April 4, 2021
Von Emrawi
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Ein Einspruch gegen einen „linken“ Lockdown und ein Versuch, dem Anspruch, „alles anders zu machen“ etwas gerechter zu werden. Unser erster Text “One Solution! ZeroCovid?“.

Von: AK unknow desires

Wir möchten bereits vorhandene, teils sehr simple Praktiken aufgreifen und Perspektiven aus jener Praxis fĂŒr eine linke Strategie gegen Lockdown und Pandemie entwickeln. Wir wollen aufzeigen, dass jenseits von Staat und Kapital, soziale FĂŒrsorge möglich ist, die sich auf das Prinzip der Selbstorganisation stĂŒtzt. Diese Selbstorganisation ist die Bedingung der Möglichkeit einer gesellschaftlichen Aushandlung tatsĂ€chlich solidarischer Pandemiemaßnahmen. Viele von uns wissen um die Gefahr der Pandemie und ĂŒberlegen, wie sie sich vor dieser schĂŒtzen können. Statt politische Programme zu unterzeichnen, denken wir an eine breite Debatte und vor allem Bewegung der solidarischen Lebens- und Beziehungsweisen und einen direkt von unten durchgesetzten Shutdown, ohne Forderungen und Bitten. Wir haben nichts gegen die Expertise von Ärtz:innen und Virolog:innen oder stellen deren Kompetenzen in Frage. Es geht jedoch nicht nur um eine Krise der Pandemie, sondern um krisenhafte VerhĂ€ltnisse. Es reicht deshalb nicht aus, Virolog:innen oder andere Wissenschaftler:innen zu befragen, sondern die VerhĂ€ltnisse im Ganzen kritisch in den Blick zu nehmen. Die gesellschaftlichen Bedingungen der Pandemie können wir nicht ausschließlich Expert:innen vermeintlich neutraler Wissenschaften ĂŒberlassen.

Das Scheitern der solidarischen Nachbarschaften im ersten Lockdown

Im ersten Lockdown gab es eine breite Bewegung an solidarischen Nachbarschaften. Eine Bewegung, die wir im Grunde bis heute gut finden, die wir damals mitgetragen haben, an der wir aber heute auch starke SchwĂ€chen feststellen. Neben den ĂŒblichen politischen Forderungen und Skandalisierungen betreffend Obdachloser, “hĂ€uslicher” Gewalt, aber auch ganz allgemein der Relevanz der sozialen Klassen wĂ€hrend der Pandemie, wurden erfreulicherweise sogar Experimente der direkten gegenseitigen Hilfe gewagt. Vor allem wurde großer Wert darauf gelegt, Einkaufs- und Besorgungshilfen zu organisieren und so Menschen zu ermöglichen, sich dem Infektionsrisiko des Einkaufens zu entziehen. Warum haben wir uns auf das Feld der Besorgungen spezialisiert? Vielleicht weil es naheliegend ist. Vielleicht weil zu Beginn der Pandemie so viel ĂŒber Risikogruppen geredet wurde.

Die Erfahrungen haben allerdings gezeigt, dass diese Form der Hilfe nicht besonders großen Anklang gefunden hat. Zum einen hat sich gezeigt, dass die Versorgung mit Lebensmitteln nicht zwingend einer solidarischen Vermittlung bedarf (zumindest nicht in den Gegenden, in denen wir Hilfe organisiert haben), da sich Freund:innen und Nachbar:innen schneller und einfacher gegenseitig geholfen haben. Daraus folgt, dass wir zum zweiten denken, dass die solidarischen Nachbarschaftshilfen ein Angebot gemacht haben, dass auf kein allgemeines BedĂŒrfnis geantwortet hat: trotz allem neoliberalen Umbau des Sozialstaates und aller finanziellen Belastung der Einzelnen durch die Pandemie ist die Drohung des Hungerns fĂŒr viele im ersten Lockdown nur abstrakt gewesen. FĂŒr diejenigen, die wirklich unter Hunger oder Geldmangel leiden, konnten keine nennenswerten solidarischen Hilfsangebote geschaffen werden. Hier waren mehr die Tafeln aktiv als nachbarschaftliche Netzwerke. Im besten Fall waren es solidarische Netzwerke, die Tafeln mit GĂŒtern und helfenden HĂ€nden unterstĂŒtzt haben, eine organisierte nachbarschaftliche Versorgung mit GrundgĂŒtern wurde nirgends eingerichtet. Dies alles hat unserer Auffassung nach dazu beigetragen, dass sich die Nachbarschaftshilfen so schnell aufgelöst haben wie sie entstanden sind. Auch die zum Teil bestehende bundesweite Vernetzung der Aktivist:innen, ging nach dem Ende des ersten Lockdowns ein. Des Weiteren denken wir ganz banal gesagt, dass die Struktur vieler dieser Nachbarschaftshilfen zu unpolitisch war und sie sich oft als schlichte Dienstleistung verstanden haben. Daher gelang es kaum aus den Netzwerken eine dauerhafte stabile politische Vernetzung gegenseitiger Hilfe entstehen zu lassen oder Ideen der Selbstorganisierung in den Nachbarschaften zu verankern.

Schlussfolgerungen aus dem Scheitern

Aus den Erfahrungen folgt unserer Meinung nach nicht, dass gegenseitige nachbarschaftliche Hilfe als Organisationsform grundsĂ€tzlich zu verwerfen ist. Aus der Erfahrung schließen wir aber, dass die Form der Hilfeleistung nicht aus unserer Phantasie ĂŒber die BedĂŒrfnisse der BedĂŒrftigen entspringen darf, sondern unbedingt von diesen und das sollte auch bedeuten: uns selbst gewĂ€hlt werden mĂŒssen. Bei unseren BemĂŒhungen mĂŒssen wir von uns ausgehen. Wir mĂŒssen uns fragen, was unsere BedĂŒrfnisse sind und wie wir auch diese in Selbstorganisierung befriedigen können. Selbstorganisierung heißt eben nicht bloß Organisations- und Hilfsangebote fĂŒr andere zu schaffen. Gleichzeitig dĂŒrfen wir bei unseren Überlegungen nicht bei uns stehen bleiben, da wir (wie ein Großteil der “Linken”) selbst einen komfortablen persönlichen Hintergrund haben, der uns etwa keiner Abschiebung oder Massenunterkunft aussetzt; unsere finanziellen Probleme meistens nicht unsere Existenz gefĂ€hrden und wir ein mehr oder weniger festes soziales Netz um uns herum haben. Wir glauben, dass erst organisierte SolidaritĂ€tsnetzwerke die Möglichkeit haben, tatsĂ€chlich fĂŒr jene, die in der gegenwĂ€rtigen Pandemie mit deutlich mehr Problemen zu kĂ€mpfen haben, konkrete UnterstĂŒtzung und gegenseitige Hilfe zu organisieren. Ein einfaches Beispiel: wenn wir alle, deren soziale Sicherung trotz Pandemie weitestgehend stabil ist, halb-depressiv und ohnmĂ€chtig vor Netflix oder der Bundesliga versauern, werden wir die Energie nicht aufbringen, einen Mietenstreik zu organisieren oder eine stille Besetzung zu supporten. Die Frage darf nicht sein: Willst du, dass wir dieses oder jenes helfen? Sondern: Wie und bei was können wir uns gegenseitig helfen?

Hierzu braucht es eine offene Struktur der selbstorganisierten Hilfe, eine wirkliche Community oder Nachbarschaft, in der die Kommunikationswege fĂŒr Hilfegesuche immer schon offenstehen und deren BedĂŒrfnisse dadurch erkennbar werden, dass sie von den Leuten selbst artikuliert werden. Wir denken, es wĂ€re notwendig mit Angeboten zu experimentieren, um zu erfahren was angenommen wird und was nicht. Mit Aktionsformen experimentieren bedeutet aus FehlschlĂ€gen und Erfolgen beiderseits zu lernen, aber immer wieder neue kreative AnlĂ€ufe zu nehmen.

Es gilt weiterhin, dass der Pandemie nicht mit individuellem Handeln begegnet werden kann. Es ist nicht einfach eine individuelle Verantwortung, sich individuell zu schĂŒtzen und individuelle Probleme zu lösen, sondern die Probleme, BedĂŒrfnisse und Strategien kollektiv zu bestimmen. Ohne die Möglichkeit der persönlichen Anwesenheit muss diese solidarische Nachbarschaft soweit es geht digital und telefonisch organisiert werden. Wie digitale Plattformen im Sinne solidarischer Nachbarschaften und gegenseitiger Hilfe eingesetzt werden können, lĂ€sst sich nicht verallgemeinernd beantworten. Breitere Debatten ĂŒber grundlegende strategische AnsĂ€tze lassen sich ĂŒber die bekannten KanĂ€le abwickeln. Auch Plena werden auf Plattformen wie Jitsi oder Mumble weiterhin durchgefĂŒhrt. Stadtteilchats gab es hĂ€ufig bereits vor dem ersten Lockdown und spĂ€testens seit dann sind diese grundsĂ€tzlich angelegt. Wichtig ist, dass wir im digitalen Raum Aktionen fĂŒr den realen Raum planen und uns nicht in Scheinproblemen verlieren. Denn auch das wird schnell klar, wenn es um wirkliche Hilfe geht: Soziale Krisen lassen sich nur durch wirkliche soziale (und nicht digitale) Beziehungen ĂŒberwinden. Der Zettel im Hausflur und das persönliche GesprĂ€ch mögen wesentlich mehr Überwindung kosten, können dafĂŒr jedoch zu Beziehungen heranwachsen, die uns zu Mietenstreiks, gemeinschaftlicher Versorgung und solidarischen Konzepten des Gesundheitsschutzes ermĂ€chtigen können.

Ideen um solidarische Nachbarschaften und Kommunen

Kein Mensch soll auf der Straße leben mĂŒssen


1. Mietenstreik schĂŒtzt kollektiv vor ZwangsrĂ€umungen und spĂŒlt eine Menge Geld Monat fĂŒr Monat in unsere eigenen Taschen. Konkret zu organisieren sehen wir: Streikkomitees, Repressionskassen, Strategien der direkten Vergesellschaftung durch langfristige Streiks oder die Information der eigenen Nachbarschaften und das in Erfahrung bringen von Beteiligungsbereitschaft.

2. Besetzungen schaffen unmittelbar genutzten Wohnraum. Es gibt ĂŒberhaupt viele GrĂŒnde fĂŒr Besetzungen. Deswegen könnte eine neue Bewegung der Besetzungen in vielerlei Hinsicht KĂ€mpfe vereinen und Raum fĂŒr solidarische Distanzierung schaffen. Und damit die Polizei die Besetzung nicht sofort entdecken und rĂ€umen, kann man die GebĂ€ude auch still besetzen.

3. Eine breite “Stadt FĂŒr Alle”-Bewegung schafft RĂŒckhalt fĂŒr Mietenstreiks und Besetzungen. Kieztreffen und die Vernetzung von Nachbar:innen lassen sich auch online veranstalten und organisieren.

4. Eine breite Bewegung kann außerdem die gesellschaftliche Frage nach der solidarischen Verwaltung von Wohnraum stellen und Konzepte zur flĂ€chendeckenden Enteignung von kommerziell genutztem Wohnraum entwickeln. Mieten durch Streiks und Besetzungen abschaffen!


 und niemand eingesperrt sein.

1. Über GefĂ€ngnisse sprechen wird gerne vermieden. Unter der Pandemie leiden die Insass:innen verstĂ€rkt. Es muss Aufgabe einer abolitionistischen Bewegung sein, herrschaftsfreie Konzepte von Sicherheit und Ordnung als wirkliche Alternativen gegen KnĂ€ste zu etablieren. Bis dahin können wir Unterschlupf gewĂ€hren und gemeinsam dafĂŒr sorgen, dass möglichst niemand seine Haft antreten muss.

2. Das Zuhause mag fĂŒr manche Ort der Sehnsucht sein, fĂŒr andere ist es ein Alptraum. Besetzungen durch FLINT*-Kollektive oder Migrant:innen können SchutzrĂ€ume öffnen, die auch schon vor der Pandemie gefehlt haben. Autonome RĂ€ume zu öffnen und fĂŒr schutzbedĂŒrftige Menschen bereit zu halten, wĂ€re eine zusĂ€tzliche Option.

3. In leerstehenden Lokalen und LĂ€den ließen sich leicht Ă€rztliche Stationen fĂŒr Tests, Essensverteilung, SuppenkĂŒchen usw. einrichten. Dezentralisierung und VerkĂŒrzung notwendiger Wege ist nicht nur notwendige Maßnahme gegen eine Pandemie, sondern auch ein Anliegen sozialer StĂ€dte und nachhaltiger Produktionsweisen.

Kein Mensch soll Mangel leiden

1. In vielen StĂ€dten gab oder gibt es bereits Foodsharing oder GabenzĂ€une. Kommune-Hallen und BasislĂ€den könnten einen Grundbedarf an Lebensmitteln öffentlich zugĂ€nglich machen. Gedeckt durch Spenden aus der solidarischen Stadtbevölkerung. Alles fĂŒr Alle. Und zwar umsonst.

2. Viele kleine SuppenkĂŒchen oder SoKĂŒs können auch trotz einer Pandemie frei zugĂ€ngliche Mahlzeiten anbieten.

3. Ladendiebstahl ermöglicht kostenfreien Genuß vorzĂŒglichster Lebensmittel. PlĂŒnderungen helfen, wenn es wirklich mal an allem fehlt.

4. Sollte der Staat Geld, ausschĂŒtten, nehmen wir es. Aber selbst wenn, dann wird es nie an alle Menschen ausgezahlt werden. Daher verlassen wir uns nicht auf staatliches Geld und fordern auch keines.

5. Breitere Bewegungen könnten allgemein die Frage nach bedingungsloser und kostenloser Grundversorgung stellen, einer unmittelbaren Umwandlung mindestens der Bereiche Landwirtschaft und ErnĂ€hrung, Gesundheit und Therapie, Verkehr, Energie und Kommunikation in kostenlose und frei zugĂ€ngliche Bedarfswirtschaften. Dies ist sicherlich im Interesse vieler unserer Bewegungen. Armut, öffentlicher Verkehr, allgemein der ökologische notwendige Abbau gewisser Industriezweige, alles verweist auf öffentlich zugĂ€ngliche GĂŒter und grundsĂ€tzlich garantiertem Zugang zum gesellschaftlichem Leben. Wichtig ist dabei nicht die Verstaatlichung, welche dem Eigentum nur neue EigentĂŒmer gibt, sondern die Aufhebung der Eigentumsform und die EinfĂŒhrung kollektiver, kooperativer und solidarischer Reproduktionsformen.

Shutdown fĂŒr die Industrie

1. SĂ€mtliche unwichtige Industrie von außen zu blockieren und wichtige Produktionsketten zu stören, macht es den Arbeiter:innen leichter von innen ihre Arbeit niederzulegen und zu Hause zu bleiben.

2. Die Frage der Systemrelevanz ist manchmal recht leicht zu beantworten: Kein Schwein braucht Tönnies, das ist offensichtlich. Lufthansa auch niemand. Die Autoindustrie auch nicht. Eine Menge dicht gedrĂ€ngter Menschen schon allein in diesen drei Industrien. Und es gibt noch viel mehr. Es gibt genug Grund diese Industriezweige auch fĂŒr nach der Pandemie unschĂ€dlich zu machen. Nicht nur (aber auch) AbschiebeknĂ€ste können brennen.

3. HĂ€ufig ist es aber etwas komplexer und wir mĂŒssen an Debatten anschließen, die sich die Frage stellen, wie wir revolutionĂ€r wirtschaften können. Es gibt hier einen Haufen AnsĂ€tze unter verschiedensten Namen, die von verschiedensten Gruppen und Strömungen in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten entwickelt und vertreten wurden. Alle verweisen in ihrer Art auf eine andere Form der Produktion, Konsumption, Reproduktion, Verteilung, Planung, Entscheidungsfindung, usw. Hier die kollektive KreativitĂ€t walten zu lassen und gemeinsame Strategien der direkten Umsetzung zu entwerfen ist auch Teil unserer Strategie. Eine revolutionĂ€re Strategie, die wir selbst durch uns hindurch entwickeln und eine gemeinsame Utopie einer lebenswerten Gesellschaft hervorbringt, fĂŒr welche es sich lohnt zu kĂ€mpfen.

4. Neben Blockadeaktionen vor Amazon, BMW, Baustellen, usw. lĂ€sst sich auch Arbeiter:innenautonomie in Betrieben aufbauen, bzw. die Idee einer Arbeiter:innen-Selbstverwaltung ĂŒberhaupt wieder stĂ€rken. Auch Basisgewerkschaften können KĂ€mpfe in den Betrieben organisieren.

5. FĂŒr eine breite Beteiligung von vielen Arbeiter:innen wird eine konsistente und von ihnen selbst gestaltete Vision von selbstorganisierten und revolutionĂ€ren Arbeits- und Wirtschaftsweise nötig sein. Hier entsprechende Aushandlungsprozesse aktiv auch innerhalb von ZusammenhĂ€ngen von Arbeiter:innen zu diskutieren wird entscheidend sein.

PrekÀr BeschÀftigte vereinigt euch

1. Zugang zu kostenlosen LĂ€den wĂŒrde vielen momentan zwangsweise Arbeitslosen helfen.

2. Viel wichtiger ist es jedoch auch von dieser Seite aus darauf zu drĂ€ngen, eine bedingungslose Grundversorgung zu garantieren, die nicht bloß vom guten Willen der Nachbar:innen abhĂ€ngig ist. In dieser Hinsicht brauchen wir eine Perspektive, die Friseure, Gastronomie, Kunst und Kultur, UnterkĂŒnfte, usw. als soziale Dienstleister:innen in unsere Kommunen zu integrieren. Umfassenden Strategien fĂŒr revolutionĂ€re Gemeinwesen, in denen wer nicht arbeiten kann, dennoch ohne weiteres mit allem Nötigen versorgt werden kann. StĂ€dte und Gesellschaften, in welchen wir gemeinschaftlich darĂŒber diskutieren können, wie wir unsere re/produktive Arbeitszeit verteilen und wer welche notwendigen Arbeiten ĂŒbernimmt, ohne dabei immer dem Zwang des Broterwerbs unterliegen zu mĂŒssen.

3. FĂŒr den Einzelhandel kann der Mietenstreik sicherlich eine Erleichterung bringen. Dasselbe gilt fĂŒr die vielen Klubs und Bars.

Keine Macht dem Staat

Ob wir wollen oder nicht, werden wir effektiven Schutz vor Pandemie, Armut und Gewalt nur gegen staatliche Maßnahmen durchsetzen können. Auch unsere Anliegen vor der Pandemie waren nicht mit den Interessen und Prinzipien des Staates vereinbar. Vieles weist auf neue Entscheidungsprinzipien und Umsetzungsstrategien.

1. Sinnlose Maßnahmen wie Ausgangssperren dienen nicht der BekĂ€mpfung der Pandemie, sondern nur der staatlichen Kontrolle unserer Viertel. Hindern wir die Polizei daran rassistische Kontrollen durchzufĂŒhren oder Obdachlose zu vertreiben!

2. Nachbarschaftliche Netzwerke können die Grundlage fĂŒr eine solidarische Gestaltung der Viertel sein und sich immer mehr der Verwaltung durch staatliche Institutionen widersetzen.

3. Arbeiter:innen-RĂ€te und basisgewerkschaftliche Netzwerke können notwendige Maßnahmen in ihren eigenen Betrieben gestalten.

4. Trotz Corona töten die europĂ€ischen Grenzen weiterhin. Vergessen wir die Menschen in den Lagern nicht, versuchen wir ihnen zu helfen wo es geht. SchĂŒtzen wir die Menschen hier vor Abschiebungen, indem wir ihnen z.B. das Untertauchen ermöglichen. Ein sicherer Hafen zeichnet sich auch dadurch aus, dass niemand ihn ungewollt verlassen muss.

Keine Macht dem Markt

1. Solidarische Landwirtschaften und Verteilungsnetze können den logistischen Aufwand fĂŒr die Versorgung von StĂ€dten reduzieren und damit nicht nötige Bewegungen einschrĂ€nken. Netzwerke aus StĂ€dter:innen und BĂ€uer:innen können die Grundlage fĂŒr eine kooperative, solidarische und nachhaltige Wirtschaft bilden.

2. Eine breite Bewegung gegen die kommerzielle Nutzung von Impfstoffen und fĂŒr offene Lizenzen wĂ€re vermutlich noch schlagkrĂ€ftiger, wenn es direkt darum ginge das Patentsystem insgesamt aufzulösen. Ein System, das zu nichts weiter nĂŒtzt als die kreative Verwendung von Wissen und Technologie zu unterbinden.

3. Da Staat und Markt offensichtlich dabei versagen, ĂŒberlebenswichtige Corona-SchutzausrĂŒstung wie FFP2-Masken oder Schnell-Tests zu verteilen, können diese sich auch auf anderem Weg angeeignet und verteilt werden.

4. Der Aufbau solidarischer Betriebe in der Hand von selbstorganisierten Nachbarschaften und Kommunen ist im Hinblick auf lebensnotwendige GĂŒter auch immer eine Option. Überlassen wir nicht dem Markt unsere Versorgung mit Lebensmitteln.

Keine Macht der Depression

1. Self-Care stellt gerade jetzt keine leicht zu bewĂ€ltigende Aufgabe. Kollektiv daran zu arbeiten, nicht zu vereinsamen ist auch die Grundlage dafĂŒr, dass wir selbst die Energie aufbringen können fĂŒr Andere aktiv zu werden.

2. Wir sehen eine potenziell widerstĂ€ndige Kraft darin, Depressionen nicht als individuelles Schicksal, sondern als Symptom der kapitalistischen VerhĂ€ltnisse, in denen jede Alternative unmöglich erscheint, zu begreifen. Indem wir in einen sozialen Austausch ĂŒber unsere Depressionen kommen, durchblicken wir den allgemeinen Charakter der Erkrankung und verstehen, dass es eine kollektive, wenn auch unterschiedliche Erfahrung ist. Es gilt, Netzwerke zu bilden, in denen man sich austauschen und gegenseitig auffangen kann. Aus dieser SolidaritĂ€t kann man sich nicht nur mit Depression und psychischem Leid auseinandersetzen, sondern dem entgegentreten.

Was noch fehlt

Wir haben zu einigen Aspekten nichts geschrieben und werden sogar an vieles nicht gedacht haben. Dieses Mosaik aus konkreten UmstĂ€nden und direkten Aktionen zu vervollstĂ€ndigen ist unsere gemeinsame Aufgabe. Wir denken, dass jetzt genau diese direkten Formen der SolidaritĂ€t und gegenseitigen Hilfe nötig sind. Wir sehen auch die Schwierigkeiten, die die Pandemie zusĂ€tzlich zu den repressiven HĂŒrden aufwirft. Hier wird es darum gehen mĂŒssen, Formen der Bewegung zu finden, die die soziale Isolation durchbrechen und gerade deshalb Maßnahmen durchsetzen können, die der Pandemie etwas entgegensetzen, KollektivitĂ€t herstellen und so eine ganz andere und wirklich solidarische Perspektive gegen Corona, Armut und Gewalt von unten durchsetzen. Wer dank eines Mietenstreiks keine Miete zahlen muss, kann vielleicht einfacher nicht mehr in der Arbeit erscheinen. Wer im Krankenhaus arbeitet wĂ€re sicher froh, wenn wir auf der Straße durchsetzen, dass Personal aufgestockt wird, Arbeitszeiten ertrĂ€glicher werden oder parallel die Arbeit zuhause kollektiv erleichtert wird. Diese Bewegung soll der Isolation auch ganz konkret durch kollektive UnterstĂŒtzung und gemeinsame Verantwortung entgegentreten. Gerade diese Formen der SolidaritĂ€t, durch die wir Gewinne fĂŒr uns und unsere solidarischen Viertel erkĂ€mpfen, können soziale Vereinsamung durchbrechen. Durch solidarische Bewegungen können wir fĂŒr Menschen dort einstehen, wo sie gerade selbst nicht fĂŒr sich einstehen können.

Entscheidend fĂŒr den Erfolg der von uns skizzierten solidarischen Netzwerke erscheint uns, dass diese Hilfen nicht nur caritativ wirken. Sie sollen nicht einfach Outsourcing des Staates bewirken, welcher die sozialen Konflikte nur oberflĂ€chlich befriedet, um sie nicht in KĂ€mpfe eskalieren zu lassen. Stattdessen wollen wir mit unseren Nachbarschaften Netzwerke schaffen, unsere Nachbarschaften und solidarischen StĂ€dte so organisieren, dass sie in der Lage sind gegen Staat und Kapital alles Notwendige durchzusetzen, um uns vor der Pandemie zu schĂŒtzen ohne zugleich im Polizeistaat leben zu mĂŒssen.

Die drohenden VerteilungskĂ€mpfe ĂŒber die Kosten des Staates durch die Pandemie haben bereits begonnen. Es deutet sich an, dass diese den neoliberalen Umbau der Stadt weiter vorantreiben sollen. Um in diesen sozialen VerteilungskĂ€mpfen eine Rolle zu spielen, ist es bereits jetzt nötig, sich auf diese vorzubereiten und widerstĂ€ndige Netzwerke zu bilden. Wir stellen uns hier breite BĂŒndnisse aus radikalen und sozialen Gruppen vor, die sich ĂŒber viele GesprĂ€che hinweg, von eigenen Freundeskreisen ĂŒber Hausgemeinschaften und Kiezversammlungen zu wirklichen Strukturen der Selbstverwaltung verbinden. Je tiefer wir uns in unseren Nachbarschaften verankern und je mehr die entwickelten Konzepte fĂŒr unsere StĂ€dte aus unseren StĂ€dten kommen, desto mehr können wir in Richtung revolutionĂ€rer Stadtverwaltungen hinwirken: Versammlungen und Gremien, die den BedĂŒrfnissen der Bewohner:innen entspringen und von diesen umgesetzt werden und die eine kollektive Absprache und Entscheidungsfindung ermöglichen, um KrĂ€fte zu bĂŒndeln und herzustellen.

All unsere Ideen sollen dabei immer schon weitergehende Schritte in Richtung einer wirklich befreiten Gesellschaft antizipieren. Denn wir wollen keinen befreiten Zustand an die Wand pinseln, sondern eine wirkliche Bewegung der Befreiung erschaffen. Dabei werden wir immer in der Spannung zwischen aktuellen KrĂ€fteverhĂ€ltnissen und AnsĂ€tzen revolutionĂ€rer SolidaritĂ€t verbleiben mĂŒssen und mehr von uns selbst fordern, als wir vielleicht aktuell umsetzen können. Immer darauf hoffend, dass schon morgen die KrĂ€fte auf unserer Seite grĂ¶ĂŸer sind und die gestern fernen Ziele heute nah. Lasst uns der Politik den RĂŒcken zukehren und damit beginnen in den unkontrollierbaren Zwischenbereichen unserer Beziehungen, freie Netzwerke zu knĂŒpfen. Erst wenn wir aufhören zu hoffen, dass der Staat uns retten wird, können wir anfangen, uns selbst zu retten.

FĂŒr einen FrĂŒhling der Revolte! FĂŒr ein revolutionĂ€res 2021!




Quelle: Emrawi.org