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Bornheim 18.05.20: Demo von den UnterkĂŒnften zum AuszahlungsbĂŒro (Foto: FAU Bonn)
Bornheim 18.05.: Demo von den UnterkĂŒnften zum AuszahlungsbĂŒro (Foto: FAU Bonn)

Selten werden die Mitgliederzahlen der deutschen Gewerkschaft so interessant sein wie dieses Jahr. Der DGB veröffentlicht diese auf seiner InternetprĂ€senz am Anfang des Jahres.[1]Die Mitglieder der DGB-Gewerkschaften FĂŒr einige Einzelgewerkschaften, welche in 2020 keine große Tarifrunde hatten, könnte es doch herbe MitgliederrĂŒckgĂ€nge bedeuten. Schon in den letzten Jahren hatten die Gewerkschaften im verarbeitenden Gewerbe mit Verlusten zu kĂ€mpfen.

Die FAU hingegen kann weiterhin einen jÀhrlichen Zuwachs im zweistelligen Prozentbereich verbuchen. Insbesondere in den Hochburgen wie Berlin, Hannover, Dresden, Jena, Leipzig und Duisburg vervielfachte sich der Mitgliederbestand im letzten Jahrzehnt.

Auch wenn das Corona-Jahr die Aktiven vor eine besondere Herausforderung stellte, kamen es zu kleinen und einigen großen Aktionen. So musste der jĂ€hrliche Kongress komplett digital organisiert werden. Auch die meisten Gruppen haben grĂ¶ĂŸtenteils per Telefon und mit Hilfe von verschiedenen Online-Tools ihren Organisationsalltag bewĂ€ltigt.

Arbeitskampf in der Pandemie

Ausgebeutet wird auch in der Pandemie. Insbesondere in Schlachthöfen und auf Spargelfeldern herrschen nach wie vor feudale Bedingungen fĂŒr migrantische BeschĂ€ftigte. Doch Widerstand lĂ€sst sich auch unter solchen ZustĂ€nden organisieren. Mitte Mai 2020 traten etwa 200 Erntearbeiter*innen des Spargel- & Erdbeerhofs Ritter in Bornheim bei Bonn in den Streik. Der von einer Anwaltskanzlei verwaltete insolvente Betrieb entschied sich, die meist rumĂ€nischen BeschĂ€ftigten auf die Straße zu setzen, wobei noch Löhne ausstanden. Die FAU Bonn konnte dennoch Paroli bieten. Dadurch konnte verhindert werden, dass die Arbeiter*innen selbst unter Druck gerieten AufhebungsvertrĂ€ge zu unterzeichnen. In der GĂŒteverhandlung wurde auf die Benachteiligung i.S.d. Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes (AGG) verwiesen. Der Spargelhof Ritter hatte in einem auf YouTube veröffentlichten Interview ein Entgelt von 10,- EUR netto angeboten. Dieses Entgelt sei auch mit aus Deutschland stammenden Arbeitnehmern entsprechend vereinbart worden. Hingegen seien die rumĂ€nischen Erntehelfer geringer entlohnt worden. Der Fall könnte mit einer außergerichtlichen Einigung enden, wodurch die BeschĂ€ftigten demnĂ€chst noch an einen Teil ihrer Löhne kĂ€men.[2]Arbeitsgericht Bonn: Klagen gegen Spargelhof Ritter (Pressemitteilung vom 30.06.2020) Der Fall wurde bereits in einer Arte-Dokumentation behandelt als beispielhafte Ausbeutung von migrantischen Arbeiter*innen.[3]Re: Schuften im Schlachthof – RumĂ€nen in Deutschland, Asiaten in RumĂ€nien (VerfĂŒgbar vom 11.11.2020 bis 09.02.2021) Ebenso besprochen wurde der Arbeitskampf im Ökonomie-Podcast „Wohlstand fĂŒr Alle“ von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt und zitieren dabei FAU-Sprecher Erik Hagedorn.[4]WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 67 zum Thema Grundeinkommen ab 13:30 wird der Arbeitskampf in Bornheim erwĂ€hnt

Ebenfalls Ärger gab es beim GetrĂ€nkelieferanten Durstexpress in Leipzig. Die Schichten sollten um 50 Prozent gekĂŒrzt werden, wodurch BeschĂ€ftigten in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht wĂ€ren. WillkĂŒrliche Arbeitszeitpolitik ist in der Logistik keine Seltenheit. So schließen Unternehmen ArbeitsvertrĂ€ge auf Basis von Teilzeit ab. Bei Wohlgefallen kann dann die Arbeitszeit erhöht werden. Nach einem Bericht des MDR-Magazin Exakt gab es ferner bei Durstexpress (Teil des Oetker-Konzerns) UnregelmĂ€ĂŸigkeiten bei der Auszahlungen von Löhnen.[5]MDR Exakt: Mieser Job – Arbeiten bei Durstexpress (02.12.2020) Der zustĂ€ndige Aktivist der FAU Leipzig Ă€ußert sich auf Presseanfragen dazu: „Das Modell Frustexpress darf nicht auf dem RĂŒcken der Arbeitnehmer weiter Schule machen”.[6]Gewerkschaft FAU schlĂ€gt Alarm: Ärger beim GetrĂ€nkelieferanten Durstexpress in Leipzig – Schichten drastisch gekĂŒrzt (Leipziger Volkszeitung vom 27.10.2020) Die lokale Gruppe der FAU plant dazu eine Kampagne. Nebenher kĂ€mpft die Gewerkschaft in Leipzig fĂŒr ausstehende Löhne in der Gastronomie, welche ihren Mitgliedern vorenthalten werden.

UnterstĂŒtzend wirkte die FAU ĂŒber die neugegrĂŒndete Dachorganisation der Internationalen Konföderation der Arbeiter*innen (IKA). Es ging um die im MĂ€rz entlassenen Arbeiter*innen der Dragon Sweater Fabrik in Dhaka (Bangladesch). Ausstehende Löhne und Abfindungen wurden ihnen nicht gezahlt. Nicht zum ersten Mal wurde hier die befreundete Gewerkschaft GWTUC (Garment Workers‘ Trade Union Center) aktiv. Nach monatelangen Protesten und internationalen SolidaritĂ€tsaktionen zahlten die EigentĂŒmer von zwei großen Bekleidungsfabriken endlich ausstehende Entgelte und Abfindungen.

In der Vergangenheit kam die FAU bei ihren Auseinandersetzungen ab und an in Kontakt mit dem DGB-Apparat wie etwa im Fall Kino Babylon. Dies war in den letzten Auseinandersetzungen nicht mehr zu spĂŒren. Das Feld der Konflikte in der Arbeitswelt ist auch in Deutschland so bereit, dass sich die Einheitsgewerkschaften und der Anarchosyndikalismus nicht zwangslĂ€ufig in die Quere kommen mĂŒssen.




Quelle: Direkteaktion.org