Dezember 12, 2021
Von Indymedia
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Antimilitaristische Plakate

“Kriegsverrat ist Friedenstat. Wir feiern Ludwig Baumanns 100. Geburtstag. Im Gedenken an ihn und an alle Deserteur*innen”. Plakate mit dieser Aufschrift hĂ€ngen dieses Wochenende in den Werbevitrinen Berlins. Antimilitarist*innen der Aktionsgruppe Friedenstat hĂ€ngten in ihnen insgesamt 60 StĂŒck ohne Erlaubnis auf. Ludwig Baumann war Wehrmachtsdeserteur und hĂ€tte am 13. Dezember 2021 seinen hundertsten Geburtstag gefeiert.

Neugierige Passant*innen

Beim AufhĂ€ngen der Plakate bekamen die Aktivist*innen einige positive RĂŒckmeldungen von Passant*innen. “Coole Aktion”, fand ein Mann mittleren Alters. Eine Gruppe von drei jungen Leuten lĂ€chelte den Plakatierer*innen anerkennend zu und machte ein Foto vom Plakat. Ein anderer fragte: “Seid ihr Rocco und seine BrĂŒder?” Auch der Polizei fielen die Poster auf: Auf dem Heimweg bemerkten zwei Aktivist*innen einen Polizisten, der mit ĂŒberfordertem Blick vor einem der Plakate stand und telefonierte.

Wer war Ludwig Baumann?

Ludwig Baumann desertierte gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg am 3. Juni 1942 bei Bordeaux in Frankreich. Leider wurden beide am folgenden Tag von deutschen Grenzposten gestellt. Am 30. Juni wurde Baumann wegen “Fahnenflucht im Felde” zum Tode verurteilt. Erst Monate spĂ€ter erfuhr er, dass seine Todesstrafe in eine 12-jĂ€hrige Zuchthausstrafe umgewandelt worden war. Nach Gefangenschaft im Konzentrationslager Esterwegen und im WehrmachtsgefĂ€ngnis Torgau, wurde er in das BewĂ€hrungsbataillon 500 versetzt und an die Ostfront gezwungen. Im BewĂ€hrungsbataillon 500 wurden militĂ€rgerichtlich Verurteilte dazu gezwungen, in besonders gefĂ€hrlichen EinsĂ€tzen ihre militĂ€rische “Tapferkeit” zu Beweis zu stellen. Wer sich weigerte oder schlicht “versagte”, wurde als “unverbesserliches Element” zurĂŒck ins Konzentrationslager geschickt.

Von Deutschen verachtet

Aus der Kriegsgefangenschaft in Russland kehrte Ludwig Baumann nach Deutschland zurĂŒck. Dort mussten Deserteure wie er allerhand Anfeindungen und Beschimpfungen durch die vom Kriegsverlust niedergeschlagene deutsche Nazibevölkerung erleben. Leute wie Baumman galten als “VolksschĂ€dlinge” oder “VerrĂ€ter”. Sein Erbe vertrank er in kurzer Zeit. Als seine Frau bei der Geburt seines sechsten Kindes starb, hörte er mit dem Trinken auf und zog seine Kinder groß.

Rehabilitierung von Wehrmachtsdeserteuren hat lange gedauert

Im Jahr 1990 gĂŒndete Baumann gemeinsam mit etwa 40 anderen Wehrmachtsdeserteuren, Wissenschaftler*innen und Historiker*innen die Bundesvereinigung Opfer der NS-MilitĂ€rjustiz. Das Ziel des Vereins war die Rehabilitierung aller Opfer der NS-MilitĂ€rjustiz, also Menschen, die im Nationalsozialismus beispielsweise als Deserteure, Wehrdienstverweigerer oder “KriegsverrĂ€ter” verurteilt wurden. “Was eigentlich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit sein sollte, war ein langer Kampf. Bis heute hĂ€lt sich beispielsweise in der Bundeswehr zĂ€h die Meinung, Deserteure seien Feiglinge und VerrĂ€ter”, so Katharina-Dorothea Vogelsang, Sprecher*in der Aktionsgruppe Friedenstat, die die Plakate aufhĂ€ngte. Erst 1998 hob die Bundesregierung pauschal die Urteile der NS-MilitĂ€rgerichte wegen “Wehrkraftzersetzung” und Kriegsdienstverweigerung auf. Deserteure wurden hingegen erst 2002, gegen die Stimmen von Union und FDP, rehabilitiert.

“Kriegsverrat ist Friedenstat”

Die Urteile von sogenannten “KriegsverrĂ€tern” blieben jedoch bis in die spĂ€ten 2000er gĂŒltig. Der Begriff wurde von den Nazis in seiner Bedeutung so weit gefasst, dass sie mit ihm nahezu jedes unerwĂŒnschte Verhalten bestrafen konnten. Dennoch blieb eine Rehabilitierung der als “KriegsverrĂ€ter” Verurteilten fĂŒr lange Zeit umstritten. Den Wahnsinn dessen brachte Ludwig Baumann im Mai 2007 auf den Punkt: “Was ist falsch am Verrat eines Vernichtungskrieges? Kriegsverrat ist eine Friedenstat!” 2009 beschloss die Bundesregierung, mehr als 64 Jahre nach Kriegsende, endlich die pauschale Rehabilitierung aller “KriegsverrĂ€ter”.

Keine Strafen fĂŒr Deserteur*innen

“Dass dank Ludwig Baumann und der Bundesvereinigung die Opfer der NS-MilitĂ€rjustiz rehabilitiert wurden, ist eigentlich nur das mindeste”, findet Katharina-Dorothea Vogelsang, “Fahnenflucht ist nach deutschem Recht immer noch strafbar. Auf der ganzen Welt mĂŒssen Leute mit einer Freiheitsstrafe oder sogar der Todesstrafe rechnen, wenn sie nicht auf Befehl töten wollen. Das mĂŒssen wir Ă€ndern. Wer sich gegen das Morden stellt, darf nicht bestraft werden.”

Ausstellung zu Ludwig Baumann in Potsdam

Wer mehr ĂŒber Ludwig Baumann lernen möchte, kann das in Potsdam bei der Ausstellung “Kriegsverrat ist Friedenstat”. Dort kann man sich vom 13.12.2021 bis zum 27.01.2022 in der Friedrich-Engels-Str. 22 ĂŒber sein Leben und Schaffen informieren. “Wir finden toll, dass auch andere Initiativen Ludwig zu seinem hundertsten Geburtstag gedenken”, sagt Katharina-Dorothea Vogelsang. In Hamburg findet am 12.12. eine Festveranstaltung in Gedenken an ihn statt.




Quelle: De.indymedia.org