Dezember 3, 2021
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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In den Filialen der »Effekt«-Gesellschaft, einem Leipziger Franchise des Pizzalieferkonzerns Dominos, geht es im Moment um nichts weniger als um die Frage nach der Freiheit, sich gewerkschaftlich zusammenschließen zu können.

Die VorwĂŒrfe, die die anarchistische Gewerkschaft Freie Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) gegen »Effekt« erhebt, wiegen schwer. Die Gewerkschafterinnen, die sich in einer Betriebsgruppe zusammengeschlossen haben, sprechen von Schikanen im Job-Alltag. Diese wĂŒrden gezielt sie treffen, weil sie sich fĂŒr die Einhaltung rechtlicher Standards einsetzten.

Von der Verletzung gesetzlicher Ruhezeiten und von Strafversetzung in andere Filialen ist die Rede, von Mobbing durch Storemanager und GeschĂ€ftsfĂŒhrung und willkĂŒrlichen Abmahnungen. Auch Fotos von Kundgebungen und Demonstrationen der FAU wĂŒrden gesichtet werden, die Gewerkschafterinnen auf ihre mutmaßliche Teilnahme angesprochen. So sei Mascha gekĂŒndigt worden, nachdem sie auf die Teilnahme an einer Demonstration fĂŒr bessere Arbeitsbedingungen im August angesprochen worden war. Sie möchte nicht mit richtigem Namen genannt werden. Das KĂŒndigungsschreiben, das auf einen Tag nach der Demonstration datiert ist, liegt kreuzer vor.

Doch der FAU geht es laut eigenem Bekunden nicht nur um ihre Mitglieder. Sie prangern seit einem halben Jahr die Arbeitsbedingungen in dem Unternehmen an. So wĂŒrde »Effekt« etwa einen Teil des Trinkgeldes pauschal einbehalten, kritisieren sie. Damit wĂŒrde das Unternehmen sogar den gesetzlichen Mindestlohn unterlaufen.

»Effekt« weist die VorwĂŒrfe der Gewerkschaft zurĂŒck: »Es wird kein Geld einbehalten«, Ă€ußert sich die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin Josephine Willing im GesprĂ€ch mit kreuzer. »Es kann sein, dass einzelne Storemanager eine Weihnachtskasse aufstellen«, sagt sie. Aber das wĂ€re auf freiwilliger Basis. Dahinter stecke kein System. »Und, wir machen keine Schikane«, unterstreicht sie. Dass aber Fotos von Mitarbeiterinnen, die an Demonstrationen teilgenommen hatten, gesichtet wurden, bestĂ€tigt Willing am Telefon: »Ich habe Fotos im Internet gesehen. Bei einer Demo war ich direkt vor Ort und natĂŒrlich habe ich dort Mitarbeiter erkannt«, sagt sie. Entlassen habe sie aber niemanden, sie könne sich den Fall auch nicht erklĂ€ren.

Bedingte GesprÀchsbereitschaft

Trotz der scharfen Kritik sei man zu GesprĂ€chen mit der anarchistischen Gewerkschaft bereit, sagt Willing. Auch Kathrin Rezac erklĂ€rt fĂŒr den Hamburger Dachkonzern Dominos Pizza: Das Unternehmen sei gesprĂ€chsbereit, »sofern die FAU sich klar von sĂ€mtlichen Aktionen distanziert, die der gewaltsamen Durchsetzung von ihren Forderungen dienen, bestehende Gesetze verletzen oder Mitarbeiter und deren Gesundheit gefĂ€hrden«.

Konkret geht es um SachbeschÀdigungen an einem Store im Leipziger Westen. Dort waren im Juni und August Scheiben beschÀdigt worden. Die Polizei ermittelt in beiden FÀllen. Der Pressesprecher der Betriebsgruppe, Aaron, der nur mit Vornamen genannt werden möchte, dementiert, dass die Gewerkschaft etwas damit zu tun hÀtte: »Es ist nicht in unserem Interesse, dass unser Arbeitsplatz Schaden nimmt. Wir wollen ja gerade bessere Bedingungen und dass unsere Rechte respektiert werden«, entgegnet er.

Das sieht Willing anders: Die Art und Weise, wie die FAU arbeitet, zerstöre das Betriebsklima, findet sie. Bei ihr wĂŒrden sich Mitarbeiterinnen melden, die sich vom Vorgehen der Gewerkschaft eingeschĂŒchtert fĂŒhlten. Was genau vorgefallen sei, will sie nicht sagen. Das sei nicht ihre Art, mit Konflikten umzugehen, erklĂ€rt Willing am Telefon.

Das stellt sich fĂŒr Aaron ganz anders dar: »Mir ist kein Store bekannt, wo sich Leute durch uns eingeschĂŒchtert fĂŒhlen.« Ihm zufolge sei es umgekehrt: »Die Art, wie die GeschĂ€ftsfĂŒhrung mit dem Konflikt umgeht, sorgt dafĂŒr, dass die Betriebsgruppe zunehmend UnterstĂŒtzung im Betrieb erhĂ€lt«, erklĂ€rt er. »Dass sich aber die Storemanager eingeschĂŒchtert fĂŒhlen, kann ich mir vorstellen, weil sie verantwortlich sind.«

Gewerkschaftsarbeit strukturell erschwert

Zumindest hier scheinen sich Willing und Aaron einig zu sein. Die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin betont, dass sie die konkreten AblĂ€ufe in den Stores nicht steuere. Etwa auf die Verteilung des Trinkgeldes nehme die GeschĂ€ftsfĂŒhrung keinen Einfluss. »Wie das im einzelnen Store umgesetzt wird, wissen wir nicht«, erklĂ€rt sie. Es könne schon sein, dass da Sachen nicht rund laufen, sagt Willing. »Wir haben viele neue FĂŒhrungsoffiziere«, wie sie die Storemanager nennt. Eine Bezeichnung, die auf die straffen Hierarchien im MilitĂ€r- und Geheimdienstwesen verweist.

Diese Art und Weise, Betrieb zu fĂŒhren, ist tief in die Franchise-Struktur von Dominos eingeschrieben. Sie genießt erhebliche Vorteile gegenĂŒber Großkonzernen, die sich oft im Mikromanagement zu verlieren drohen. »Die Franchise-Partnerinnen kĂŒmmern sich eigenverantwortlich um die Ausgestaltung ihrer BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisse«, heißt es aus der Hamburger Firmenzentrale. Zugleich betont Willing: »Wir sind sehr an die Zentrale in Hamburg gehalten.« FĂŒr Arbeiterinnen bleibt so oft unklar, wer fĂŒr die Arbeitsbedingungen letztlich verantwortlich ist. Im Zweifel wird auf die Storemanager verwiesen.

So wird gewerkschaftliche Arbeit strukturell erschwert. Neben starken Fluktuationen in der Belegschaft sind dies entscheidende GrĂŒnde dafĂŒr, warum etablierte GewerkschaftsverbĂ€nde wie die DGB-Mitgliedsgewerkschaft Nahrung-Genuss-GaststĂ€tten (NGG) in diesem Feld kaum vertreten sind. Sie hĂ€lt aber eine gemeinsame Organisierung in der Branche fĂŒr absolut notwendig.

Informelle UnterstĂŒtzung der Gewerkschaft

Auf Anfrage teilt NGG mit, dass es zwar keinen direkten Austausch mit der FAU gebe. »Aber es gibt Kontakt zwischen Einzelpersonen. Einzelne in der NGG organisierte Kollegen von Lieferando haben an Demonstrationen der Betriebsgruppe teilgenommen«, schreibt Anja KrĂ€upl fĂŒr die Gewerkschaft. Mit Blick auf das Vorgehen von »Effekt« unterstreicht sie: »Wir verurteilen jegliche Form von Union Busting.«

Der Sprecher der Leipziger Betriebsgruppe Aaron bestĂ€tigt zwar einen informellen Austausch zwischen einzelnen FAU-Mitgliedern und NGG-Kolleginnen. Aktiv sei die DGB-Gewerkschaft aber nicht geworden. Das Unternehmen muss also die anarchistische Gewerkschaft als einzige Verhandlungspartnerin anerkennen: »Wenn wir sie nicht anerkennen wĂŒrden, hĂ€tten wir uns nicht mit ihnen getroffen«, erklĂ€rt Willing.

Einer BetriebsratsgrĂŒndung wĂŒrde das Unternehmen nicht im Wege stehen, sagt sie. Das könne sie rechtlich auch gar nicht. Es wĂ€re ihr sogar »lieber, es gebe einen Betriebsrat, als das, was gerade ist«. Mit der Frage hĂ€tte sich die GeschĂ€ftsfĂŒhrung aber nicht aktiv auseinandergesetzt. Gerade stĂŒnden andere Dinge an. Die Befriedung des aktuellen Arbeitskampfes etwa.

Mit welchen Mitteln das Unternehmen das machen wird, will die GeschĂ€ftsfĂŒhrerin von »Effekt« noch nicht sagen. Der Store, in dem der Konflikt begonnen hatte, wurde mittlerweile geschlossen. Das hat laut GeschĂ€ftsfĂŒhrung nicht direkt etwas mit der FAU zu tun. Aber die Stimmung in dem Store sei zu schlecht geworden. »Das Wichtigste ist, dass die Leute Spaß haben«, unterstreicht Willing. Und vielleicht ist auch nicht unwichtig, dass das Unternehmen Profite macht. Das wird durch die gewerkschaftliche Arbeit der FAU wohl erschwert.

FELIX SASSMANNSHAUSEN




Quelle: Fau.org