November 16, 2020
Von SchwarzlilaFLINTEN
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An die Kinobetreibenden und Firmen, welche den neuen Film von Roman Polanski „Intrige“ produziert, vertrieben und aufgefĂŒhrt haben

Und an alle, die sich immer noch fragen, warum es hier um einen gewaltÀtigen Skandal geht

Es passiert noch immer. Wir schweigen aber nicht mehr. Es wird immer noch von der Gesellschaft bagatellisiert, ja sogar legitimiert. Wir bleiben aktiv, aktiver denn je, und handeln. Wir dĂŒrfen nicht zulassen, dass die westliche Kultur einen Vergewaltiger weiter verehrt und damit letzlich allen Betroffenen sexualisierter Gewalt ins Gesicht spuckt.

In den USA hat 1977 Roman Polanski im Alter von 43 Jahren die damals
13-jĂ€hrige Samantha Geiger vergewaltigt, floh vor der Verurteilung nach Frankreich und wurde seitdem noch von mindestens vier weiteren Frauen der Vergewaltigung beschuldigt. Bis heute hat er sich der UrteilsverkĂŒndung
entzogen, keinen der betroffenen Personen wurde bisher Gerechtigkeit zuteil.
Es ist fĂŒr uns absolut absolut irrelevant, ob Polanski, H. Weinstein oder Christophe Ruggia Filme machen oder nicht. Der Skandal besteht darin, dass ihre Position legitimiert wird und die der Betroffenen verhöhnt. Eine Kultur, die sagt: „Ja wir wissen schon, dass Polanski Frauen und MinderjĂ€rige vergewaltigt hat, es ist uns aber scheißegal. Er ist ein Star und außerdem, money first. Lasst uns ihm den Preis fĂŒr die beste Regie geben. Wir klatschen ihm Applaus und den Betroffenen ins Gesicht.“ – ist eine Kultur, die sich auf Diskriminierungen und strukturelle Gewalt stĂŒtzt. Die Rechte, BedĂŒrfnisse und KĂ€mpfe der Betroffenen werden damit radikal abgelehnt.

Die Vergewaltigung ist kein Einzelfall. Ist auch kein Zufall. Und niemals eine Falle, in welche die betroffenen Personen freiwillig geraten. Sexualisierte Gewalt wird nicht nur von dieser Gesellschaft akzeptiert, sie wird institutionalisiert und dabei routiniert. Der Ausmaß der Angriffe, die bewusste Beihilfe der Justiz, das perverse Erzeugen von SchuldgefĂŒhlen bei den Betroffenen als auch das unterdrĂŒckende Gesetz des Schweigens. Der allgemeine Diskurs ĂŒber SexualitĂ€t. Die diskriminierenden Hierarchien und MachtverhĂ€ltnissen. All diese sozialen PhĂ€nomenen gestalten eine Vergewaltigungskultur (rape culture), die, wie jede Kultur, ihre eigene Mythologie und ihre eigene Tradition hat. Teil dieser Kultur ist nicht nur die Vergewaltigung in sich, sondern eine ganze Reihe von Verhalten, Gedanken und Ritualen: von der BelĂ€stigung bishin zur öffentlichen Anerkennung von Polanskis Film.

Immer wieder taucht das Argument der Trennung von KĂŒnstler*in und Werk auf, wenn es um eine ErklĂ€rung geht, Filme, BĂŒcher, Ausstellungen oder Konzerte von GewalttĂ€tern nicht boykottieren zu wollen, oder den dagegen gerichteten Protest zu diskreditieren. Diese Debatte kommt uns extrem scheinheilig vor. Und klingt eher nach einer Strategie, um besser mit dem eigenen moralischen Gewissen zurecht zu kommen und ungestört den allgemein gefeierten Film geniessen zu können. Unhinterfragt wird so der „Mainstreamkultur“ die Entscheidung ĂŒberlassen, welche Filme oder Kunstwerke wir mögen mĂŒssen, wenn wir Teil der Gruppe sein wollen

Das Argument der Trennung von KĂŒnstler und Werk muss endlich radikal in Frage gestellt werden. Hier ein paar klare Aussagen dazu, die ihr vielleicht in zukĂŒnftige Auseinandersetzungen gebrauchen könnt:
1. Es ist zuersteinmal schon ein Privileg, Kunstwerke entspannt geniessen zu können, die im engen Zusammenhang mit struktureller Gewalt stehen. Menschen, die sexualisierte Gewalt schon erlebt haben, können vielleicht nicht ohne einen Film von Polanski geniessen und feiern.
2. Zweitens geht es in diesem Fall um eine Person, die immer noch durch den Wohlstand und Ruhm seiner Filme sehr viel Einfluss genießt. Den Film zu unterstĂŒtzen, bedeutet auch eine unmittelbare UnterstĂŒtzung des KĂŒnstlers.
3. Indem der TĂ€ter trotz allem anerkannt und verehrt wird, werden die Rechte, BedĂŒrfnisse und KĂ€mpfe der Betroffenen radikal abgelehnt. Und diejenigen, die Anerkennung und UnterstĂŒtzung in dieser Welt brauchen, sind viel mehr die Menschen, die vom Patriarchat unterdrĂŒckt werden, als diejenigen, die die unterdrĂŒckenden Mechanismen ernĂ€hren. Es gibt genug kĂŒnstlerische Stimmen, die in diesem System noch keinen Raum gefunden haben.
Es wird immer darĂŒber rumdiskutiert, immer noch die Vergewaltigung und ihre Konsequenzen als „Debatte“ gefĂŒhrt. Das reicht jetzt! Es gibt hier nichts zu diskutieren. Die einzigen Konsequenzen hatten bislang immer nur noch die Betroffenen zu erdulden. Sowie es nicht zu diskutieren ist, dass Dreyfus anfangs des 20. Jahrhunderts Opfer einer antisemitischen Gesellschaft war (siehe Handlung von „Intrigue“), ist es nicht zu diskutieren, dass die Anerkennung dieses Films die Legitimisierung sexualisierter Gewalt und von patriarchalischen MachtverhĂ€ltnissen ist. Wir wehren uns gegen diesen Machtmissbrauch! Wir wehren uns gegen diese Kultur, in der Vergewaltigung toleriert wird. Und wir wehren uns gegen das konsequenzlose Agieren der Institutionen!
Deshalb fordern wir:
An das Publikum

Wir können und wollen niemandem verbieten, Werke von öffentlich bekannten GewalttĂ€tern wie Polanski zu sehen, oder SchuldgefĂŒhle bei denen erzeugen, die das schon gemacht haben. Sondern erwarten viel mehr VerantwortungsgefĂŒhl und ein kritisches Bewusstsein. Sich in den Sessel zu kuscheln und einen Film anzusehen, der vor kurzem von einem Vergewaltiger gemacht wurde, ist keine konsequenzlose Entscheidung. Wir alle können Einfluss auf unsere Kultur haben, als auch auf die diskriminierenden MachtverhĂ€ltnisse. Indem wir diesen Film im Kino sehen, unterstĂŒtzen wir nicht nur den Regisseur selbst Polanski, sondern auch dieses gewalttĂ€tige Patriarchat. Manchmal ist es schon ein wirksamer Schritt, einfach nur nicht ins Kino zu gehen, sich zu beschweren oder andere zu informieren, um sich mit den Betroffenen zu solidarisieren und ein klares NEIN zu sexualisierter Gewalt zu setzen.

An Weltkino-Filmverleih, die Yorck-Kinos, Cinestar und Independent-Kinos in Berlin:

Es ist vorrangig in der Verantwortung der Kinobetreibenden, der Filmvertriebe und -verleiher, sich klar gegen eine Ikone der Vergewaltigungskultur wie Polanski zu positionieren. Die Filmauswahl, die Sie ins Programm nehmen, könnte ein politisches, kulturelles und soziales Engagement sein, statt einfach nur eine freiwillige Unterwerfung vor den kapitalistischen MĂ€chten. Wir als verbĂŒndete feministische Stimmen fordern, dass die Grundlage dieser Entscheidung öffentlich erklĂ€rt wird. Wir fordern auch, dass der Film definitiv aus dem Programm gestrichen wird. Und natĂŒrlich sollte sich öffentlich dafĂŒr entschuldigt werden, diesen Film ohne Trigger-Warnung aufgefĂŒhrt zu haben: „Vorsicht, dieser Film wurde von einem Vergewaltiger gemacht.

Solidarisch mit Samantha Geimer, Renate Langer, „Robin M.“, Marianne Bernard, Charlotte Lewis, Mallory Millett, Valentine Monnier und allen anderen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind.. Kein Vergessen!



Quelle: Schwarzlilaflinten.noblogs.org