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„Wie eine AufwĂ€rmĂŒbung“ nach einem Jahr Coronapandemie: Trotz regnerischem Wetter und Corona-Blues zog die Housing-Action-Day-Demonstration durch die Hauptstadt. Zwischen dem Roten Rathaus und dem Mariannenplatz liefen dutzende von Mieter:inneninitiativen, linken Gewerkschaften und autonome Gruppen zusammen und skandierten Slogans wie „Kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag“. Banner und Redner:innen trugen brisante und kĂ€mpferische Aussagen, vom Ende der ZwangsrĂ€umungen und der VerdrĂ€ngung von FreirĂ€umen bis zur Vergesellschaftung von großen Wohnungskonzernen.

„Der Housing Action Day ist wichtig, weil er eine BĂŒhne fĂŒr anarchistische Themen wie Vergesellschaftung und Selbstorganisation schafft“, bekrĂ€ftigt Chris aus der FAUB Medien & Kultur-Abteilung. Zusammen mit der jungen Mieter:innengewerkschaft Berlin (MGB) bildeten ein Dutzend Mitglieder beider Organisationen einen Block an der Spitze des Zuges. Das gemeinsame Transpi forderte kĂ€mpferisch: „WĂ€hlt Selbstorganisation!“

Der Housing Action Day: Ein europaweiter Protest gegen den Mietenwahnsinn

„Gemeinsam gegen VerdrĂ€ngung und #Mietenwahnsinn“ zog die Housing Action Day-Demo vom Roten Rathaus zum Mariannenplatz. Berlin, 27.3.2021 © Philippe Pernot

„Es ist wirklich verheerend, wie mit Mieter:innen umgegangen wird und wie wenig Schutz wir gegen Immobilienfonds und Briefkastenfirmen haben, die mit unseren Wohnungen und HĂ€usern das machen können, was sie wollen.“, beklagt Christian, Mitglied der MGB. „Weil diese Probleme ĂŒberall dieselben sind, ist es unheimlich wichtig, dass Menschen aus ganz Europa heute zusammenkommen“.

Insgesamt 58 StĂ€dte nahmen an den Demonstrationen teil, von Sevilla bis Nicosia, ĂŒber Paris und Köln. Um solch einen europaweiten und massiven Kampf zu tragen, reiche die individuelle Herangehensweise der Mietervereine nicht mehr aus. „Wir brauchen basisdemokratische Gewerkschaften, um die Stimmen der Mieter:innen und Arbeiter:innen kollektiv tragen zu können. Wir mĂŒssen unsere KĂ€mpfe zusammenfĂŒhren!“, fordert Christian.

Wohn- und ArbeitskÀmpfe: Zwei Seiten derselben Medaille

WÀhrend der Housing Action Day-Demonstration. Berlin, 27.3.2021 © Philippe Pernot

„Das sind beides KĂ€mpfe, die man zusammenfĂŒhren muss! Denn die Mieten mĂŒssen ja den Löhnen entsprechen, und andersrum.“, bestĂ€tigt Chris, von der FAUB. Deswegen haben sich die MGB sowie die FAU fĂŒr eine syndikalistische Herangehensweise entschieden, um „direkte Aktionen, die sich in den gewerkschaftlichen ArbeitskĂ€mpfen etabliert haben, im Bereich Wohnen anzuwenden“, erklĂ€rt ein Flyer der Mieter:innengewerkschaft. Ziel wĂ€re, einen Zusammenschluss aller Mieter:inneninitiativen zu bewirken. „Die heutige Demo war ein erster Schritt in der Hinsicht“, meint Christian. Obwohl die Mieter:innengewerkschaft und die FAU noch nicht offiziell zusammenarbeiten, haben sie vieles gemeinsam. „Der Mietenwahnsinn ist ein Grundproblem, der alle Arbeiter:innen betrifft. Deshalb engagieren sich viele Fauistas auch im Kampf fĂŒr gerechte Mieten.“, erklĂ€rt Chris von Seiten der FAUB. TatsĂ€chlich gibt es in Berlin viele doppelte Mitgliedschaften zwischen FAU und MGB, aber auch mit der „Deutsche Wohnen & Co Enteignen“-Kampagne, die in einem Monat 50.000 Unterschriften gesammelt hat von insgesamt 175.000, die fĂŒr einen berlinweiten Volksentscheid notwendig sind.

Von der Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne zur Kollektivierung

Ziel der „Enteignen“-Kampagne ist, alle Wohnungskonzerne mit mehr als 3.000 „Objekten“ zu vergesellschaften. Die öffentliche Hand des Berliner Senats wĂŒrde die schĂ€tzungsweise 243.000 Wohn-

„Die HĂ€user denen, die drin wohnen“- Transpi der „Deutsche Wohnen & Co. Enteignen“ wĂ€hrend der Housing Action Day-Demo vor dem Rothen Rathaus. Berlin, 27.3.2021 © Philippe Pernot

ungen verwalten, um durch die Mieten die EntschĂ€digung an den Unternehmen in Höhe von 8 bis 40 Milliarden Euro zu finanzieren. Die Vision fĂŒr diese öffentliche Verwaltung wĂ€re eine „demokratische Selbstverwaltung, in der Mieter:innen, Senat, BeschĂ€ftigte der Gesellschaft und die Stadtgesellschaft gleichermassen beteiligt sind.”, behauptet die Kampagne auf ihrer Webseite.

Seit einer Woche hat die FAUB ihre UnterstĂŒtzung der Initiative öffentlich gemacht und angefangen, im Lokal an der GrĂŒntaler Straße 24 auch Unterschriften zu sammeln. „Die Vergesellschaftung ist ein großer Schritt in Richtung einer Kollektivierung, in der die Einwohner:innen wirklich direkt ĂŒber das Leben ihres Wohnblockes entscheiden“, meint Chris, der FAUB Medien & Kultur. Seiner Meinung nach zeige die heftige Berliner Debatte ĂŒber Vergesellschaftung wie sehr alte anarchistische Ideen in die Öffentlichkeit gedrungen sind.

Perspektiven im Kampf fĂŒr faire Löhne und Mieten

In dieser Hinsicht geht die „DW & Co Enteignen“-Kampagne aber nicht weit genug. „Ob der Volksentscheid erfolgreich ist oder nicht, es wird weiterhin unsere Aufgabe sein, das Thema einer nicht-staatlichen Kollektivierung auch im

Flagge der FAU wÀhrend der Housing Action Day-Demonstration. Berlin, 27.3.2021 © Philippe Pernot

Arbeitsbereich auf die Tagesordnung zu setzen.“, bekrĂ€ftigt Chris. Dabei setzt die FAU den Schwerpunkt auf konkrete ArbeitskĂ€mpfe und die UnterstĂŒtzung von Kollektivbetrieben. In Berlin macht das zum Beispiel die Union Coop // Föderation, die von der FAUB initiiert wurde und in der sich ein Dutzend selbstverwaltete Betriebe zusammengeschlossen haben.
Doch in Berlin erscheint der Horizont als grau und erbittert: Innerhalb von wenigen Monaten wurden viele FreirĂ€ume verdrĂ€ngt, das Syndikat, die L34 und die Meuterei wurden trotz Mobilisierung durch massive PolizeieinsĂ€tze gerĂ€umt. „Ich bin heute immer noch wĂŒtend und traurig.“, sagt Christian, der selber ein Mitglied des Syndikat-Kollektivs ist, „doch gibt es durch den Mietendeckel und die ‚Enteignen‘-Initiative etwas Hoffnung. Viele EuropĂ€er schauen nach wie vor in Richtung Berlin, weil hier noch hart gekĂ€mpft wird und wir nicht aufgeben“. In der Hinsicht könnte die Housing-Action-Day-Demonstration tatsĂ€chlich nur die AufwĂ€rmĂŒbung eines kĂ€mpferischen Gegenangriffes sein, der nach der Corona-Flaute in Schwung kommen könnte.

Beitragsbild: Das gemeinsame Transpi der FAUB und der Mieter:innengewerkschaft Berlin wÀhrend der Housing-Action-Day-Demonstration. Berlin, 27.3.2021 © Philippe Pernot




Quelle: Direkteaktion.org