MĂ€rz 22, 2021
Von SchwarzerPfeil
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Essay von der Mary Nardini Gang/A Gang of Criminal Queer. Dieser Texte stammt von Bash Back! — Bash Back! war eine queere anarchistische Tendenz, die im Mittleren Westen begann. Ihr Ziel war es, ein Netzwerk fĂŒr queere Anarchist:innen zu sein, um sich zu vernetzen und der erbĂ€rmlichen NormalitĂ€t von Kapital, Staat und HeterosexualitĂ€t entgegenzutreten.

Weil die Nacht den Liebenden gehört. Weil die Nacht uns gehört.
-Patti Smith

Über Abgestorbenheit

In dieser Kultur zu leben bedeutet, tot zu sein, nackt. Abgestorbenheit ist der Affekt und das Bestreben der dominanten sozialen Zugehörigkeit. Es ist die soziale Beziehung, in der das Leben auf Austausch und Kapital reduziert wird. Sie ist ĂŒberall: in denen, die durch die Straßen gehen, ohne jemals einem anderen Menschen zu begegnen, im Austausch von Dienstleistungen, in den GĂ€ngen eines Kaufhauses und in den KirchenbĂ€nken. Im Kapital, in der HeteronormativitĂ€t, im Gesetz, in der Moral – ĂŒberall ist es die Logik des Todes.

Die Undenkbarkeit unseres Begehrens wird immer wieder wiederholt. Macht und Kontrolle sind auf unsere Körper geschrieben. Was ist Leidenschaft? Begierde? Abenteuer? Spiel? Was, wenn nicht solche eingĂ€ngigen Slogans fĂŒr die Werbung. Unsere Liebe und unser Appetit und unsere Körper sind in diese Kultur eingeschrieben. Das Kapital ist auf unsere Körper geschrieben. Wir wagen nicht zu trĂ€umen. Wie könnten wir uns mehr wĂŒnschen als das?

Und die Agent:innen und BemĂŒhungen der Biomacht – die Stiefel der Queerbasher, die panoptischen, allgegenwĂ€rtigen Überwachungskameras mit den blinkenden blauen Lichtern, die Sirenen und Pistolen der Polizei, die Kampagnen fĂŒr die Homo-Ehe und den Wehrdienst, die anhaltenden Schmerzen der Monogamie und solche wohlgeformten Schaufensterpuppen, ad nauseum – stehen ĂŒberall als Kontrollpunkte errichtet, die die Unmöglichkeit von etwas anderem garantieren. Das nackte Leben ist nichts weiter als das nackte Überleben – abgedroschen, kalt, betĂ€ubend. Könnte es noch deutlicher sein? Der Hetero-Kapitalismus, diese Kultur, diese TotalitĂ€t: Sie ist darauf aus, uns zu zerstören.

Nehmen und Teilen: Über das Erhalten dessen, was uns gehört

Die Maschinerie der Kontrolle hat unsere bloße Existenz illegal gemacht. Wir haben die Kriminalisierung und Kreuzigung unserer Körper, unseres Sexes, unserer widerspenstigen Geschlechter ertragen. Razzien, Hexenjagden, Verbrennungen auf dem Scheiterhaufen. Wir haben den Raum der Abweichler:innen, der Huren, der Perversen und der Abscheulichkeiten besetzt. Diese Kultur hat uns kriminell gemacht, und natĂŒrlich haben wir im Gegenzug unser Leben dem Verbrechen gewidmet. Durch die Kriminalisierung unseres VergnĂŒgens haben wir das VergnĂŒgen im Verbrechen gefunden! Indem wir fĂŒr das, was wir sind, geĂ€chtet werden, haben wir entdeckt, dass wir in der Tat verdammt geĂ€chtet sind!

Viele machen Queers fĂŒr den Niedergang dieser Gesellschaft verantwortlich – wir sind stolz darauf. Einige glauben, dass wir vorhaben, diese Zivilisation und ihr moralisches GefĂŒge in StĂŒcke zu reißen – sie könnten nicht zutreffender sein. Wir werden oft als verdorben, dekadent und abscheulich beschrieben – aber oh, sie haben noch nichts gesehen.

Lasst uns deutlich sein: Wir sind kriminelle queere Anarchist:innen und diese Welt ist nicht genug und kann niemals genug fĂŒr uns sein. Wir wollen die bĂŒrgerliche Moral auslöschen und diese Welt in Schutt und Asche legen. Wir sind hier, um zu zerstören, was uns zerstört.

Wir wollen von Revolte sprechen. Wir verfolgen die Linie unserer queeren KriminalitĂ€t und zeichnen den Untergang der gesellschaftlichen Ordnung auf. Und oh der Nektar, aus dem wir trinken: lesbische Piratinnen, die auf den Meeren wĂŒten, queere Randalierende, die Polizeiautos in Brand setzen, Sexpartys inmitten des Verfalls des Industrialismus, BankrĂ€uber:innen, die rosa Dreiecke tragen, gegenseitige Hilfsnetzwerke unter Sexarbeiter:innen und Dieb:innen, Gangs von Trannyfags, die verdammt nochmal zurĂŒckschlagen. Man hat uns versichert, dass jeder Tag unser letzter sein könnte. Deshalb haben wir uns entschieden, so zu leben, als ob jeder Tag einer wĂ€re. Im Gegenzug versprechen wir, dass die Tage des Bestehenden gezĂ€hlt sind.

In unserer Revolte entwickeln wir eine Form des Spiels. Es sind unsere Experimente mit Autonomie, Macht und Kraft. Wir bezahlen nicht fĂŒr alles, was wir tragen, und wir bezahlen selten fĂŒr Essen. Wir klauen bei unseren Jobs und wenden Tricks an, um ĂŒber die Runden zu kommen. Wir ficken in der Öffentlichkeit und sind noch nie hĂ€rter gekommen. Wir tauschen Tipps und BetrĂŒgereien inmitten von Klatsch und Vorspiel aus. Wir haben Orte geplĂŒndert und genießen es, die Beute zu teilen.

Wir machen nachts Sachen kaputt, halten HĂ€ndchen und hĂŒpfen den ganzen Weg nach Hause. Wir bauen unsere informellen UnterstĂŒtzungsstrukturen immer weiter aus und werden uns immer den RĂŒcken freihalten. In unseren Orgien, Krawallen und RaubzĂŒgen artikulieren wir die KollektivitĂ€t dieser BrĂŒche und vertiefen sie.

Über kriminelle IntimitĂ€t, Weltgestaltung und das Was-auch-immer-Werden

Die Ekstase und ElektrizitĂ€t des Verbrechens ist unbestreitbar. Wir haben die sĂŒĂŸesten AdrenalinschĂŒbe gespĂŒrt, als wir von der Sicherheitskontrolle abgehauen sind und uns im Bus gegenseitig einen geblasen haben. Und nichts bietet das GefĂŒhl, lebendig zu sein, mehr als das Gewicht eines Hammers durch die Fassade des Kapitals. Verbrechen hilft mir jeden Morgen aus dem Bett zu kommen.

Wir Queers und andere AufstÀndische haben das entwickelt, was die Gutmenschen eine kriminelle IntimitÀt nennen könnten. Wir erforschen die materielle und affektive SolidaritÀt, die zwischen GeÀchteten und Rebell:innen gepflegt wird. In unserer Obstruktion des Gesetzes haben wir auf illegale Weise die Schönheit in uns selbst entdeckt. Indem wir unseren Partner:innen im Verbrechen unser Begehren offenbaren, lernen wir uns intimer kennen, als es die LegalitÀt jemals erlauben könnte. Im Begehren produzieren wir Konflikte. Und im Konflikt mit dem Kapital haben wir vielleicht einen Fluchtweg aus der Abstumpfung unseres Lebens gefunden. Der Diskurs unserer Gang ist der Konflikt.

Die wirkliche Macht, die in unseren Verbrechen zum Ausdruck kommt, liegt nicht in dem Schaden, den wir unseren Feinden zufĂŒgen, oder gar in den verschiedenen Verbesserungen unserer materiellen Bedingungen (obwohl wir an beidem Freude haben). Die Macht, die wir ausdrĂŒcken, liegt in den ErmĂ€chtigungen und Beziehungen, die wir schaffen. In unserem Sex und unserem Angriff – wenn wir unsere Masken herunterreißen und unseren Vorrat an Steinen teilen – erweitern wir die Möglichkeiten unserer AffinitĂ€t. In unserem Verbrechen erschaffen wir dynamische neue Beziehungen von kriminellen IntimitĂ€ten. In diesen Möglichkeiten lernen wir, wie wir gemeinsam diese Welt in Schutt und Asche legen können.

Wir mĂŒssen uns zu Körpern ohne Organe machen. In jede:m*r von uns ist ein virtueller Pool von allem enthalten, was wir werden können – unsere WĂŒnsche, Affekte, Macht, Handlungsweisen und unendlichen Möglichkeiten. Um diese Möglichkeiten zu verkörpern und zu aktivieren, mĂŒssen wir mit der Art und Weise experimentieren, wie unsere Körper in Verbindung mit anderen agieren. Wir begehen gemeinsam Verbrechen, damit wir unser kriminelles Werden enthĂŒllen können.

Wir bieten ‚kriminell‘ oder ‚queer‘ nicht als IdentitĂ€ten, noch als Kategorien an. KriminalitĂ€t. Queerness. Das sind Werkzeuge der Revolte gegen IdentitĂ€t und Kategorie. Das sind unsere Fluchtlinien aus allen BeschrĂ€nkungen. Wir sind im Konflikt mit allem, was jedes Begehren einschrĂ€nkt. Wir werden zu was auch immer. Unsere einzige Gemeinsamkeit ist unser Hass auf alles, was existiert. Gemeinsam ist, dass eine solche Revolte des Begehrens niemals in die Staatsform eingegliedert werden kann.

Rechte TV-Redner:innen beschwören das Bild eines „Kulturkriegs“, der zwischen der Zivilgesellschaft auf der einen Seite und den Queers auf der anderen Seite gefĂŒhrt wird. Wir lehnen dieses Modell des Krieges ab. Unser Krieg ist ein sozialer Krieg. Die Verflechtung von Herrschaft und Klassengesellschaft ist ĂŒberall. Doch ĂŒberall gibt es auch BrĂŒche und Konfliktpunkte. In diesen BrĂŒchen existieren wir in Rebellion – wir Queers, Kriminelle, was auch immer.

Unser Dirty Talk und unser nĂ€chtliches GeflĂŒster bilden eine Geheimsprache. Unsere Sprache der Dieb:innen und Liebhaber:innen ist dieser sozialen Ordnung fremd, trĂ€gt aber die sĂŒĂŸesten Töne in den Ohren der Rebell:innen. Diese Sprache offenbart unser Potenzial zur Weltgestaltung. Unser Konflikt ist der Raum fĂŒr die Entfaltung unseres möglichen anderen Selbst. Indem wir unser geheimes Universum des gemeinsamen Überflusses und der kollektiv-explosiven Möglichkeit organisieren, bauen wir eine neue Welt des Aufruhrs, der Orgie und der Dekadenz.

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Quelle: Schwarzerpfeil.de