November 29, 2022
Von Paradox-A
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Bei einer meiner Veranstaltungen tauchte Ralf G. Landmesser auf und drückte mir freundlicherweise ein kleines rotes Büchlein in die Hand. Er wies mich darauf hin, dass dieser KalendA von 1995 auch für das kommende Jahr 2023 gültig sei. Vor 27 Jahren befand sich dieser anarchistische Taschenkalender schon in der 13. Ausgabe. Eigentlich gar nicht so lange her – und dennoch haben sich die Zeiten in vielerlei Hinsicht grundlegend geändert.

War es damals beispielsweise auch mit antinationalem Anliegen noch ein Skandal, dass Deutschland „wieder vereint“ wurde, kräht danach heute kein Hahn mehr. Die Proteste am 03.10. in Erfurt wurden dieses Jahr mangels Interesse abgesagt. Auch Themen wie Cannabis-Legalisierung, welche die Genoss*innen dazumal stark beschäftigten, werden heute von institutionalisierten liberalen NGOs und Verbänden verhandelt – freilich ohne, dass es bis heute zu einer Legalisierung gekommen wäre. Auch das Thema Atomkraft und nukleare Bedrohnung sind heute nicht geringer als damals – doch damit lässt sich niemand mehr hinterm Ofen hervor locken…

Auch in linksradikalen Szenen akzeptiert man die alltägliche Apokalypse, in welcher wir leben. Und der Rückbau von Sozialstaat und sozialer Absicherung hat es auch für aktivistische Kreise deutlich schwerer gemacht, sich einen passablen Lebensunterhalt zu sichern, welcher ihr Engagement ermöglicht. Taschenkalender sind immer noch aktuell – schon mal, weil in ihnen Termine festgehalten können, die nicht digital abgerufen bzw. ausgelesen werden können.

Der KalendA hatte seine Zeit… Und ich nicht jene, um mich ausgiebiger mit der anarchistischen Geschichte im deutschsprachigen Raum zu beschäftigen, was vielleicht auch schlichtweg eine Frage der Arbeitsteilung ist, da ich kein Historiker bin und werden möchte. Dennoch bleiben solche Dokumente und Erzählungen aus vergangenen Jahren enorm wichtig, um ein Verständnis dafür zu entwickeln, welche Themen zu anderen Zeiten eine Rolle spielten, wie sich Menschen organisierten, welche Kontinuitäten und welche Veränderungen es gibt, welche Konflikte ausgetragen wurden, wie Erfolge erkämpft wurden usw..

Vielen Dank an dieser Stelle für’s Zustecken. Und ich denke, ich werde den KalendaA 2023 auch nutzen als Erinnerung an alle die vor mir aktiv waren und jene, die es nach mir sein werden. In diesem Wissen können wir uns der oft unspektakulären und häufig auch einsamen Graswurzelarbeit widmen…




Quelle: Paradox-a.de