November 19, 2020
Von Autonomie Magazin
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Von: Pierre Rouge

„Du willst Gruselgeschichten hörn? Ich kenne eine Menge
“ Dieses Hafti- Zitat wĂ€re wohl ein passender Untertitel zum im Oktober im Unrast Verlag erschienenen Buch „kein Vergessen“ von Thomas Billstein. Darin werden alle bekannten Todesopfer rechter Gewalt in der BRD seit 1945 gesammelt. Und mit alle sind auch die FĂ€lle gemeint, die laut Bundesregierung keinen rechten Hintergrund haben. Das prangert das Buch völlig zurecht an und erzĂ€hlt die einzelnen Geschichten der Opfer.

ZunĂ€chst wird im Buch kurz dargestellt, welche statistischen Problematiken es gibt. Mangelhafte Kompetenz bzw. fehlender Wille der Behörden, rechte Morde ordentlich zu bearbeiten, sorgen dafĂŒr, dass einige FĂ€lle gar nicht offiziell in die staatliche Statistik aufgenommen werden. So weit so schlecht. Nach allem was man mittlerweile so weiß, muss einen das aber auch nicht wundern.

Zurecht wird weiter erklĂ€rt, dass es fĂŒr die dargestellten Gewalttaten natĂŒrlich Motive gibt, die eng mit einem faschistischen Weltbild zusammenhĂ€ngen. Diese Ideologie sorgt dafĂŒr, dass Menschen sich fĂŒr mehr Wert halten als andere. Die anderen nehmen sie als wertlose Störenfriede wahr. Und wertlose Menschen werden dann als solche behandelt. Gehasst werden AuslĂ€nder (oder als solche gelesene), politische Gegner, Leute von unten (Obdachlose), Juden, Frauen, Schwule, usw. Als Faschist tritt man eben im wahrsten Sinne des Wortes nach unten, weil es einfacher ist, als sich mit den Herrschenden anzulegen. Also werden genau die Menschen zum Opfer, die in der bĂŒrgerlichen Gesellschaft eh schon benachteiligt sind. Nazis machen nichts anderes, als die bĂŒrgerliche Herrschaft radikal und brutal auf privatem Wege durchzusetzen. Und dafĂŒr morden sie. Ihre Ideologie ist immer auf Vernichtung aus. Alles in ihren Augen schlechte, muss weg, weil es eben nicht besser werden kann. Nicht die bĂŒrgerliche Gesellschaft ist ihr Feind, sondern deren Opfer. Deshalb werden sie von diesem Staat dementsprechend behandelt: wie verzogene Kinder, die im Grunde schon recht haben, es nur ĂŒbertreiben. Die Durchsetzung der Behörden mit FaschistInnen tut ihr ĂŒbriges dazu. Eine verdammt tödliche Mischung.

Das Buch stellt die Resultate dessen vor: Die einzelnen FĂ€lle, die in dieser kalten Analyse oben erst einmal zu kurz kommen. Beim Durchstöbern wird einem ganz anders. Aber das ist nichts schlechtes. Die Geschichten sind traurig, verstörend, ekelhaft. Sie erzeugen Wut. Sie helfen einem dabei, sich noch einmal daran zu erinnern, was in diesem Land eigentlich los ist, im Besonderen wieder seit 2015. Oft muss man das Ganze ja von sich weg schieben, weil man sonst nicht mehr klarkommen wĂŒrde. Die dargestellten Geschichten machen aber genau, was der Titel verspricht: Sie sorgen dafĂŒr, dass man nichts vergisst. Und sie sorgen dafĂŒr dass man nichts vergibt. Doch Rezensionen und BĂŒcher schreiben reicht nicht aus, um dem Wahnsinn ernsthaft etwas entgegenzusetzen. Der Kampf um die Herzen und Köpfe geht weiter.


Thomas Billstein, kein Vergessen – Todesopfer rechter Gewalt in Deutschland nach 1945, Unrast Verlag, Oktober 2020, 344 Seiten, 19,80€.

[
] Und: Kein Ver­ges­sen – kein Ver­ge­ben! Rezen­si­on vom 12. Novem­ber 2020 beim Auto­no­mie Maga­zin  [
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Quelle: Autonomie-magazin.org