, dass er nicht als ein terroristischer Akt von außen in Erinnerung bleibt, wie offizielle Stellen aus diversen LĂ€ndern Glauben machen wollen.



  1. Januar: Ein Blick auf Almaty im Rauch, am Tag danach.

Teile der Übersetzung: Jan Ole Arps / analyse & kritik




Quelle: Endofroad.blackblogs.org