Juni 1, 2022
Von Graswurzel Revolution
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In dem Spielfilm „Maixabel“ geht es um die Zeit nach den Attentaten von ETA – um die Angehörigen der Erschossenen, aber auch um diejenigen, die Geschossen haben und dies bereuen.

Auf einer sattgrĂŒnen Wiese, umgeben von lichtem Wald, auf einem Hochplateau hoch ĂŒber der KĂŒste steht ein zerstörter Gedenkstein. “Juan MarĂ­a JĂĄuregui 1951 – 2000” steht auf der durchgebrochenen Namensplakette, der Stein ist mit roter Farbe ĂŒbergossen. Peñas de Aya heißt der Gebirgszug mit dem wunderschönen weiten Blick aufs Meer auf Spanisch, Aiako Mendiak auf Euskera, Baskisch. Er ragt nahe der Stadt Oiartzun im spanischen Baskenland auf.

Der Boden ist regensatt und aus Granit, und auch im Film „Maixabel“ schĂŒttet es nicht nur in einer traurigen Sequenz wie aus Eimern. Als Ibon Etxezarreta (Luis Tosar) zurĂŒck ins GefĂ€ngnis in seine Zelle geht. Bereits zehn Jahre sitzt er ein, verurteilt fĂŒr die Ermordung von Juan MarĂ­a JĂĄuregui, der von 1994 bis 1996 Zivilgouverneur der baskischen Provinz Guipuzkoa war. Am 29. Juli 2000 wurde er von einem Etarra mitten in einem CafĂ© durch einen Schuss in den Hinterkopf ermordet. Das dreiköpfige ETA-Kommando kann nach dem Attentat zwar fliehen, wird aber spĂ€ter verhaftet und zu langjĂ€hrigen Haftstrafen verurteilt. Diese Geschichte ist real, fĂŒr das Drehbuch des Filmes haben Isa Campo und die Regisseurin IcĂ­ar BollaĂ­n die mittlerweile aus dem straff organisierten Gefangenenkollektiv der bewaffneten Untergrundorganisation ETA ausgestiegenen Kommandomitglieder genauso befragt wie die Angehörigen der Opfer solcher Morde. Vieles geht auf die GesprĂ€che mit Maixabel Lasa zurĂŒck, der Witwe von Juan MarĂ­a JĂĄuregui. Maixabel Lasa ist im Baskenland sehr bekannt, weil sie sich nicht auf die Rolle der trauernden Witwe reduzieren lassen will – sie lebt noch und hat die Entstehung des Filmes begleitet. Maixabel Lasa ist genauso wie ihr Mann, den sie mit 16 kennengelernt hatte, ihr Leben lang politisch engagiert.

Maixabel Lasa Iturrioz, wie sie mit vollem Namen sehr Baskisch heißt, wurde ein Jahr nach der Ermordung ihres Mannes 2001 Direktorin des BĂŒros fĂŒr die Betreuung der Opfer des Terrorismus, einer Einrichtung der baskischen Regierung – bis 2012 hatte sie diese Funktion inne, unterstĂŒtzt von der baskischen Regionalregierung, angefeindet von der spanisch-nationalen konservativen Volkspartei PP und der auf deren Linie liegender spanischen Vereinigung der Opfer des Terrorismus AVT, AsociaciĂłn de VĂ­ctimas del Terrorismo. Denn wĂ€hrend die AVT von Angehörigen von Opfern von ETA aus spanischer Polizei und MilitĂ€r beherrscht wird und uneingeschrĂ€nkt fĂŒr das unteilbare Spanien eintritt und im Konflikt um das Baskenland Partei fĂŒr den spanischen Zentralstaat ergreift, geht Maixabel Lasa einen anderen Weg und entzieht sich der einseitigen Instrumentalisierung der Opfer: 2008 öffnete sie die Arbeit des BĂŒros fĂŒr die Betreuung der Opfer des Terrorismus fĂŒr alle Opfer der Gewalt, auch fĂŒr die Opfer der ParamilitĂ€rs und der Polizei, auch fĂŒr deren außerhalb der LegalitĂ€t agierenden Todesschwadrone GAL. Diese Antiterroristischen Befreiungsgruppen, Grupos Antiterroristas de LiberaciĂłn, folterten und ermordeten zwischen 1983 und 1987 vor allem im französischen Baskenland gekidnappte Etarrak, Mitglieder von ETA. Mindestens 28 Menschen. Vor 1987 lieferte Frankreich Etarrak nur aus, wenn konkrete, gerichtsfeste StraftatvorwĂŒrfe gegen sie vorgebracht wurden. Nach 1987 kooperierte Frankreich uneingeschrĂ€nkt mit Spanien in der BekĂ€mpfung von ETA und die GAL waren somit ĂŒberflĂŒssig geworden. Es konnte dem damaligen sozialdemokratischen MinisterprĂ€sidenten Felipe GonzĂĄlez nicht nachgewiesen werden, dass er die Anweisung zur GrĂŒndung der GAL gab, aber sein Innenminister wurde zu einer Haftstrafe verurteilt – die Begnadigung durch GonzĂĄlez folgte umgehend.

„Maixabel“ ist ein emotional wie politisch bewegender Film, darĂŒber, dass etwas jenseits der nationalen und militarisierten Polarisierung baskische ETA versus spanischen Staat möglich war. Und ist. Und es ist eine Hommage an eine bewundernswerte Frau, Maixabel Lasa.

Der von ETA ermordete Juan MarĂ­a JĂĄuregui und seine Witwe Maixabel Lasa traten anders als ihr Parteifreund Felipe GonzĂĄlez vehement fĂŒr einen Dialog zwischen dem spanischen Staat und der baskischen ETA ein, um das Blutvergießen durch Attentate ebenso zu beenden wie die Militarisierung des Baskenlandes durch den Zentralstaat. „Mit der Gewalt erreichst du absolut nichts, du musst die Sachen mit anderen Mitteln lösen, mit pĂ€dagogischer Erziehung, dadurch dem Nachbarn zuzuhören, um die Probleme, die wir Tag fĂŒr Tag erleben, durch den Gebrauch des Wortes zu lösen” – ein typisches Statement nicht aus den Spielfilmdialogen, sondern von der echten Maixabel Lasa.

Zu Beginn des Filmes wird das Attentat auf Juan MarĂ­a JĂĄuregui gezeigt – aus der Sicht des ETA-Kommandos. Es ist die einzige Sequenz, in der es schnell zugeht, hektische Action statt Nachdenklichkeit, vieler Worte und ebenso emotionaler wie auch intelligenter Dialoge, wie sie danach dominieren. Die zwei SchĂŒsse in den Hinterkopf im CafĂ© auf den völlig ahnungslosen Juan MarĂ­a JĂĄuregui, der keinen LeibwĂ€chter hat, die schnelle Flucht ĂŒber die Autobahn in einem geklauten Auto, das vor einer stillgelegten Fabrik hochgejagt wird, erscheinen fĂŒr jemanden, der jahrzehntelang die Erschießungen und Bomben von ETA verfolgt hat, wie aus zahlreichen Polizeiberichten bekannt. Anders ist es mit dem, was danach kommt.

Aber der Film lebt davon, die Geschichte der AttentĂ€ter und die der Angehörigen der Opfer parallel zu zeigen. Maixabel (Blanca Portillo) steht gerade im Bad, als das Telefon sehr lange klingelt. Niemand lĂ€sst so lange nervend klingeln, außer es gab ein Attentat. Ihre Tochter MarĂ­a (MarĂ­a Cerezuela) feiert gerade ihren neunzehnten Geburtstag mit Freundinnen am See, als ĂŒberraschend die Tante angefahren kommt. Die Tante weint, als sie auf MarĂ­a zugeht, die sofort ohne ein Wort versteht, was passiert ist. Alles ist nur noch Schmerz. Die Kamera fĂ€hrt weg, inmitten einer landschaftlichen Idylle stehen zwei Frauen, die sich umarmen und hemmungslos weinen.

Maixabel (Blanca Portillo) und ihre Vertraute Carmen (Arantxa Aranguren)
© Piffl Medien

Gleichzeitig kommen die drei Etarrak in ihrer klandestinen Wohnung an, ein Vierter kommt dazu, hat Essen mitgebracht, sie stoßen an auf die aus ihrer Sicht gelungene Operation. SpĂ€ter im Film erzĂ€hlt ein Etarra: “Ja, es war so ĂŒblich, wir haben gelungene Attentate gefeiert. Aus einer rein militĂ€rischen Logik heraus, ohne Empathie fĂŒr die Opfer.”

Der Film wendet sich danach wieder Maixabel und ihrer Tochter MarĂ­a zu. Im Parteihaus der PSE, wie der regionale Ableger der sozialdemokratischen Partei Spaniens, PSOE, heißt, steht aufgebahrt der Sarg von Juan MarĂ­a JĂĄuregui. Eine Genossin nimmt Maixabel Lasa in den Arm, sagt nur: “Jetzt haben sie innerhalb weniger Monate unsere beiden MĂ€nner ermordet.” Im Jahr 2000 waren die meisten der von ETA Ermordeten lĂ€ngst keine Offiziere des MilitĂ€rs oder der paramilitĂ€rischen Guardia Civil mehr wie vor 1987 – die meisten wurden ermordet, weil sie Funktionen in spanischen Parteien innehatten, welche eine UnabhĂ€ngigkeit des Baskenlandes, eine Trennung von Spanien ablehnten. Oder sich als Journalisten entsprechend Ă€ußerten. Oder sich als Firmeninhaber weigerten, die von ETA Revolutionssteuer genannten Abgaben an ETA zu zahlen. In einer sehr symbolischen Szene fĂ€hrt Ibon, als er auf Freigang ist, die Orte seiner Attentate im Auto ab. Kurz sind einzelne PistolenschĂŒsse oder MG-Salven zu hören, wenn er dort ankommt: Bei der Redaktion des Diario Vasco, beim Firmensitz der Familie Korta. Es ist eine der Szenen, die ohne Kenntnis der Geschichte von ETA unverstĂ€ndlich sind, aber in spanischen Kinos bei vielen Zuschauenden die Erinnerung geweckt haben. Maixabel ist kein leichter Film, oft wurde geweint. Aber es ist gut, der starken Frau Maixabel zuzusehen, wie sie mit ihrer Trauer einen offensiven Umgang findet. So wie die reale Maixabel Lasa, die mit ihrem Einsatz fĂŒr alle Opfer eine Menschlichkeit und Bereitschaft zur Aussöhnung zeigt, die bewundernswert ist.

Auch wenn der Film fast zwei Stunden lang ist – er ist nie langweilig und immer wieder ergreifend, die Melodramatik entsteht durch das Thema selbst und wirkt nicht ĂŒbertrieben. Dazu tragen wesentlich die ĂŒberzeugend gespielten Rollen bei – insbesondere Blanca Portillo als Maixabel. Auch die KamerafĂŒhrung ist ruhig auf die Gesichter konzentriert, und auf die Orte der Handlung, die sehr gut ĂŒberlegt ausgewĂ€hlt sind. Das Baskenland ist nicht nur schön auf den Bildern, wenn auch etwas zu oft um nicht Fernweh zu bekommen, alleine die Concha, die Strandbucht von Donosti gezeigt wird, aber es gibt auch die typischen Wohnblocks in den proletarischen Vierteln zu sehen, die tristen Autobahnen, den Betonklotz von einem GefĂ€ngnis. Und die Tonspur? Okay, an einigen Stellen ist die Musik etwas dramatisierend, zu viele Streicher, wobei die Geschichte auch so dramatisch ist und etwas mehr Stille vertragen könnte.

Aber da, wo der Film seine dichtesten Momente hat, da tragen ihn alleine die Dialoge. Oder, an zwei fĂŒr Inszenierungen von IcĂ­ar BollaĂ­n typischen Punkten, stellt gemeinsames Singen auf Baskisch Gemeinsamkeit her, ĂŒberwindet eine große Verunsicherung: Mit Texten des Protestes, des Durchhaltens im Widerstand. Überhaupt das Baskische: Zum GlĂŒck ist der Film in der untertitelten Originalversion im Kino. So ist zu hören, wann vertraut Baskisch gesprochen wird, etwa von der Tochter MarĂ­a mit ihren Freundinnen, wann Spanisch. Und wie Worte aus dem Baskischen in GesprĂ€che auf Spanisch eingeflochten werden: Nicht nur Kaixo, hallo, oder agur, tschĂŒss. Aita – Papa, ama – Mutter. Aitona – Opa. Die Familien sind nicht nur fĂŒr die Angehörigen der Opfer wichtig im Film. Egunon, guten morgen, begrĂŒĂŸt die Mediatorin Esther (Tamara Canosa) im GefĂ€ngnis eine Gruppe von Etarrak. Heute eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, aber unter Franco war bis 1975 der Gebrauch der baskischen Sprache verboten.

Deswegen kann Maixabel nur wenig Baskisch, wĂ€hrend ihre Tochter es fließend spricht.

Maixabel entschließt sich dazu, an einem Programm fĂŒr Opfer von ETA und ausgestiegene Etarrak teilzunehmen – Treffen fĂŒr GesprĂ€che von Opfern mit TĂ€ter*innen. Um zu versuchen Antworten zu finden auf die quĂ€lenden Fragen als Angehörige: Warum mein Mann? Warum dieser sinnlose Mord, der so viel Schmerz und Verlust bewirkt hat?

Im GefĂ€ngnis Nanclares De Oca im Baskenland sind tatsĂ€chlich die Gefangenen aus ETA zusammengelegt worden, die sich vom bewaffneten Kampf losgesagt haben. Und damit aus dem Gefangenenkollektiv von ETA ausgeschlossen wurden. Dieses frĂŒher sehr disziplinierte und disziplinierende, hierarchisch organisierte Gefangenenkollektiv erwartet, dass sich die Etarrak kollektiv den Angeboten der GefĂ€ngnisbĂŒrokratie verweigern – zum einen aus Schutz gegen die meist sehr harten Isolationsbedingungen in Haft; zum Anderen aber auch, um die GefĂ€ngnisse als Front im Krieg gegen Spanien (und Frankreich) zu begreifen. Der Druck, der dafĂŒr erzeugt wird, kommt in harten AusdrĂŒcken zum Ausdruck, mit denen sich die Ausgestiegenen von der „brutalen Sekte“, der „idiotischen FĂŒhrung“ lossagen. Klar wollen sie gerne Haftverbesserungen und distanzieren sich dafĂŒr – wer will ihnen daraus einen Vorwurf machen? Die „Gefangenenfront“ in Haft ist ein weiterer Ausdruck eines militarisierten Agierens seitens ETA.

Umso wichtiger, dass einzelne Gefangene die Chance bekommen, bei Interesse an den GesprĂ€chen mit Opfern teilzunehmen. Der dramaturgische Höhepunkt des Filmes ist das GesprĂ€ch zwischen Maixabel und Ibon. Beide wissen, wer sie sind – Maixabel die Witwe seines Opfers, Ibon einer der drei Mörder ihres Mannes. Als Ibon erzĂ€hlt, wie er zur ETA gekommen ist, hakt Maixabel ein: 1970, in den letzten Jahren der Francodiktatur, als im Burgosprozess Mitglieder von ETA zum Tode verurteilt wurde, da sei ihr Mann Juan MarĂ­a JĂĄuregui auch in ETA Mitglied gewesen, hĂ€tte sich dann aber mit dem klassenkĂ€mpferischen FlĂŒgel von ETA abgespalten*. Sie beide hĂ€tten sich dann aber 1973 der Kommunistischen Partei Spaniens angeschlossen. Und spĂ€ter, 1989, der sozialdemokratischen PSE. Ibon hört etwas unglĂ€ubig zu. Es wird deutlich – er wusste fast nichts ĂŒber sein Opfer. Die ETA-FĂŒhrung hatte die Ermordung von Juan MarĂ­a JĂĄuregui angeordnet, sein Kommando fĂŒhrte die Erschießung aus. Als Maixabel von Parteifreunden bedrĂ€ngt wird, nicht an dem GesprĂ€chsprogramm mit Etarrak teilzunehmen, antwortet sie mit ihrer so entwaffnend resoluten wie klaren Art: „Juan MarĂ­ hĂ€tte noch mit seinen Mördern gesprochen, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hĂ€tte“. So hĂ€tte es sein können. „Maixabel“ ist ein emotional wie politisch bewegender Film, darĂŒber, dass etwas jenseits der nationalen und militarisierten Polarisierung baskische ETA versus spanischen Staat möglich war. Und ist. Und es ist eine Hommage an eine bewundernswerte Frau, Maixabel Lasa.




Quelle: Graswurzel.net