Juli 30, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Übersetzung des Textes Catastrophisme, administration du dĂ©sastre et soumission durable von Hostis Editionen.  Ein Text von 2008, der heute, in Zeiten der
„NotstĂ€nden“, Anarchist_innen potenziell etwas Orientierung
geben kann.

„Die RealitĂ€t der sich anbahnenden Katastrophe, oder zumindest der kommenden Risiken und Gefahren, wird nicht mehr nur als Lippenbekenntnis akzeptiert, sondern von der staatlichen und medialen Propaganda stĂ€ndig im Einzelnen dargelegt. Was uns betrifft – die wir so oft der apokalyptischen SelbstgefĂ€lligkeit beschuldigt wurden, weil wir diese PhĂ€nomene ernst genommen haben oder des „Ewiggestrigen“ bezichtigt wurden, weil wir die Unmöglichkeit der Wahl zwischen der RealitĂ€t und dem Versprechen der industriellen Massengesellschaft festgestellt haben – kĂŒndigen hiermit an, dass wir von diesem Moment an nichts mehr zu den abscheulichen Szenen der totalen ökologischen Krise hinzufĂŒgen werden.“

„Wir“, das sind RenĂ© Riesel und Jaime Semprun, die versuchten – u.a. mit dem Projekt einer „EnzyklopĂ€die der SchĂ€dlichkeiten“ – die Zerstörung der Umwelt im Detail beschrieben. Die anbahnende Katastrophe wurden jedoch von der Macht rekuperiert und dient ihr als Alibi die industrielle Gesellschaft aufrechtzuerhalten und ihre Herrschaft zu restrukturieren. Der staatliche Umweltschutz, mit seinen Akteuren, Experten und Aktivisten, offenbart sich als Versuch einer Expansion der Macht – und greift dabei auf eine Propaganda von Angst, Resignation und Massenkonformismus zurĂŒck. Die Maßnahmen von Regierungen und NGOs enthĂŒllen sich als Befehl, um „die Individuen dazu zu bringen, sich dem Kollektiv vollstĂ€ndiger zu unterwerfen.“

WĂ€hrend sich der folgende Text einerseits gegen die falschen Kritiker der Katastrophe wendet, richtet er sich andererseits an die „Individuen, die schon jetzt resistent gegen den wachsenden Kollektivismus der Massengesellschaft sind und die Möglichkeit eines gemeinsamen Kampfes gegen diese Übersozialisierung nicht grundsĂ€tzlich ausschließen. Auf diese Weise glauben wir, dass wir den authentischsten QualitĂ€ten der Gesellschaftskritik, in deren Kontext wir vor vierzig Jahren erwachsen wurden, treu bleiben, unserer Meinung nach mehr, als wenn wir ihre Rhetorik oder ihren konzeptionellen Rahmen vorgeblich verewigt hĂ€tten. [
] Um den unheilvollen Lauf der Dinge zum Besseren zu verĂ€ndern, werden wir nur auf das angewiesen sein, was der Einzelne selbst aus freien StĂŒcken tut – und vielleicht vor allem, was er nicht tun wird.“

Die BroschĂŒre kann hier als PDF heruntergeladen werden. Eine gedruckte Ausgabe folgt in KĂŒrze.


Vorwort zur deutschen Übersetzung:

Die subversive Kraft von Theorien und Hypothesen sollte daran gemessen werden, inwieweit sie eine Analyse der gesellschaftlichen RealitĂ€t darstellen und ob diese in der Lage ist, Angriffspunkte zu identifizieren – Stellen, an denen man die Macht angreifen kann, um alle VerhĂ€ltnisse umzuwerfen. Riesel und Semprun legen dar, wie drohende Katastrophen, hier v.a. die des ökologischen Kollaps, dazu dienen, die industrielle Gesellschaft zu erhalten und eine Reglementierung (und Moralisierung) von Oben durchzusetzen, welche die staatliche Macht ausbaut. Der Text Catastrophisme, administra-tion du dĂ©sastre et soumission durable erschien 2008, im Jahr der Finanzkrise, aber vor Fukushima und der jĂŒngsten Klimabewegung. Und dennoch, oder gerade deshalb, ist dieser Text aktuell, da sich alle (staatlichen) Maßnahmen zur BewĂ€ltigung der drohenden Katastrophen immer stĂ€rker als Befehle offenbaren. Es ist eine Kritik an den staatlichen und aktivistischen Verwaltern der ökologischen Katastrophe, die einen (moralischen) Massenkonformismus propagieren. Es ist aber auch ein Text – und daher entstammt auch eine große Motivation diesen Text auf deutsch zu ĂŒbersetzten –, der sich in der Zeit von Covid-19, den staatlichen Maßnahmen zur EinschrĂ€nkung von Viren, dem Konkretisieren eines Green New Deal (ein Begriff der 2007 das erste mal verwendet) und anderen autoritĂ€ren Methoden des Ausnahmezustands Ă€ußerst interessant liest. Dabei sind die folgenden Seiten besonders relevant, da die beiden Autoren und ihre GefĂ€hrten seit Jahrzehnten versuchten die Zerstörung der Erde als soziale Frage zu behandeln. Ihre Gesellschaftskritik formulierte sich aus einer Praxis in Frankreich seit den 1960er Jahren – einer situationistischen Vergangenheit und Weiterentwicklung von Ideen und Theorien. In den 1980er grĂŒndet sich die, wenn man so möchte, post-situationistische, aber v.a. anti-industrielle Gruppe EncyclopĂ©die des Nuisances (EdN) [EnzyklopĂ€die der SchĂ€dlichkeiten] und 1991 grĂŒndet u.a. Semprun die Éditions de l‘EncyclopĂ©die des Nuisances. Der Fokus liegt auf einer Kritik an der industriellen Gesellschaft und ihren falschen Kritikern (den Linken, BĂŒrgerbewegungen und dem staatlichen Umweltaktivismus). Sie begannen im Jahr 1984 damit ein Wörterbuch der SchĂ€dlichkeiten zu erarbeiten, dabei kamen sie nie ĂŒber den Buchstaben A hinaus und legten das Projekt 1992 nieder. Der folgende Text ĂŒber den Katastrophismus kann auch so verstanden werden, dass die Rekuperierung des Themas der Naturzerstörung durch die Macht, ihr eigenes Projekt eines Wörterbuchs ĂŒberflĂŒssig machte – sie somit ihre eigene kritisches Projekt angreifen, um ihre Kritik auf die bestehenden VerhĂ€ltnisse zu beziehen. Mit der Analyse des (staalichen) Katastrophismus beziehen sie sich direkt auf die zeitgenössischen falschen Kritiker und sind nicht sparsam mit (latenter) Kritik. Nach einer spanischen und englischen Übersetzung wird dieser Text hier das erste mal auf deutsch publiziert. Die Herrschaft von Staat und Kapital zeigte nicht nur in den letzten Jahrzehnten immer wieder „krisenhafte“ SchĂŒbe in der sie ihre Macht verteidigen und ausweiten konnte, sondern die Katastrophen wurden fĂŒr die Herrschaft verwaltbar – und man muss erkennen, dass die Prophezeiung einer Katastrophe fĂŒr die Herrschaft elementar wurde, um immer wieder aufs Neue einen Ausnahmezustand zu legitimieren. Die Katastrophe kann die drohende KlimaerwĂ€rmung sein, aber auch ein drohender Faschismus, oder eben ein Virus – dabei sollte sich von selbst verstehen, dass eine Kritik am staatlichen Katastrophismus nicht gleich bedeutend mit einer Negierung der Existenz von Katastrophe ist. Durch die BĂŒrokratisierung der Katastrophe werden die Ursachen losgelöst von den gesellschaftlichen VerhĂ€ltnissen behandelt. Eine potenziell radikale Kritik bspw. an der Umweltzerstörung wird lediglich zu einer Verfeinerung der Ausbeutung (weil sie der Macht hilft Auswege zu finden, wenn man sie nicht komplett negiert). Aber vor allem wird ein „staatlicher“ Kollektivismus genĂ€hrt, welcher jeden zumindest suspekt, wenn nicht gefĂ€hrlich macht, der nicht seinen Lebensstil und sein Handeln unterordnet. Der Staat und seine BefĂŒrworter propagieren eine MassenkonformitĂ€t und Massenhaftigkeit, welche das Individuum eliminieren soll und die Herrschaft stabilisiert. Die Unkontrollierbaren, UnvernĂŒnftigen oder wie auch immer sie genannt werden, die sich nicht einer Masse einverleiben lassen, mĂŒssen eingeordnet und in Zaum gehalten werden. Die Linke spielt hier die Rolle fĂŒr die Herrschaft und eine Massenhaftigkeit der Durchsetzung der Macht, indem sie radikale Abweichungen zumindest anprangert, wenn nicht sogar die Befehle aktiv durchsetzt. Heute zeigt sich diese Massenhaftigkeit (oder auch Massenpsychose) zugespitz als „sanitĂ€res Diktat“, in der die Norm von Oben, auch mit Hilfe der Linken durchgesetzt wird. Das Fehlen einer revolutionĂ€ren Perspektive, einer revolutionĂ€ren Antwort auf die Zerstörung und das Elend, verleitet Viele dazu, ihren Beitrag zu leisten, dass die Gesellschaft zu einem „Waldbrand“ oder „Krankenhaus“ wird, in der die Verwaltung von Oben nach Unten – ein permanenter staatlicher Ausnahmezustand – stattfindet: von einem Notstand in den Anderen. Der folgende Text kann dabei helfen eine revolutionĂ€re Kritik an den ZustĂ€nden zu formulieren, oder zumindest kann er dabei helfen sich in wirren Zeiten etwas besser zu orientieren.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de