Oktober 26, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Frauen sind verschiedenen Formen der Gewalt in unterschiedlichen Lebensbereichen ausgesetzt. Wie definiert man Gewalt? Welche Formen von Gewalt gibt es? Und wie Ă€ußern sie sich? Was sind die Ursachen der Gewalt gegen Frauen? Und mit welchen AnsĂ€tzen kĂ€mpft die Frauenbewegung seit Jahrzehnten dagegen? Auf diese Fragen antwortet in ihrem Artikel fĂŒr die Graswurzelrevolution Gisela Notz. (GWR-Red.)

Der Begriff „Gewalt“ ist ein situativ vieldeutiger Begriff. „Gewalt wird also definiert, sie ist eine soziale Wirklichkeitskonstruktion. Jede Gewalt ist immer mit dem spezifischen Sinnzusammenhang des jeweiligen Geschehens verwoben und folglich nur innerhalb des sozialen Kontextes verstehbar, in dem diese Zuschreibung erfolgt. Der Gewaltbegriff ist daher ein tendenziell offener, mehrdeutiger Begriff, der sich fĂŒr vielfĂ€ltige Beschreibungen und variable Interpretationen anbietet.“ (1) Es ist eine Frage sozialer Interpretation, ob und inwieweit Handlungen gegen Personen oder Sachen als bedrohlich oder mehr oder minder gewalttĂ€tig bewertet werden. Eine wertfreie, objektive und universell anwendbare Definition von Gewalt ist nicht möglich. Gewalt geschieht an vielen Orten und zu allen Zeiten.

Ungleiche Machtverteilung

WissenschaftlerInnen unterscheiden zwischen personaler oder direkter Gewalt, die direkt von Menschen ausgeĂŒbt wird und dem Handeln oder Nicht-Handeln konkreter Personen zugeordnet werden kann, kultureller Gewalt, die durch in einer Gesellschaft geltende Werthaltungen (z. B. Religion oder Ideologie) und negative Vorurteile gegenĂŒber bestimmten Bevölkerungsgruppen ausgeĂŒbt wird, und struktureller Gewalt, die von den gesellschaftlichen Bedingungen, also den sozio-ökonomischen oder politischen Strukturen und den MachtverhĂ€ltnissen, unter denen Menschen leben, ausgeht. (2) Frauen sind besonders von struktureller Gewalt betroffen und in ihren Entwicklungs- und Lebenschancen eingeschrĂ€nkt. Dazu gehören Diskriminierungen im Erwerbsleben, ungleiche Verteilung von Einkommen (Gender Pay Gap), ungleiche Bildungschancen und Lebenserwartungen, unzureichende Versorgung durch Gesundheits- und Sozialsysteme. Strukturelle Gewalt trifft nicht alle Frauen gleichermaßen. Frauen mit Behinderung, Frauen, die von Armut betroffen sind, eine Migrationsgeschichte oder Fluchterfahrungen haben, lesbische oder bisexuelle Frauen, trans- oder intergeschlechtliche Personen sind aufgrund ihrer Mehrfachdiskriminierung oft verstĂ€rkt struktureller Gewalt ausgesetzt.
Sowohl kulturelle als auch strukturelle Gewalt können Formen personaler Gewalt beeinflussen, ziehen aber nicht automatisch die AusĂŒbung personaler Gewalt nach sich. Dennoch ist direkte personale Gewalt gegen Frauen immer eingebettet in gesellschaftliche und strukturelle MachtverhĂ€ltnisse, die Frauen benachteiligen. (3) Personale Gewalt zeichnet sich meist durch ungleiche Machtverteilung zwischen den AusĂŒbenden, meist MĂ€nnern, und den betroffenen Frauen aus. Sie kann physisch (z. B. durch SchlĂ€ge, Freiheitsberaubung etc.) ausgeĂŒbt werden oder psychisch (z. B. durch Zwang, Diskriminierung, Drohung, Beleidigung, nicht mehr mit der Partnerin sprechen etc.). Noch wenig untersucht, aber in jĂŒngster Zeit oft problematisiert ist die digitale Gewalt, die Frauen durch Hassmails, Hate Speech, sexistische und rassistische Kommentare etc. in besonderem Maße trifft.

Von der Kriegsgewalt zur Gewalt in „privaten“ Beziehungen

Die extremste Gewalt ist die Kriegsgewalt. An der Kriegsfront kĂ€mpfen mehrheitlich MĂ€nner, die – wenn auch nicht alle freiwillig – die Gewalt ausĂŒben; wĂ€hrend Frauen an der Heimatfront in der Kriegsproduktion arbeiten oder/und die Daheimgebliebenen und die Verwundeten versorgen. Christina ThĂŒrmer-Rohr wies bereits 1983 darauf hin, dass Frauen nicht nur Opfer der patriarchalischen Gewalt sind und waren, sondern auch MittĂ€terinnen; sowohl im Alltagskrieg als auch im großen Krieg der SupermĂ€nner. (4) Petra MĂŒller verwies darauf, dass Frauen allerdings nie gefragt wurden, ob Kriege stattfinden sollen und ob sie von ihren Söhnen und MĂ€nnern wirklich „verteidigt“ werden wollen. Als Beispiel fĂŒr die Verbindung von direkter und struktureller Gewalt durch Patriarchat, Kapitalismus und Staat zeigte sie auf, dass Frauen an der Heimatfront „die schwerste Drecksarbeit zu leisten hatten und anschließend wieder unter Hinweis auf ihre ‚natĂŒrliche‘ Berufung als Frau und Mutter“ (5) fĂŒr die heimkehrenden Soldaten den Platz rĂ€umen mussten und damit von den MĂ€nnern abhĂ€ngig waren. Auch hĂ€usliche und strukturelle Gewalt sind, vor allem wenn Frauen aufgrund des familistischen Systems in der BRD ökonomisch auf die UnterstĂŒtzung von MĂ€nnern als „HaupternĂ€hrer“ angewiesen sind, eng verknĂŒpft.
Die zunehmende Debatte um Gewalt gegen Frauen ist ein Verdienst der neuen Frauenbewegungen der 1970er-Jahre. Die Sicherung der körperlichen, seelischen und geistigen Unversehrtheit von Frauen war bis dahin ein Tabu. Die neuen Frauenbewegungen holten das Thema aus der Privatheit heraus, enttabuisierten es, machten es öffentlich und gaben den betroffenen Frauen die Möglichkeit zur Artikulierung. Dazu gehörten auch die Kriminalisierung von Vergewaltigung und anderen Formen sexualisierter Gewalt (6) sowie die feministische Kritik an der ZwangsheterosexualitĂ€t. In den sich in vielen StĂ€dten bildenden Frauengruppen wurde ein kollektiver Lernprozess darĂŒber eingeleitet, dass ökonomische und soziale Benachteiligungen und Gewalt gegen Frauen kein persönliches Schicksal, sondern ein öffentliches Politikum seien, das es anzuprangern und zu verĂ€ndern gelte. Frauen kĂ€mpften fĂŒr das Selbstbestimmungsrecht bei Schwangerschaft, gegen Misshandlung und Gewalt gegenĂŒber Frauen und Kindern und problematisierten die geschlechtshierarchische Arbeitsteilung im Berufsleben und in der Familie. Die Anliegen der feministischen Bewegungen waren nicht darauf beschrĂ€nkt, MissstĂ€nde aufzudecken, sondern zugleich an deren VerĂ€nderung zu arbeiten. Die neu geschaffenen FrauenrĂ€ume dienten nicht nur der individuellen Verbesserung der Situation der Betroffenen, sondern sie wurden als Orte und Zentren fĂŒr feministische GesellschaftsverĂ€nderung begriffen. Frauen sahen sich nicht in erster Linie als Opfer, sondern als handelnde Subjekte, denen es gelang, ihre RĂ€ume fĂŒr viele andere als nur akademische Schichten zu öffnen.

Die Frauen(haus)bewegung

Die Frauenhausbewegung machte darauf aufmerksam, dass patriarchalische gesellschaftliche VerhĂ€ltnisse keine Entschuldigung fĂŒr gewalttĂ€tige Verhaltensweisen von MĂ€nnern sein können und dass jeder Mann, auch wenn er in einer frauenverachtenden Umgebung lebt, als Individuum fĂŒr sein eigenes Verhalten gegenĂŒber Frauen verantwortlich ist. Grundlegend dafĂŒr war die Erkenntnis, dass Gewalt gegen Frauen nicht nur politisch bekĂ€mpft werden muss, sondern dass von Partnergewalt betroffene Frauen und ihre Kinder auch eine konkrete Alternative zu ihrer von Gewalt, Bedrohung und DemĂŒtigung geprĂ€gten Lebenssituation brauchen. Frauen sollten nicht mehr in den Familien Gewalt und UnterdrĂŒckung aushalten mĂŒssen, sondern Beratungsstellen und Zufluchtsorte vorfinden, die sie davor schĂŒtzen, nach Misshandlungen zurĂŒck in die Kleinfamilie und zu den misshandelnden Partnern zu gehen.
Mit den 1975 zunĂ€chst in Köln und Berlin und dann auch in anderen StĂ€dten nach harten KĂ€mpfen eröffneten autonomen FrauenhĂ€usern fĂŒr misshandelte Frauen sollten ZufluchtsrĂ€ume geschaffen werden, in denen Frauen Trauer, Zorn und Wut artikulieren konnten, aber auch Schutz und Hilfestellung bekamen und ĂŒber neue Lebensformen außerhalb der Kleinfamilie nachdenken konnten, ohne mit „ihren“ MĂ€nnern weiter konfrontiert zu sein. Aus den autonomen Projekten sind autonome Einrichtungen geworden, die in den Kommunen und Landkreisen wegen ihrer kompetenten und engagierten Arbeit mehr und mehr geschĂ€tzt werden. Leider spiegelt sich diese WertschĂ€tzung in den seltensten FĂ€llen in der Finanzierung wider. Das anhaltende stĂ€ndige Ringen um finanzielle Ressourcen fĂŒr die Arbeit in Beratungsstellen und FrauenhĂ€usern bindet die KrĂ€fte der aktiven Frauen und raubt ihnen Ressourcen. Gewalt im „sozialen Nahraum“ ist – trotz einiger gesetzlicher Änderungen und etwas grĂ¶ĂŸerer öffentlicher SensibilitĂ€t – nach wie vor nicht die Gewaltform, der die Öffentlichkeit oberste PrioritĂ€t einrĂ€umt. Sie ist aber die Gewaltform, die weltweit immer weiter zunimmt.
Es ist auch ein Verdienst der Frauen(haus)bewegung, dass politische Gremien das Thema „Gewalt gegen Frauen und Kinder“ aufgreifen mussten. Zahlreiche Maßnahmen und GesetzesĂ€nderungen zugunsten der Opfer von Gewalt folgten. Immerhin dauerte es bis 1. Juli 1997, bis nach heftigen Debatten im Deutschen Bundestag und gegen die Stimmen der CDU/CSU Vergewaltigung in der Ehe unter Strafe gestellt wurde und wie jede andere Vergewaltigung als Verbrechen gilt. Bis dahin war das Selbstbestimmungsrecht der Frau mit dem Jawort am Standesamt außer Kraft gesetzt. Das war eine bewusste Entscheidung des Gesetzgebers: Als Vergewaltiger wurde in der Bundesrepublik nur bestraft, wer sein Opfer mit Gewalt zum „außerehelichen Beischlaf“ zwang. Der Trauschein wirkte wie ein Freibrief. Leider belegen Dunkelfeldstudien, dass ein Großteil der Sexualstraftaten in der Ehe weiterhin nicht zur Anzeige kommt. Sexualstraftaten werden sehr selten von Fremden begangen. Meistens findet sexuelle Gewalt im hĂ€uslichen Bereich statt, wobei es sich bei einem Großteil der TĂ€ter um den Ehemann bzw. LebensgefĂ€hrten des Opfers handelt.
Die Hoffnung der westdeutschen Frauenbewegungen, es lasse sich ein GeschlechterverhĂ€ltnis ohne BesitzansprĂŒche, ohne ĂŒberkommene Rollenvorstellungen und ohne Gewalt in den „privaten“ Beziehungen herstellen, hat sich bis heute nicht erfĂŒllt. Die FrauenhĂ€user sind ĂŒberfĂŒllt. Von familialer Gewalt, besonders durch den aktuellen oder frĂŒheren Partner, betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten. So steht es auf den Internetseiten des Bundesministeriums fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) vom 10. November 2020.
Das Thema ist also keinesfalls erledigt. Eine feministische Gewalttheorie, die nicht nur die Gewalt gegen Frauen zum Gegenstand macht, sondern jede Form von Gewalt aus einer intersektionalen Perspektive analysiert und auf ihre Funktion fĂŒr die kapitalistisch-patriarchale Gesellschaft untersucht, ist bis heute nur in AnsĂ€tzen vorhanden.

Was tut die Politik?

Internationale FrauenverbĂ€nde setzen sich seit Jahrzehnten fĂŒr einen besseren Schutz von Frauen und MĂ€dchen vor Gewalt ein. Deutschland hat sich mit 45 weiteren Staaten mit der Unterzeichnung der Istanbul-Konvention des Europarates im Jahr 2017 dazu verpflichtet, Frauen vor Gewalt durch den Partner zu schĂŒtzen und hĂ€us-‹liche Gewalt zu bekĂ€mpfen. 1981 riefen lateinamerikanische und karibische Feministinnen den 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen aus. Die Vereinten Nationen erklĂ€rten ab 1999 den 25. November zum offiziellen Gedenktag, und auch in Deutschland erinnert seitdem der „Internationale Tag zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen“ regelmĂ€ĂŸig an geschlechtsspezifische Formen der UnterdrĂŒckung, Entrechtung und Ausgrenzung und unterstĂŒtzt die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von Frauen.
Die Bundesregierung hat mit dem Aktionsplan zur BekĂ€mpfung von Gewalt gegen Frauen im Dezember 1999 erstmals ein umfassendes Gesamtkonzept fĂŒr alle Ebenen der GewaltbekĂ€mpfung vorgelegt. Sie wollte dadurch deutlich machen, dass es um strukturelle VerĂ€nderungen gehen muss, nicht mehr wie bisher um vereinzelte, punktuelle Maßnahmen, die die KomplexitĂ€t des Gewaltgeschehens außer Acht lassen. Einige gesetzgeberische Maßnahmen – das betrifft z. B. hĂ€usliche und sexuelle Gewalt sowie Frauenhandel – wurden bereits verbessert. Dazu gehörte auch das Gewaltschutzgesetz (GewSchG) vom Januar 2002. Es enthĂ€lt eine Anspruchsgrundlage fĂŒr die – zumindest zeitweise – Überlassung einer gemeinsam genutzten Wohnung, wenn die verletzte Person mit dem TĂ€ter einen auf Dauer angelegten gemeinsamen Haushalt fĂŒhrt. Das einschlĂ€gige Verfahrens- und Vollstreckungsrecht wurde so ĂŒberarbeitet, dass die betroffenen Opfer schnell und einfach zu ihrem Recht kommen können. Auch dieses Gesetz wĂ€re ohne den Kampf der Frauenbewegung nicht verabschiedet worden. FĂŒr sie war es von Anfang an paradox, dass es die Misshandelten waren, die ihre Wohnung aufgeben sollten, um Schutz vor ihren Peinigern zu finden.

„Ganz normale MĂ€nner“

Trotz dieser Fortschritte in der öffentlichen Wahrnehmung ist die Problematik lĂ€ngst nicht verschwunden. Die TĂ€ter seien „ganz normale MĂ€nner“, auch sie kĂ€men aus allen sozialen Schichten, sagt Gerhard Hafner, ein Psychologe, der TĂ€ter berĂ€t, die sich Ă€ndern wollen. (7) Jedes Jahr registriert die Polizei allein in Berlin etwa 14.000 FĂ€lle von Partnerschaftsgewalt. Laut der aktuellen Statistik des Bundeskriminalamts (BKA) fĂŒr das Jahr 2019 lag die Zahl der FĂ€lle partnerschaftlicher Gewalt in der BRD bei 141.792. Davon waren 81 % Frauen. 117 Frauen starben durch Partner oder Ex-Partner. Das heißt, fast an jedem dritten Tag ist eine Frau durch die Tat ihres (Ex-)Partners ermordet worden. Hinzu kommen etwa 600 versuchte Tötungen von Frauen und MĂ€dchen. Jede vierte Frau wird mindestens einmal im Leben Opfer von körperlicher oder sexualisierter Gewalt.
Die Kriminalstatistik – darauf weist das BMFSFJ hin – zeigt nur das „Hellfeld“, also die FĂ€lle, die der Polizei bekannt wurden. Das „Dunkelfeld“ bleibt im Dunkeln. Alles „ganz normale MĂ€nner“? Oder mĂ€chtige Grenzverletzer, die immer noch glauben, das gehöre zu ihrem Recht? TĂ€ter und Opfer leben zusammen, und das oftmals ĂŒber viele Jahre. „Das ist, als teile man eine GefĂ€ngniszelle mit einem, vor dem man Angst hat“, so der Psychologe.
Seit Beginn der Maßnahmen zur BeschrĂ€nkung der Ausbreitung von Covid-19 warnen Beratungsstellen, FrauenhĂ€user und Frauenorganisationen vor den Auswirkungen der Isolation und fehlenden Kommunikations- und Schutzmöglichkeiten fĂŒr Frauen und Kinder im hĂ€uslichen Gewaltraum. TatsĂ€chlich hat die Corona-Krise das Gewaltproblem noch einmal verschĂ€rft.
Die verbale Aufgeschlossenheit gegenĂŒber dem Problem „Gewalt gegen Frauen“ reicht nicht. Gerade „Nicht-TĂ€ter“ unter den MĂ€nnern mĂŒssten ein Interesse daran haben, dass die TĂ€ter zur Verantwortung gezogen werden, sie mĂŒssten aktiv gegen MĂ€nner-Gewalt eintreten. Schließlich sind es vor allem gewalttĂ€tige MĂ€nner, die immer wieder dafĂŒr sorgen, dass das ganze mĂ€nnliche Geschlecht undifferenziert als potenzielle TĂ€ter diffamiert wird.




Quelle: Graswurzel.net