Juni 26, 2022
Von Ums Ganze
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„Und weil eine Massenbewegung, die sich dieser Sache annimmt, derzeit noch nicht in Sicht ist, müssen wir zumindest punktuell Sand in die kapitalistische Maschine kippen, müssen wir, um die Potenziale der antikapitalistischen Kämpfe weltweit für die Zukunft aufzuzeigen, den Normalvollzug des Bestehenden blockieren. Denn ohne Ende kein Neuanfang.“
(Aus unserem Aufruf zur Blockade des Hamburg Hafens 2017)

Hamburg, Tor zur Welt. Eine Welt, für die jeden Monat immer deutlichere Katastrophenszenarien gezeichnet werden. Die zugrunde geht, damit alles bleiben kann, wie es ist. In der Waren sich frei bewegen und Menschen täglich an Grenzen sterben. In der Profit über die Lebensgrundlage der Menschheit gestellt wird.
An eine Regierung, dessen Chef Klimaaktivismus mit der NS-Herrschaft vergleicht, irgendwelche Apelle zu richten, ist reine Verschwendung von Zeit. Und von der bleibt uns nicht mehr viel. Angemessen ist nur Unversöhnlichkeit: Wir rufen daher zum kollektiven Widerstand in Form der gezielten Unterbrechung von Lieferketten im Hamburger Hafen auf.

Around the world. Die Logistik des Kapitals

Wie im Fiebertraum hält der Kapitalismus alles in Bewegung – überall, die ganze Zeit. Bevor wir die ungeheure Warensammlung in den Regalen bestaunen können, haben alle Einzelteile ungeheure Strecken hinter sich. Seit ihrem Anbeginn strebt die kapitalistische Profitlogik die globale Organisation und Expansion der Produktion an. Dieses Prinzip setzte gewaltsam mit kolonialen Raubzügen und transatlantischen Sklavenhandel ein. Es ist bis heute die Grundlage der globalen Schifffahrt und des Hamburger Hafens. Innerhalb kurzer Zeit hat der Kapitalismus die gesamte Erde in eine fossile Fabrik verwandelt. Wasserwege, Schienen und Straßen verbinden Rohstoffgewinnung, Produktion, Absatzmärkte. Diese Vebindung ist die Logistik.

Die Logsitik ermöglicht die totale Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Regionen die Jahrhunderte kolonialer Unterdückung hinter sich haben sind in dieser Ordnung den Industrienationen im Norden schonunglos ausgeliefert. Im globalen Süden werden natürliche Ressourcen einhergehend mit enormer Zerstörung abgebaut, um sie im Norden gewinnbringend zu verarbeiten. Jedes Lieferkettengesetz und jedes Bekentniss zur Verantwortung entpuppt sich als bloße Farce angesichts der grausamen Zustände in den Minen im Kongo, wo das Coltan für die großen Tech-Unternehmen gewonnen wird. Die Container und automatisierten Docks täuschen über die Brutalität der globalen Marktwirtschaft und Arbeitsteilung hinweg.

Harder Better Faster Stronger.
Das kapitalistische Mobilitätsparadigma

Die Containerschiffe werden vom Wasser getragen, aber vom Kapital bewegt. Das setzt sich auf dem Landweg fort: Ob es der Warentransport, die Autofahrt zur Arbeit oder der Tourismus ist, es finden wenig Bewegungen statt, die nicht der Erwirtschaftung von Profit dienen. Inzwischen wird das kapitalistische Mobilitätsparadigma mit der Warenlieferung in 10 Minuten auf dem Rücken der Rider vollendet. Um die Auswirkungen dieses Wahnsinns wissen alle bestens Bescheid. Allein die Schifffahrt ist für 3 Prozent der globalen CO2-Emissionen, 15 Prozent der Stickoxidemissionen und 13 Prozent der Schwefeldioxidemissionen verantwortlich.

One More Time
Den Hafen lahmlegen.

Während die reinen Produktionskosten für die Produzent:innen eines einzelnen Produkts sinken, wird es für die Profitrate immer wichtiger, wie schnell ein Produkt den Ort wechseln kann. Mit der sogenannten Just-In-Time-Produktion, also vor allem geringeren Lagerbeständen, wurde die Produktion billiger, aber auch angewiesen auf eine durchgetaktete und gut funktionierende Logistik. Nicht nur das unfreiwillig den Suezkanal blockierende Containerschiff Ever Given hat in den letzten Jahren enorme Löcher in Lieferketten gerissen. Auch in einer digitalisierten Ökonomie müssen sich die Waren weiter durch den Raum bewegen, so bleibt der Kapitalismus auf Knotenpunkte wie den Hamburger Hafen angewiesen. Der ist nicht nur ein symbolischer Ort des Weltmarkts und deutschem Export-Kapitalismus, er ist auch ein neuralgischer Punkt dessen. Mit der Blockade des Hafens während des G20 Gipfels 2017 haben wir einen Millionenschaden angerichtet, nur indem der Normalvollzug einige Stunden unterbrochen wurde. Der Industrieverband sagt die „Lieferketten sind zum Zerreißen gespannt“ Wir nehmen das als sportliche Herausforderung.

Think global – Act global

Die Klimaproteste der letzten Jahre hatten schon einen großen Einfluss auf öffentliche Diskurse. Wir wollen diese zusammen mit Ende Gelände weiter treiben und den zerstörerischen Ablauf des Kapitalismus jetzt tatsächlich unterbrechen. Die Gegenwart ist bereits die Katastrophe. Der materielle Eingriff längst überfällig. Die Unterbrechung der Logistik gibt uns ein wirkungsvolles Instrument zur Hand, das global einsetzbar ist.

Die Vernetzung der Welt durch Logistik wird angeleitet durch einen kalten, zerstörerischen Sachzwang. Sie ist eine Vernetzung der Spaltung und Vereinzelung. Wir wollen kapitalistische Lieferketten aber nicht sprengen, um auf einen Regionalismus oder gar nationalen Isolation zurückzufallen – wir wollen eine globale Vernetzung der Menschen unter ganz anderen Vorzeichen. Wir wollen eine Globalisierung der Solidarität. Die transnationalen Kämpfe gegen Rassismus, für Feminismus und Klimagerechtigkeit könnte deren Ausgangspunkt sein.

Deswegen werden wir diesen Sommer wieder in den Hafen gehen und ihn lahmlegen. Dieses Mal gemeinsam mit Ende Gelände und vielen anderen Akteur:innen im Rahmen der Protestwoche für Klimagerechtigkeit in Hamburg. Wir wollen die Logistik des Kapitals unterbrechen und untereinander neue Bänder der Solidarität knüpfen.

vogliamo tutto – blocchiamo tutto




Quelle: Umsganze.org