August 18, 2021
Von Graswurzel Revolution
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Im Jahr 1986 veröffentlichten die Toten Hosen, die bis dahin bereits zweimal den Schlagzeuger gewechselt hatten, bei Virgin ihr drittes Album „Damenwahl”. 35 Jahre spĂ€ter bringt nun auch die NĂŒrnberger Punkband Akne Kid Joe (AKJ), die eine befremdliche Hassliebe fĂŒr die Hosen auszeichnet, mit „Die Jungs von AKJ” ihr drittes Album heraus. Mit RenĂ© Illig sitzt dort ebenfalls die dritte Besetzung an den Drums. Das dĂŒrfte aber schon die einzige Gemeinsamkeit der beiden Bands sein. Denn anders als der DĂŒsseldorfer Herrenverein sind Akne Kid Joe, die in den letzten Jahren einen beachtlichen Senkrechtstart hingelegt haben (u.a. Titelstory OX, Namedropping bei Böhmermanns „Fest und Flauschig”), bei keinem Majorlabel wie damals bereits die Toten Hosen, die sich damit im Grunde bereits vom Punk verabschiedet hatten. Stattdessen ist in einem AKJ-Video der Tatortbulle Hosenfan und das sagt wohl alles.

So lĂ€uft es fĂŒr AKJ ganz gut mit der Punk Credibility: Label und Vertrieb werden durch das extrem engagierte Punklabel Kidnap Music erledigt und das Booking machen die Elektropunk-Pioniere von Audiolith. AKJ spielen wohl dieses Jahr noch im legendĂ€ren Berliner Punk-Laden SO36.

„Die Jungs von AKJ” wurde vorab auf Social Media großspurig mit einem 70-sekĂŒndigen Snippet angekĂŒndigt, welches koketterweise im Heimstadion des 1. FCN gedreht wurde. In dem kurzen Video sind die „Jungs” auf die RĂ€nge verbannt, wĂ€hrend SĂ€ngerin Sarah Lohr den Albumtitel alleine skandiert. Eine Replik auf die Single „Sarah (auch in ner Band)” vom letzten Album, bei der mehr Frauen auf KonzertbĂŒhnen gefordert wurden.

In voller Besetzung konnte man AKJ ĂŒbrigens im letzten Jahr auf einer SeitenbĂŒhne des Olympiastadions in MĂŒnchen bestaunen, eine Stadionrockkapelle werden sie wohl trotzdem eher nicht mehr. Dazu ist der Sound auch von „Die Jungs von AKJ” zu kompakt. Er braucht nur zwei Gitarren, Bass und Drums und die ikonische Orgel-Synth-Kombination, die Peter Derrfuss noch einmal zu neuen Höhen erhebt, um den unverwechselbaren Sound der letzten zwei Alben zu reproduzieren und weiterzuentwickeln. 
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Nun ja, besonders viel entwickelt sich musikalisch eigentlich nicht, da hilft auch ein Sitarsolo bei „Danke fĂŒrs GesprĂ€ch” nicht viel.

Immerhin, bei „Mein eigenes CafĂ©â€ darf das NĂŒrnberger Hiphop-Duo „Hartz Angels” einen Abgesang auf hippe KaffeehĂ€user abbrennen und die merkwĂŒrdige Metrik im Refrain von „Wieso?!” mag Shoegazer*innen im Publikum verstören. Wirklich hörbar wird der Versuch einer etwas neuen Linie aber bei „Nein danke”, das breiter, melodiöser angelegt ist, als die sonstigen Songs. Leider ist der er ungefĂ€hr 2 Minuten zu kurz.

Inhaltlich Ă€hnelt „Die Jungs von AKJ“ dem VorgĂ€ngeralbum, das Anfang 2020 erschienen ist, die Stimmung in Deutschland hat sich kaum geĂ€ndert und gegen Bullen, Boomer und BewerbungsgesprĂ€che finden AKJ immer noch genug wĂŒtende Worte. Allerdings bewegt sich die Band textlich nicht immer auf befestigten Pfaden, da öffnet sich schon einmal „ein Strudel wie ein großer Schlot” oder „okay” reimt sich auf „Weg”. Das kann man unter PunkattitĂŒde abhaken, man könnte aber auch fragen, ob Endreime immer eine gute Idee sind, oder ob nicht völliger Verzicht auf silbischen Gleichklang viel eher Punk ist.  

Sechs von zwölf Titeln hat die Band aus dem Album bereits im Voraus ausgekoppelt. 50% des Materials aus einem noch nicht erschienenen Album auszukoppeln, ist völlig wahnsinnig und dabei ist der Band leider auch noch ein genialer Coup durch die Finger gegangen: die Veröffentlichung von „RiP” und „RaR” hĂ€tte, wie auf dem Album, in Form von zwei Singles mehr Sinn ergeben als die tatsĂ€chlich erschienene Doppelsingle. Der Gag mit den beinahe identischen Songs auf dem selben TontrĂ€ger – allerdings mit einem gewissen Abstand – funktioniert auf dem Album nĂ€mlich hervorragend.

In irgendeiner der, ab 28.08. im Handel erhĂ€ltlichen, Vinylscheiben von “Die Jungs von AKJ” befinden sich, laut Band, ĂŒbrigens zwei Konzerttickets fĂŒr das DĂŒsseldorfkonzert der nĂ€chsten Hosen-Tour. Als wĂ€re das ein Kaufanreiz!




Quelle: Graswurzel.net