April 24, 2021
Von InfoRiot
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Cottbus – Jessi und Jacki machen Alltagssexismus mit Kreideaktionen im öffentlichen Raum und auf Instagram unter @catcallsofcottbus sichtbar.

Sie ste­ht vor dem Net­to-Einkauf­s­markt an der Tuch­fab­rik in der Cot­tbuser Innen­stadt und schließt ihr Fahrrad ab. Beim Herun­ter­bĂŒck­en rutscht die Hose etwas runter. Zwei MĂ€n­ner beobacht­en die Szene. Als die junge Frau ihr Klei­dungsstĂŒck richtet, bemerkt ein­er von ihnen in einem hellen geisti­gen Moment: „Nicht hochziehen, runter ist die Rich­tung.“ Der Andere lacht – und die junge Dame ist beschĂ€mt und verletzt.
Es sind Sit­u­a­tio­nen wie diese, die Frauen weltweit jeden Tag erleben. „Na SĂŒĂŸe, wo soll’s denn hinge­hen?“, „Hast Du Lust?“ oder „Tit­ten raus, es ist Som­mer!“. Nach wie vor wer­den Frauen und MĂ€d­chen Opfer von Diskri­m­inierung, vor allem im öffentlichen Raum, auf Straßen, PlĂ€tzen oder in Parks. Als „Cat­call­ing“ beze­ich­net man die ver­bale BelĂ€s­ti­gung, die sex­is­tis­che Belei­di­gun­gen, unpassende Anmach­sprĂŒche oder ein­fach plumpes Hin­ter­hergepfeife meint.

Zwei Lausitzerinnen haben Instagram-Account „catcallsofcottbus“ gegrĂŒndet

Eine große inter­na­tionale Bewe­gung will das nicht lĂ€nger schweigend hin­nehmen. Ihren Ursprung hat der Kampf gegen BelĂ€s­ti­gung in New York, wo der Insta­gram-Account „cat­call­sofnyc“ fast 180.000 Fol­low­er hat. Auch große deutsche StĂ€dte wie Ham­burg, MĂŒnchen oder Berlin haben solche Pro­file. Und dank der bei­den Erzieher-Azu­bis Jes­si (21) aus Cot­tbus und Jac­ki (24) aus Sen­ften­berg existiert so ein Account jet­zt auch fĂŒr Cot­tbus. Die bei­den Lausitzerin­nen sam­meln Erfahrun­gen von Frauen, um sie öffentlich zu machen.
„Wir haben uns oft darĂŒber aufgeregt“, sagt Jes­si. „Es wird fast schon als nor­mal ange­se­hen, dass man Cat­calls bekommt. Wenn man raus­ge­ht, ist es fast schon komisch, wenn nichts passiert. Ich kann mich an einen Tag erin­nern, an dem wir spazieren waren und vier Cat­calls bekom­men haben.“ Das wollen sie Ă€ndern.
Mit einem Eimer Krei­de laufen die bei­den öffentliche Stellen in Cot­tbus ab, an denen Frauen belĂ€stigt wur­den, und schreiben die Szenen und Wort­laute direkt auf den Asphalt. „Jedes Mal, wenn wir sowas auf­schreiben, gewin­nen wir den Raum fĂŒr uns und die Frauen zurĂŒck“, sagt Jes­si. „Wir haben bei jed­er Krei­deak­tion die Hoff­nung, dass der TĂ€ter das lesen kön­nte und ĂŒber sein Ver­hal­ten nach­denkt. Das fĂŒhlt sich gut und irgend­wie befreiend an.“ Viele Frauen und MĂ€d­chen senden Dankess­chreiben an die bei­den und sagen, dass es ihnen helfe. „Wir holen sie damit aus der Opfer­rolle“, sagt Jacki.

RKI-Statistik: 58 Prozent der deutschen Frauen erleben sexuelle BelÀstigung

Ihre Ini­tia­tive wird das Prob­lem zwar nicht abschaf­fen, aber es schafft Aufmerk­samkeit, Laut­stĂ€rke und Bewusst­sein. „Viele MĂ€n­ner kriegen gar nicht mit, dass das so ein Prob­lem ist und dass das der All­t­ag ein­er Frau ist“, sagt Jes­si. Laut ein­er Sta­tis­tik vom Robert-Koch-Insti­tut (RKI) aus dem Som­mer 2020 haben 58 Prozent der deutschen Frauen bere­its sex­uelle BelĂ€s­ti­gung erlebt, 20 Prozent wur­den schon Opfer von Nach­stel­lun­gen und Stalk­ing. Und es bet­rifft oft­mals auch Min­der­jĂ€hrige. „80 bis 90 Prozent der Frauen, die uns schreiben, sind unter 18 Jahre alt“, sagt Jacki.
Ihren ersten Post haben Jes­si und Jac­ki am 25. Novem­ber gemacht, dem inter­na­tionalen Tag zur Besei­t­i­gung von Gewalt gegen Frauen. Sei­ther haben sie ein paar Dutzend Geschicht­en von Frauen geschickt bekom­men, in denen diese auf ein optis­ches Objekt reduziert – und teil­weise auch kör­per­lich belĂ€stigt wur­den. „Es fĂ€ngt beim Hin­ter­herpfeifen an“, sagt Jac­ki. „Aber bis mir ein Typ im Club an den Arsch fasst, ist es dann nicht mehr weit. Bei dem, was uns geschickt wurde, mussten wir teil­weise selb­st schluck­en. Da war viel dabei, das zur Anzeige hĂ€tte fĂŒhren mĂŒssen.“
Ver­bale BelĂ€s­ti­gun­gen allein aber sind in Deutsch­land noch nicht straf­bar. Zwar hat eine Online-Peti­tion im ver­gan­genen Jahr schon genau dafĂŒr gewor­ben. Im Gegen­satz zu anderen LĂ€n­dern wie Bel­gien, den Nieder­lan­den oder Por­tu­gal, wo „Cat­call­ing“ sog­ar mit Frei­heitsstrafen von bis zu einem Jahr sank­tion­iert wer­den kann, hat der Deutsche Bun­destag ein solch­es Gesetz noch nicht auf den Weg gebracht.
Vielmehr mĂŒssen sich Jes­si und Jac­ki zurzeit noch als Ver­brech­er fĂŒhlen, wenn sie wĂ€hrend ihrer Krei­deak­tio­nen die Polizei am Hals haben. „Ja, die Polizei hat uns auch schon des Platzes ver­wiesen und unsere Per­son­alien aufgenom­men, obwohl das, was wir machen, nicht ver­boten ist“, sagt Jac­ki. Doch die bei­den Frauen lassen sich davon nicht aufhal­ten. Sie tun das aus Überzeu­gung und wer­den auch weit­er­hin krei­den gegen das Lei­den. Jac­ki: „Es warten noch viele Geschicht­en darauf, dass wir sie öffentlich machen.“ Um zu zeigen, dass es große Unter­schiede gibt zwis­chen einem Kom­pli­ment und sex­ueller BelĂ€stigung.






Quelle: Inforiot.de