Oktober 17, 2021
Von SchwarzerPfeil
279 ansichten


Es folgt der dritte Teil aus unserer Knast-Serie mit BeitrĂ€gen zum Thema GefĂ€ngnis, Abschaffung und Alternativen. Hier geht es zum vorherigen Teil aus einer intersektional-feministischen Perspektive. Der nachfolgende Beitrag wurde von A Corps Perdu, internationale anarchistische Zeitschrift, Nr. 2, November 2009, ĂŒbernommen.

***

Ein menschliches Wesen wÀhrend Monaten und Jahren auf ein paar wenigen Quadratmetern einsperren. Es kontrollieren, beobachten, erniedrigen und seiner Sinneserfahrungen berauben. Das GefÀngnis ist unbestreitbar eine Form von Folter.

Und doch, trotz der Abscheulichkeit der Folter, kann die Gesellschaft nicht ohne das GefĂ€ngnis. Um es besser auszudrĂŒcken, das GefĂ€ngnis ist nicht einfach eine AusdĂŒnstung des Staates, die darauf abzielt «abweichende», nicht konforme, ĂŒberflĂŒssige oder unerwĂŒnschte Menschen zu unterdrĂŒcken und/oder zu isolieren, es ist im Gegenteil ein organischer Bestandteil der Gesellschaft. Die Entwicklung der Dinge genau betrachtend, können wir behaupten, dass das GefĂ€ngnis keine Erweiterung der Gesellschaft ist, sondern die Gesellschaft eine Erweiterung des GefĂ€ngnisses. Anders gesagt: die ganze Gesellschaft ist ein GefĂ€ngnis, in welchem die Strafanstalten nur der offensichtlichste und brutalste Aspekt eines Systems darstellen, das uns alle zu Komplizen und Opfern, uns alle zu Eingeschlossenen macht.

Dieser Text soll eine kurze Reise im Innern der «Trakte und Abteilungen» unserer Welt sein, eine Reise, die nicht beabsichtigt, das Subjekt zu erschöpfen, sondern die Verantwortlichkeiten hervorzuheben. Denn, wie schon öfters gesagt wurde: die Ungerechtigkeit hat einen Namen, ein Gesicht und eine Adresse.

Der Abolitionismus

Die Abschaffung des GefĂ€ngnisses ist absolut undenkbar ohne die Abschaffung, oder besser, die Zerstörung der gegenwĂ€rtigen sozialen VerhĂ€ltnisse. Diejenigen, die noch immer die Ansicht verfechten, dass die Beseitigung der Folter innerhalb dieser Welt möglich ist, begehen also einen groben Fehler und leisten – auch wenn wir, in gewissen FĂ€llen, ihre Aufrichtigkeit erkennen können – ein offen konservatives Werk. Das Argument, den staatlichen Gebrauch der Einsperrung zu beseitigen, da das GefĂ€ngnis nicht immer existierte (tatsĂ€chlich ist es eine ziemlich neue Erfindung), fĂŒhrt im besten Fall zu nichts. Und im schlechtesten, wie es allzu oft passiert, fĂŒhrt es zur Formulierung von Thesen, die «den Abweichenden» durch alternative Zwangsmassnahmen wieder in die Gesellschaft integrieren wollen. Was in Wirklichkeit auf den Vorschlag hinauslĂ€uft, das GefĂ€ngnis durch eine erzwungene «Wiedereingliederung» des Individuums zu ĂŒberwinden, indem man dieses in einen Prozess kultureller, moralischer und intellektueller Neubildung integriert. Mit anderen Worten, indem der freie Wille definitiv ausgemerzt wird. Was dies anbelangt, hat der moderne Staat schon einiges an Vorarbeit geleistet, und er hat es bestimmt nicht nötig, dass wir ihn mit der einen oder anderen Form von abolitionistischem Demokratismus unterstĂŒtzen. Die Verliese, die LedergĂŒrtel und die systematischen Leibesstrafen (alle ohne gĂ€nzlich verschwunden zu sein) haben den Platz subtileren Zwangsmethoden ĂŒberlassen, deren Ziel, neben dem Freikaufen der Körper, auch die Zerstörung der Geister ist. Die Berufung auf die Psychiatrisierung der Abgeschotteten, die «Wiederintegrierung» durch soziale Arbeit, die Delegierung der Kontrolle an die Sozialhilfe und die technologischen Neuerungen wie die elektronische Fussfessel, sind alles Praktiken, die darauf abzielen, die Feindseligkeiten zu durchbrechen und «den Abweichenden» zu seinem eigenen Bullen zu machen. An diesen x-ten Zwangsmitteln der Macht sehen wir besser denn je, inwiefern die Mauern der GefĂ€ngnisse die ganze Gesellschaft umfassen.

Wenn wir die GefĂ€ngnisse als eine Verallgemeinerung der Strafe auf industriell konzentrierter Ebene verstehen, sind sie der Ausdruck eines spezifischen politischen und ökonomischen Systems und daher nicht etwas unabwendbares. In dem Moment, wo dessen Entwicklung erfordert, die Strafe an neue politische und ökonomische VerhĂ€ltnisse und Anforderungen anzupassen, wird die Herrschaft nicht zögern, das GefĂ€ngnis hinter sich zu lassen. Der Mensch hat sich in Wirklichkeit nicht von der Sklaverei, der Folter und dem Galgen befreit, vielmehr hat die Politik ihre Zwangs- und Strafmassnahmen an die (ideologischen und kommerziellen) Anforderungen der Produktion angepasst. Das GefĂ€ngnis, im Sinne von Mauern und GitterstĂ€ben, taucht mit der industriellen Revolution auf, wandelt sich wĂ€hrend diese vorbeizieht, und es ist durchaus denkbar, dass es in Zukunft wieder zurĂŒckgelassen und/oder transformiert wird. Das alles bedeutet jedoch nicht, dass das GefĂ€ngnis, diesmal im Sinne einer Gesellschaft und politischen Notwendigkeit (der Einsperrung und Kontrolle), verschwinden wird. Wie sich hingegen im Verlauf der Geschichte gezeigt hat, neigen die Maschen des Zwangs dazu, sich selber in dem Masse zu verengen, wie die Erscheinung des «Zwangs» verschwommener und ungreifbarer wird.

Von der Zerstörung des GefÀngnisses

Wenn wir also davon ausgehen, dass der Knast dieser Gesellschaft innewohnt, und dass sich das bestehende Herrschaftssystem momentan nicht von ihm trennen kann, scheint es offensichtlich, dass der Wille, die GefĂ€ngnisse zu zerstören, mit der Zerstörung der bestehenden sozialen VerhĂ€ltnissen verbunden ist. In einem Wort: um gegen das GefĂ€ngnis zu sein, muss man unweigerlich auch RevolutionĂ€r sein. Diese Behauptung mag etwas platt und absolut wirken, doch eigentlich zeigt sie gut auf, was die Grenzen, oder besser, was die wichtigste Grenze der verschiedenen KĂ€mpfe gegen die GefĂ€ngnisse ist. Menschen ohne revolutionĂ€re Vision in einen Kampf gegen die Existenz von GefĂ€ngnissen verwickeln zu wollen, wĂ€re wie zu denken, sie in eine Schlacht zu verwickeln, die die Beseitigung des Geldes voraussetzt. Es zeigt sich deutlich, dass man, um sich auf solche Ziele zu konzentrieren, den Teilkampf ĂŒberwinden und zu einer Vision und Kritik der TotalitĂ€t des Bestehenden gelangen muss.

Die Arglosigkeit zahlreicher KĂ€mpfe gegen das GefĂ€ngnis hat jedoch oft dazu gefĂŒhrt, diese Angelegenheit als etwas auf sich selbst stehendes zu behandeln, etwas der Herrschaft aufgesetztes und nicht als einer ihrer Grundpfeiler. Das Problem ist, dass das GefĂ€ngnis weder eine MĂŒlldeponie noch eine Autobahn ist, wo es denkbar wĂ€re, dass sich eine Opposition innerhalb der Herrschaft entwickelt.

Die Anstrengungen sollten also nicht mehr darauf abzielen, die Leute auf etwas zu sensibilisieren, das entweder die revolutionĂ€re Kritik oder die simple «solidarische» UnterstĂŒtzung voraussetzt, sondern vielmehr darauf, die Tatsache vor Augen zu fĂŒhren, dass das GefĂ€ngnis eine Angelegenheit aller ist, da es ĂŒberall ist. In einem Wort, wir werden vor allem praktisch handeln mĂŒssen, um die Trennung zwischen dem GefĂ€ngnis, betrachtet als Mauern und Gitter und dem GefĂ€ngnis, betrachtet als Gesamtheit von Strukturen und Beziehungen, zu ĂŒberwinden.

Potentielle «WeggefĂ€hrten», die wir unterwegs antreffen könnten, werden bestimmt nicht zu RevolutionĂ€ren, indem sie sich unsere Predigt gegen die KnĂ€ste anhören, sie könnten aber vielleicht unsere Komplizen werden, als Gefangene in der Revolte gegen eine GefĂ€ngnisgesellschaft, die uns alle unterdrĂŒckt.

Von der Anschuldigung des Elends

Die gegenwĂ€rtigen ökonomischen VerhĂ€ltnisse und die autoritĂ€re Wende der Regierungen bewirken, dass alle Armen potentiell das kĂŒnftige Knast-«Vieh» darstellen. Der alte Spruch, der besagt: «du hast einen Fehler begangen, nun sollst du bezahlen», auch wenn er in der Ideologie irgendwelcher begriffsstutziger BĂŒrger noch prĂ€sent bleibt, wurde schon lĂ€ngst von den Fakten ĂŒberholt: Es ist nicht mehr einfach die Wahl der Extra-legalitĂ€t[1] oder der IllegalitĂ€t die den Fehler bestimmt, sondern schlicht und vorallem das KlassenverhĂ€ltnis. Die legislativen Daumenschrauben, die sich tĂ€glich etwas tiefer in das Fleisch der Armen bohren, demonstrieren deutlich, dass es die Armut ist, die man anschuldigt und verfolgt, und nicht die Tat an sich. Im gleichen Masse, wie sich das Elend ausbreitet, werden immer mehr Handlungen in das Strafgesetzbuch eingetragen, so dass es selbst fĂŒr den blindesten und optimistischsten der Ausgebeuteten ersichtlich wird, dass die GefĂ€ngnispforten frĂŒher oder spĂ€ter auch hinter ihm zuschlagen.

In der modernen Gesellschaft ist die Figur des Kriminellen dabei zu verschwinden, um jener des Schuldigen Platz zu machen. Darum sind wir alle, als Bewohner der GefĂ€ngnisgesellschaft, auf austauschbare Weise dazu bestimmt, hinter den StacheldrĂ€hten zu verfaulen: sei es nun in einer Strafanstalt, einem geschlossenen Zentrum oder einem FlĂŒchtlingslager.

Wenn man dieser Logik folgt, erscheint es auch nicht so paradox, dass angesichts der anwachsenden Gewalt, einem Symptom des weltweiten BĂŒrgerkrieges, nicht so sehr die Gewalt an sich verfolgt wird (von dem Moment an, wo sie fĂŒr den Status quo vielmehr das Lebenselexir darstellt, als eine Bedrohung), sondern eher die simple Tatsache zu existieren und zu sein. Um es nocheinmal zu wiederholen, die Menschen werden bestraft, einge– und oft eliminiert – weil sie arm und/oder fĂŒr den Markt und das produktive Funktionieren ĂŒberflĂŒssig sind, und nicht weil sie tatsĂ€chlich durch extra-legales Handeln eine Bedrohung darstellen.

Es ist also kein Zufall, dass der Alltag in den GefĂ€ngnissen, der Ausdruck der sozialen Beziehungen zwischen Gefangenen, zwischen WĂ€rtern, zwischen Verwaltern und das Zusammenwirken all dessen, nicht so sehr auf der Kraft des Zwangs beruht, sondern vielmehr auf der Wiederzusammensetzung – in Miniatur und auf verschĂ€rftere Weise – der selben entfremdeten sozialen Beziehungen, die ausserhalb der GitterstĂ€be gelebt werden.

Von der Reproduktion der VerhÀltnisse

Die GeistesschwĂ€che der tapferen Verteidiger der «Menschenrechte» grĂŒndet in der Behauptung, dass die Einsperrung eine Verschlimmerung des Verhaltens von wieder freigelassenen Individuen bewirke. Das Sprichwort besagt, dass das GefĂ€ngnis eine Schule der Gewalt und der Verdummung menschlicher Wesen ist. Durch diese simplen Überlegungen, können wir deutlich erkennen, welcherart das morbide Band ist, das diese «guten Seelen» des Rechtes mit dem System unterhalten, das uns umgibt.

Es ist nicht die Gewalt des GefĂ€ngnis, die in die Gesellschaft eindringt, sondern vielmehr das Gegenteil: Das hierarchische System, die MachtmissbrĂ€uche, der Machismus und die Unterwerfung, die in den Beziehungen zwischen den Gefangenen erlebt werden, sind die selben Beziehungen, die ein jeder von uns im Innern des sozialen GefĂ€ngnisses in sich trĂ€gt. Das GefĂ€ngnis reflektiert das, was draussen ist, und nicht umgekehrt. Wenn die Ursachen der entfremdeten Beziehungen in dem GefĂ€ngnis gesucht werden mĂŒssen, dann ist dieses GefĂ€ngnis alles, die TotalitĂ€t des Bestehenden und der Wesen, die von der Einsperrung durchdrungen sind.

Von den moralischen und erzieherischen GefÀngnissen

Wenn wir unter GefĂ€ngnis den Zwang von Körpern und Geistern, die Entfremdung von und durch sinnliche Erfahrungen, die auferlegte Hierarchie und die Pflicht zur Unterwerfung vor den Gesetzen (moralischen, juridischen und sittlichen) verstehen, wird offensichtlich, dass sich das Überleben, zu dem wir verurteilt sind, im Innern eines GefĂ€ngnisses abspielt, das kein ausserhalb kennt.

Schon von den jĂŒngsten Jahren an bĂŒssen die «zivilisierten Menschen» ihre Strafe im Innern der GefĂ€ngnisgesellschaft ab und gewöhnen sich so an die Einschliessung als Norm. Die sogenannte Erziehung in den familiĂ€ren und schulischen Strukturen ist nur der Anfang jener LebenslĂ€nglichkeit, die uns abwechselnd zu Gefangenen und zu WĂ€rtern der Reproduktion der Einsperrungs-Ideologie macht. Im Grunde basiert die passive Hinnahme der Situation des Gefangenen auf der Norm und der Ideologie: Von ganz klein an lernt das Individuum praktisch unmittelbar die Unterwerfung (ideologisch auch Respekt genannt, obwohl er nicht im geringsten eine gegenseitige Basis impliziert) gegenĂŒber der AutoritĂ€t und den Hierarchien. Die Beziehung zum Vater, zu den Eltern, den Lehrern oder den Priestern kommt nicht «auf natĂŒrliche Weise» durch Wahl oder Willen zustande, sondern ist eine Verpflichtungssache. Innerhalb solcher Beziehungen hat das Benehmen der WĂ€rter keine Bedeutung – solange sie mit ihrer sozialen Rolle betraut bleiben, können sie alles tun –, genausowenig wie die SensibilitĂ€t der Gefangenen: Die familiĂ€ren und schulischen AutoritĂ€ten (oder jene der Gemeinschaft, in den seltenen FĂ€llen, wo ihr Prinzip intakt geblieben ist) handeln fĂŒr das Wohl des Gefangenen, fĂŒr seine kĂŒnftige Eingliederung, dafĂŒr, dass er keine «Fehler» begeht, und vor allem, um sich zu versichern, dass das kleine Individuum wĂ€hrend dem Aufwachsen die selben Mechanismen reproduziert, auf denen die ganze Einschliessungs-Struktur basiert.

An eben diesem Prinzip der «doppelten Bestrafung» kann man deutlich erkennen, wie die juridische Methode angewendet wird. Die Lehrkraft oder der Vater trifft mit dem betroffenen Subjekt nicht die geringste Vereinbarung, aber schreibt ihm Gesetze vor, die, falls sie ĂŒbertreten werden, die Bestrafung des Individuums bewirken und nicht notwendigerweise die Sanktion der Übertretung. Wie fĂŒr jeden Aspekt des sozialen Lebens, ist es der Mensch als Ganzes und in seiner Existenz, der bestraft wird, und nicht die Handlung an sich. Dieser Unterschied könnte als vernachlĂ€ssigbar betrachtet werden angesichts dessen, dass die Bestrafung eines Aktes so oder so impliziert, dass die Person auf die eine oder andere Weise «anrĂŒhrt» wird. Er wird dort jedoch fundamental, wo sich diese BegrĂŒndung auf das idelogische Konstrukt einer Notwendigkeit zu bestrafen bezieht, auf die Schuldsprechung der Menschen in ihrem Wesen und nicht in ihrem Handeln.

Die konzentrierte Organisation der schulischen Strukturen, aber immer mehr auch der Unterhaltung, sind bloss ein « Vorgeschmack », den uns die Gesellschaft offeriert, um die Geister und Gehirne zu domestizieren und sie an die stete Anwesenheit der HĂŒhnerkĂ€fige zu gewöhnen. In den Brutmaschinen der PassivitĂ€t und der Entfremdung erlernen und verschlingen die Menschen eine zwiespĂ€ltige und paradoxe «Persönlichkeit», bestehend aus einerseits dem Fakt, sich zu leben wie eine Masse, und andererseits der hierarchischen Idee, sich ĂŒber diese Masse zu stellen (aber immer als Bestadteil von dieser).

Im Grunde liegt die Hoffnung darin, dass die AutoritÀt eine gute Note erteilt, oder sogar Klassenbester zu werden, wenn möglich, indem man die Klasse erniedrigt, aber stets innerhalb der Klasse.

Die Hauptsache ist also, sich niemals zu fragen, ob es richtig ist, dass uns jemand von einem irgendeinem Podium herab eine Note aufdrĂŒckt, eine Note, die immer weniger weder an unseren Verdienst, noch an ein spezifisches Verhalten gebunden ist, sondern schlicht an unser Beisammensein: an den Fakt, Menschen in GefĂ€ngnissen zu sein.

Vom GefÀngnis der Metropolen

Es genĂŒgt, irgendein wĂ€hrend der letzten fĂŒnfzig Jahre erbautes Quartier zu beobachten, um sich der Art und Weise bewusst zu werden, mit welcher die Macht zu uns schaut. Es genĂŒgt insbesondere, die sogenannten Arbeiterviertel [frz.: quartier populaire] zu betrachten, diese Zellen worin die Armen konzentriert und eingeschlossen werden, um als erstes das Bild einer Haftanstalt im Kopf zu haben. Die aufeinanderfolgenden Regierungen haben die Armen stets prĂ€ventiv fĂŒr ihre soziale Stellung und ihr GefĂ€hrlichkeitspotential verurteilt. Die Aufeinanderfolge und Permanenz der «VolksaufstĂ€nde» gegen die Arroganz der MĂ€chtigen, getragen vom Traum von einem anderen Leben, haben die «Reaktion» dazu veranlasst, sich mit Mitteln zur Kontrolle und EindĂ€mmung der Unzufriedenheit auf den Strassen auszurĂŒsten. Eines dieser Mittel war die Entwicklung und Restrukturierung des Urbanismus. Wir könnten uns seitenweise ĂŒber diese Sache auslassen und selbst dann wĂŒrden wir nicht damit fertig, die beeindruckende QuantitĂ€t konzipierter und konstruierter MonströsitĂ€ten aufzulisten, insbesondere jene der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts. Angesichts der kĂŒrzlichen Unruhen in verschiedenen StĂ€dten der Welt verdient der am deutlichsten konzentrierte Aspekt des metropolitanen Monsters jedoch eine besondere Aufmerksamkeit.

Die Architektur der Banlieues ist der Triumph der Entfremdung. Die Stadtteile sind Orte an denen die Untergebenen zusammengepfercht werden, bis sie in ihrer sozialen und individuellen Atomisierung krepieren, wĂ€hrend die Wohnblöcke aus armiertem Beton ĂŒberall mit der Obsession der Kontrolle aus dem Boden schiessen; ganz nach dem Bild dieser langen Korridore mit all den Gittern, die die ZugĂ€nge zu Orten der Reproduktion des Marktes und der Macht gegen potentiell gefĂ€hrliche Menschen filtrieren. Sollten sich die Verbannten des «proletarischen Traumes» einmal auflehnen und gegen die GitterstĂ€be schlagen, ja sogar ihre Zellen in Brand stecken, dann wird es mit einem solchen Dispositiv fĂŒr den Aufseher umso leichter, diese GĂ€nge ganz einfach abzuriegeln, indem er deren Ein- und AusgĂ€nge kontrolliert, bevor von den WachtĂŒrmen geschossen wird. Durch die VideoĂŒberwachung ganzer Sektionen der Metropolen (mit Kameras an jeder Strassenecke), die permanenten Verbindungen zwischen den Aufsehern und die Datenverarbeitungsapperate, die Glasfaserkabel und das drahtlose Kommunikationssystem (die Kabel und Antennen sind ĂŒberall im GefĂ€ngnis platziert), wird eine sehr schnelle Koordination unter den repressiven KrĂ€ften möglich. Die Architektur der Befriedung brachte einen qualitativen Sprung mit sich: zuvor sperrte man die Menschen ins GefĂ€ngnis, nachdem sie rebellierten, jetzt befinden sie sich bereits darin.

Innerhalb eines solchen Kontexts passiert es allzu oft, dass die Revolten der Gefangenen selbst von der Einschliessung geprĂ€gt sind, und zwar indem der Angriff gegen einen Teilaspekt des GefĂ€ngnisses gefĂŒhrt wird, ohne seine Substanz anzutasten, oder indem sogar der Mythos und die Verteidigung des GefĂ€ngnisses einem Detail desselben gegenĂŒbergestellt wird. Was sonst bedeuten Phrasen wie «die Verteidigung des Quartiers», «mein Viertel», «keine Polizei in unseren Strassen», wenn nicht eine Aneignung der Einschliessungs-Ideologie? Wie kann man den Knast, der gegen uns konstruiert worden ist, als das « seine » bezeichnen? Die Viertel sind das Abbild der Einsperrung, zu der wir verurteilt sind, und der VerhĂ€ltnisse, die uns auferlegt wurden. Als solche gehören sie zur Macht. Und von all dem, was zur Macht gehört, gibt es nichts zu retten.

Damit wollen wir nicht sagen, dass die Wohnblöcke, in denen wir wohnen, in Brand gesteckt werden mĂŒssen, oder zumindest nicht sofort. Doch wenn es gegenwĂ€rtig nur möglich ist, die Kontrolle zu zerschlagen, indem die falschen Zugehörigkeiten, die die GefĂ€ngnisideologie kreierte, aufgegeben werden und dies, um die tausenden Maschen des Kontrollgewebes wirklich zu sabotieren, dann werden wir von all dem nichts zu bewahren haben.

Von der Einsperrung der Geister

Wenn wir davon ausgehen, dass die Gesellschaft ein GefĂ€ngnis ist, dann ist das GefĂ€ngnis ĂŒberall. Und in dem Überall gibt es kein Aussen. Schliesslich ist es uns schlicht nicht möglich auszubrechen, weil es keinen Ort gibt, wohin man gehen könnte. Diese Situation, die uns keinen einzigen «Notausgang» lĂ€sst, ist objektiv betrachtet untragbar, sie kreiert BedrĂ€ngnis, Schmerz und Verwirrung. Die Möglichkeit, einen Raum zu finden, wo man sich ein kleines Fleckchen partieller Freiheit errichten kann, ist mit dem Triumph der Entfremdung von und in den Beziehungen definitiv verloren gegangen. Die reelle Möglichkeit, die bestehenden VerhĂ€ltnisse umzuwĂ€lzen, lĂ€sst auf sich warten und sowieso scheint es nur sehr wenige Leute zu interessieren.

Ausgehend von dieser Feststellung braucht die Macht nicht mehr zu lĂŒgen und hat von einer Propaganda, nach welcher «dies die besteder möglichen Welten ist», zu einer anderen gewechselt, die besagt: «trotz alledem ist dies die einzigemögliche Welt». Indessen der Tatsache bewusst, dass immer mehr BetĂ€ubung nötig ist, um diese Existenz zu ertragen, bietet die Direktion der sozialen Strafanstalt ihren «GĂ€sten» die einzig möglichen «AusbrĂŒche»: jene, die sich dem Geist annehmen.

Die Unterhaltung und die organisierte Ablenkung der Massen in den Stadien und wĂ€hrend der « Ferien » betĂ€ubt bestimmt jeglichen Funken von selbststĂ€ndigem Denken – indem man ihn in der kĂŒnstlichen und obszönen Ekstase der festenden Meute erstickt –, aber scheinen nicht mehr ausreichend zu sein, um das KrebsgeschwĂŒr der Verurteilung zur Gefangenschaft zu stoppen.

Seit mehreren Jahrzehnten und sich stetig weiterentwickelnd wird uns also, dank diversen psychoaktiven Substanzen, ein bisschen ĂŒberall ein aufgesetzter geistiger Ausbruch angeboten. Allerlei Drogen verschiedenster Art, ob legal oder illegal, ĂŒberfluten gegenwĂ€rtig diesen gigantischen Knast und wĂ€hrend sie eine provisorische Flucht anbieten, errichten sie noch dazu ein neues GefĂ€ngnis innerhalb des GefĂ€ngnisses.

In der russischen Babuschka der Einsperrung ist es dem Direktor endlich möglich, das letzte Stadium der Kontrolle zu erreichen und die Grundlagen fĂŒr eine Gesellschaft des endlosen Wartens zu entwerfen: Jene einer psychiatrisierten Welt. Eine Welt der BetĂ€ubung, wo das UnertrĂ€gliche ertrĂ€glich, wo es lebbar wird. Und wie immer in der Logik der Adaption, wenn irgendetwas lebbar wird, fĂŒhlen wir die Notwendigkeit nicht mehr, es zu verĂ€ndern.

Um die Gedanken unschĂ€dlich zu machen, brauchen sie also nicht mehr vernichtet oder mystifiziert zu werden: es reicht schlicht zu verhindern, dass sie entstehen, von ihrer « Geburt » bis zum Verlangen, selbst damit zu beginnen.

Man kann sagen, dass der Ausbruch, den man uns vertickt, die Abtreibung jeglichen Verstands fĂŒr die Freiheit ist. Er hat die selbe verabscheuenswĂŒrdige Funktion wie eine gute humanitĂ€re Schwester in einem Lager, mit dem einzigen Unterschied, dass die Drogen (ob legal oder nicht) nicht einmal zum Verbinden der oberflĂ€chlichen Wunden dienen. Den Weg der Zerstörung des sozialen GefĂ€ngnisses angehen zu wollen und die permanente Konstruktion psychotischer Zwangsjacken fĂŒr die Geister beiseite zu lassen, wĂ€re wie den Staat abschaffen zu wollen, wĂ€hrend man das Innenministerium verschont. In der modernen Welt ist es notwendiger denn je, die Verantwortlichkeiten des Zwangs neu zu definieren, um ganz klar zu sehen, was die Interessen jener sind (und folglich unsere Angriffsziele), die uns einsperren wollen – sowohl innerhalb als auch ausserhalb von uns selbst.

Es wird Zeit, deutlich zu betonen, dass der Politiker, der Psychiater, der Bulle und der DrogenhĂ€ndler auf gleiche Weise fĂŒr unsere UnterdrĂŒckung verantwortlich sind. Und genauso, dass das Schicksal des Priesters, des «BĂŒrgers» oder des Ideologen, der die Drogen als «befreiende Substanzen» verherrlicht (auch innerhalb der Szene), verbunden werden muss.

Von der Einsperrung der Körper

Der mangelhaften Rolle der Religion als delegierte Verwaltung des Lebens und des Todes, als Hoffnung (oder Toleranz) angesichts so vieler von den Menschen ertragener Übel und MissbrĂ€uche wird heute «endlich» durch eine neue weltliche Religion ausgeholfen: der WissenschaftsglĂ€ubigkeit.

In dieser Demokratie haben wir tatsĂ€chlich die Wahl: Unser Körper kann Gott gehören oder den HĂ€nden der Wissenschaft ĂŒbergeben werden. Die Eingebildetsten können auch die beiden Aspekte versöhnen, indem sie ethisch ihre Seele Gott und ihren Körper den Wissenschaftlern ĂŒbergeben.

Die Entwicklung des Wissens ermöglichte im Namen des kollektiven Wohlbefindens in einen Grossteil des menschlichen Organismus einzudringen und die Kontrolle zu ĂŒbernehmen. GegenwĂ€rtig sind wir bei der genetischen Fichierung und Kartographierung angelangt. Hunderte neue Lombroso’s[2], eingeschlossen in Laboratorien ein bisschen ĂŒberall auf der Welt, trĂ€umen sogar davon, ihre Techniken zu verfeinern, um den geborenen Kriminellen zu entdecken, der in einem jeden von uns ruht. Diesmal nicht mit Hilfe von Hirnmessungen, sondern von Genen.

In einer medikalisierten Gesellschaft, die einen Grossteil der Übel produziert und gleichzeitig das Monopol und die Kontrolle ĂŒber ihre Gegenmittel besitzt, verfĂŒgen die Wissenschaftler ĂŒber eine der grösst möglichen MĂ€chte: Jene, das Leben zu erhalten. Es ist auch selbstverstĂ€ndlich, dass diese Betrachtungen nur ein Teil der RealitĂ€t bleiben werden, solange die wichtigste Macht – wie im Fall der Religion – in der Tatsache liegt, angesichts eines gequĂ€lten Lebens, oder eher einer Art zu Überlebens, etwas Hoffnung einzutrĂ€ufeln.

Von ihrer Machtposition herab teilen sich die weiss behemdten Schakale dennoch bereits die StĂŒcke unserer Körper auf und im Innern des GefĂ€ngnisses sind wir nun alle potentiell im Namen des Fortschritts zu opfernde Versuchskaninchen geworden. Uns selbst nicht gehörend, sind wir Instrumente und nicht Subjekte der Debatte. Die verschiedenen Heiligen Offizien und andere wissenschaftliche Kommissionen der Bioethik spielen sich gegenseitig den Ball zu, wĂ€hrend sie uns vorschreiben wollen, wie wir zu leben haben, wie wir zu sterben haben, wem wir angehören und wie wir fĂŒr uns zu sorgen haben. Im Namen Gottes, im Namen der Wissenschaft. In unserem Namen, niemals. FĂŒr all sie zĂ€hlen wir nicht, da wir bloss Gefangene des Körpers sind, den sie uns verliehen haben.

Von der unmöglichen Flucht und der notwendigen Subversion

Wir haben ausfĂŒhrlich gesehen, dass es nirgends eine Möglichkeit gibt, dem sozialen GefĂ€ngnis zu entkommen, und dass sich dieses letztere ĂŒber alle Aspekte des Bestehenden ausbreitet: Die einzige Möglichkeit, die noch bleibt, ist also die «Zerstörung der Inneneinrichtung». Durch die Subversion der sozialen Beziehungen können wir damit beginnen, jene RĂ€ume der Freiheit zu rekonstruieren, die man uns entsagt. Und um dahin zu gelangen, mĂŒssen wir uns der Hindernisse entledigen, die sich zwischen uns und unser Verlangen nach Emanzipation stellen. Stets dessen bewusst, dass der revolutionĂ€re Weg kein abstrakter Weg ist, nicht abstrakter als die Mechanismen, die Strukturen und die Verantwortlichkeiten der Segregation.

Sicher, in der Revolte öffnen sich RĂ€ume der Freiheit nicht von selbst, und wir sehen gut, wie subtil die Grenze ist, die sich in der aktuellen sozialen KonfliktualitĂ€t zwischen der Implosion des BĂŒrgerkrieges und der Explosion des Sozialen Krieges abzeichnet. Aber es ist auch richtig, dass sich nur in einem Moment des Aufstands ein physischer und temporĂ€rer Raum auftut, in welchem das Konstruieren und Erfinden der Grundlagen fĂŒr befreite Beziehungen möglich ist.

Die UnterstĂŒtzung, die gegenĂŒber den Revolten der Gefangenen des sozialen GefĂ€ngnis erbracht wird, darf und kann nicht akritisch und verherrlichend bleiben. Sie muss sich unbedingt in eine Möglichkeit konstruktiver Komplizenschaft verwandeln: um es noch einmal zu sagen, die Möglichkeiten, den Weg des sozialen Krieges aufzuzeichnen, zeigen sich in der Dialektik, die sich in einem Moment des Bruches unter den AufstĂ€ndischen errichtet. «Unser Wunsch» ist, zur AufspĂŒrung des Weges beizutragen, auf dem die Gefangenen nicht mehr als Gefangene des sozialen GefĂ€ngnisses revoltieren, sondern als Individuen, die die Vernichtung jeglichen Zwangs anstreben.

Es ist nutzlos zu hoffen, dem Ziel gewachsen zu sein, wir mĂŒssen uns vor allem unverzĂŒglich die Mittel geben, um es zu sein. Und Basta.

***

[1] Die Wahl den Rahmen von LegalitĂ€t/IllegalitĂ€t hinter sich zu lassen.

[2] Cesare Lombroso gilt als BegrĂŒnder der kriminalanthropologisch ausgerichteten sogenannten Positiven Schule der Kriminologie. Als selbst bezeichneter Rassist und Eugeniker sorgte er dafĂŒr, dass KriminalitĂ€t zunehmends unter naturwissenschaftlichen, biologischen und anthropologischen Aspekten betrachet wird.

Folge uns!
SchwarzerPfeil
Folge uns!



Quelle: Schwarzerpfeil.de