Oktober 13, 2021
Von InfoRiot
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Klessin – Ein großes rostfarbenes Stahlportal steht wie ein Mahnmal mitten auf einer kleinen Anhöhe nahe des 150-Seelen-Örtchens Klessin im Oderbruch (MĂ€rkisch-Oderland). „Es symbolisiert den Eingang zum frĂŒheren Gutshaus, der als einziges nach den schweren KĂ€mpfen zwischen Roter Armee und Deutscher Wehrmacht im April 1945 noch stand“, erklĂ€rt Reinhard Tietz. Der Rest des Ortes und der weitlĂ€ufigen Gutsanlage habe in TrĂŒmmern gelegen.

Tietz ist stellvertretender Vorsitzender des Heimatvereins im benachbarten Wuhden (MĂ€rkisch-Oderland), der sich darum bemĂŒht, diesen authentischen Kriegsschauplatz aus der Vergessenheit zu holen. Das Stahlportal ist Teil der Gedenk- und ErinnerungsstĂ€tte, die am 6. Mai 2022 feierlich eingeweiht werden soll. Zu FĂŒĂŸen der Konstruktion sind die Umrisse des frĂŒheren Gutshauses deutlich zu erkennen. Der Heimatverein hat den Schutt der Anlage in Drahtgeflechten zusammengehĂ€uft und dort aneinandergereiht, wo sich einst die AußenwĂ€nde des um 1800 erbauten Hauses befanden. Mulden voller rotem Ziegelschutt zeigen, wo Granaten einschlugen und Tote lagen. 19 große Infotafeln in vier Sprachen mit Abbildungen historischer Fotos zur Geschichte des Ortes von der ersten Besiedelung in der Jungsteinzeit bis heute werden noch aufgestellt.

Immer wieder musste der KampfmittelrÀumdienst ran

Um so weit zu kommen, war es fĂŒr den 22 Mitglieder zĂ€hlenden Heimatverein allerdings ein langer Weg. Tietz hatte als Kind in den 1950er Jahren mit Freunden auf dem Schutt der Gutsanlage und in den einstigen SchĂŒtzengrĂ€ben gespielt. „Es gab viele UnfĂ€lle, weil natĂŒrlich viel Kriegsmunition herumlag neben den Knochen der gefallenen Soldaten. Das hat mich geprĂ€gt und nicht mehr losgelassen“, beschreibt der gelernte Autoschlosser. Er konnte damals auch mit einigen Zeitzeugen der KĂ€mpfe sprechen. Nach der Wende trat er in den Volksbund Deutscher KriegsgrĂ€berfĂŒrsorge ein. Gemeinsam mit Vereinsmitgliedern begann er das sechs Hektar große GelĂ€nde zu berĂ€umen, das zu DDR-Zeiten vom Klessiner Landwirtschaftsbetrieb als MĂŒllhalde genutzt worden war.

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„Wir kamen nur langsam vorwĂ€rts“, macht der 68-JĂ€hrige deutlich. Immer wieder musste der KampfmittelrĂ€umdienst ran. Ein GlĂŒcksumstand war, dass Mitglieder des Hamburger Vereins zur Bergung Gefallener in Osteuropa (VBGO) ab 2005 begannen, die Kriegstoten von Klessin zu bergen. 19 EinsĂ€tze habe es seitdem gegeben, sagt der VBGO-Vorsitzende Albrecht Laue. 237 Tote seien bisher gefunden worden – sowohl deutsche Soldaten als auch Angehörige der Roten Armee. Anschließend seien sie auf umliegenden Soldatenfriedhöfen bestattet worden. Und die Arbeit sei noch nicht beendet.

Seit Jahren werden rings um das einstige Gut Klessin Kriegstote geborgen. Foto: dpa

„Klessin war im FrĂŒhjahr 1945 der am stĂ€rksten und am lĂ€ngsten umkĂ€mpfte StĂŒtzpunkt der Deutschen auf den Seelower Höhen. Auf engstem Raum sind hier so viele Menschen gestorben wie sonst nirgends“, ergĂ€nzt VBGO-Historiker Wolfgang Ockert. Seit mehr als 30 Jahren erforscht er die damaligen Kriegsereignisse, befragt Zeitzeugen, studiert historische Dokumente und alte Luftbilder.

Strategisch wichtiger Punkt fĂŒr die deutsche Wehrmacht

Das etwas erhöht liegende GutsgelĂ€nde sei im FrĂŒhjahr 1945 strategisch ein wichtiger Punkt fĂŒr die deutsche Wehrmacht gewesen. Von hier aus waren die fĂŒnf BrĂŒcken ĂŒber die etwa zwei Kilometer entfernt liegende Oder gut einsehbar. Deswegen sollte Klessin unbedingt gehalten werden, erlĂ€utert der Historiker. Etwa 320 deutsche Soldaten waren seinen Recherchen nach auf dem Gut stationiert und letztlich wochenlang von der zahlenmĂ€ĂŸig weit ĂŒberlegenen Roten Armee eingekesselt worden. Rund 1200 Wehrmachtssoldaten sollten sie freikĂ€mpfen, das misslang.

1843 Namen deutscher Soldaten, die in Klessin kĂ€mpften, hat der VBGO inzwischen herausgefunden. Nur etwa 80 von ihnen sollen die KĂ€mpfe ĂŒberlebt haben. Etwa 700 bis 800 Rotarmisten fielen in dem und um den Ort, sagt Ockert. „Genauere Angaben bekommen wir von russischer Seite leider nicht.“

Eine rostige, sowjetische GranathĂŒlse.Foto: dpa

WĂ€hrend seiner jahrelangen Recherche stieß er auf weitere interessante Fakten aus der Geschichte des Gutes. So soll das frĂŒhklassizistische Haupthaus, an dem Dichter Theodor Fontane wohl auf seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg vorbeikam, Inspiration fĂŒr seinen 1878 geschriebenen Roman „Vor dem Sturm“ gewesen sein.

Die schweren KĂ€mpfe vor 76 Jahren begreifbar machen

Der spĂ€tere Kessel von Klessin sei inzwischen das am besten dokumentierte Kampfgebiet im Oderbruch, sagt VBGO-Vorsitzender Laue. „Wir wollten nicht nur die Toten bergen, sondern unsere Arbeit auch in den historischen Kontext setzen, um die schweren KĂ€mpfe vor 76 Jahren begreifbarer zu machen“, betont er.

Das sei ganz in seinem Sinne, meint der Landrat von MĂ€rkisch-Oderland, Gernot Schmidt (SPD). „Gerade weil die Initiative dafĂŒr direkt von den BĂŒrgern vor Ort kam, hat die Kreisverwaltung das Vorhaben immer unterstĂŒtzt, auch finanziell“, sagt er.

Was die beiden Vereine leisten, sei enorm, sagt Johann-Heinrich von Cappeln, Enkel der letzten Gutsbesitzer, die bereits im Februar 1945 ebenso wie die Klessiner Anwohner vor dem Krieg geflohen waren. „Es ist wichtig, dass nachfolgende Generationen wissen, was sich hier abgespielt hat“, meint er. FĂŒhrungen ĂŒber das GelĂ€nde soll es regelmĂ€ĂŸig geben. Die Arbeit mit Schulklassen werde zum Schwerpunkt, wenn der Gedenk- und Erinnerungsort Klessin im nĂ€chsten Jahr fertiggestellt sei, erzĂ€hlt Heimatvereinsvizechef Tietz. (dpa)
 




Quelle: Inforiot.de