Oktober 11, 2021
Von Revolt Magazine
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Vor einiger Zeit fiel mir die BroschĂŒre „Das Fleischkapital“ eures BĂŒndnis Marxismus und Tierbefreiung (mutb) in die HĂ€nde. Ihr beschreibt darin sehr eindrĂŒcklich, wie die Fleischindustrie Arbeiter:innen und Tiere ĂŒberausbeutet und dabei gleichzeitig enorm zerstörerisch auf das Ökosystem und die natĂŒrlichen Ressourcen des Planeten wirkt. Eure Analysen, weshalb dieses Ausbeutungssystem so wirkmĂ€chtig ist und welche Möglichkeiten es zur Überwindung desselben gibt, unterscheiden sich dabei von bĂŒrgerlichen Publikationen, wie etwa dem jĂ€hrlichen Fleischatlas des Bunds fĂŒr Umwelt und Naturschutz. Welches Ziel hat eure Arbeit konkret?

Daniel: Die Zeitung soll zum einen generell kritische, marxistische Analysen der Fleischindustrie und ihrer Politik sowie der Bedingungen des Widerstands gegen sie liefern. Insofern richtete sie sich im Prinzip an alle. Zum anderen wollen wir aber dazu beitragen, die Tierbefreiungsbewegung, andere politische Bewegungen und die klassische Linke in Austausch zu bringen und zur Vernetzung anzuregen. Die Spannweite der Themen richtet sich dementsprechend an die Tierbefreiungs-, Ökologie- und Klima- und andere soziale Bewegungen, ebenso aber an Gewerkschafts- und Betriebsaktive, Kommunist:innen, Sozialist:innen und andere Linke. Wir wollen anregen, sich gegen das Fleischkapital und fĂŒhrende Unternehmen wie Tönnies, Vion, PHW oder Westfleisch und fĂŒr ein wirklich revolutionĂ€res und zivilisatorisches Projekt zusammenzutun – die Enteignung und Umbau der Fleischindustrie hin zu veganer, ökologisch nachhaltiger und demokratisch kontrollierter Produktion. Das liegt natĂŒrlich aktuell in weiter Ferne. Wir meinen aber, dass es so einen Schulterschluss dringend braucht.

Stefanie: Die Zeitung soll also dazu beitragen, die VerstĂ€ndigung derer, die an einem solchen Projekt ein Interesse haben – oder haben sollten –, voranzubringen. In der Fleischindustrie laufen immerhin die Ausbeutungs- und HerrschaftsverhĂ€ltnisse eines Systems zusammen, in dem Arbeiter:innen, Tiere und Natur bloß Mittel der Profitmaximierung sind. Das war im Prinzip auch vor der Coronakrise schon bekannt, ist durch sie aber ein weiteres Mal unĂŒbersehbar worden.

Stichwort Corona: In den letzten Monaten wurden die Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie immer dann zum Thema, wenn sich Schlachthofarbeiter:innen zu Hunderten mit dem Corona-Virus infizierten. Die „Schuldigen“, die Politik und Wirtschaft dann immer schnell prĂ€sentierten, um die medialen Wogen zu glĂ€tten, waren die Arbeits-RĂŒckkehrer:innen aus osteuropĂ€ischen LĂ€ndern. Rassismus und Sozialchauvinismus, anstatt die desaströsen Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie grundlegend anzugreifen. Die Lage der Arbeiter:innen spielt dementsprechend in euren Analysen eine zentrale Rolle


Stefanie: Ja, die schlechte Lage der Arbeiterklasse ist zum Beispiel gleich im ersten Beitrag der Zeitung Thema: Der gibt einen Überblick ĂŒber die BeschĂ€ftigungs- und LohnverhĂ€ltnisse in der Fleischindustrie und diskutiert das „Arbeitsschutzkontrollgesetz“, das letztes Jahr erlassen wurde und Leiharbeit sowie WerkvertrĂ€ge in der Fleischindustrie eindĂ€mmen soll. Außerdem konnten wir ein Interview mit zwei ehemaligen Arbeitern aus der Schlachtindustrie fĂŒhren: Die beiden rumĂ€nischen Kollegen erzĂ€hlen, wie sie als Werkvertragsarbeiter nach Deutschland kamen und wie sie die sklavenĂ€hnliche Arbeit hier erlebt haben. Sie schildern unter anderem Schichten, die bis zu 16 Stunden gingen, Hungerlöhne und Wuchermieten, mafiöse Strukturen und Alkoholmissbrauch, um das alles zu ertragen. Von Arbeitsschutz fehlte da selbstverstĂ€ndlich auch jede Spur. Vor diesem Hintergrund ist es gar kein Wunder, dass sich in Schlachtbetrieben letztes Jahr reihenweise Kolleg:innen mit Sars-CoV-2 infiziert haben.

Daniel: Nach allem, was wir wissen, hat die Tier- und Fleischindustrie erheblich dazu beigetragen, dass so etwas wie Corona ĂŒberhaupt entstehen konnte. Der Epidemiologe Rob Wallace und der Humanökologe Andreas Malm haben beide auf den Anteil des Wildtierhandels, der Massentierhaltung und der Zerstörung des Regenwaldes als entscheidende Treiber von Zoonosen und der Coronapandemie hingewiesen. Wenn der Fleischindustrie also nicht Einhalt geboten wird, ist die nĂ€chste Pandemie schon vorprogrammiert. In unserer BroschĂŒre geht es deshalb auch in einem Artikel um den „Superspreader Fleischkapital“, dort werden diverse Forschungsergebnisse dazu zusammengetragen.

Warum ist es wichtig, eine klare, marxistische Analyse der herrschenden VerhĂ€ltnisse, gegen Ausbeutung und Naturzerstörung zu entwickeln – gegen liberale bis rechte Vereinnahmungen, vom gesundheitsbewussten Trendsetter bis zur seitangrillenden Querdenkerin?

Stefanie: Eine vegane Lebensweise ist ja nicht per se fortschrittlich. Versuche, von rechts an die Bewegung anzudocken, gab es immer wieder – zum Beispiel aus dem Esoterik-Milieu. Sie sind aber zum einen immer klar von den tonangebenden Teilen der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung zurĂŒckgewiesen worden. Zum anderen delegitimieren solche Vereinnahmungsbestrebungen nicht den Tierbefreiungsgedanken selbst, wie uns zum Beispiel „Antideutsche“, die ja selbst eine rechte Querfront-Strömung sind, regelmĂ€ĂŸig weismachen wollen.

Die wesentlich grĂ¶ĂŸere Gefahr sind gegenwĂ€rtig eher grĂŒn-liberale KrĂ€fte, die den Boden fĂŒr eine Vereinnahmung durch kapitalistische Unternehmen bereiten. Seit dem Vegan-Hype der letzten Jahre gibt es mehr Versuche, das Engagement fĂŒr Tiere in marktkonforme Bahnen zu lenken – weil das die AbsatzmĂ€rkte fĂŒr vegane Produktpaletten vergrĂ¶ĂŸert. Wenn dann Teile der Bewegung meinen, individueller Vegan-Konsum allein sei ausreichend, oder sogar glauben, die Unternehmen stĂŒnden jetzt auf ihrer Seite, dann ist das nicht nur falsch – Statistiken zeigen, dass mehr Vegan-Konsum nicht weniger Fleisch-Produktion bedeutet und vom Vegan-Konsum vor allem auch die Fleischindustrie profitiert –, sondern politisch gefĂ€hrlich. Wir wenden uns darum auch gegen Organisationen wie „Anonymus for the Voiceless“, die teilweise rechtsoffen sind, vor allem aber fĂŒr einen Aktivismus stehen, der sich von Kapitalisten vereinnahmen lĂ€sst. Es geht dort ausschließlich darum, Menschen vom Vegan-Lifestyle zu ĂŒberzeugen, ohne das mit politischen, klassenkĂ€mpferischen Forderungen zu verbinden. Auch in der Diskussion ĂŒber In-vitro-Fleisch, also „tierisches“ Fleisch aus dem Labor, beziehen sich Stimmen aus der Tierrechtsbewegung positiv auf entsprechende Unternehmen, obwohl diese teilweise mit der Fleischindustrie verbandelt sind.


»Es sind eben nicht „die Menschen“, die industriell organisierte Tiertötungen in Auftrag geben, sondern die Teile der Bourgeoisie, die damit Profite erwirtschaften – das Fleischkapital. Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung muss darum auch aufhören, die Arbeiter:innen der Industrie fĂŒr die Situation der Tiere verantwortlich zu machen.« (Daniel)


Daniel: Eine marxistische Analyse braucht es allein schon, um klarzumachen, wer aus welchen GrĂŒnden eigentlich fĂŒr die Ausbeutung und Tötung von Tieren verantwortlich ist – und wo man diese Leute am empfindlichsten treffen kann. Es sind eben nicht „die Menschen“, die industriell organisierte Tiertötungen in Auftrag geben, sondern die Teile der Bourgeoisie, die damit Profite erwirtschaften – das Fleischkapital. Die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung muss darum auch aufhören, die Arbeiter:innen der Industrie fĂŒr die Situation der Tiere verantwortlich zu machen.

Stefanie: Trotzdem propagieren wir aber ĂŒbrigens weiterhin Veganismus als Teil einer solidarischen und politischen Alltagskultur und Lebensweise. Aus der richtigen Kritik individueller Konsumkritik folgt ja nicht, dass individuelles Verhalten völlig egal wĂ€re oder dass wir nicht wirklich eine vegane Lebensweise in einer postkapitalistischen Produktions- und Gesellschaftsform benötigen. SelbstverstĂ€ndlich muss man als Linker auch sein alltĂ€gliches Handeln nach den politischen Positionen richten, die man vertritt. Das ist ja zum Beispiel bei der Ablehnung des Patriarchats genauso. Und wen man befreien will, den isst man nicht – ganz einfach.

Ihr schreibt an mehreren Stellen, sowohl Arbeiter:innen als auch Tiere wĂŒrden vom Kapital ausgebeutet. Aber bestehen da nicht große Unterschiede? Inwiefern hĂ€ngen Klassenkampf und Tierbefreiung fĂŒr Euch zusammen?

Daniel: Es gibt definitiv große Unterschiede. Auf die weisen wir auch immer wieder hin. Anders als Lohnarbeiter produzieren Tiere zum Beispiel keinen Mehrwert – sie werden getötet oder ihre Körper zur Produktion von Waren benutzt. FĂŒr das Kapital sind sie daher keine ArbeitskrĂ€fte, also nach Marx variables Kapital, sondern nur Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstand, sprich konstantes Kapital. Das Fleischkapital hat daher auch gar kein prinzipielles Interesse daran, dass die Tiere ĂŒberhaupt am Leben bleiben. Die Arbeiter:innen werden zwar auch wie Dreck behandelt (und die meisten dĂŒrften marxistisch gesehen auch nicht einmal den Wert ihrer Arbeitskraft entlohnt bekommen – es handelt sich dann also nicht einmal wirklich um Äquivalententausch), aber die Unternehmer brauchen sie ja als ausfĂŒhrende ArbeitskrĂ€fte fĂŒr die Fleischproduktion – zumindest fĂŒr eine Zeit. Von marxistischen Genoss:innen hören wir ab und zu, es sei falsch, von der „Ausbeutung“ der Tiere zu sprechen. Aber erstens ist das nicht ĂŒberzeugend, denn auch Marx selbst verwendet den Ausbeutungsbegriff nicht nur werttheoretisch, er spricht auch von einer „Exploitation der Natur“. Und zweitens wird das Argument hĂ€ufig so vorgebracht, als ginge der Status der Ausbeutung mit einer moralischen Wertung einher, so als sei die Situation der Tiere weniger wichtig, weil sie werttheoretisch nicht als Ausbeutung bezeichnet werden kann. Der Hinweis auf qualitative Unterschiede ist also wichtig, weil im Kapitalismus fĂŒr das Kapital und die betroffenen Arbeiter und Tiere Unterschiede bestehen, aber er beinhaltet nicht zwingend eine moralisch-politische Wertung.


»Es gibt in unseren Augen kaum Argumente fĂŒr den Klassenkampf zur Befreiung der lohnabhĂ€ngigen Klasse, die nicht genauso Argumente fĂŒr die Befreiung der Tiere sind.« (Stefanie)


Stefanie: DarĂŒber hinaus meinen wir, dass Klassenkampf und Tierbefreiung zusammenhĂ€ngen, weil die Tierbefreiungsbewegung und die lohnabhĂ€ngige Klasse objektiv den selben Gegner haben – das Kapital. Man wird also einerseits nichts, zumindest nichts Grundlegendes, am Status der Tiere Ă€ndern können, ohne in die kapitalistischen Eigentums- und ProduktionsverhĂ€ltnisse einzugreifen. Allein darum muss die Tierbefreiungsbewegung die Klassenfrage stellen und KlassenkĂ€mpfe gegen die Industrie unterstĂŒtzen. Es gibt in unseren Augen kaum Argumente fĂŒr den Klassenkampf zur Befreiung der lohnabhĂ€ngigen Klasse, die nicht genauso Argumente fĂŒr die Befreiung der Tiere sind. Fleischkonsum ist heute fĂŒr den Großteil der Menschheit nicht nur nicht mehr nötig, sondern allein aufgrund der Ressourcenverschwendung objektiv irrational. Die ProduktivkrĂ€fte erlauben also nicht nur eine vernĂŒnftige, geplante Produktion zum Wohle der Menschen – sondern auch im Sinne der Tiere, die nicht mehr ausgebeutet und von der Profitgier des Kapitals befreit werden können. Wir sollten den Klassenkampf also auch fĂŒr die Befreiung der Tiere fĂŒhren – es gibt kein ĂŒberzeugendes marxistisches Argument gegen ihre Befreiung!

Aber die RealitĂ€t sieht doch anders aus: Auch LohnabhĂ€ngige sind ideologisch und materiell ins System des Fleischkapitals eingebunden. FĂŒr viele Arbeiter:innen ist Fleisch ein zentraler Teil der ErnĂ€hrung – ich erinnere mich an Gerhard Schröders Aussage, die Currywurst sei der „Kraftriegel der Facharbeiterin und des Facharbeiters“, die man nicht abschaffen dĂŒrfe. Dazu passt ein Beitrag eurer Zeitung, in dem mit Antonio Gramsci die Schaffung einer „karnivoren“, also fleischbasierten, Lebensweise durch die Fleischkonzerne analysiert wird: als „Fleischhegemonie“. Könnt ihr das noch etwas genauer erklĂ€ren?

Daniel: Mit dem Begriff „Fleischhegemonie“ bezeichnen wir die Kombination aus reellen materiellen ZugestĂ€ndnissen des Fleischkapitals an die Arbeiter:innen- und die Mittelklassen und den dazugehörigen politischen und kulturellen Formen, die gemeinsam die Zustimmung der Subalternen zur Überausbeutung der Tiere und der Ausbeutung der Kolleg:innen in der Fleischindustrie sowie den Absatz der produzierten Fleischwaren sicherstellen. Im Falle des Fleischkapitals ist damit gemeint, dass zunĂ€chst ein gut ausgebildeter, kleiner Teil von FacharbeitskrĂ€ften, analog zu anderen Industrien der imperialistischen Staaten, bessere Arbeits- und LohnverhĂ€ltnisse hat als woanders. Außerdem hat die Bourgeoisie die Natur inklusive der Tiere weitgehend monopolisiert, sie also als Produktionsmittel zum Privateigentum gemacht.

In dem Sinne, dass Tiere und der Natur zu Sachen gemacht werden, ĂŒber die ohne RĂŒcksicht verfĂŒgt werden kann – bis zur Zerstörung?

Ja, genau. Allerdings beansprucht die herrschende Klasse das Privateigentum an Tiere nicht nur fĂŒr sich, sondern sie hat es verallgemeinert, so dass alle Menschen gleich welcher Klasse prinzipiell Tiere als Besitz erwerben dĂŒrfen, was aber natĂŒrlich angesichts der realen ökonomischen und politischen KrĂ€fteverhĂ€ltnissen in erster Linie dem Kapital zugutekommt. Das Recht auf Eigentum an Tieren ist einer der GrĂŒnde, warum die meisten Menschen und auch viele Aktive der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung immer noch denken, die Ausbeutung von und die Herrschaft ĂŒber Tiere sei eine Speziesfrage, also eine Beziehung zwischen „den“ Menschen und Tieren. Dabei handelt es sich in erster Linie um ein ÜberausbeutungsverhĂ€ltnis zwischen dem Tierkapital und den Tieren, auch wenn zusĂ€tzlich viele Menschen „ihre“ Tiere tatsĂ€chlich im Privaten mit Tieren buchstĂ€blich so umspringen, als wĂ€ren sie ihr Eigentum. Schließlich hat das Tierkapital im Allgemeinen und das Fleischkapital im Besonderen insofern materielle ZugestĂ€ndnisse machen mĂŒssen, als das bestimmte Ausbeutungs- und Herrschaftspraktiken zumindest formalrechtlich durch Tierschutzgesetze verboten sind.

Wenn wir dies im Kontext der Fleischhegemonie betrachten, werden die materiellen ZugestĂ€ndnisse des Fleischkapitals außerhalb der unmittelbaren Fleischproduktion durch politisch-kulturelle Formen ergĂ€nzt, welche den Widerspruch zwischen Kapital einerseits und ArbeiterInnen, Tieren und Natur andererseits lebbar fĂŒr die Subalterne machen und gleichzeitig den Absatz der Fleischwaren gewĂ€hrleisten. Zu diesen kulturellen und politischen Formen gehört die karnivore Lebensweise. Damit ist eine LebensfĂŒhrung gemeint, die vor allem bei der ErnĂ€hrung (aber auch der Kleidung) um Fleisch kreist. Diese Lebensweise hat sich ĂŒber die letzten 150 Jahre, in denen Fleisch ĂŒberhaupt erst zum Mittelpunkt der MassenernĂ€hrung in den imperialistischen Metropolen gemacht worden ist, stark ausdifferenziert. Von der obligatorischen Bratwurst im Fußballstadion ĂŒber Grillsessions im Sommer und Kochshows im Fernsehen bis hin zu „Haute Cuisine“, deren Köche auf erlesenes Fleisch setzen, ist alles dabei. Damit die Leute Tierfleisch konsumieren, wird es als das Nahrungsmittel schlechthin inszeniert und mit allerlei positiven Konnotationen versehen.

Fleisch als identitÀtsstiftendes Kulturgut also?

Stefanie: Genau. Schau dir mal die Werbeseite „fokus-fleisch.de“ der Fleischindustrie an. Dort heißt es: Fleisch ist gesund, gar nicht klimaschĂ€dlich, es symbolisiert Wohlstand und so weiter. Das sind die MĂ€rchen, mit denen Fleisch zum Besten aller Nahrungsmittel verklĂ€rt wird, hinter dem die Ausbeutungs- und HerrschaftsverhĂ€ltnisse der Fleischindustrie verschwinden. Dieser Lebensweise entsprechen besondere Vorstellungen von IdentitĂ€t, die sich stark am Konsum von Fleisch und anderen tierischen Waren orientieren: MĂ€nner, die zu Hause wie selbstverstĂ€ndlich den Grillmeister geben, Mitglieder aufsteigender Mittelklassefraktionen, die sich einreden, mit dem Kauf ihres „Bio“-Fleisch wĂŒrden sie gesund essen und die Welt besser machen und so weiter. Schließlich gehört zum Inventar der Fleischhegemonie eine ganze Reihe an, wie wir sagen wĂŒrden, speziesistischen Ideologien, also Denkformen und Diskursstrategien, mit denen die Überausbeutung von und die Herrschaft ĂŒber Tiere direkt oder mittelbar gerechtfertigt und verschleiert wird. Das reicht von Klassikern wie „Menschen haben Tiere immer gegessen“ oder „Ohne den Konsum von Fleisch hĂ€tte sich unser Gehirn nicht so entwickelt“ bis hin zur DĂ€monisierung veganer ErnĂ€hrung.

Daniel: Die Fleischhegemonie ist also eine Unterform bĂŒrgerlicher Hegemonie, wie sie Gramsci ursprĂŒnglich verstanden hat. Er versuchte zu erklĂ€ren, warum die proletarische Revolution im Westen nach der Oktoberrevolution gescheitert ist und fand, vereinfacht gesagt, die ErklĂ€rung darin, dass es den herrschenden Klassen im Westen gelungen war, eine Hegemonie zu entwickeln und dadurch Teile der subalternen Klassen in ein BĂŒndnis zu integrieren. Gramsci hat diese Prozesse als gesamtgesellschaftliche begriffen. Wir haben hingegen die Mechanismen mit Blick auf die Fleischindustrie und die Tierausbeutung dort analysiert. Eine Besonderheit der Fleischhegemonie ist, dass sie auf eine doppelte Integration von Organisationen der ArbeiterInnenklasse und neuen sozialen Bewegungen abzielt, die Gramsci so in seiner Zeit aber noch nicht kannte und analysieren konnte.

Bemerkenswert ist ein Artikel, der den globalen Zusammenhang von Fleischindustrie und Imperialismus analysiert. Das Fleischkapital stĂŒnde „im Zentrum des imperialistischen Weltsystems“, schreibt Ihr. Warum?

Stefanie: Im Kern, weil das deutsche Fleischkapital von internationalen Ausbeutungs- und AbhĂ€ngigkeitsverhĂ€ltnissen profitiert. Der Begriff „Zentren des Weltsystems“ verweist darauf, dass die entsprechenden Staaten – bzw. die dort herrschenden Klassen – die Gewinner der globalen kapitalistischen Profitproduktion und -verteilung sind. Und der Imperialismusbegriff verdeutlicht an dieser Stelle, dass die kapitalistische Produktionsweise solche VerhĂ€ltnisse nicht zufĂ€llig, sondern systematisch hervorbringt.


»Wenn PHW und Co. in Polen investieren, dann findet dort nicht nur die Ausbeutung von Arbeitern und Tieren unter dem Kommando deutscher Kapitalisten statt, sondern die Profite, die damit gemacht werden, landen auch in hiesigen Unternehmenszentralen – bei den Profiteuren in den imperialistischen Zentren.« (Stefanie)


Die deutsche Fleischbranche ist von einer starken Tendenz zur Konzentration und Zentralisation des Kapitals geprĂ€gt. Das fĂŒhrt unter anderem dazu, dass auch die Entscheidungsmacht einzelner Konzerne darĂŒber wĂ€chst, was, wo und unter welchen Bedingungen produziert wird. Die grĂ¶ĂŸten Schlacht- und Fleischverarbeitungsunternehmen konnten ihre Produktion trotz der SĂ€ttigung des hiesigen Fleischmarktes seit 2005 immer mehr ausweiten – und das hat auch mit ihren geographischen Expansionsstrategien zu tun, fĂŒr die wir in dem Artikel verschiedene Beispiele ansprechen. Eins ist, dass analog zum Wirtschaftsmodell des deutschen Imperialismus zunehmend Fleischwaren exportiert werden. Tönnies macht heute 50 Prozent seiner UmsĂ€tze mit Exporten. Seit der EU-Osterweiterung wird auch vermehrt nach Osteuropa exportiert. Ein weiteres Beispiel ist der Kapitalexport in LĂ€nder, in denen die Löhne und Tierschutzbestimmungen noch schlechter sind als in der BRD. Die billige Produktion etwa in Polen macht es leichter, Teile des dortigen Marktes einzunehmen. Und wenn PHW und Co. in dem osteuropĂ€ischen Land investieren, dann findet dort nicht nur die Ausbeutung von Arbeitern und Tieren unter dem Kommando deutscher Kapitalisten statt, sondern die Profite, die damit gemacht werden, landen auch in hiesigen Unternehmenszentralen – bei den Profiteuren in den imperialistischen Zentren.

Dass die Gegner ĂŒbermĂ€chtig scheinen, gegen die es anzukĂ€mpfen gilt, macht ihr an vielen Stellen deutlich. Auf welchen Ebenen und mit welchen Mitteln gibt es denn Widerstand?

Daniel: Es gibt auf vielen Ebenen Widerstand, auch wenn man ihn nicht grĂ¶ĂŸer machen sollte, als er ist. ZunĂ€chst gibt es immer Mal wieder auch im Kleinen Proteste und Widerstandsaktionen der Kolleg:innen in der Produktion, auch von den Wanderarbeiter:innen Osteuropas, die dort das Gros der arbeitenden Armen stellt. Sie streiken wild, bleiben der Arbeit fern oder informieren Teile der interessierten Öffentlichkeit ĂŒber die anhaltend miesen Arbeits- und LohnverhĂ€ltnisse. Gleichwohl ist es schwer, empirisch zu messen, welches Ausmaß diese Proteste haben, weil sie – auch aus Selbstschutz – eher seltener an die Öffentlichkeit gelangen. Dann gibt es natĂŒrlich auch die Arbeit der Gewerkschaften. Erfreulicherweise ist die zustĂ€ndige Gewerkschaft Nahrungs-Genuss-GaststĂ€tten (NGG) in jĂŒngerer Zeit ein wenig in die Offensive gegangen und hat Streiks initiiert, um fĂŒr einen höheren Mindestlohn zu kĂ€mpfen. Allerdings verfolgt auch die NGG-FĂŒhrung wie die Chefs der anderen großen Gewerkschaften in der Republik immer noch eine sozialpartnerschaftliche Linie und hofft auf eine RĂŒckkehr zum „guten“ fordistischen Sozialkompromiss.

Vereinzelt haben sich auch zivilgesellschaftliche Gruppen und Organisationen gebildet, die mit konkreten Hilfsangeboten die Arbeitsmigrant:innen unterstĂŒtzen und mit Öffentlichkeitsarbeit gegen die Fleischbarone arbeiten. Einer der bekanntesten Vertreter ist Pfarrer Peter Kossen, der eine wichtige Stimme ist, auch wenn sein Engagement in der katholischen Kirche auf nicht so viel NĂ€chstenliebe gestoßen ist. DarĂŒber hinaus gibt es immer mehr NGOs und auch soziale Bewegungen, die meist aufgrund spezifischer Probleme gegen die Fleischindustrie kĂ€mpfen. Dazu gehören Umweltorganisationen, die etwa die ökologischen Folgen der Tier- und Fleischproduktion anprangern, oder eben auch Tierrechts- und Tierbefreiungsgruppen, welche gegen die Ausbeutung der Tiere auf die Straße gehen und auch mal eine Fleischfabrik blockieren oder besetzen.

Stefanie: Die Parteien sind leider eher Teil des Problems als der Lösung. Am weitesten gehen noch Ideen der Partei Die Linke und von Teilen der GrĂŒnen, die industrielle Massentierhaltung abzubauen. Aber auch sie, ausgenommen einzelner Mitglieder, stellen die Tierausbeutung nicht grundsĂ€tzlich infrage, im Gegenteil. Bei den GrĂŒnen ist der Umbau der Agrar- und Fleischindustrie zudem integrativer Element einer ökomodernistischen Strategie, den Kapitalismus durch seine BegrĂŒnung neues Leben einzuhauchen. Im Bundestagswahlprogramm hieß es zum Beispiel, sie wollten eine „sozial-ökologische Marktwirtschaft in Europa begrĂŒnden“ und der Umbau der Tier- und Fleischproduktion solle durch einen „Tierschutz-Cent auf tierische Produkte“ finanziert werden. Mit anderen Worten: An die Gewinne der Fleischmagnaten wollen sie gar nicht ran, die breite Bevölkerung soll ihnen vielmehr noch neue StĂ€lle bezahlen.

Wie sieht es auf der kulturellen Ebene als einer zentralen Arena der HegemoniekÀmpfe aus?

Daniel: Kulturell sind in den letzten Jahren einzelne Samen des Protests gepflanzt worden. In unserer Zeitung gibt es etwa einen Artikel mit „Anmerkungen zu revolutionĂ€rer Kunst, Gegenkultur und Ästhetik“, den die Chefredakteurin des Magazins fĂŒr Gegenkultur Melodie & Rhythmus (M&R), Susann Witt-Stahl, geschrieben hat. Darin entwickelt sie unter anderem in Anlehnung an den österreichischen KĂŒnstler Alfred Hrdlicka dessen Idee „Alle Macht in der Kunst geht vom Fleisch aus“ als Maxime des kulturellen Protests gegen die SchlachthĂ€user, in denen die Leiber der Arbeiter:innen geschunden und die der Tiere zerstört werden. M&R bietet solchen Ideen immer wieder auch eine Plattform.

WĂ€hrend es auf dem kulturellen Terrain einzelne Leuchtfeuer gibt, muss man allerdings konstatieren, dass die vegane Lebensweise als eine Art oppositioneller Kultur mittlerweile zunehmend zum Mittel der kultur-politischen Integration verkommt. Damit ist keinesfalls gemeint, dass diese Lebensweise per se integrativ wirkt. Aber aktuell wird sie fĂŒr die profitorientierte Produktion und einen wachsenden Markt veganer Waren von Teilen des Kapitals, inklusive des Fleischkapitals, funktionalisiert und entpolitisiert. Der Veganismus ist also nicht mehr per se ein oppositioneller Lebensstil, sondern selber zum Feld der Klassenauseinandersetzungen geworden.

Wie fallen die Reaktionen bisher aus – sowohl auf eure Zeitung, als auch auf eure Arbeit?

Stefanie: Überraschend gut. Und zwar in letzter Zeit vor allem von Seiten der marxistischen Linken. Die Vorbehalte gegenĂŒber Veganismus und der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung sind zwar nach wie vor – allein aus kulturellen GrĂŒnden – oft sehr stark. Aber spĂ€testens seit Corona und den Corona-AusbrĂŒchen in den Schlachtbetrieben ist auch vielen Genoss:innen klar, dass sie eine Position zur Fleischindustrie entwickeln mĂŒssen und man die Fleischkapitalist:innen und -monopole nicht blind verteidigen kann. Das hat auch etwas mit einem Generationenwandel zu tun. Deswegen mehren sich in letzter Zeit die Veranstaltungsanfragen aus dem marxistischen und kommunistischen Lager. Im linken FlĂŒgel der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung wiederum hat sich mittlerweile schon ein Bewusstsein dafĂŒr entwickelt, dass das Problem nicht die Schlachthofarbeiter:innen, sondern vielmehr ihre Bosse sind. Das ist natĂŒrlich nicht nur unser Verdienst. Aber ich weiß aus GesprĂ€chen und RĂŒckmeldungen, dass unsere Veröffentlichungen auch dazu beigetragen haben.

Daniel: Wir machen uns aber natĂŒrlich keine Illusionen, wie gering unsere Reichweite und wie „exotisch“ unser Arbeitsfeld ist. Wir entwickeln Analysen und Inhalte und versuchen, klassische marxistische Theorie auf die Frage der Fleischindustrie und Tierbefreiung anzuwenden. Und wir sind dabei in vielen – nicht allen – Punkten die ersten, die das so machen. Klar stĂ¶ĂŸt das auf WiderstĂ€nde. Aber die letzten Jahre haben gezeigt, dass es kein Ding der Unmöglichkeit ist, sowohl Gehör bei marxistischen Genoss:innen als auch in der Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung zu finden. Marxist:innen brauchen im Jahr 2021 eine Position zur ökologischen Krise und zur Fleischindustrie, und die Tierrechts- und Tierbefreiungsbewegung muss sich fragen, was eigentlich der gesellschaftliche Rahmen ihrer Politik ist – das ist allerspĂ€testens seit Corona einfach ĂŒberdeutlich.


Die Zeitung „Das Fleischkapital“ ist ein Projekt des BĂŒndnisses Marxismus und Tierbefreiung, in dem Gruppen und Einzelpersonen der Tierbefreiungsbewegung und Aktive der kommunistischen Linken mitarbeiten. An der Zeitung selber sind aber auch „externe“ Autor:innen beteiligt, etwa der Soziologe und Historiker Moshe Zuckermann aus Israel. Auf der Webseite des BĂŒndnisses kann die Zeitung “Das Fleischkapital” auch heruntergeladen oder als Printversion bestellt werden.




Quelle: Revoltmag.org