Mai 8, 2021
Von ZĂŒndlumpen
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Die ExpertenbĂŒrokratie, welche zusammen mit der Entwicklung der Planung auftauchte, stellt fĂŒr alle Verwalter der Herrschaft eine gemeinsame Sprache und die ReprĂ€sentationen her, mittels welcher die Letzteren ihre eigene AktivitĂ€t verstehen und rechtfertigen. Mit ihren Diagnosen und Voraussagen, formuliert in der Neosprache der rationalen Kalkulation, kultiviert sie die Illusion einer technowissenschaftlichen Kontrolle von „Problemen“. Das Programm eines vollstĂ€ndig verwalteten Überlebens zu verteidigen ist ihre Aufgabe. Es ist diese BĂŒrokratie, die regelmĂ€ssig Alarmsignale und Warnungen herausgibt. Dabei zĂ€hlt sie darauf, dass die Notlage, welche sie ausruft, sie befĂ€higt direkter in die Verwaltung der Herrschaft eingebunden zu werden. In ihrer Kampagne fĂŒr die Schaffung eines Ausnahmezustands hat ihr niemals die UnterstĂŒtzung von linken StaatsanhĂ€ngern und anderen bĂŒrgerbewegten [citizenists] gefehlt, und hat kĂŒnftig also kaum Widerstand von den Verwaltern der Wirtschaft zu erwarten, da die meisten von ihnen die Perspektive einer endlosen Katastrophe als eine permanente Wiederauferstehung der Produktion durch die Suche nach „ÖkokompatibilitĂ€t“ betrachten. Eine Sache ist nun klar: wenn die Zeit fĂŒr das alte Keynesianische Rezept der öffentlichen Wohlfahrtsprogramme – zusammengefasst in der Formel „Löcher graben um diese wieder aufzufĂŒllen“ – gekommen ist, wird es genĂŒgend bereits gegrabene „Löcher“, zu reparierende Verheerungen, AbfĂ€lle zum recyclen, Verschmutzung zu reinigen, etc. geben. („Wir werden das reparieren mĂŒssen, was nie zuvor repariert wurde, verwalten, was niemand zuvor verwaltet hat“, HervĂ© Juvin, Produire le monde. Pour une croissance Ă©cologique, 2008).

Die Ausbildung dieses neuen „Labour Corps“ bedeutet bereits Kriegsfuss. So wie der New Deal die UnterstĂŒtzung praktisch aller linken Intellektuellen und Aktivisten in den USA erhalten hat, mobilisiert der neue ökologische Kurs des bĂŒrokratischen Kapitalismus alle „gutherzigen Apparatschiks“ auf Weltebene. Letztere sind jung, Spezialisten, enthusiastisch, kompetent und ehrgeizig: kampferprobt in den NGOs und anderen Vereinen, in FĂŒhrung und Organisation, fĂŒhlen sie sich fĂ€hig „die Dinge voranzutreiben“. Überzeugt, dass sie die höheren Interessen der Menschheit verkörpern und die Geschichte auf ihrer Seite haben, sind sie mit einem absolut reinen Gewissen ausgestattet und, als wĂ€re das noch nicht genug, dem Wissen, dass die Gesetze auf ihrer Seite sind: die Gesetze die bereits in den BĂŒchern stehen und all jene, welche sie zu verkĂŒnden hoffen. Denn sie wollen mehr Gesetze und Vorschriften, und hier ist es, wo sie mit dem Rest der Progressiven, „Anti-Liberalen“ und Militanten der Partei des Staates ĂŒbereinstimmen, fĂŒr welche „Gesellschaftskritik“ – ganz im Stile Bourdieus – darin besteht, die „Regierten“ dazu aufzurufen, „den Staat“ gegen seine „neoliberale Demontage“ „zu verteidigen“.

Nichts macht die Art und Weise klarer, in welcher der Katastrophismus der Experten etwas anderes ist als eine „Bewusstwerdung“ ĂŒber die reale Katastrophe des entfremdeten Lebens, als die Art in welcher er versucht jeden Lebensaspekt und jedes Detail des persönlichen Verhaltens zu einem Gegenstand der Staatskontrolle zu machen, Regeln, Vorschriften und Verboten gemĂ€ss. Jeder zum Katastrophismus konvertierte Experte weiss, dass er ein Verwahrer des wahren Glaubens ist, der unpersönlichen RationalitĂ€t, welche das grundlegende Ideal des Staates ist. Wenn er seine Anklagen und Empfehlungen an politische FĂŒhrer richtet, ist sich der Experte der Tatsache bewusst, dass er das höhere Interesse der kollektiven Verwaltung reprĂ€sentiert, die Imperative des Überlebens der Massengesellschaft. (Er wird vom „politischen Willen“ sprechen, der nötig ist, wenn er sich auf diesen Aspekt des Themas bezieht.) Die Verwaltung durch die Experten ist nicht nur aufgrund ihres Habitus etatistisch, da nur ein verstĂ€rkter Staat ihre Lösungen anwenden kann: sie ist strukturell etatistisch, in all ihren Methoden, ihren intellektuellen Kategorien und ihren „Mitgliedschaftskriterien“. Diese „Jesuiten des Staates“ haben ihren Idealismus (ihren „Spiritualismus“ wie es Marx nannte), die Überzeugung, dass sie fĂŒr die Erlösung des Planeten arbeiten; aber dieser Idealismus fĂ€llt in der alltĂ€glichen Praxis oft einem vulgĂ€ren Materialismus anheim, in dessen Augen es nicht eine einzige spontane LebensĂ€usserung gibt, die nicht auf den Zustand eines passiven Objekts reduziert werden könnte, empfĂ€nglich dafĂŒr verwaltet zu werden: um das Programm der bĂŒrokratischen Verwaltung („Natur produzieren“) aufzuerlegen, ist es notwendig alles zu bekĂ€mpfen und zu eliminieren was unabhĂ€ngig, ohne Hilfe der Technologie, existiert und das folglich irrational sein muss (wie es, bis gerade gestern noch, die Kritiken an der industriellen Gesellschaften waren, die ihr voraussehbares VerhĂ€ngnis verkĂŒndeten).
Der Kult der unpersönlichen wissenschaftlichen ObjektivitĂ€t, des Wissens ohne Subjekt, ist die Religion der BĂŒrokratie. Und unter ihren Lieblingsfrömmigkeiten ist – aus offensichtlichen GrĂŒnden – die Statistik, die Staatswissenschaft par excellence, welche diesen Status im Grunde im militaristischen und absolutistischen Preussen des 18. Jahrhunderts erreichte, welches auch – wie [Lewis] Mumford beobachtete – die erste Gesellschaft war, welche die UniformitĂ€t und die Unpersönlichkeit des modernen öffentlichen Schulsystems im grossen Massstab auf die Erziehung anwandte. So wie in Los Alamos das Labor in ein GefĂ€ngnis verwandelt wurde, ist das, was das Weltlabor nun ankĂŒndigt, so wie es die Experten darstellen, eine Barackenökologie. Der Datenfetischismus und der kindliche Respekt fĂŒr alles was in Form einer Gleichung prĂ€sentiert werden kann, hat nichts mit der Angst vor dem Irrtum zu tun, sondern vielmehr mit der Angst vor der Wahrheit, die der Nichtexperte ohne RĂŒckgriff auf irgendwelche Zahlen formulieren kann. Das ist der Grund wieso der Nichtexperte erzogen und informiert werden muss, so dass er sich im Vorhinein der ökologisch-wissenschaftlichen AutoritĂ€t fĂŒgen kann, welche ihm die neuen Regeln diktieren wird, die so notwendig fĂŒr das geschmeidige Funktionieren der sozialen Maschine sind. In den Stimmen jener, die leidenschaftlich die Statistiken wiederholen, welche von der katastrophistischen Propaganda verbreitet werden, ist es nicht die Revolte die widerhallt, sondern Unterwerfung unter die AusnahmezustĂ€nde im Voraus, die Akzeptanz der kommenden Disziplinarregimes, und die UnterstĂŒtzung fĂŒr die bĂŒrokratische Macht die vorgibt durch den Gebrauch von Zwangsmassnahmen das kollektive Überleben sicherzustellen.

[Übersetzung eines Kapitels aus dem Buch: „Catastrophism, disaster management and sustainable submission“ von RenĂ© Riesel und Jaime Semprun, Roofdruk Edities, April 2014. Das Original von 2008 (!) ist französisch und heisst „Catastrophisme, administration du dĂ©sastre et soumission durable“, Edition de l`encyclopĂ©die des nuisances]




Quelle: Zuendlumpen.noblogs.org