Mai 4, 2021
Von Emrawi
405 ansichten


Im GefĂ€ngnis schien mir meine Situation mit der eines Astronauten vergleichbar zu sein. Der Hochsicherheitstrakt eine Raumstation, die um die Erde kreist, technische Verbindungen zur Außenwelt und Kontakt wie hin und wieder Funkverkehr. Vom gesellschaftlichen Alltag abgelöst ein Blick aufs Ganze und oft nur UnverstĂ€ndnis ĂŒber das Konkrete, was als Wahn und Irrwitz erscheint.

So war die RAF auch: Sicht aus weiter Ferne. Sie verwarf die VerĂ€nderung des Unmittelbaren und suchte nach etwas völlig Neuem. „Sprung“ war damals eine oft genutzte Metapher. Schon im GefĂ€ngnis dachte ich irgendwann: Wir sind gesprungen und nirgendwo angekommen. Die in Stammheim hatten am Ende fĂŒr sich eine Lösung: Sprung in den Tod.

Wir sind gescheitert. Heute sage ich auch: „Zu recht!“. Wir waren offenkundig nicht in der Lage, gegengesellschaftliche soziale Strukturen zu setzen und zu halten. Und doch –! Jeder Neuansatz von Befreiung wird die Trennung von der bĂŒrgerlichen Gesellschaft zur Bedingung haben und damit an einem Ă€hnlichen Ausgangspunkt stehen wie wir.

Wir hatten uns 1996 bei einer Veranstaltung von David Becker getroffen im Uni-HauptgebĂ€ude in Hamburg. „Wir“ ist dabei schon nur noch ein Vergangenheitsbezug. 1993 war die RAF zerbrochen, „der Monolith RAF“, wie Rebmann es ausdrĂŒckte, hatte sich selbst gespalten und darin die fehlende politische Perspektive unĂŒberwindbar gemacht. Das „Wir“ meint also: Ehemalige Mitglieder aus bewaffneten Gruppen aus der Nach-68er-Zeit. Ein aktuelles „Wir“ gab es 1996 nicht mehr.

Im GefĂ€ngnis hatte wohl jeder von uns das Buch von David Becker, „Ohne Hass keine Versöhnung“, gelesen. Auf der Veranstaltung tauchten dann auch andere Ex-Gefangene auf. Diejenigen, die die Straßenseite gewechselt und den Kopf gesenkt haben, wenn sie mir begegnet sind, besuchten ebenso seinen Vortrag. Es scheint, als ob Gemeinsames beibehalten wird, das den subjektiven Dissens ĂŒberdauert. Wir saßen verstreut in der Menge und hörten den Vortrag von David Becker ĂŒber Folter und Traumatisierung in Chile, nicht nur der politischen Gefangenen und ihrer Angehörigen. Becker sprach ebenso ĂŒber die Traumatisierung der Gesellschaft, die aus dem Schweigen und der VerdrĂ€ngung resultiert. Am Ende dieser Tagung wurde ein nĂ€chstes Treffen zum Thema Folter angekĂŒndigt. Es fand Wochen spĂ€ter im Balint-Institut in Hamburg statt und war mehr als Fachtreffen der verschiedenen TherapieansĂ€tze gedacht. Aber auch dort erschienen mehr als ein Dutzend ehemalige Angehörige bewaffneter Gruppen aus der BRD, teilweise von weit angereist. Meinem Eindruck nach war das „Fachpublikum“, sofern es vorher aus den Anmeldungen nicht etwas erahnte, auch ĂŒberwĂ€ltigt von dem, was ihnen da gerade begegnete.

Die Situation im Hochsicherheitstrakt, die jahrelangen unterschiedlichen Isolationsvarianten waren zwar bekannt aber ferngehalten. Schon David Becker schien nicht begeistert, als er auf die Situation in der BRD angesprochen wurde und bezog sich lieber auf Chile. Volker Friedrich aber sprach in einem Beitrag an, dass gesellschaftlich die Situation in den Hochsicherheitstrakten nicht wahrgenommen wurde, Folter nicht das schwarze Privileg der Dritten Welt ist und auch hier Traumatisierungen vorliegen aus politischen KĂ€mpfen, die unabhĂ€ngig von den Handlungen der Einzelnen oder politischen Gruppe gesehen werden mĂŒssen.

WĂ€hrend seiner Rede hörte man hin und wieder ein leise gestöhntes „ja“ aus dem Kreis der Ehemaligen. Hier wurde uns angesichts des Zerstörungsversuchs gegen das eigene Ich und Wir, Respekt gezollt. Von den stattfindenden sechs Arbeitsgruppen war in fĂŒnf die Rede von GefĂ€ngnis, Isolation und genötigtem Überlebenskampf. Ergebnis dieser Tagung war, ein Extra-Treffen zu den Ex-Mitgliedern bewaffneter Gruppen zu machen.

Beim nĂ€chsten Treffen waren wir vielleicht 25 Leute. Ich hatte gehofft, dass wir ĂŒber uns reden, ĂŒber die Haft, die Politik, die Gruppenmoral, die Spaltung, ĂŒber die Selbstzerstörung unseres Kollektiv, die falsche ErfĂŒllung unserer Hoffnungen, auch, dass wir eine neue Ebene finden, um das Private zwischen uns zu klĂ€ren und vieles andere mehr. Sicher hatte jede/r ein solches Interesse, sonst wĂ€ren die meisten nicht gekommen. Gewonnen aber hat das Misstrauen und das BedĂŒrfnis, sich zu verbergen. Am Anfang stand das EingrenzungsbemĂŒhen: ‚Wir wollen nur ĂŒber die Haftbedingungen reden’, kam von denen, die sich als andere Fraktion definierten. Über die Aktion des Feindes sollte gesprochen werden, nicht ĂŒber das Eigene. Die anwesenden Therapeuten wurden in dieser Bestimmung verortet. Sie sollten in Fachbegriffen untermauern, dass die Haft eine Vernichtungshaft war, also Folter. Alles andere war Politik und dazu aber braucht man keine Therapeuten. Noch Jahre spĂ€ter hatte mir Brigitte (Mohnhaupt, Anmerkung Sunzi Bingfa) bei einem Knastbesuch an den Kopf geworfen, dass sie solche Leute nicht braucht, um zur Politik zu kommen. Das war frĂŒher auch meine Haltung: „Arzt, heile Dich selber!“ Im GefĂ€ngnis kann man etwas anderes auch nicht zulassen. Aber inzwischen war die große Mehrheit der ehemaligen Mitglieder bewaffneter Gruppen draußen und von keiner staatlichen Macht mehr an der Diskussion gehindert. Die Geschichte der RAF war zu Ende (auch wenn die AuflösungserklĂ€rung nach einigem Fordern erst zwei Jahre spĂ€ter kam, so war es doch allen klar) – und trotzdem: Wir waren selber nicht fĂ€hig, untereinander zu kommunizieren. Wir brauchten einen geschĂŒtzten Raum, und wir brauchten einen begleitenden Blick von außen.

Bei einigen aber schien es so, als wĂ€ren wir noch im Knast und jede Außenwelt sei feindlich. An dem Eingrenzungsversuch, nur ĂŒber das zu reden wo wir auch Opfer waren, brach es dann. Als wĂŒrde jedes Ansprechen von eigener Verantwortung bei uns und eine Kritik unserer politischen wie sozialen Praxis den Aufbruch als solchen verwerfen. Andere wollten nicht hören, dass wir auch mit uns etwas gemacht haben. FĂŒr sie mussten wir ein Kollektiv sein, das eine positive soziale Eigenstruktur hatte. Alles andere gehörte hier nicht hin, als sei das nicht das Wirkliche, sondern das Wirkliche sei der Wunsch und der Anspruch, dass wir andere Menschen sein wollten. Ich erinnerte damals als Beispiel nur an Lutz (Taufer, Anmerkung Sunzi Bingfa) , der 1977 von der Liste der zu befreienden Gefangenen gestrichen wurde, weil er nach schweren körperlichen QuĂ€lereien durch WĂ€rter in der JVA Bochum einen Hungerstreik abgebrochen hatte. Wer nicht alles durchhĂ€lt, kann nicht kĂ€mpfen! Das war auch unsere Moral. In ihr gibt es auch die kalte Seite, alles auf FunktionalitĂ€t fĂŒr den Kampf zu reduzieren.

Mit diesem Hinweis hatte ich jedoch schon den Generalverdacht gegen mich bestÀtigt, Grundsicherheiten in Frage zu stellen. Die ganze Zusammenkunft hatte etwas Fragiles. Es schien, als könne alles jeden Augenblick wieder zerbrechen.

Im nĂ€chsten Treffen wurde erneut von einigen aufgeworfen, dass nur die Haftbedingungen Thema sein dĂŒrften. Und die Machtfrage wurde gestellt. Matthias S., einer der Psychoanalytiker, der zu diesem Treffen nicht kommen konnte, hatte in einem Brief an einen Kollegen sich fĂŒr die Fortsetzung der Treffen ausgesprochen, dabei auch einen Blick aufgemacht. Er selbst war bestimmt von einer Erfahrung aus seiner K-Gruppen-Zeit, wo er nach jahrelanger GruppentĂ€tigkeit wegen eines Widerspruchs ausgegrenzt wurde. Sein bester Freund von frĂŒhester Jugend an hatte sich hier auf die Parteilinie gestellt und mit ihm gebrochen. Der Freundesverrat scheint eine Konstante beim „Dienst an der Sache“ zu sein. Auch nachdem fĂŒr diesen und seine K-GruppenfĂŒhrung die Politik verraucht war, kam es nie zu einer Auseinandersetzung ĂŒber den persönlichen Bruch, also den Verrat. M. zog also Parallelen zur RAF. Das fĂŒhrte bei einem RAF-Mitglied dazu, den Ausschluß von M. zu verlangen mit der BegrĂŒndung, dass sie sich nicht vorstellen könne, mit einer Person weiter in einer Gruppe zu sein, welche die Strukturen der RAF mit denen anderer Gruppen fĂŒr vergleichbar hielt. Das wollte sie dann so auch durchsetzen, was aber nicht gelang. Ich hatte damals dabei die Frage der Selbstverdinglichung angesprochen, ohne die dieser Kampf gar nicht geht. Damit hatte ich mich in den Augen von anderen wieder mal entlarvt. Sie suchten lieben den Unterschied und daraus den Gegensatz, um abwehren zu können. Endlich schien eine begrĂŒndbare Linie fĂŒr die Spaltung zwischen uns gefunden zu sein. „Das ist der rote Faden bei Dir“, erklĂ€rte Irmgard (Möller, Anmerkung Sunzi Bingfa), um dann den großen Unterschied deutlich zu machen, dass bei ihr und anderen eine andere – gemeint war natĂŒrliche eine revolutionĂ€re – SubjektivitĂ€t vorhanden sei, nĂ€mlich die mit dem Ziel, „sich selbst, den Körper, die Politik und die Moral funktional zu machen fĂŒr den Kampf.“ Gegen das Ansprechen der Selbstverdinglichung hielt sie als großen Unterschied die Selbstfunktionalisierung hoch. Gewonnen hatte schon wieder das AbgrenzungsbedĂŒrfnis.

Zum dritten Treffen schickten Sie dann nur noch zwei Abgesandte, Adjutanten Charaktere ohne verlÀssliche eigene Position, mit denen man dann auch nichts diskutieren kann. Sie erklÀrten nun, dass ihre Fraktion nicht mehr in die Gruppe kÀme und eine eigene organisieren werde, die nur die Haftbedingungen zum Thema mache. Organisiert haben sie nie eine.

Der Zusammenhang der blieb, war eine völlig andere Gruppe, eine, die ich mitunter selber als sehr seltsam empfand, nicht nur wegen der Zusammensetzung aus ehemaligen Mitgliedern der RAF und der Bewegung 2. Juni, Mitglieder „KĂ€mpfender Einheiten“ oder legal gebliebenen UnterstĂŒtzern, sondern auch wegen der Begleitung durch mehrere PsychotherapeutInnen aus unterschiedlichen Therapieschulen. Alles war ohne lĂ€ngerfristiges Konzept und Absprache. Lange Zeit wusste man nie beim nĂ€chsten Treffen, ob es nicht das letzte ist. Sowohl von Gefangenenseite als auch von Therapeutenseite wurde das immer wieder neu in Frage gestellt. Von den ca. acht bis zehn Therapeuten blieben in den letzten Jahren zwei, Volker Friedrich und Angelika Holderberg. Auch von „unserer“ Seite, also der der ehemaligen Militanten und ihrer UnterstĂŒtzer blieben welche weg und andere kamen neu.

Einschub Eins: Ich treffe Moishe., den ich 32 Jahre nicht gesehen habe. Wir waren nicht befreundet, wir kannten uns nur wie man sich damals oft nur kannte. Er war mit Ullrich Wessel befreundet, einem unserer Toten in Stockholm. Ihn hatte ich als ersten von der Gruppe, die dann als „Kommando Holger Meins“ auftrat, getroffen. Er war mir neben meiner GefĂ€hrtin der nĂ€chste von der Gruppe. M. erzĂ€hlt von U. und ich höre zum ersten Mal: U. war homosexuell. Ich höre weiter etwas Unglaubliches und doch, weil es zu unserem LebensgefĂŒhl damals passte, gleichzeitig auch Vertrautes: Mit dem Freund trampte U. zuerst durch Europa, dann durch Afrika. Sie kamen bis in den Kongo. Ohne Geld und Mittel, selbst das Wasser war zu Ende, hingen sie dort auf einer Straße und kamen nicht mehr weiter. Die Triebkraft war: Strecke hinter sich und die Vergangenheit, Gesellschaft, Familie, Land und Leute zu bringen. Sie wurden aufgegabelt von einem LKW-Fahrer, der fĂŒr den Vater von U. arbeitete, fĂŒr dessen EdelholzgeschĂ€ft. In Afrika von der Vergangenheit eingeholt und ins Falsche gerettet. Wenn es keine Flucht gibt, was gibt es zu verlieren?

Wir wĂ€ren fĂŒreinander gestorben. Manche sind es. Aber wir wussten damals voneinander aus der Vergangenheit nichts. So war es fĂŒr mich im Kommando Holger Meins gegenĂŒber den meisten, so galt aber auch fĂŒr die Jahre vor der IllegalitĂ€t. Den Real-Namen meiner Freundin hatte ich erst nach unserer Verhaftung erfahren. Ich hatte auch nie danach gefragt und sie auch nicht nach meinem. Wir lebten und kĂ€mpften zusammen, GesprĂ€che ĂŒber unsere Vergangenheit fanden so gut wie gar nicht statt. Sie war verloren und abgehakt. Voneinander wussten wir nur, was wir ĂŒber uns beim anderen erkannten. Und dass wir raus wollten aus der Gesellschaft, nicht in permanenter VerdrĂ€ngung als Flucht, sondern als Konfrontation im Wissen, dass uns unser Leben gestohlen wird und wir uns das zurĂŒckerobern mĂŒssen. Aus meiner Sicht, was fĂŒr andere ganz anders sein mag, waren wir auch deshalb von vorneherein so nahe untereinander, weil wir eh verloren waren. Ich bin immer ĂŒberrascht, wenn andere aus unserem Zusammenhang sagen, fĂŒr sie sei die Revolution etwas konkret Mögliches gewesen. Diese Sicht hatte ich nie. Als ich zur RAF ging, war die emotionale Phase aus 1968, nach der wir auch der eigenen Befreiung alle TĂŒren öffnen können, schon vorbei. Wir zehrten noch von der alten sozialen Kraftquelle, die aber mehr und mehr versiegte. Mir schien es wahrscheinlich, dass wir persönlich einen hohen Preis zahlen wĂŒrden. Mich schreckte das nicht. Das Einpassen in diese Gesellschaft empfand ich als die grĂ¶ĂŸere Bedrohung. So gab es nichts zu verlieren. Wichtig war nur, im Widerstand einen eigenen sozialen und politischen Prozess zu haben. Ich hatte schon 1972 meine Papiere an die RAF abgeben. Was mich selber hielt, war nur die Unsicherheit, ob ich fĂŒr diesen Kampf reif genug bin.

Irgendwann mit 19 oder 20 Jahren war ich ĂŒber den Begriff „Antagonismus“ gestolpert. Auf meine Frage an jemanden nach dem Bedeutungskern, bekam ich als Antwort: „Antagonistische Konflikte sind solche, die nur bewaffnet gelöst werden können.“ Diese Antwort war damals ĂŒberzeugend und von vornherein plausibel. Sie traf auf eine Stimmung: Trennungsstrich ziehen, bloß weg zur Gegenposition! Das Leben beginnt mit dem Angriff auf die VerhĂ€ltnisse. Dass wir den Angriff wagen und uns und die gemeinsame Sache nicht verraten wollten setzten wir als Gewissheit voraus. Das war viel und es hat lange getragen. Das darin enthaltene Versprechen aber, den Kampf um Befreiung nach Kriterien zu bestimmen, die politisch und sozial Bestand haben, haben wir nicht eingelöst.

Wir Ex-Gefangene und Ex-Militante, die wir bei diesen Treffen blieben, haben miteinander geredet. Das war im Vergleich zu den Jahren vorher viel. In allen Herzen war die Mördergrube. Immer ausgerichtet auf den ‚Feind’, das Äußere,den- Blick-nach-vorne-richten’, ist uns im Laufe der Zeit die ursprĂŒngliche Besonderheit der RAF, in sich selbst die gesellschaftliche PrĂ€gung aus Gegenwart wie Vergangenheit, den Zustand des vom Kapital Kolonialisierten und das Trennende zum anderen aufzuspĂŒren und aufzulösen, verloren gegangen. Unseren eigenen AnsprĂŒchen gegenĂŒber sind wir gescheitert. In ihnen galt zu Anfang kein privates Interesse.

Aus der Sicht im Nachhinein gab es eine RAF bis 77 und eine andere danach. Ich hatte zu jener der ersten Jahre hingewollt, bei der ich an erster Stelle eine RadikalitĂ€t sich selbst gegenĂŒber vorausgesetzt hatte. Bei der nach 1977 entschwand dies. Sie klĂ€rte ĂŒber sich und ihre EmanzipationsbezĂŒge nichts mehr auf. Zuerst dachte ich, die, die draußen sind brauchen Zeit dafĂŒr und unsere SolidaritĂ€t ist es, ihnen diese Zeit zu geben. Niemand aber war offenkundig in der Lage, die eigene Praxis radikal zu reflektieren. NĂŒchtern muß ich sehen, dass schon meine eigene Gruppe sich mit der eigenen Handlung in Stockholm nur rechtfertigend auseinandersetzen konnte. Nach dem Tod der Stammheimer mussten wir neu einen kollektiven Sinn in der Bestimmung der politischen Grundlage und dem, was gegengesellschaftliche RadikalitĂ€t ist, fĂŒr uns finden.

Ohne das verlor die Politik der RAF ihre unmittelbare Anbindung an die eigene Emanzipation und wurde zu einem Ă€ußerlichen SystemverhĂ€ltnis, gegenĂŒber dem der Einzelne unerkannt bleiben konnte. Hier liegt fĂŒr mich einer der GrĂŒnde, warum z.B. eine Gestalt wie Peter-JĂŒrgen Boock seinen LĂŒgen- und Betrugsmarathon jahrelang durchhalten und immer wieder erneuern konnte. Das Auftauchen von Boock war es auch, was uns gefĂ€ngnisbedingte Illusionen ĂŒber den sozialen Zustand der Gruppe draussen zerstörte. Mit der Nach-77er-Zeit ist zwar ein fahnenschwingendes Reden von KollektivitĂ€t verbunden – aber ohne jeden Bezug in den konkreten Beziehungen. In dieser RAF haben wir immer mehr zurĂŒckgestellt: Die Selbstkritik, die Kritik der eigenen Politik, die Kommunikation ĂŒber den Sinn der Gruppe, die kollektive Suche nach der konkreten Begrifflichkeit von Befreiung, also alles das, was die innere Achse von Befreiung ist. Die RAF nach 77 ist zu einer Politikgruppe geworden wie es viele andere gab. Allerdings mit dem Unterschied: bewaffnet. Das machte ihre Folgen gegenĂŒber denen der anderen politischen Gruppen besonders fatal.

Einschub Zwei: Zu Anfang, im Kontext der weltweit sich formierenden Befreiungsbewegungen hatte die RAF die politische Vermittlung, Korrespondenzgruppe fĂŒr die antiimperialistischen KĂ€mpfe aus den Randzonen des imperialistischen Systems in dessen Zentrum zu sein. Ebenso konnte sie sich zeitweilig als eine mögliche Antwort auf den damaligen US-gefĂŒhrten Kriegsimperialismus in Vietnam vermitteln. Mit vielen teilte sie die schon existenzialistische Ablehnung einer Nachkriegsgesellschaft, die antikommunistisch und nazistisch geprĂ€gt war. Dagegen schien der Bruch mit allem Befreiung und Bedingung fĂŒr ein anderes Leben zu sein. SpĂ€ter, aus meiner Sicht ab 1972, lösten sich diese Vermittlungen auf. Die gegenkulturellen Positionen von 1968 bildeten noch keine Basis fĂŒr eine Gegengesellschaft. Die damalige bewaffnete Kampfstruktur der RAF wurde polizeilich zerschlagen. Nach der abzusehenden Niederlage der USA in Vietnam, der RĂŒckfĂŒhrung der antiimperialistischen KĂ€mpfe in der Peripherie des Metropolensystems auf ihren nationalen Kern (Staatenbildung) und der „Normalisierung“ der Mehrwertaneignung im (sich modernisierenden) gewöhnlichen bĂŒrgerlich-kapitalistischen Betrieb, der jenseits von immanenten Verteilungsstreitereien auf einen grundsĂ€tzlichen gesellschaftlichen Konsens zwischen den einzelnen Klassen zurĂŒckgreifen konnte, stand die RAF sozusagen immer deutlicher als unzeitgemĂ€ĂŸe Kriegsformation da, als Methode, die ihren Ort, eigentlich ihre internationalen Bezugspunkte, verloren hatte und deshalb ihr Ziel nicht erreichen konnte.

Zu den TriebkrĂ€ften der 68-Bewegung gehörte die Einsicht, dass man den Boden der bĂŒrgerlichen Gesellschaft verlassen muss, damit ein revolutionĂ€rer, auch unkorrumpierbarer Lebens- und Gesellschaftsprozeß möglich wird. Dies speiste sich nicht aus einer vagen Hoffnung, sondern aus der RealitĂ€t des Gegenkulturellen. Die Revolte hatte lĂ€ngst ihr Eigengewicht. Wir konnten uns auf eine Normalisierung der kapitalistischen VerhĂ€ltnisse nicht einlassen, denn wir konnten dem Nach-Nazi-Staat in seiner Selbstversöhnung mit den nazionalsozialistischen Eliten und den bĂŒrgerlichen Strukturelementen des Faschismus nicht abnehmen, demokratisch zu sein, ohne uns selber aufzugeben. Ebenso unmöglich war es, die SelbstlĂŒge der Masse zu akzeptieren, „missbraucht und getĂ€uscht“ worden zu sein. Wir mussten diesen Boden verlassen. Das war ‚sicher’ nur im Angriff auf das System möglich. Mit der 68er-Bewegung und deren antiimperialistischer Politisierung hatte die RAF die unversöhnliche Haltung gegenĂŒber den Systemverbrechen der Vergangenheit und dem neuen imperialistischen Kapitalismus geteilt und durch den bewaffneten Kampf diese Haltung fraglos auch eskaliert. In der Eskalation ist sie dann zunehmend alleine geblieben. Mit dem „Konzept Stadtguerilla“ fand im Innern der Linken eine besondere Fraktionierung statt: Die zwischen taktisch behaupteter ZurĂŒckstellung des bewaffneten Kampfes und der ErklĂ€rung seiner notwendigen unmittelbaren Umsetzung. Aus der Position des gemeinsamen Aufbruchs, in dem allerdings damals auch die Frage der revolutionĂ€ren Gewalt grundsĂ€tzlich positiv beantwortet war, wurde die RAF zum Gegenspieler auch gegenĂŒber einer systemoppositionellen Linken, die auf die Massen warten wollte. Andererseits war sie aber auch – wenn auch ungewollt, aber von der Rolle her – deren Stellvertreter, da sie die allgemeinen Revolutionsfantasien tatsĂ€chlich werden lies.[1] Mir sind nach meiner Entlassung so viele Akteure begegnet aus linken politischen ZusammenhĂ€ngen, mit denen wir damals gar nichts zu tun hatten, mit der ErklĂ€rung, sie wĂ€ren fast auch beim bewaffneten Kampf gelandet, dass ich mir manchmal vor Überraschung fast die Augen rieb. Stellvertretend fĂŒr sie haben wir nach dem allgemeinen Aufbruch das Festhalten am revolutionĂ€ren Kampf und sein Scheitern durchlebt und zur konkreten Erfahrung fĂŒr den eigenen, weiteren Lebensweg gemacht. Wenn man sich die Prozesse der Gruppen anschaut, die nach 1977/78 anfingen parlamentarisch zu werden, dann sieht man erhebliche Friktionen und Schwierigkeiten in diesem Wandlungsprozess. Diese Schwierigkeiten im Lebensbruch durch Anpassung verweisen darauf, wie selbstverstĂ€ndlich vielen aus der Revolte heraus die systemoppositionelle Grundlage geworden war. Als Gegenspieler und in der Stellvertretersituation drĂŒckt der Kampf nicht mehr die Tendenz aus sondern wird primĂ€r zum Beweis dafĂŒr, dass er möglich ist und dass die anderen ihn ebenso fĂŒhren können. Nach dem Auflösen der bisher politisch noch tragenden Vermittlungen wurde der Kampf immer mehr zum Kampf darum, sich selbst als Notwendigkeit und Möglichkeit zu retten. Die Avantgarde als Rechtfertigung fĂŒr sich selbst.

Stockholm

Wir waren eine Gruppe in der RAF. Unsere Aktion war mit einigen drinnen abgesprochen. Ich war fĂŒr sie gar nicht vorgesehen. Sie war bereits geplant und ich wusste zwar, dass eine Befreiungsaktion stattfinden wird, war aber ĂŒber nichts Konkretes unterrichtet. Ulrich Wessel, dem ich gesagt hatte, dass ich, wenn eine Befreiungsaktion durchgefĂŒhrt wird, dabei sein will, lehnte meine Beteiligung mit der BegrĂŒndung ab, dass fĂŒnf Akteure schon fast zu viel sind, dass wir wenige in der IllegalitĂ€t sind, und es wichtiger sei bei einem möglichen Scheitern der Aktion, dass andere da sind, die den nĂ€chsten Versuch organisieren. Die BegrĂŒndung war an der Sache und dem Fortbestand der Organisation orientiert und dadurch vernĂŒnftig. Das ganze Konzept Stadtguerilla sollte bei einer gelungenen Befreiung neu ĂŒberdacht werden. Ich bin dann ĂŒber eine Intervention von Andreas Baader in das Kommando Holger Meins hineingekommen, nachdem ich seine Frage, ob ich schon mal ĂŒberlegt hĂ€tte an der Aktion teilzunehmen, mit einem klaren „Ja“ beantwortet habe. Andreas war unzufrieden damit, dass die Vorbereitungen so lange brauchten. Ich hatte vorher einige Sachen gemacht und offensichtlich einen guten Namen bei ihm. In Stammheim gab es die BefĂŒrchtung, dass dann, wenn das Gerichtsverfahren dort schon begonnen hĂ€tte, es noch schwieriger sei, die Gefangenen zu befreien. Vielleicht ein oder zwei Wochen vor dieser Frage hatte ich eine Legale getroffen, die, wie ich spĂ€ter erfuhr, einen UnterstĂŒtzungsjob umgesetzt hatte, aus dem sie auf Stockholm schließen konnte. Als ich sie fragte, was sie denke, wie wir die Gefangenen rausholen könnten, schlug sie mir die Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm vor. Ich hatte sie spontan kritisiert mit der Bemerkung, dass die schwedische Sozialdemokratie sich doch der deutschen unterordnen werde. Das schien mir offenkundig. Auch hatte ich andere Vorstellungen fĂŒr eine Befreiungsaktion im Kopf. Als dann die Frage von Andreas kam, habe ich meine Kritik weggewischt. Es gab keine Chance mehr, die Befreiungsaktion neu zu bestimmen. Stockholm war im Detail durchorganisiert, wir hatten inzwischen die Waffen ĂŒber die Grenze gebracht und alle meinten, dass die Zeit drĂ€ngt. Ich hĂ€tte nur „nein“ sagen und zuschauen können bei etwas, was intern nicht mehr zu Ă€ndern war. Das wollte ich nicht, zumal mir diejenigen, die ich aus der Gruppe kennen gelernt hatte, sehr nahe waren oder geworden sind.

Analysiert man die Entwicklung des Konzepts Stadtguerilla, dann sieht man, dass in der Stockholm-Gruppe schon die Militarisierung der Politik und ihr Selbstzweck in der Politik der Gruppe dominiert. Gegengesellschaftlichkeit war hier substituiert durch die Moral von Eindeutigkeit, Konsequenz und Kompromisslosigkeit. Sie ist die primĂ€re Sprache des Krieges, des Freund-Feind-VerhĂ€ltnisses, des Trennungsstrichs, ein VerhĂ€ltnis, welches einmal eingenommen, sich zur Gegenseite nicht mehr reflektieren muß, sich selber aber auch keine Rechtfertigung mehr ĂŒber das Ziel und seinen Weg geben muß. Stockholm zeigt vor dem Hintergrund des politischen Ortverlustes, dass die RAF versuchte, den schwindenden Legitimationszusammenhang fĂŒr den revolutionĂ€ren Kampf subjektivistisch zu ĂŒberspringen. Wir hatten die Vorstellung, mit einer fĂŒr uns entschiedenen Machtfrage mit dem Staat, sozusagen im ‚letzten Augenblick’, die Zerfallstendenz innerhalb der radikalen Linken umkehren zu können. Wir dachten, wenn wir dem Staat eine Niederlage beibringen, macht es vielen anderen Mut. Im Umkehrschluss hĂ€tte das aber auch bedeutet, dass wir keine Aktion durchfĂŒhren, deren Erfolg nicht sicher ist. Das war bei uns nicht aufgetaucht, weil wir uns entschieden hatten, dass wir bei einer Ablehnung der Forderung dann unser Leben verlieren und damit ein VerhĂ€ltnis manifestieren, dass keine Umkehr zulĂ€sst. Der Tod in Stammheim spĂ€ter lag uns deshalb alles andere als fern. Das Gegengesellschaftliche aber, das konkret benennbare, andere Soziale, ist hier schon auf spĂ€ter verschoben und vom MilitĂ€rischen dominiert. Wir wurden Stellvertreter fĂŒr die Linke, der Staat wurde Stellvertreter fĂŒr das kapitalistische System. Bis in die sogenannte „Offensive“ 1977 hinein zeigt sich dann eine wachsende FĂ€higkeit zur militĂ€rischen Umsetzung des bewaffneten Kampfes mit abnehmender politischer QualitĂ€t.

Den Tod von Holger Meins habe ich als bewussten Akt einer Staatspolitik interpretiert, die uns, also jene nicht-integrationswilligen Linke mit mehr oder weniger fast jedem Mittel zur Systemakzeptanz und zum Abschwören zwingen wollte. Wir standen unter dem summarischen Blick von Leuten aus der letzten Kriegsgeneration, welche die Zurichtung unserer Generation auf Anpassung ans System als Schlachtbild vor sich hatten. Der Tod von Holger Meins deckte sich mit meinen Erfahrungen.[2] Ich hatte ĂŒberhaupt keine Illusionen ĂŒber unsere Zukunft. Mir schien damals zwingend, dass wir selber zum gleichen summarischen VerhĂ€ltnis den Staats- und Systemvertretern gegenĂŒber kommen mĂŒssen. Mit dem Tod von Holger Meins war fĂŒr mich die „Stunde der Wahrheit“ gekommen. Im GefĂ€ngnis, wĂ€hrend meiner Hausbesetzerhaft, hatte ich die Prozessrede von Max Hölz[3] gelesen aus den 20er Jahren, der selbstkritisch in der Niederlage bemerkte, dass die Linken nie konsequent genug sind und deshalb immer verlieren. Im Sieg des Nationalsozialismus und in der Vernichtung der KPD sah ich das bestĂ€tigt.Wir hatten die Erfahrung mit Vietnam, mit Chile, dem Schah von Persien, der Obristendiktatur im Nato-Staat Griechenland und vieles mehr. Die aus Frankreich kommende Analyse vom „Neuen Faschismus“ hatte mir einen ErklĂ€rungsrahmen gegeben fĂŒr das, was von der deutschen Sozialdemokratie gegen die 68er-Bewegung umgesetzt wurde mit ihrer Mischung aus Repression und Integrationsangebote in einen modernisierten Kapitalismus, bei dem heute offenkundig ist, an wessen Interesse hier Modernisierungsreformen ausgerichtet und wer die Sieger und Verlierer sind. Uns hat damals nichts mehr ĂŒberrascht. Wir hatten angefangen, kĂŒhl die Gegenseite zu sehen und ohne Emotionen zu bedenken.

Ich bin mitverantwortlich fĂŒr den Tod von zwei Botschaftsangehörigen. Hieran trĂ€gt jeder aus unserem Kommando die gleiche und ungeteilte Schuld. Im GefĂ€ngnis war mir irgendwann klar geworden, dass wir von keiner Gegengesellschaft oder Gegenmoral reden können, wenn dies die Möglichkeit von Geiselerschießungen und damit die vollstĂ€ndige Verdinglichung von Menschen beinhaltet. Es wĂ€re nur eine barbarische Gesellschaft. Heute akzeptiere ich, dass unsere Handlungen verurteilt worden sind und Folgen fĂŒr uns haben mußten. Es wird keine LegitimitĂ€t konstruiert, wenn das eine Unrecht mit dem anderen aufgerechnet wird. Es zeigt nur zwei Situationen, die abzulehnen sind.

Nach 1977 gab es eine schleichende Anpassung in der RAF an ein PolitikverstĂ€ndnis, dass nicht mehr so radikal auf die Subjektkonstitution der Akteure zurĂŒckwirkte. Das scheint mir offenkundig. Zeigte sich vorher immer wieder auch die Anstrengung, Politik nach Innen und Außen in Übereinstimmung zu bringen und gleich zu bemessen, also den Anspruch gegenĂŒber anderen mit dem an sich selbst zu koppeln, so schien jetzt immer mehr die Trennung zwischen „Innerem“ und „Äußerem“, zwischen „Ich“ und „Du“, zwischen „an sich“ und „fĂŒr sich“, zwischen „Subjekt“ und „Objekt“ die Politik und die Struktur zu bestimmen. Befreiung wurde zur Befreiung in der 3. Person. Symbolisch dafĂŒr habe ich die Briefe von einem Gefangenen empfunden, der ĂŒber Jahre hinweg wie kein anderer in jedem Brief den Duktus hatte: „Es ist zu tun
Es muß gemacht werden“ usw. – eine RadikalitĂ€t im Antreiben der Aktion, jedoch eine auf die Gruppe, Ihren Zustand, eine auf das Selbst bezogene Reflektion fand nicht statt. Handlungen und ErklĂ€rungen der RAF nach 1977 sind eine ĂŒber die Mittel dementierte, vom Inhalt her aber vollzogene RĂŒckkehr zu einem politischen VerhĂ€ltnis zum System, in dem die Infragestellung der eigenen Person ausgeklammert sein konnte. Die Revolution verlor sozusagen ihr erstes Objekt: Den RevolutionĂ€r, der sich als Widerstandsakteur in der gesellschaftlichen RealitĂ€t erkennbar macht, also zeigt, wie er oder sie mit realen WidersprĂŒchen umgeht. Ein Prozeß, der sowohl drinnen als auch draußen stattfand. Mit Folgen auch fĂŒr die eigene Einsatzbereitschaft: Der Abbruch des Hungerstreiks 1981 vom grĂ¶ĂŸten Teil der Gefangenen nach dem Tod von Sigurd Debus signalisierte schon, dass der eigene Einsatz beschrĂ€nkt wurde, es nicht mehr selbstverstĂ€ndlich war, dem Kampfprozess grĂ¶ĂŸere Bedeutung als dem des eigene Lebens zu geben. Das wurde von der Mehrheit der Gefangenen im Hungerstreik 1985 bekrĂ€ftigt.[4] Das Aussteigen von Siegfried Haag aus der RAF mit einem simplen, halbseitigen Brief an die Gefangenen, zeigte, dass die SelbstverstĂ€ndlichkeit von frĂŒher, nach der es kein ZurĂŒck geben wird, auch bei denen erodiert war, die das in klaren SĂ€tzen frĂŒher an andere herangetragen hatten. Als wĂ€re eine Illusion zerplatzt.[5] Von draußen sah es Ă€hnlich aus und 1985 waren diejenigen, die nach 1977 die IllegalitĂ€t bestimmt hatten, zwischenzeitlich auch im GefĂ€ngnis und haben ebenso entschieden.

Der Tod in Stammheim

Der Mordselbstmord. „Das Projektil sind wir!“, schrieb Andreas Baader an die Gruppe und artikulierte damit eine Moral, in der das Subjekt und sein Zweck in eins gesetzt sind. Es bedeutet aber auch: Wenn zwischen „Subjekt“ und „Objekt“ keine Trennung mehr gemacht wird, endet es so: also im Tod. (In der Selbstentleibung auch der genötigte Beweis der Selbstlosigkeit als letzte, den Einzelnen in seinen Taten legitimierende, scheinbar freisprechende Beurteilungsinstanz.) Statt einer Antwort Reflex darauf: Das Subjektive und das Politische wieder zu trennen. Da, wo vorher das kollektive Individuum und IdentitĂ€t im Kollektiv gesucht worden war, welches den Tod ĂŒberwindet (indem es axiomatisch den Sinn des Lebens unterstellt und davon, dass es Aufgabe der Menschheit ist, Sinn zu bilden), trat in der Praxis nun die alte Spaltung von „fĂŒr sich“ und „fĂŒr andere“ (kompensiert wurde das durch Beschwörungen von ‚AuthentizitĂ€t’ im Kampf). Die RAF wurde immer mehr zur Form, bestimmt von einer RadikalitĂ€t, die sich an erster Stelle durch Bewaffnung ausdrĂŒckte.

In unseren politischen ZusammenhĂ€ngen galt, dass wir keine AnsprĂŒche an andere Stellen, die wir nicht zuerst gegenĂŒber uns selbst erheben. Diese RadikalitĂ€t, die ich auch mit der RAF identifiziert hatte, ging weiter: Der Lernprozess war etwas, was im Kampf gesucht wird; seine scheinbar zwangslĂ€ufigen Schlussfolgerungen etwas, an deren Annahme eine revolutionĂ€re SubjektivitĂ€t sich entwickeln lĂ€sst. Ohne auf eine tragfĂ€hige Basis fĂŒr den revolutionĂ€ren Kampf zu stoßen, fĂŒhrte das Beibehalten der Absicht, ein neues Konzept des Revolutionsprozesses in den Metropolen geschichtlich zu verankern, zur stĂ€ndige Zuspitzung der Konfrontation, zur, wie es 1977 dann geschah, rasenden Beschleunigung. Die Botschaft von 1977 ist, dass das permanente Zuspitzen gegen eine gesellschaftliche Gegenwart, die zu entmachten nicht die Kraft da ist, in gerade Linie zum eigenen Tod fĂŒhrt.

Es scheint die doppelte Tragik jeder avantgardistischen Revolte zu sein: Sie muss so lange unweigerlich scheitern, als wie die gesellschaftlichen KrĂ€fte sich hinter dem RĂŒcken der Subjekte eigengesetzlich zur unsichtbaren Macht formieren. Und: Sie ertrĂ€gt keine NormalitĂ€t, auch nicht die eigene. Sie muss weiter. Die Illegalen nach 77 haben erahnt oder gewusst, dass die Revolution nicht kommt. Deswegen gab es von ihnen nie eine radikale Reflexion ihres Angriffs auf den Staat, der organisatorisch der Höhepunkt der RAF war, in der Selbstwahrnehmung aber der wirklichen Bedeutung weit hinterherhinkte. Deswegen haben sie auf jeden Versuch zur Reflektion auch nur schweigend oder ablehnend reagiert. „Keine Angst vor der Ungeheuerlichkeit der eigenen Zwecke haben.“

Was aber, wenn man sie selbst noch nicht erfasst? Dann wird man ĂŒberrollt – und sei es nur vom Tod der eigenen Genossen, die in ihrem Tod darstellten, dass ihnen die Ungeheuerlichkeit der eigenen Zwecke allerdings bewusst war. Die draußen, die weitergemacht haben, schienen erkannt oder erahnt zu haben, dass die permanente Revolution in der Selbstauflösung endet. Mir scheint das deshalb klar, weil sie sich im bewaffneten Kampf eingerichtet und ihn am Ende nur noch in der Form fortgefĂŒhrt haben. Statt Inhalt die Handhabung der Mittel. SpĂ€ter, in den 80er Jahren, hatten die nĂ€chsten Akteure der RAF die Revolution nur als eine bewaffnete Form, nicht mehr als soziale Möglichkeit im Kopf. Von der Form bestimmt, war ihnen im Selbstbild das Erschießungskommando zum höchsten Ausdruck von RadikalitĂ€t, in der richtigen Wahrnehmung von außen aber nur zur schlimmsten Bloßstellung geworden.

Die Zeit im GefĂ€ngnis war fĂŒr mich wie vielleicht auch fĂŒr die meisten anderen gezeichnet von HĂ€rte und Durchhalten. Ich hielt mich damals der Hoffnung fest, dass irgendwann wieder da angeknĂŒpft werden kann, wo meine Politisierung begann und was ich mit der RAF verbunden hatte: Dem Widerspruch im Sozialen ĂŒberall auf der Spur zu sein und lösen zu wollen, Geschichte, soziale Prozesse in der Hand zu bekommen und Befreiung als etwas zu sehen, was fĂŒr sich selbst da und dem Menschen vorgesetzt ist, ein dauerndes Suchen nach der Emanzipation von ZwĂ€ngen und Unwissenheit gegen das bestehende gesellschaftliche und damit auch individuell verankerte Falsche, also permanente Revolution. Das war das Geheimnis in der falschen Begrifflichkeit: „Dem Volke dienen“, was primĂ€r ja nur der BekrĂ€ftigungsversuch ist, dass es gewichtigere Orientierungen als die des eigenen Lebens gibt, auch gewichtigeres als die eigene Gruppe. Es gab in der RAF zu Anfang das Bewusstsein, dass sie nur dann eine revolutionĂ€re Gruppe ist, wenn sie darum kĂ€mpft, sich in der Mobilisierung fĂŒr den revolutionĂ€ren Prozeß selbst zu negieren. Das allerdings wurde auch von den GrĂŒndern der RAF im Festlegen des revolutionĂ€ren Kampfes auf den Machtkampf um die Befreiung der Gefangenen schon gebrochen.

Ich bezweifle, dass das Durchhalten, das Hoffen auf ein neues Aufbruchsklima in der Gesellschaft fĂŒr die draussen grundsĂ€tzlich anders war. In der Nachsicht ist das ein bewaffnetes Warten auf eine Reife der Zeit, von der man nicht mehr glaubt, dass man sie selbst erzwingen kann. So waren dann auch die Aktionen und die innere Struktur. Jahre-, jahrzehntelang war unsere Gruppenhaltung, alle wichtigen inneren Fragen nach hinten zu verschieben. Im ersten Zettel von außen, den ich in Köln erhielt nach dem „Herbst 77“, stand: „Zusammenhalten, immerhin wissen wir jetzt, wer noch zu uns steht und die unsicheren Kantonisten sind weg.“ Das war ein dummer Trost fĂŒr unsere politische, soziale und moralische Niederlage. Ich hatte damit nichts anfangen können. Was wollte der bewaffnete Kampf dann noch, wenn er sich nicht an dem Kriterium misst, die Reife der VerhĂ€ltnisse zum Umsturz zu erzwingen, wenigstens zu beschleunigen?

Als ich 1995 aus dem GefĂ€ngnis kam, hatte ich meine Katastrophen hinter mir. Die grĂ¶ĂŸte waren die FlugzeugentfĂŒhrung nach Mogadischu, also die Zerstörung der Gewissheit, dass wir eine Grenze haben, Ausweis von Gegenmoral und Selbstverpflichtung; damals ist mit der EntfĂŒhrung zufĂ€llig und wahllos vorgefundener Menschen der Aufbruch zum ersten Mal grundsĂ€tzlich, also im Namen der gesamten RAF, verraten worden. Fehler und Verwerfungen gab es vorher schon, aber das waren fĂŒr mich bis dahin die von Einzelnen oder einzelner Gruppen. Die FlugzeugentfĂŒhrung im Herbst 1977 basierte auf einer gemeinsamen Akzeptanz zwischen den GrĂŒndern und denen draußen und artikulierte eine Änderung in einer zentralen politischen Bestimmung. [6]

Einschub Drei: Im Stammheimer Prozeß hatten die Gefangenen öffentlich die Aktion gegen das Springer-Hochhaus 1972 kritisiert, weil dort Arbeiter verletzt worden waren. Das war gewiß nicht die einzige Aktion der RAF, die hĂ€tte kritisiert werden mĂŒssen. Aber es war eine Aktion, die auf ursprĂŒnglichen Linien der RAF agierte und die Verbindung zu Inhalten der 68er-Bewegung suchte. FĂŒr diese Anti-Springer-Aktion war Ulrike Meinhof verantwortlich. Diese Kritik hat m.M.n. eine weitreichende Bedeutung, denn in ihr zeigt sich eine ĂŒber die Manöverkritik hinausgehende Absage an Mobilisierungslinien, welche auf alte klassenkĂ€mpferische Positionen beruhten. In diesem Fall die des manipulierten Bewusstseins durch Systemmedien, wĂ€hrend die RAF im GefĂ€ngnis dabei war, einen Entfremdungsbegriff zu entwickeln, nach dem die Entfremdung durch die Selbstlogik der VerhĂ€ltnisse umfassend gegeben war und deren Aufhebung den Bruch mit allem Alten bedingte. Dies bedeutete dann aber auch den Bruch mit den alten Intellektuellen da diese in Verbindung mit den alten VerhĂ€ltnissen blieben, wozu ich als Beispiel nur die völlige, auch ins persönliche gehende Denunziation von Peter BrĂŒckner durch die Stammheimer Gefangenen anfĂŒhren will. Die politische Rolle von Ulrike Meinhof war aber in der RAF zu Anfang: Die Verbindung zu den alten antifaschistischen Positionen, Verbindungslinien zu frĂŒheren antifaschistischen und Klassen-KĂ€mpfen und die Kommunikation mit den von links erfassten Intellektuellen herzustellen. Mit der Durchsetzung der Kritik an dieser Position im öffentlichen Prozeß ist eine frĂŒhere politische Linie der RAF, aber auch die damit verbundene politische Rolle von Ulrike Meinhof verworfen worden. Die RAF war dabei, sich von ihren 1970 noch vorhandenen Vorstellungen vollends zu verabschieden, nach der gemeinsame Entwicklungen von legalen und illegalen politischen KrĂ€ften möglich sind. Aus der Sicht von 1974 bis 1977 gab es nichts, was aus der linken Bewegung revolutionĂ€r transformierbar war. Das bedeutete auch einen Bruch in der Kommunikation mit denen, die an die alten VerhĂ€ltnisse gebunden blieben. Der Avantgarde bleibt in der Konsequenz nur, dass sie ihrer eigenen Notwendigkeit folgt, also ihren eigenen Inhalt vorantreibt – oder sie zerfĂ€llt. Die RAF wurde völlig zur Organisation dessen, was aus ihrer Sicht fĂŒr die Entwicklung der weltweiten RevolutionĂ€ren KĂ€mpfe notwendig schien. Bruch mit den VerhĂ€ltnissen bedeutete Machtfrage mit dem System und darin Entwicklungslinien zu anderen sozial-revolutionĂ€ren KĂ€mpfen in der Welt, die antiimperialistisch waren, zur deren politischer IdentitĂ€t die Erkenntnis gehörte, dass es nur eine globale Revolution geben kann.[7] Das machte zum einen die besondere NĂ€he zu den PalĂ€stinensern aus, zum anderen verlor der Bezugspunkt zu den BewusstseinszustĂ€nden im Innern seine Bedeutung. Dass dieses VerhĂ€ltnis, sich selbst zum Projektil der Revolution zu machen, also vom Prinzip her immer ĂŒber sich hinaus zu denken auch gebrochen war, also Aktionen doch an dem unmittelbaren eigenen Interesse entlang gebogen wurden, spricht davon, dass die Subjekte nicht völlig von sich abstrahieren können. Das Angebot der Stammheimer Gefangenen gegenĂŒber der Regierung im Oktober, dass die freigelassenen Gefangenen nicht mehr zum bewaffneten Kampf zurĂŒckzukehren, stellte den gesamten bewaffneten Kampf in Frage. Es wĂ€re fĂŒr uns unmöglich gewesen, dass die einen nicht mehr bewaffnet kĂ€mpfen und die anderen sterben oder gehen im GefĂ€ngnis unter. Nur stieß dieses Angebot auf eine Regierung, die selber Krieg und Niederlage ihres Gegners wollte. Die Flucht nach vorne hatte kein erreichbares Ziel mehr. Deswegen endet sie fĂŒr drei Stammheimer Gefangene im Tod. Deutschland unter FĂŒhrung der Leutnantsgeneration des Zweiten Weltkrieges fĂŒhlte sich endlich als Sieger.

Zum Tod der Stammheimer hatte ich zuerst innerlich die Beschwerde, dass sie sich aus dem Staube gemacht haben und uns die Suppe auslöffeln lassen. Nachdem erst die Nachricht: „Baader ist tot“, dann: „Ensslin ist tot“ am 19.10.78 in einer Zeitdifferenz von 30 Sekunden von einem sozialen Gefangenen so laut ĂŒber den Knasthof gebrĂŒllt worden war, dass ich diese auch in der Kontaktsperre hören konnte, war mein unmittelbarer Gedanke, dass die Regierung sie offiziell als „Gegengeisel“ hat umbringen lassen. WĂ€hrend der Kontaktsperre hatte ich mit Ă€hnlichem auch in Köln-Ossendorf gerechnet, wo ich damals isoliert war. Der Hass der WĂ€rter um uns herum war greifbar. Dann, nach Aufhebung der Kontaktsperre und den ersten Informationen schien mir der Selbstmord das Wahrscheinliche zu sein. Hanna, die ich Tage spĂ€ter sah und der ich meine Meinung mitteilte, meinte nur: „Du bist verhetzt“. Eine Zeitlang war ich unsicher, spĂ€ter dachte ich, es ist Sache der Schmidt-Regierung, zu beweisen, dass es keine staatliche Mord-Aktion war. Jahrelang habe ich versucht, dass Thema zu meiden. Ich fand keine loyale Möglichkeit, meine Zweifel zu artikulieren ohne Irmgard Möller auch noch aus der eigenen Gruppe heraus in Frage zu stellen. Jahre spĂ€ter haben wir in Celle vorsichtig hin und wieder ĂŒber diese Frage gesprochen. FĂŒr mich stand sie als erste der zu diskutierenden Fragen auf der Liste, falls wir unsere Zusammenlegung durchsetzen wĂŒrden. Aber dazu kam es nie.

Heute sehe ich auch anderes im Tod der drei Stammheimer Gefangene: Sie haben denen draußen den politischen, aber auch persönlichen Zwang der permanenten Eskalation an der Gefangenenfrage abgenommen. Nach ihrem Tod war die RAF draußen und von der Verpflichtung fĂŒr das Leben der GrĂŒndergeneration befreit, also auch frei, alles neu zu entscheiden. Auch von drinnen ins kalte Wasser der Verantwortung fĂŒr den sozialen Inhalt der Revolution gestoßen. Der Machtkampf im GefĂ€ngnis war derart entschieden, dass der Staat ĂŒber die Gefangenen in Stammheim nicht mehr verfĂŒgen, an ihnen also auch nichts mehr abstrafen und an ihnen auch nicht mehr siegen konnte. Sie haben sich mit ihrem Tod der unausweichlich kommenden Rache entzogen, der des Staates, aber auch der konkurrierender politischer Positionen. Es gibt ein Urteil gegen sie, das nie rechtskrĂ€ftig geworden ist. Es gibt eine Niederlage, die sie nicht mehr leben mussten und in der sie das letzte Mal sich zum Subjekt erhoben. Und es gibt eine Selbstbesinnung: Vom Aufbruch bleibt nach dem Scheitern des politischen Kampfs die existenzielle Seite. Das konnte man auch mit sich selber ausmachen.

Einschub vier: Sommer 1977. Die Kommunikation zwischen Stammheim und den Illegalen wurde von mehrere Personen organisiert, Volker Speitel, meinem Bruder Hans-Joachim Dellwo und seiner damaligen Freundin Elisabeth von Dyck. Sowohl Speitel als ebenso mein Bruder waren mit dem Transport der Waffen in den 7. Stock befasst. Mein Bruder wurde vor der Schleyer-EntfĂŒhrung und der Kontaktsperre verhaftet. Nach seinen Angaben hat er wegen der Beziehung zu seiner in die IllegalitĂ€t gewechselten Freundin, die er dort auch immer wieder getroffen hatte und der er nachfolgen wollte, wĂ€hrend der Kontaktsperre jede Aussage verweigert und erst nach dem Tod der Stammheimer seine Aussagen gemacht. Das ist plausibel und kann wahr sein bezogen auf die Frage, wer zuerst Aussagen gemacht hatte und seit wann Dienste Bescheid darĂŒber wussten, dass Waffen im 7. Stock sind. Speitel war in dieser Zeit in DĂ€nemark. Anfang Oktober 1977 entschied er sich gegen den beschwörenden Rat seiner Begleiter, nach Deutschland zurĂŒckzukehren. Er wusste, dass er nach unmittelbaren GrenzĂŒbertritt verhaftet wird. Das politische Klima damals war so aufgereizt, dass Speitel mit mindestens 15 Jahren GefĂ€ngnis rechnen musste. Seine RĂŒckkehr ist nur plausibel, wenn er, die kommende Niederlage vor Augen, einen Deal machen wollte. In diesem Deal war das Wichtigste, was er einzubringen hatte, der Tatbestand der Waffen im 7. Stock. Speitel gehörte vor mir zur ursprĂŒnglichen Stockholm-Gruppe. Nach der Stockholm-Aktion hat er sich monatelang im Ausland versteckt, um zu sehen, ob er ĂŒberhaupt zurĂŒckkehren kann. Auch das bestĂ€tigt mich in der Annahme, dass er 1977 offiziell nach Deutschland einreisend nur zurĂŒckkehren konnte im Wissen, dass er verhaftet wird. Die Bundesanwaltschaft hat immer behauptet, dass Speitel erst nach dem 19. Oktober 1977, also dem Tod der Gefangenen, offizielle Aussagen gemacht hat. Formal mag das stimmen, sagt aber nichts ĂŒber GesprĂ€che mit anderen GesprĂ€chspartnern vorher aus. Seine GesprĂ€chsebene wĂ€re sowieso vorher die der Nachrichtendienst gewesen. Aus einem spĂ€teren Fall wissen wir, dass der Verfassungsschutz eine kooperierende Gefangene fĂŒr Tage nach Köln in eine VS-Wohnung geholt hat, um ihre Aussagen aufzunehmen und Konditionen auszuhandeln. Auch diese Aussagen tauchten nirgendwo offiziell auf.

Am Ende wird es so ausgesehen haben: Einige Leute im Staatsapparat wussten spĂ€testens seit den Aussagen Speitels von den deponierten Waffen und den Absichten der Gefangenen, diese einzusetzen, entweder fĂŒr ihre Beteiligung an der aktuell laufenden Machtfrage mit dem Staat oder fĂŒr den eigenen Tod. Das mag erklĂ€ren, warum die Regierung ablehnte, höherrangigen Politiker zu den Gefangenen gehen zu lassen, obwohl diese um GesprĂ€chsebene gebeten hatten und klar war, dass ein mit den Gefangenen gefundener Konsens von den Illegalen auch akzeptiert wird. Die GesprĂ€che unter den Gefangenen wurden mit Sicherheit von einem der Dienste mitgehört. Abhöraktionen waren schon vorher bekannt geworden. Die Gefangenen entschieden sich nach dem Bekanntwerden des Sturms auf die Lufthansa-Maschine in Mogadischu fĂŒr ihren Tod. Der Selbstmord der Gefangenen geschah unter Aufsicht und Zustimmung zumindest eines Teils des Staatsapparates. Das Warten nach den Speitel-Informationen durch diesen Teil des Staatsapparates auf entweder eine bewaffnete Aktion im GefĂ€ngnis, um diese gewaltsam niederzuschlagen oder auf den Selbstmord, artikuliert den Wunsch, dass die Gefangenen tot sein sollen. Ob Mord oder Selbstmord wird zur Diskussion, die am Umstand vorbeigehen will, dass der Tod der Gefangenen von vielen gewollt war.

Die Frage Mord oder Selbstmord ist nach dem Tod der Gefangenen von unserer Seite zur Opferfrage gemacht worden, wahrscheinlich aus unterschiedlichen GrĂŒnden, gewiß auch aus Überforderungen gegenĂŒber der gesamten politischen Situation. Sicher aber auch deshalb, um die Diskussion ĂŒber das eigene Falsche nicht aufkommen zu lassen. Niemand aus unserem Zusammenhang hat dabei so sehr wie sie auf ein Leben mit eigenen Entscheidungen bestanden. Eine Tabuisierung der Frage der Selbsttötung wird diesen Gefangenen ĂŒberhaupt nicht gerecht, die damals an dem Punkt waren, dass Freiheit damit verbunden ist alles tun zu können, wozu einem die eigene Erkenntnis rĂ€t. Folge dieser Opferfrage ist, dass diese Gefangenen im nachhinein entradikalisiert werden. Von ihnen aber ging am eindeutigsten die Haltung aus, dass es keine Situation gibt, in der man die Waffen der Gegenseite nicht umdrehen und in der man nicht Subjekt sein oder werden könnte. Sie wollten 1977 mit dem bewaffneten Kampf eine politische Eskalation, die dazu fĂŒhrt, dass der Staat außer Tritt gerĂ€t und sich damit nicht nur fĂŒr die RAF sondern fĂŒr den Aufbruch der Nachkriegsgeneration eine andere Möglichkeit ergibt als jene des ansonsten unvermeidbare vollstĂ€ndige Scheitern.[8] Diese Eskalation sollte nach ihren Vorstellungen 1977 weiter gehen und teilweise anders verlaufen als das, was real passierte bis zur Schleyer-EntfĂŒhrung. Staatlicherseits wird das Abstreiten des Wissens ĂŒber die Bewaffnung der Gefangenen und das Behaupten eines unerwarteten Selbstmordes zum Ausweis fĂŒr eine nachtrĂ€gliche Verharmlosung der eigenen Bereitschaft, gegen einen nicht-integrationswilligen Teil der Nachkriegsgeneration einen Machtkampf zu fĂŒhren, in dem von der Erschießung Benno Ohnesorgs bis zum Tod von Holger Meins mehr oder weniger alles legal war.Diese Eskalation sollte nach ihren Vorstellungen 1977 weiter gehen und teilweise anders verlaufen als das, was real passierte bis zur Schleyer-EntfĂŒhrung. Staatlicherseits wird das Abstreiten des Wissens ĂŒber die Bewaffnung der Gefangenen und das Behaupten eines unerwarteten Selbstmordes zum Ausweis fĂŒr eine nachtrĂ€gliche Verharmlosung der eigenen Bereitschaft, gegen einen nicht-integrationswilligen Teil der Nachkriegsgeneration einen Machtkampf zu fĂŒhren, in dem von der Erschießung Benno Ohnesorgs bis zum Tod von Holger Meins mehr oder weniger alles legal war.

Gudrun Ensslin (aus meinem GedĂ€chtnis zitiert): „Ich kann Dir nicht sagen, was Du tun sollst. Ich kann Dir nur sagen, wie ich einen Widerspruch löse“ – vor diesem Hintergrund ist der als Mord getarnte Selbstmord denen gegenĂŒber, die nicht eingeweiht waren, auch das Ablegen der Orientierungsfunktion, die sie, also die Stammheimer, vorher auch ausfĂŒllen wollten. Sie wollten am 18. Oktober 1977 nicht mehr zeigen, wie sie den Widerspruch, dass der bewaffnete Kampf ans Ende gekommen ist und es kein ZurĂŒck mehr geben kann, fĂŒr sich lösen. Die Verantwortung, dass andere ihnen im Selbstmord folgen, ist in der Morddarstellung abgelehnt.[9] Sie wird damit aber zur Aufforderung zum WeiterkĂ€mpfen gegen die eigene Einsicht und enthĂ€lt die Absage daran, dass es immer eine befreiende Lösung gibt. Eine Absage auch an uns, mit welchen emotionalen Vorzeichen auch immer. Ingrid Schubert hat sie ebensowenig hinnehmen können wie die Aufforderung zum WeiterkĂ€mpfen gegen die eigene Einsicht.

Spaltung

Die letzte Katastrophe war die „Spaltung,“ ein Irrwitz in einer Gruppe, in welcher der rasende Subjektivismus derjenigen, die mit ihrer Mitverantwortung fĂŒr den „Herbst 1977“ offenkundig nur verdrĂ€ngend umgehen konnten, vollends das Kommando fĂŒhrte. 1993 hatten wir in Celle in Absprache mit den Illegalen RAF-Mitgliedern einen Versuch unternommen, ĂŒber eine Intervention politischen Druck zu mobilisieren und doch noch die Zusammenlegung der Gefangenen zu erreichen. Die Zusammenlegung war damals der SchlĂŒssel fĂŒr eine politische Lösung, die alle Gefangenen wollten. Wir hatten 1989 einen Hungerstreik ohne Eskalation gefĂŒhrt und denen draußen vermittelt, dass wir auch von ihnen keine Eskalation wĂŒnschen. Wir hatten soviel bei uns offen gemacht mit diesem Hungerstreik, dass es eine politische Lösung hĂ€tte geben können. Die Bundesregierung unter Helmut Kohl wollte keine. Das mussten wir Ende 1989 desillusioniert feststellen. Damit blieb uns scheinbar nur das alte Bewegungsmuster: wieder irgendwann einen Hungerstreik zu machen oder auf AnschlĂ€ge von draußen zu waren, die politisch etwas aufbrechen. FĂŒr Gefangene, mich eingeschlossen, hatte Helmut Pohl im Herbst 1989 öffentlich erklĂ€rt, dass es offensichtlich keinen anderen Weg gibt, als den Preis fĂŒr die andere Seite so hoch zu treiben, dass ihnen eine politische Lösung als kleinerer Verlust erscheint. Die draußen haben es so verstanden, dass es keinen Sinn mehr macht, weiter auf politische Reaktionen zu warten. Das stumpfe Aussitzen von Helmut Kohl und die damit verbundene Sackgassen Situation fĂŒr uns fĂŒhrten zu den AnschlĂ€gen auf Herrhausen und Rohwedder. Ich habe 1993 unter uns in Celle dann den Versuch vorgeschlagen, dass eine von uns unabhĂ€ngige Kraft im eigenen Namen und ohne jeden Bezug auf uns sich an Edzard Reuter wendet, damals Chef von Daimler-Benz, damit die Wirtschaft bei Kohl interveniert, doch als Ausweg eine politische Lösung zuzulassen. Gleichzeitig sollte der Vorsitzende der jĂŒdischen Gemeinde in Deutschland, Ignaz Bubis, angesprochen werden, damit er eine Rundreise durch alle GefĂ€ngnisse macht, sich von den Positionen der Gefangenen ĂŒberzeugt und öffentlich fĂŒr eine politische Lösung Stellung nimmt. So wĂ€re jeder Gefangene als Subjekt der Gruppe angesprochen worden und in einem gemeinsamen Entscheidungsprozeß integriert gewesen. DafĂŒr hatte ich Christian Ströbele gewonnen. Mit der RAF-Politik hatte er nichts zu tun, wusste aber ebenso, dass Nichtstun nur zu Wiederholungen fĂŒhrt. Ich vermag auch heute nichts Verwerfliches darin sehen, denn im schlimmsten Fall konnte diese Angelegenheit nur der erfolglose Versuch eines Externen sein. Richtig ist, dass diese Initiative mit den anderen Gefangenen außerhalb von Celle nicht abgesprochen war. Wir hatten die illegalen unterrichtet, die völlig desillusioniert sich aus der Kommunikation mit anderen Gefangenen zurĂŒckgezogen hatten, da ihnen von dort in manchmal eitlen, teils 20-seitigen Papieren nur noch ihre angeblichen Fehler an den Kopf geworfen worden waren. Als wollte man sich von ihnen absetzen und als sei man nicht selber an dem stumpfsinnigen Militarismus in den 80er Jahren mitbeteiligt gewesen. Das Nichtabsprechen unserer Initiative in Celle kam aus der erfahrenen Tristesse unter uns, dass eine offene Diskussion nicht mehr möglich war und wir nicht zusehends in die nĂ€chsten Wiederholungen rennen wollten. Über die Empörung des Nichtabsprechens war ich etwas ĂŒberrascht, weil andere oft ohne Absprache mit uns Fakten gesetzt hatten.[10] Der GesprĂ€chsfaden war vorher schon an anderen Fragen mehr als gestört. Nachdem Ströbele seine GesprĂ€che angefangen hatte, war er auf Wunsch von mir zu Brigitte (Mohnhaupt, Anmerkung Sunzi Bingfa) gefahren, um sie von seinen GesprĂ€chen zu unterrichten. Dort ist die Information zur Farce einer internen „Machtfrage“ geworden und daraus wurde der „Bruch“ mit uns öffentlich erklĂ€rt.

Wir in Celle waren keine eigene politische Gruppe, nur weil wir dort zusammen im GefĂ€ngnis waren. Keiner wollte interne Fraktion sein, und wir waren auch alles andere als eine politische Einheit. Aber als solche sollten wir nun niedergeschlagen werden. Noch heute empfinde ich das als einzige Niedertracht. Wir haben alles zusammenkratzen mĂŒssen, um das zu ĂŒberleben. Ohne die UnterstĂŒtzung von ein paar FreundInnen, die uns besucht und geschrieben haben, wĂ€re das vielleicht auch anders ausgegangen. Ich glaube, es hat sich jeder von uns ĂŒberlegt, ob er das noch durchstehen will. Aus der Gruppe der RAF-Gefangenen hat keiner zu uns gehalten. Selbst die GefĂ€hrtin von damals hat die öffentliche Denunziation mit dem Versuch, uns in die Ecke des Verrats zu drĂ€ngen, unterschrieben. Ich war, wie sicher jede/r andere/r auch, wĂ€hrend der Haft immer wieder auch in einem tiefen Loch, darin auch depressiv und ohne Hoffnung fĂŒr mich. Ich hatte fĂŒr mich immer als HintertĂŒr, dass ich mir dann, wenn gar nichts mehr geht, das Leben nehme, das gab mir eine Sicherheit (auch deswegen fand ich die Tabuisierung, dass die Stammheimer Ă€hnliches gedacht haben, verrĂŒckt und jenseits von jeder eigenen RealitĂ€t). Nie habe ich in dieser Zeit auch nur einmal ernsthaft daran gedacht, mich individuell zu retten. Den beiden anderen in Celle ging es Ă€hnlich. Nun wiederholten Andere gegen uns als Farce den krankmachenden Zustand der SĂ€uberungsprozesse der 30er Jahre in der Sowjetunion. Im Freund-Feind-VerhĂ€ltnis liegen die Emotionen klar getrennt nebeneinander. In der Unterordnung unter die „Gruppe“ bzw. das „Kollektiv“, was immer es noch ausmachte, den „Dienst an der Sache“, was immer diese Sache auch beinhaltet (und keiner von ihnen hatte sie formulieren können), zĂ€hlt das Individuum nichts. Die, die 1977 nicht reflektieren wollten, haben noch einmal, diesmal nur noch als Negation, ein Gruppenerlebnis inszeniert. Der gescheiterte politische Machtkampf war vollends nach innen gedreht in einem reaktionĂ€ren Regelkreis, mit Wiederholungscharakter aus Stammheim: Selbstzerstörung mit nach außen abgeschobener Schuld.

In den Jahren spĂ€ter war ich nicht sicher, ob ich entlassen werde. Der Gerichtsgutachter, zu dem ich formal höflich aber bestimmt den Kontakt abgelehnt hatte, hatte sich ausdrĂŒcklich in seinem Gutachten gegen meine Entlassung ausgesprochen. Als mich dann Wochen danach morgens gegen 9:15 Uhr meine AnwĂ€ltin anrief und mitteilte, dass der Entlassungsbeschluss gerade eintickerte, war ich genauso gut auf das Gegenteil eingestellt. Egal, welche Entscheidung kam, man hatte sie sich eh erst einmal fernhalten mĂŒssen. Fernhalten ist eine Verarbeitungstechnik.

Ich hatte am gleichen Vormittag noch einen Besuch. Ich hatte mich entschieden, erst den Besuch zu machen. Am Ende sagte ich meiner Besucherin, dass, wenn sie Zeit habe, mich nachher noch abholen könne. Damals hatte ich das GefĂŒhl, gewonnen zu haben. Das bezog sich auf das GefĂ€ngnis, die jahrelange Isolation und das Überleben nach der Spaltung. Ich fand mich, trotz dem BemĂŒhen von Freunden, meistens aber sehr alleine. Der Knast hatte uns seit Jahren nichts mehr anhaben können. Die entscheidenden KĂ€mpfe waren die Jahre vorher gefĂŒhrt worden. Irgendwann wussten die, die uns klein machen wollten: Es macht ihnen nur MĂŒhe, aber erzwingen werden sie auch nichts mehr. Je mehr die Zeit verstrich, umso sicherer waren wir, war ich, dass wir das Schlimmste hinter uns hatten. Im Überlebenskampf im GefĂ€ngnis hatten wir uns in der Konfrontation durchgesetzt. Auf der anderen Seite war die Niederlage offenkundig. Wir hatten mit unserem Kampf keine emanzipatorische Bewegung in der Gesellschaft in Gang gesetzt. Das konnte man, wie ich fand, noch am ehesten verkraften. Ich ohnehin. Hanna (Krabbe, Anmerkung Sunzi Bingfa) hatte mir 1977 gesagt, dass (mir) „die Gewissheit des Sieges fehlt“. Das war wohl wahr. Ich wusste schon frĂŒher, dass schon einige grĂ¶ĂŸere und bedeutsamere Gruppen vor uns in der Geschichte verloren hatten und die Niederlage das Wahrscheinlichere ist. Unendlich und wirklich schmerzhaft schien mir die Niederlage darin, dass die RAF sich selbst zerstört hat. Denn die in der Spaltung offen gewordene Selbstzerstörung der RAF war gleichbedeutend in unserem Zusammenhang mit der Selbstzerstörung des anderen, des gegengesellschaftlichen Ortes, von dem wir dachten, etwas erkĂ€mpft zu haben und darĂŒber legitimiert zu sein. Das war das, was mich am Kampf und an der RAF interessiert hatte: Eine andere Lebensgrundlage fĂŒr mich und fĂŒr die Menschheit. Danach gab es kein „außen“ mehr, denn der Einzelne oder das Gruppenfragment bildet kein „außen“ zur Gesellschaft mehr. Er ist im Leben und in der Gesellschaft alleine immer nur entwurzelt. Ich war aufgewachsen in einer entwurzelten Familie. Am Ende stand ich wieder entwurzelt da.

Reden untereinander ĂŒber all das findet bis heute nicht. Nur Schweigen. Hin und wieder trifft man auf das Gemunkel aus zusammengekniffenen Lippen, dass „das wohl so nicht richtig war“. Ich hatte von der „Balint-Gruppe“, wie wir sie fortan nach dem Ort des ersten Treffens nannten, erhofft, dass hier eine Sprache zwischen uns gefunden wird, mit der wir zu Subjekten werden, die sich gegenĂŒber treten können. Niemand war mir so nahe wie andere aus unserer Gruppe. Ich hatte MĂŒhe zu verstehen und zu akzeptieren, dass die anderen das einfach so stehen lassen können. Es gibt nur wenige Menschen, die vergleichbare Erfahrungen haben wie wir und deshalb gibt es fĂŒr uns in vielen Bereichen untereinander keinen Ersatz. Aber meine Hoffnung war vergebens. Abstrus, dass die Beziehungen in der völligen Entfremdung enden. Entweder Kollektiv ohne Selbstschutz oder Fremdheit zum anderen.

Balint

Sechs Jahre Treffen, oft mit langen AbstĂ€nden, sind auch sechs Jahre Nicht-Treffen mit denen, die sich dem entzogen haben. Ich hatte oft das GefĂŒhl, wir sind nicht komplett, wir reden in einem Saal, aus dessen anderer HĂ€lfte unbesetzte StĂŒhle uns angĂ€hnen. Die, die blieben, haben ĂŒber sich und zu anderen geredet, manchmal so hart und schonungslos und voller Wut und EnttĂ€uschung ĂŒber andere, dass uns bald die Erkenntnis kam, dass wir nicht alleine mit uns sein können, dass wir Externe brauchen, die vermitteln, gerade rĂŒcken, die Sicht auf eine andere Ebene heben; aber: wir haben geredet – und doch, es ist wie beim Einarmigen oder Einbeinigen: die verlorene ExtremitĂ€t taucht im Phantomschmerz immer wieder auf. Es bleibt eine Grenze und es bleibt eine KrĂ€nkung. Die verweigerte Diskussion in unserem ganzen Zusammenhang erscheint als Rache, aber auch als Selbsthass. Der verlorene Kampf muß durch die Selbstbestrafung komplettiert werden, dass es heute nichts geben kann was wie frĂŒher wĂ€re. Die RAF war da Avantgarde und als solche schrittsetzend. Nach der Niederlage soll keiner den Versuch machen, als könne man mit weniger leben. Das ist die begriffslose, in der Vergangenheit angesiedelte Moral. Das begrĂŒndet das Schweigen. Die RAF muß im heutigen Leben abwesend sein. Es gibt sie nur noch als Vergangenheit und diese Vergangenheit wird reprĂ€sentiert. Sie verfĂŒgt aber ĂŒber keine heutige Sprache mehr. Da, wo frĂŒher Suchen und Selbsterforschung bis zum Exzess war, nach außen gekehrt und sichtbar gemacht, ist heute die Gegenreaktion die Lösung: Ein verstecktes Leben mit zusammengebissenen ZĂ€hnen oder vom konkreten Leben abgelöste AttitĂŒde, welche nichts an sich ranlassen will und sich von der Hoffnung speist, dass irgendwann eine Lösung erscheint, eine Reife der Zeit auftritt, die alles auflöst und dem Aufbruch und dem Kampf im Generellen Recht gibt, der subjektiven Absicht zu einer Begrifflichkeit verhilft, die die heutige Entfremdung behebt und gegen alle unsere Fehler darauf hinweist, dass wir von der Zukunft etwas in der Hand hatten und der Kampf deswegen gerechtfertigt ist. Insoweit ist das Schweigen ĂŒber die Vergangenheit Ausdruck der Verweigerung, die Niederlage zur Kenntnis nehmen zu mĂŒssen

Aufgebrochen gegen eine Generation, die ĂŒber ihre Vergangenheit nur schweigen konnte, weil die Last so groß war, dass VerdrĂ€ngung und konstruierte Begriffslosigkeit Lösung simulieren konnte, sind wir selber heute Teil eines Zusammenhangs, der als solcher sprachlos ist. 100 Jahre Kampf um Zusammenlegung im GefĂ€ngnis, weil das angeblich erst die Voraussetzung fĂŒr kollektive Verantwortung und Diskussion schafft, herrscht unter den 99 Prozent entlassener RAF-Mitglieder eisiges Schweigen nach außen. Auch fast 30 Jahre nach der Stockholm-Aktion haben die Überlebenden nicht ein einziges Mal zusammen unter sich und ĂŒber sich darĂŒber gesprochen. Als wĂŒrde mit dem Ansprechen sich die eigene Welt auflösen. Als wĂ€ren wir endlos in diesem KĂ€fig einer Zwischenzeit gefangen, in der wir etwas anderes gesehen, aber nichts anderes gesetzt haben.

Die Gruppe danach war also eine andere Gruppe. Wir haben in erheblichen Dramen viel untereinander geklĂ€rt. Nicht alles und manchmal auch nur, dass man den anderen/die andere ziehen lĂ€sst. Manche waren nur ein oder zwei Jahre dabei. Andere sind neu dazu gekommen und geblieben. Alle, die nach dem Ausscheiden der Anderen schon von Anfang an dabei waren, sind es auch bis zum Ende geblieben. Aus meiner Sicht war ich eigentlich immer dabei. WĂ€hrend eines Termins war ich in Italien, fĂŒr ein paar Monate, endlich weg aus diesem Land und wieder in einer Situation, wo ich weit von draußen schauen konnte und wieder meinen eigenen Zeitrhythmus fand. Die Gruppe hat mich aber in Form eines Anrufes von Volker Friedrich erreicht mit seiner Anforderung, dass ich dann anders zugegen sein mĂŒsse. Ich hatte mich darauf hin ans Meer gesetzt und meinen Blick auf uns als Gruppe und auf Einzelne von uns niedergeschrieben, auch zur Freiheit meiner Abwesenheit. Es scheint auch angenommen worden zu sein, wie mir danach gesagt wurde. Ansonsten war ich drei Mal nur am ersten Tag da, da am anderen Tag jeweils ein Termin lag, den ich nicht aufgeben wollte. Ich muß vielleicht aber auch in jeder Gruppe deutlich machen, dass ich immer wieder auch draußen stehen will oder muß. Das kann die andere Seite dessen sein, dass ich auch viel einzubringen bereit bin.

Ich glaube nicht, dass die Einzelnen sich geĂ€ndert haben, außer dass jeder mehr zu sich gefunden hat. Ich glaube auch, dass das VerhĂ€ltnis zwischen denen, die in einer bewaffneten Gruppe waren und denen, die es nicht waren, gespalten bleibt. Zumindest drĂ€ngt sich aus meiner Erfahrung dieser Schluß auf. Aber mir scheint, dass jeder die Sicht auf den anderen geĂ€ndert hat und nach dem Aussprechen dessen, was in ihm/ihr rumorte, gelassener mit sich und den anderer werden konnte. Wir haben so gut wie gar nicht ĂŒber uns als Opfer des Staates, des Systems und was auch sonst immer gesprochen. Das tauchte manchmal auf, hat aber nicht die Sitzungen bestimmt. Es ging dabei dann meistens um das VerhĂ€ltnis, das wir in dieser Situation unter uns hatten. Wir haben also viel ĂŒber die VerhĂ€ltnisse untereinander, die Erwartungen und EnttĂ€uschungen gesprochen. Ohne die uns begleitenden Therapeuten, die manchmal auch ganz schön ins schwimmen kamen, hĂ€tte es diese Gruppe, diese Auseinandersetzung, ihr Fortbestehen durch Öffnen anderer Sichtweisen und Setzen anderer PrioritĂ€ten nicht gegeben. Allerdings: von ca. acht bis zehn Therapeuten sind zwei ĂŒbrig geblieben. Die anderen blieben auf der Strecke. Bei einigen war ich ĂŒber ihr Fernbleiben erleichtert. Bei einer, weil sie in einer völligen Überidentifikation mit den Gefangenen sich so distanzlos auf unsere als einheitlich gewĂŒnschten Seite schlug, dass Widerspiegelung ĂŒberhaupt nicht möglich war. Bei anderen wegen dauerhaften Schweigen oder rustikaler bis einfach nur platter Vorgehensweisen. Einen anderen habe ich noch lange Zeit vermisst, da er aus seiner eigenen Biografie Erfahrungen mit dem Scheitern eines neuen kollektiven Lebensversuches mit in die Gruppe brachte. Die beiden Gebliebenen zusammen waren fĂŒr diese Gruppe unerlĂ€sslich, auch darin, was ihre Geschlechterrolle betraf. Ich erinnere einen Termin, wo einer der Therapeuten alleine mit uns war und die Gruppendynamik fast entglitt, insofern, als eine Frau, die aus dem UnterstĂŒtzungsbereich des bewaffneten Kampfes kam, aus der fĂŒr jeden bis dahin aufgebauten Sicherheit in der Gruppe herausgefallen ist. Danach hatte ich die andere Therapeutin angerufen um darauf zu drĂ€ngen, dass beide immer anwesend sind. Ich hatte die BefĂŒrchtung, dass Einzelne wegbleiben werden und dass der Zweck der externen Begleitung, andere Blicke untereinander und auf die Geschichte aufzumachen, auch: ertrĂ€glich zu machen, nur mit beiden Therapeuten garantiert ist.

Es sind ca. sieben Jahre Treffen – ich möchte sie nicht missen. Bei einem der letzten Treffen hatte ich desillusioniert das RĂ©sumĂ© gezogen, dass sich in manchem nur oberflĂ€chlich etwas Ă€ndert und eine grundsĂ€tzliche Sicherheit in den VerhĂ€ltnissen untereinander fraglich bleibt. Es betraf ein Gruppenmitglied aus dem Umfeld, das sich nach der Spaltung der RAF wie manche andere, die dachten sich positionieren zu mĂŒssen, mit zur Schau getragener Ablehnung und AbfĂ€lligkeit gegen „uns“, also die als Einheitsperson projizierten „Celler Gefangenen“ gestellt hatte, womit am Ende vor allem immer ich mit gemeint war. Unser VerhĂ€ltnis in der Gruppe war zuerst so, dass man froh war, nicht irgendwo alleine zusammen stehen zu mĂŒssen, da dann die gegenseitige Abstoßung offenkundig wurde und allenfalls bemĂŒhter Smalltalk möglich war. In der Gruppe hatten wir dann nach Jahren vorsichtig so etwas wie Vertrautheit und gegenseitige Sympathie entwickeln können. Ich jedenfalls hatte angefangen, mich auf sie einzulassen. Dann traf sie einen gerade entlassenen Gefangenen aus der anderen Fraktion und war danach von einem vehementen AbgrenzungsbedĂŒrfnis bestimmt, als hĂ€tte sie sich in unserer Gruppe auf einen unklaren Weg fĂŒhren lassen, von dem sie sich nun retten mĂŒsse. FĂŒr mich war das eine tiefgehende desillusionierende Sitzung, da ich doch noch die Hoffnung nach Rekonstruktion einer verlorenen IntensitĂ€t in mir herum schleppe, die eines zur Gewissheit hat: Nicht verraten zu werden. Deren Zerstörung bleibt deprimierend. Denn der Wunsch nach KollektivitĂ€t und besitzloser und solidarischer Vertrautheit war tief in uns verankert. Was sich heute Ă€ndert, ist der Umgang diesem Verlust. Vor allem hatte die Gruppe ihren Anteil daran, dass ich meinen alten Zusammenhang, auch was die emotionalen Beziehungen betrifft, in die Geschichte gehen lassen kann und meine Rolle annehme, immer wieder auch alleine zu stehen. Das ist viel. Zweifellos war und ist fĂŒr mein heutiges Gleichgewicht auch von großer Bedeutung, dass ich mich meistens den Diskussionen ĂŒber unsere Geschichte, auch den Konfrontationen stelle, die an mich herangetragen werden. Auseinandersetzungen fĂŒhren weiter.

Haftbedingungen

Beim Lesen dieses Textes frage ich mich, ob es richtig war, dass wir kaum ĂŒber die Haftbedingungen gesprochen haben. Von meinem Interesse her war es eindeutig richtig. Ich hatte von der „anderen Seite“, dem Staat, den wir auch monolithisch gesetzt hatten, alles erwartet. Ich wusste nicht, ob ich es ĂŒberstehe, aber es hat mich nicht ĂŒberrascht oder moralisch empört. Wir waren in einer klaren Feindschaft. Ich glaube, fĂŒr das Überleben in Extremsituation ist wichtig, nicht von dem ĂŒberwĂ€ltigt zu sein, was kommen kann. Ich wollte in der von Externen begleiteten Ex-Gefangengruppe unsere internen Konflikte besprechen und kollektiv das finden, was trotz Niederlage und Fehler wenigstens unseren GrĂŒnden und Absichten gerecht wird. Keiner von uns hat diesen Kampf aus reaktionĂ€ren oder individuell-bereicherungssĂŒchtigen GrĂŒnden gefĂŒhrt. Andererseits Ă€rgert es mich heute immer mehr, wenn ich sehe, wie hemmungslos im öffentlichen Bild ĂŒber die stille und offene Gewalt, ĂŒber Schikane, Sadismus und konzeptionelle Zerstörungsstrategie, auch ĂŒber eine an politischen Zwecken ausgerichtete Justiz gegen uns herum gelogen wird. Im Nachhinein wird alles von der eigenen Feindschaft, dem Hass und dem Vernichtungswillen, vielleicht auch von der Angst und Hysterie entkleidet und besonders die Haft zum „Hotelvollzug“ und zu einer mit maßlosen Privilegien gemacht. Das EntschuldungsbedĂŒrfnis auf Seiten der staatlich Verantwortlichen scheint phĂ€nomenal zu sein. Aber auch das von anderen. In der taz z.B. wurde das Buch des ideellen GesamtgefĂ€ngniswĂ€rtes Kurt Österle, gegen dessen belegfreie und aus genehmen Ausschnitten aus der Geschichte der Isolationshaft konstruierte Darstellungen andere inzwischen sich erfolgreich juristisch zur Wehr gesetzt haben, mit der Vorbemerkung ausgefĂŒhrt, dass „endlich mit der LĂŒge der Isolationshaft“ aufgerĂ€umt werde.

Bei dem Gedanken, die Haft anzusprechen, weiß ich gar nicht, was ich auswĂ€hlen soll. Es wĂŒrde leicht ein ganzes Buch fĂŒllen. Trennen mĂŒsste man nach Zeit und Methode. Nach Zeit meint z.B.: Vor einem Gerichtsverfahren und nach einem Prozeß, also vor und nach dem Moment von Öffentlichkeit. Nach Zeit meint auch: Vor Herbst 1977 und nach Herbst 1977. Ich war damals, nach Herbst 1977, der festen Überzeugung, dass den GefĂ€ngnis Administrationen von der politischen Ebene her, also von den Landesjustizministern, signalisiert worden war, dass sie eine Zeit lang uns gegenĂŒber fast freie Hand haben. Draußen wurden in dieser Zeit polizeilich gestellte RAF-Mitglieder gleich erschossen, drinnen konnten „Herr-und-Hund-Konzeptionen“ sich erst einmal richtig austoben. In Köln-Ossendorf haben sich Schikane und offene Gewalt fast tĂ€glich die Hand gegeben. Fast ein Jahr lang wurde dort z.B. neben allem anderen mit Schlafentzug gearbeitet, d.h. stĂ€ndiges, oft halbstĂŒndiges Wecken durch Einschaltung greller Beleuchtung und an die TĂŒre hĂ€mmern bis man aufschreckt unter dem Vorwand, dass nachgesehen werden mĂŒsse, ob wir noch leben wĂŒrden. Nacht fĂŒr Nacht und Monat fĂŒr Monat. Lagen dann irgendwann die Nerven blank und wurde von mir die Beleuchtung einfach von der Wand abgeschlagen, endete das wieder damit, dass ich unter SchlĂ€gen und Tritten in die unterirdische kalte Bunkerzelle geschleppt und auf das dortige Holzbrett gefesselt wurde. Diese Beispiele ließen sich beliebig fortsetzen.

Trennen nach Methode meint: Die Zeit vor und nach dem Neubau der Hochsicherheitstrakte. Isoliert im GefĂ€ngnis war ich von Anfang an. Aber der Hochsicherheitstrakt war etwas neues. Ich war 1978 von Köln-Ossendorf nach dem wohl auch physisch gewalttĂ€tigsten Jahr meiner Haft, nach sechs langen Hungerstreiks in anderthalb Jahren und emotional und körperlich völlig ausgezehrt nach Celle gebracht worden in den neuen Hochsicherheitstrakt und dort in eine sozial vollstĂ€ndig leeren Situation gesetzt worden. Ich war in einer Zelle mit Fenstern aus zentimeterdicken Panzerglasscheiben, die fest verschlosssen waren und nicht mehr geöffnet wurden. Davor stand ein Bretterzaun, um die Sicht nach außen zu verhindern. GerĂ€usche kamen in diese Zelle nicht mehr rein. Im Innern standen weiße Schleiflack Möbel (Tisch und Schrank), der Heizkörper war weiß, Waschbecken und Toilette waren aus Nirosta-Stahl, die WĂ€nde waren pastellgelb, die Decke weiß, die TĂŒren grau. Drei grelle, fĂŒr mich nicht zu betĂ€tigende weiße Neonleuchten brannten von morgens bis abends. SpĂ€ter wurde bekannt, dass die Stahlbetten von unten mit einer millimeterdicken Schallschluckfarbe bestrichen waren. Der Einzelhofgang fand in einem kleinen Trakthof statt, in dem man wenige Schritte zur Seite und Quer gehen konnte. Über den Hof war ein Tarnnetz der Bundeswehr gezogen. Als ich nach Ankunft meinen bisherigen Besuchern meine neue Adresse mitteilte, wurde gegen jeden von ihnen ein dauerhaftes Besuchsverbot verhĂ€ngt. Ich bin, außer meinem Anwaltskontakt, vollstĂ€ndig alleine gewesen.

Der Zustand der weitgehenden GerĂ€uschisolation hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis er mit einem 72-tĂ€gigen Hungerstreik, der mit sehr harten ZwangsernĂ€hrungen zum Abbruch gebracht werden sollte, durchbrochen wurde. In dieser Zeit hatte ich u.a. meine Sprache verloren und fand beim stattfindenden monatlichen Besuch hinter Trennscheibe die Worte nicht mehr. In der Stille stand manchmal das GefĂŒhl des Erstickens vor einem und man musste eine große Selbst Kondition entwickeln, um von solchen GefĂŒhlen nicht ĂŒberrannt zu werden. Ich war einmal mehrere Tage nicht in der Lage, den Sauerstoff tief einzuatmen. Ich weiß bis heute nicht, was das war. Ich hatte tagelang dann nichts anderes gemacht, als mich auf das Atmen zu konzentrieren. Niemand stellt eine solch perfekte Situation der Sinneszerstörung ohne eine damit verbundene Absicht her. Vom Anstaltsleiter, der, wie spĂ€ter bekannt wurde, kurz vorher das „Celler Loch“, also den fingierten Anschlag des BGS auf die Außenmauer in Celle mit diversen öffentlichen LĂŒgen gedeckt hatte, war ich mit den Worten begrĂŒĂŸt worden: „Hier werden Sie nicht mehr rauskommen“. Er hatte dabei, wahrscheinlich um auf die hoheitliche WĂŒrde dieser seiner Aufgabe hinzuweisen, einen Schlips mit Deutschlandflagge umgebunden. Der BGS-Anschlag auf die Außenmauer der JVA-Celle war dann die BegrĂŒndung, um die Haftbedingungen von Sigurd Debus zu verschĂ€rfen, der drei Jahre spĂ€ter wĂ€hrend eines erneuten kollektiven Hungerstreiks gegen diese Haftbedingungen an den Folgen der gewaltsamen ZwangsernĂ€hrung starb.

Was ich anfĂŒhre, wirft ein Blitzlicht und gibt nur ein unzureichendes Bild. Es betrifft nichts, was eine Besonderheit bei mir gewesen wĂ€re, sondern es wirft nur ein Licht auf den jahrelangen Alltag fĂŒr alle. Ich möchte das hier auch nicht ausfĂŒhrlicher darstellen; es war nicht das entscheidende in unserer Gruppe. Ich habe es durchgestanden. Andere nicht, dass darf man auch nicht vergessen. Daß ich es konnte, hat mir wĂ€hrend der Haft geholfen, nie grundsĂ€tzlich zu verzweifeln. Ich fĂŒge es zum Schluß an, um einen Bogen herzustellen zum Beginn der „Balint-Gruppe“ und der Rede von Volker Friedrich ĂŒber die verdrĂ€ngte Isolationshaft, die auch dann fĂŒr niemand anders wird, wenn sie medial nachtrĂ€glich schöngeredet oder gleich geleugnet wird.

Zum Schluß

Nach Marx ist die Revolution, der Bruch mit der bisherigen Geschichte, notwendig, damit sich die Subjekte in der alten Gesellschaft von den bisherigen Verinnerlichungen befreien können. Dazu muß sie allgemein sein. Das wussten wir. Wir waren – dabei mehr Franz Fanon und Sartre nah – aber auch davon ausgegangen, dass der Einzelne sich kĂ€mpfend aus dem aktuellen historischen Zustand, den die bestehende Gesellschaft darstellt, befreien und grundsĂ€tzlich verĂ€ndern kann. Macht und Zwang ist etwas, was individuell abgeworfen und Befreiung etwas, was im Machtkampf mit der Herrschaftsstruktur der alten VerhĂ€ltnisse verallgemeinert werden kann. Die RAF ging davon aus, dass der Prozess in Gang zu setzen ist, aus dem der Minderheitenwille nach Befreiung gesellschaftlich allgemein werden kann. Der Tod in Stammheim kam aus der Erkenntnis, dass es nicht reicht, dass unsere Anstrengung unzureichend, vielleicht im Meisten auch falsch war, die Reife der Zeit fehlt und was immer auch sonst noch. Er gesteht das Scheitern ein und lehnt trotzdem im Tritt gegen die Macht, die das Mordszenario bedeutet, die Unterwerfung und jede RĂŒckkehr ab. Der Tod in Stammheim bekrĂ€ftigt aber auch, dass selbst die Niederlage im Befreiungsversuch nicht dazu fĂŒhren darf, sich preiszugeben, also sich kaufen zu lassen. Das bleibt eine Besonderheit der RAF: Sie war in ihrer ganzen Geschichte nie bereit, vom GrundsĂ€tzlichen abzugehen, also kĂ€uflich zu werden. Das legte das VerhĂ€ltnis „Sieg oder Tod“ nah, das noch lange nachwirkte. Das Ahistorisch-Werden dieses VerhĂ€ltnisses anhand des unzureichend gewordenen Inhaltes ist formal erst 1998 mit der Selbstauflösung, lĂ€ngst verspĂ€tet, eingestanden worden. Eine RĂŒckkehr in alte ZustĂ€nde war von den meisten Akteuren nie eingeplant.

Mit der RAF haben wir die fehlende Reife der Zeit nicht sehen wollen, weil uns aus den Aufbruchserfahrungen der Nachkriegsrevolte kollektive oder individuelle Befreiung zu verlockend und das Leben in der Gesellschaft zu unertrĂ€glich war. Es gibt also ein Bewusstsein, das gegen die Wand rennen muß und deswegen als unglĂŒcklich zu bezeichnen ist. Unschuldig ist es deswegen nicht. Es ist aber auch nicht einfach als nur verwerflich zu bezeichnen, wie der Versuch der Revolte oder Revolution nie verwerflich sein kann. Sie spricht an, dass etwas ĂŒberkommen ist. So auch die RAF, egal ob zu frĂŒh und oft falsch. Die Behauptung, dass es den Bruch nicht geben kann, halte ich fĂŒr den Sprung in eine rechte Lebensbestimmung, der ich mich verweigern will. Das polternde Echauffieren Ex-68er und Nach-68er ĂŒber die Verwerflichkeit der systemoppositionellen Linken will ĂŒberspielen, dass das bĂŒrgerliche System im Grundsatz als etwas gesetzt wird, was nicht in Frage gestellt werden kann. Eine solche Zukunft wĂ€re ohne jede Hoffnung.

Die RAF war 1977 gescheitert. Unterwerfung war das einzige, was uns von staatlicher Seite als Bewegungsrahmen offen gelassen werden sollte aus dessen Erkenntnis, dass nichts von der RAF integrierbar ist. Man kann das auch als negative Anerkennung dafĂŒr sehen, dass mit der RAF vom Ansatz her eine Fundamentalopposition auftrat. Sinn der Haft war, dass wir alle nach und nach auf Stein beißen und als Subjekte erstarrend verhungern. „Weiß werden.“ [11] Nie wieder sollten wir zusammen kommen. Heute, scheint es, verbieten es sich viele selber. Und doch: Ich finde, dass alle Gefangenen, die gegen die Niederlage der RAF oder die ihrer eigenen Gruppe die Unterwerfung fĂŒr sich trotzend abgelehnt haben, richtig handelten und handeln. Das wiederum vereint uns.

Unser Aufbruch war richtig. Es war ein Versuch, „das Kontinuum des Bestehenden“ aufzusprengen.[12]

Fußnoten

[1] FĂŒr J. Ph. Reemtsma, der sich als nachholender Kritiker in Rage redet, existieren diese ZusammenhĂ€nge nicht oder sind fĂŒr die Analyse unbedeutend. Die Kulmination des Generationsbruchs in der Nachkriegszeit im bewaffneten Kampf anhand der aus der Vergangenheit und Gegenwart nahe liegenden Frage von „Sozialismus oder Barbarei“, wird bei ihm zum Ausdruck eines unpolitischen Machtrausches letztlich kranker Individuen bzw. „stammelnder Idioten“ mit nihilistischer Subjektgrundlage. Mir scheint allerdings, dass ĂŒber die Geste der verĂ€chtlichen Negation der RAF eines als SelbstverstĂ€ndlichkeit transportiert werden soll: Dass es außerhalb des bĂŒrgerlichen Rahmens keine Lebensgrundlage geben kann, auf der sich die Menschheit entwickeln könnte. So landet man bei der FDP.

[2] Ich war 1973 als Hausbesetzer fĂŒr ein Jahr ins GefĂ€ngnis gesteckt worden. Im Prozess bin ich aufgrund einer klar belegbaren Falschaussage eines Polizisten zu einem Jahr GefĂ€ngnis verurteilt worden, welches ich als U-Gefangener bis auf drei oder fĂŒnf Tage vollstĂ€ndig abgesessen hatte. WĂ€hrend dieser Haft war ich ĂŒber elf Monate in Total Isolation. Meine Weigerung, mich der GefĂ€ngnislogik unterzuordnen, fĂŒhrte zu vielen „Rollkommandos“, die mich mit brachialer Gewalt von hier nach dort im GefĂ€ngnis schleppten. Ich habe meine Haft durchgestanden, tatsĂ€chlich auf Biegen und Brechen. 1975 entschied der BGH auf Revision der Staatsanwaltschaft, dass die Hausbesetzer auch noch wegen der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung verurteilt werden mĂŒssten. Wichtig zu erwĂ€hnen ist mir, dass in der Zeit meiner Hausbesetzerhaft, 1973, Salvador Allende ermordet wurde, was von vielen TrĂ€gern aus der politischen Klasse gutgeheissen worden war. Die politische und ökonomische Klasse machte immer deutlich, wie weit sie gehen wĂŒrde.

[3] Hölz, Max (1969): Vom Weißen Kreuz zur Roten Fahne. Frankfurt/M. (Verlag neue Kritik), Paperback.

[4] Ich hatte sowohl 1981 als auch 1985 zu denen gehört, die damals den Hungerstreik nicht abbrechen wollten. 1981 war Sigurd Debus an den Folgen der ZwangsernĂ€hrung gestorben. Es hatte sich hier einfach verboten mit dem Hungerstreik aufzuhören, nur weil der Staat zum politischen Abwickeln dieses Todes ein paar vage ZugestĂ€ndnisse machte. 1985 wurde in der internen Diskussion der Hungerstreikverlauf so festgelegt, dass es keinen Abbruch geben darf, egal wie bedrohlich die Situation fĂŒr Einzelne ist. Wir hatten das in Celle akzeptiert und hatten beinahe zwei Tote in unserer vierköpfigen Gruppe. Abgebrochen wurde dann, nachdem woanders die Situation Ă€hnlich eskalierte. Von heute aus gesehen bin ich ĂŒber die Inkonsequenz froh und es ist anderen zu verdanken, dass es nicht noch mehr Tote gab. FĂŒr mich war es damals aber ein zentrales Problem: Wenn man verantwortlich ist fĂŒr einen Kampf, in dem es Tote gibt, selbst aber nicht jede Konsequenz fĂŒr sich akzeptiert, ist oder wird der Kampf korrupt. In unserer Vorstellung vom revolutionĂ€ren Kampf, wie in der von wohl fast allen revolutionĂ€ren Gruppen in der Welt, war das Leben nicht das höchste Gut des RevolutionĂ€rs.

[5] Man könnte hier jetzt noch Wackernagel und Schneider anfĂŒhren. Ich muss aber einen Unterschied machen. Siegfried Haag hat einfach einen Schnitt gemacht. BegrĂŒnden oder intern diskutieren wollte er ihn nicht. SpĂ€ter hat er, aus taktischen GrĂŒnden, zur Beschleunigung seiner Freilassung eine öffentliche Distanzierung gebracht. Wackernagel und Schneider waren außerStande, fĂŒr sich zu erklĂ€ren, dass die RAF und deren bewaffnetes VerhĂ€ltnis zum System nicht mehr zu ihnen passt. Sie haben in endlosen ErklĂ€rungen den Marxismus und eine oft nur noch oberschĂŒlerhafte Ethik-Diskussion bemĂŒht, um zu einer Absage an die RAF zu kommen. Andreas Baader hatte dazu einmal den Satz formuliert, dass niemand geht, ohne den Versuch, die Moral mitzunehmen. Haag hat hier erst einmal anders gehandelt, aus meiner Sicht jedoch aus anderen GrĂŒnden damals unentschuldbar.

[6] Nach der EntfĂŒhrung des Flugzeuges nach Entebbe durch den Internationalen FlĂŒgel der RZ, schrieb Gudrun Ensslin, dass sich die Stammheimer Gefangenen beinahe öffentlich distanziert hĂ€tten. Ich habe zu denen gehört, die das mit unendlicher Erleichterung aufgenommen hatten.

[7] Machtfrage in diesem Sinn, die also die Aufhebung der Entfremdung als Bestandteil der Politik beinhalten musste, musste auch die Befreiung der Gefangenen beinhalten. Deswegen war die SchmĂ€hung von Fritz Teufel ĂŒber die „Befreit-die Guerilla-Guerilla“ nur Ausdruck des Nichtbegreifens dessen, was fĂŒr die RAF befreiende Politik war. Die Frage der Auseinandersetzung mit der Entfremdung ging meiner Meinung nach völlig an der Bewegung 2. Juni vorbei. Sie war eine linksradikale Politikgruppe, die sich an den BewusstseinszustĂ€nden ihrer Basis und im Machtkampf an den LĂŒcken im System orientierte, populĂ€r-radikal, aber eben auch gefĂ€llig sein wollte. Sie musste mit ihrer Szene zerfallen. Möglicherweise war sie auf Basis ihres Konzeptes erfolgreicher als die RAF auf ihrem. Aber mehr als einen diffusen, von Anekdoten gespeisten klassenkĂ€mpferischen Mythos des „wir unten“ und „ihr oben“ scheint sie nicht zu hinterlassen.

[8] Die Tatsache, dass – welch großer Anteil auch immer – Alt-Linke aus der linksradikal bestimmten 68er-Bewegung nach 1977 zum Bestandteil der herrschenden Elite wurden, also individuell und gruppenmĂ€ĂŸig eine Alternative zur Revolution fanden, sollte man im Nachhinein nicht so deuten, dass sie Anfangs der 70er Jahre nicht auch eine Niederlage des Staates wollten und dass der Sieg des Staates nicht seine Wunden und Deformationen hinterließ.

[9] Weshalb Wolfgang Ports Versuch Ende der 70er Jahre, ein Verbindungslinie von den Toten in Stammheim zu Jim Jones und dem Massenselbstmord von People’s Temple zu ziehen, leider nur im Demagogischen hĂ€ngen bleibt.

[10] Nach dem Tod der Stammheimer konnte eigentlich niemand mehr akzeptieren, dass andere in einer Ă€hnlichen Rolle zur Gruppen stehen wie sie damals. Nach ihrem Tod hĂ€tten wir den Inhalt von KollektivitĂ€t, ĂŒberhaupt die Frage unserer inneren Struktur, neu entwickeln mĂŒssen.

[11] Eine Begrifflichkeit ĂŒber das Ziel der Isolation von Christian Geissler

[12] Vgl. Benjamin, Walter (1965): Zur Kritik der Gewalt und andere AufsÀtze, hier: Geschichtsphilosophische Thesen, 15. U. 16. These, S. 90ff., Frankfurt/M. (Edition Suhrkamp), 1. Aufl.




Quelle: Emrawi.org