Oktober 31, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Es folgt der achte Teil aus unserer Knast-Serie mit BeitrĂ€gen zum Thema GefĂ€ngnis, Abschaffung und Alternativen. Hier geht es zum vorherigen Teil: dem Mythos der Resozialisierung. Der nachfolgende Beitrag ist aus Instead of Prisons ĂŒbersetzt, der „Abolitionismus-Fibel“.

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Nirgendwo ist es so schön wie zu Hause. Ironischerweise entpuppt sich die wertvollste unserer Institutionen — die Familie — als primĂ€res Labor, in dem Bestrafung gelernt, praktiziert und legitimiert wird.

Das kulturelle Muster des Kindesmissbrauchs, das oft als „Disziplin“ oder „dem Kind zeigen, wer der Boss ist“ beginnt, ist in unserer Gesellschaft epidemisch. Studien deuten darauf hin, dass das Syndrom der misshandelten Kinder nur ein Extrem eines gewalttĂ€tigen Erziehungsmusters ist, das in der westlichen Kultur fest verankert ist.

„Um sich dessen bewusst zu werden, muss man sich nur die Familien seiner Freund_innen und Nachbar_innen ansehen, die Interaktionen zwischen Eltern und Kindern auf dem Spielplatz oder im Supermarkt beobachten oder sich sogar daran erinnern, wie man seine eigenen Kinder erzogen hat oder wie man selbst erzogen wurde. Das Ausmaß an Anchreien, Schimpfen, Ohrfeigen, Schlagen und Zerren, das Eltern an sehr kleinen Kindern ausĂŒben, ist fast schockierend. Deshalb sind wir zu der Überzeugung gelangt, dass wir im Umgang mit misshandelten Kindern kein isoliertes, einzigartiges PhĂ€nomen beobachten, sondern nur die extreme Form eines in unserer Kultur weit verbreiteten Erziehungsmusters oder -stils.“

– Karl Menninger, Psychiater

Solche Misshandlungen gehen ĂŒber alle sozioökonomischen, ethnischen und racialen Grenzen hinweg. Die Traumata reichen von körperlicher Grausamkeit bis zu der verblĂŒffenden Erkenntnis, dass man sich nicht daran erinnern kann, als Kind umarmt worden zu sein. Das Ergebnis ist meist ein GefĂŒhl der Wut und Feindseligkeit des Kindes, das sich vorĂŒbergehend in RĂŒckzug oder Flucht Ă€ußern kann. Diese GefĂŒhle kommen spĂ€ter im Leben wieder zum Vorschein, da die Institutionen der Gesellschaft solche Muster immer wieder verstĂ€rken. Brutales Verhalten zieht brutales Verhalten nach sich.

„Elternschaft und Kindererziehung sind erlernt. Psychiater_innen haben festgestellt, dass das Muster der strengen Disziplinierung und des Missbrauchs von Kindern direkt mit den sehr frĂŒhen Kindheitserfahrungen der missbrauchenden Eltern zusammenhĂ€ngt.“

– Brandt F. Steele, „Violence in our Society“

Erziehungsanstalten, Kinderheime, Besserungsanstalten und GefĂ€ngnisse fĂŒhren die Erziehung des Kindes zu Gewalt fort und verstĂ€rken sie. Kindesmissbrauch ist eine wichtige Erfahrung im Leben vieler Gefangener und sie erinnern uns daran, dass es bei jeder Diskussion ĂŒber GefĂ€ngnisstrafen ernsthaft berĂŒcksichtigt werden muss.

HĂ€ftlinge und Kindesmissbrauch

Viele misshandelte Kinder sind zu erwachsenen StraftĂ€ter_innen geworden. Die Institutionen, in die sie geschickt werden, sind eine ĂŒbertriebene Ausweitung dieses Missbrauchs und der GleichgĂŒltigkeit. Paradoxerweise fördert und erhĂ€lt das Bestrafungskonzept, das die GefĂ€ngnispolitik bestimmt, die antisozialen Einstellungen und das geringe SelbstwertgefĂŒhl vieler verurteilter StraftĂ€ter_innen.

Der Schmerz des Missbrauchs in der Kindheit verstĂ€rkt sich in einer gewalttĂ€tigen und bedrĂŒckenden Umgebung und muss zum Ausdruck gebracht werden, oft in gewalttĂ€tiger Form. Viele Gefangene sprechen von dem Moment der StĂ€rke und Erleichterung, wenn sie sich in irgendeiner Form rĂ€chen.

Viele Gefangene, die Gewalttaten begangen haben und schmerzhafte Erinnerungen an die Gewalt der Eltern oder anderer Erwachsener im Elternhaus haben, geben an, dass ihre Geschichte ein wichtiger Anstoß fĂŒr ihre eigene GewalttĂ€tigkeit war.

Robert Brown von der Fortune Society, ein ehemaliger HÀftling, behauptet, dass 40 bis 50 Prozent aller Menschen in den USA, die ins GefÀngnis kommen, entweder misshandelt oder missbraucht oder emotional vernachlÀssigt wurden, so dass sie ein Trauma erlebt haben.

Diese Meinung wird durch eine Vielzahl von Quellen gestĂŒtzt. Als Beispiele:

  • Eine New Yorker Studie ĂŒber neun jugendliche Mörder zeigte, dass alle neun von ihren Eltern routinemĂ€ĂŸig geschlagen worden waren.“
  • Von 44 Gefangenen in Texas mit einer Vorgeschichte von mehrfachen Gewalttaten waren 37 körperlich misshandelte Kinder.
  • Eine Untersuchung von Jugendlichen in fĂŒnf Bezirken in New York ergab, dass 38 Prozent aller Kinder, die als misshandelt oder missbraucht identifiziert wurden, in Jugendeinrichtungen kamen.
  • Von sechs verurteilten Mördern ersten Grades in Minnesota wurden vier von ihren Eltern in frĂŒhester Kindheit schwer misshandelt und geschlagen.
  • Vier MĂ€nner, die ohne erkennbares Motiv gemordet hatten, wurden von Mediziner_innen der Menninger-Klinik untersucht; alle vier hatten in ihrer Kindheit extreme elterliche Gewalt erlebt.

Diese zunehmenden Beweise widerlegen die weit verbreitete Theorie, dass eine liberale/freizĂŒgige Einstellung der Eltern ein wichtiger Faktor fĂŒr die KriminalitĂ€t ist. Im Gegenteil, es scheint, dass Kindesmissbrauch und KindesvernachlĂ€ssigung Faktoren sind, die die Gewalt in unserer Kultur aufrechterhalten. FĂŒr die Gefangenen (und auch fĂŒr die WĂ€rter) erhöht die BrutalitĂ€t der GefĂ€ngnisumgebung das Gewalt- und Aggressionspotenzial eher, als dass sie es verringert.

Neue Wege

Wie bei anderen kriminellen Handlungen neigt die Gesellschaft dazu, Eltern, die ihre Kinder misshandeln, rechtlich zu bestrafen, sobald die Verantwortlichkeit festgestellt wurde. KinderanwĂ€lt_innen, die mit misshandelnden Eltern zu tun haben, bevorzugen jedoch alternative Lösungen. Juristische Bestrafung, sagt ein Anwalt, der Direktor der Kinderabteilung der American Humane Association ist, erreicht nichts außer der oberflĂ€chlichen Einhaltung von Strafgesetzen. Die strafrechtliche Verfolgung bringt das Kind hĂ€ufig in noch grĂ¶ĂŸere Gefahr, wenn der misshandelnde Elternteil nach Hause kommt — „ein Elternteil, dessen MotivationskrĂ€fte unbehandelt geblieben sind und dessen emotionaler Schaden durch die Straferfahrung noch grĂ¶ĂŸer geworden ist.“

Wie sollte die Gesellschaft also auf misshandelnde Eltern und andere GewalttĂ€ter_innen reagieren? Die meisten Forschenden und Fachleute auf diesem Gebiet verweisen auf Studien, die zeigen, dass misshandelnde Eltern unter einem Mangel an grundlegender elterlicher FĂŒrsorge leiden. Einfach ausgedrĂŒckt: Ein Mensch muss sich geliebt, gewollt und akzeptiert fĂŒhlen, bevor er*sie Liebe geben kann. Das GefĂŒhl, „geliebt, gewollt und akzeptiert“ zu sein, bedeutet konkret eine fĂŒrsorgliche, gewaltfreie Gemeinschaft, die Ressourcen, Dienstleistungen, persönliche Beziehungen, Beratungsangebote und andere wiederherstellende Praktiken anstelle von Strafen anbietet.

Dr. Henry C. Kempe von Parents Anonymous ist der Meinung, dass das Syndrom der misshandelten Kinder in zehn Jahren verschwunden sein wird, wenn in den Gemeinschaften straffreie und wiederherstellende Methoden angewandt werden. 90 Prozent der Eltern wird geholfen, angemessene Eltern zu werden. Erfolgreiche elterliche Umerziehung verwendet einen nicht wertenden, nicht kritischen und rĂŒcksichtsvollen Ansatz gegenĂŒber den Eltern. Dies steht in deutlichem Gegensatz zu der Erwartung schuldiger Eltern, bestraft zu werden. „Wir haben sehr gute Ergebnisse erzielt 
 indem wir sie vor diesem alten System von ‚Verbrechen und Strafe‘ geschĂŒtzt haben 
. „

Wenn das Wesen der gesetzlichen Bestrafung darin besteht, dass der Staat zum angeblichen Nutzen der Gesellschaft im Allgemeinen Zwang gegen die TĂ€ter_innen ausĂŒbt, dann wird klar, dass die gesetzliche Bestrafung von misshandelnden Eltern und unserer Meinung nach auch von anderen Gesetzesbrechenden der Gesellschaft nicht nĂŒtzen kann. Im Gegenteil, sie schadet der Gesellschaft noch mehr, indem sie zu dem Gewaltkreislauf beitrĂ€gt, der durch kulturelle, familiĂ€re und gesellschaftliche Muster bereits angeheizt wird. Leider schrĂ€nkt die VerfĂŒgbarkeit und breite Akzeptanz gesetzlicher Strafen die unmittelbare Möglichkeit ein, systematische Alternativen zu entwickeln, zumal die Bestrafenden keine Beweislast dafĂŒr tragen, dass die Strafe „funktioniert“.

Es wird immer deutlicher, dass GefĂ€ngnisstrafen nicht „funktionieren“. Sie kann weder die ursprĂŒngliche Tat der TĂ€ter_innen korrigieren noch ihre funktionale Rolle in der Gemeinschaft wiederherstellen. Abgesehen von den seltenen FĂ€llen, in denen die Gesetzesbrechenden fĂŒr eine gewisse Zeit in Gewahrsam genommen werden muss, verhindern die meisten gesetzlichen Strafen, wie sie derzeit bei der Strafzumessung festgelegt werden, die Möglichkeit, auf die menschlichen BedĂŒrfnisse sowohl der TĂ€ter_innen als auch der Opfer in der Gemeinschaft einzugehen. Die Erkenntnis von KinderanwĂ€lt_innen, dass menschliche BedĂŒrfnisse auch außerhalb des Strafrechtssystems in der Gemeinschaft erfĂŒllt werden mĂŒssen, stellt ein wichtiges und akzeptiertes Modell fĂŒr neue Antworten auf gewalttĂ€tige Handlungen dar. Es gibt noch viele weitere.

Laut Dr. Karl Menninger ist es nicht sentimental, gegen Strafen zu sein. „Es ist eine logische Schlussfolgerung, die aus der wissenschaftlichen Erfahrung gezogen wird. Es ist auch ein Berufsgrundsatz: Wir Ärzt_innen versuchen, Schmerzen zu lindern, nicht sie zu verursachen.“

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Quelle: Schwarzerpfeil.de