Januar 14, 2022
Von Indymedia
191 ansichten


Der Text möchte mit einem soziologischen Begriff aufrĂ€umen, der es völlig zu Unrecht geschafft hat, sich in der Wissenschaft und in der linksradikalen Szene zu etablieren. Es erfolgte zwar schon viel akademische Kritik an den neuen poststrukturalistischen IdentitĂ€tspolitiken,3 aber eine wissenschaftliche Kritik an dem „Privilegienbegriff“ fehlt bisher, von einigen journalistischen und persönlichen Polemiken abgesehen.4 Das Ziel des Textes ist somit, eine unwissenschaftliche und vereinzelnde Praxis aufzugeben, um tatsĂ€chlich intersektional zu kĂ€mpfen. Der Text richtet sich daher nicht gegen eine konstruierte angebliche „IdentitĂ€tspolitik“ und deren zugeschriebenen Ideologie, also IntersektionalitĂ€t, Postkolonialismus, Queerfeminismus oder Forderungen nach ReprĂ€sentation, Anerkennung und Akzeptanz. Der Text soll vielmehr aufzeigen, warum die Privilegientheorie weder intersektional noch emanzipatorisch ist. Die Gliederung des Textes erfolgt nach einem wissenschaftlichen Aufbau, von der Definition bis hin zu den realen Auswirkungen des Konzepts und widerspricht damit nacheinander allen Argumenten, die fĂŒr den Privilegien-Begriff sprechen. In den ersten zwei Kapiteln wird die soziologische Neuformulierung/Definition des Begriffes zurĂŒckgewiesen. Im dritten Kapitel wird die Bedeutung des Begriffes als (moralische) Analysekategorie widerlegt. Im vierten Kapitel werden die fehlenden Emanzipationsmöglichkeiten des Begriffes diskutiert.

Standardisierung von (Minderheiten-)Benachteiligung als Maßeinheit

Was ist ein Privileg? „The first is between ‘spared injustice’ privileges [
]. The former involves a person of color suffering an unjust treatment of some kind while a White person does not. (The White person is spared the injustice of discrimination.)“5 Das erste Argument ist somit das Nicht-Erfahren von Diskriminierung. Es kommt dadurch zu einer BedeutungsĂ€nderung des Wortes „Privileg“. FrĂŒher wurden Privilegien als besondere juristische (Vor-)Rechte von Einzelpersonen (bspw. Bergbau-SchĂŒrfrechte, Krönung oder Investitur) oder materielle, relativ einzigartige Möglichkeiten (bspw. Bildung an EliteuniversitĂ€ten) angesehen. Im Mittelalter und der Neuzeit war „Privileg“ damit eine Bezeichnung fĂŒr einen Vorteil, den nur eine Minderheit besaß.

Poststrukturalistische Ideologien, wie Critical Whiteness, Ă€nderten die Bedeutung des Begriffes. Der Begriff bedeutet nun, dass das Fehlen von rassistischer, sexistischer und ökonomischer Diskriminierung ein Privileg ist. Es kommt zu einer radikalen Verkehrung von Mehrheits- und Minderheitskonzeptionen. Strukturelle Diskriminierung wird als Erfahrung der Mehrheit der Bevölkerung und damit als NormalitĂ€t dargestellt. Das Nicht-Erfahren von Diskriminierung hingegen, gilt als Privileg einer Minderheit. Fehlen von bspw. antiziganistischer Diskriminierung gilt als ein Privileg, auch wenn die Mehrheit der Gesellschaft diese Diskriminierung nicht erlebt.  Es erfolgt eine abstruse statistische Umkehrung von Wahrscheinlichkeiten und MengenverhĂ€ltnissen.  Die am meisten diskriminierte und unterdrĂŒckteste LebensrealitĂ€t fungiert somit als neue Norm. Eine tödlich verlaufende Polizeikontrolle ist dadurch nicht die hĂ€rteste Form von Diskriminierung und ein statistischer Ausnahmefall, sondern gilt als Standard. Eine willkĂŒrliche rassistische Polizeikontrolle ist damit zwar diskriminierend, aber die Person ist immer noch privilegiert im Gegensatz zu der erschossenen Person. Es erfolgt eine Hierarchisierung und dadurch auch Verharmlosung und Unsichtbarmachung von Diskriminierung (oftmals von klassistischer und autoritĂ€rer Ausbeutung, UnterdrĂŒckung und Gewalt). Wenn mensch jener Logik folgt, ist GenitalverstĂŒmmlung, Sklaverei und die Shoa bzw. der Tod die NormalitĂ€t. Jegliches Leben ist damit ein Privileg oder anders zugespitzt: Nicht-Behindert-Sein/Gesundheit gilt nun als Privileg, anstatt als Normwert, an dem die zu erbringende Leistung von HörgerĂ€ten, Brillen usw. gemessen wird. Die Unlogik der Umkehrung von statistischen Wahrscheinlichkeiten, MehrheitsverhĂ€ltnissen und normativen Verschiebungen sollte damit offensichtlich geworden sein.

Privileg als angeblicher Vorteil

Die zweite Definition des Privilegs als ein Vorteil: „‘Unjust enrichment’ privileges, by contrast, are privileges in which the White person benefits from the injustice to the persons of color, over and above merely being spared the injustice.“6 erfolgt aus einem logischen Trugschluss. Es wird festgestellt, dass bspw. „acht der zehn reichsten Menschen der Welt weiß, heterosexuell, cis-mĂ€nnlich aus dem globalen Norden“ kommen. Daraus wird geschlussfolgert, dass „das System diese Menschen privilegiert“.7 Die Kritik an der Mehrheitskonzeption greift nun wieder. Obwohl extremer Reichtum nur einer kleinen Minderheit dieser Gruppe zuteilwird, werden allen Mitgliedern der Gruppe die Privilegien unterstellt. Im besten Fall kann hier von „besseren Voraussetzungen“ gesprochen werden. WĂ€hrend auf zehn Superreiche aber 7,89 Milliarden Nicht-Reiche kommen, kann dies nicht als Voraussetzung betrachtet werden. Menschen bekommen Geld, Jobs und Anerkennung nicht aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe. Es ist vielmehr so, dass Menschen trotz ihres Wissens aufgrund von rassistischen und sexistischen Vorurteilen diese Möglichkeiten verwehrt werden. Die Mehrheit der Bevölkerung profitiert somit ĂŒberhaupt nicht von der diskriminierenden Gesellschaftsordnung. Ein arbeitsloser, weißer, heterosexueller Cis-Mann hat keinerlei Vorteil davon, dass acht von zehn der reichsten Menschen seiner „Gruppe“ angehören. Ein mĂ€nnlicher Fabrikarbeiter bekommt von seinem Chef nicht das Geld, das den Arbeiter*innen in der gleichen Fabrik vorenthalten wird. Ausbeutung erfolgt nicht durch „Alle“ (in dem Beispiel nicht durch mĂ€nnliche Arbeiter, Konsument und Chef zusammen), sondern erfolgt durch ökonomische Gesetze. (Ein Ausnahmefall ist die Arbeitskraftausbeutung von Menschen im Trikont und Osteuropa, von der auch die Unterschicht im „globalen Norden“ profitiert. Eine Kritik daran als „Privilegierter Norden vs. unprivilegierter SĂŒden“ verschleiert aber die kapitalistische Akkumulation bzw. Hauptschuld von speziellen Akteur*innen wie Arbeitgeber*innen, globalisierenden Staaten und despotischen Trikont-Staaten und bringt keine revolutionĂ€re Alternative hervor, aber dazu spĂ€ter).

Andere Privilegien, etwa dass „der Wohnungsmarkt und soziale Angebote auf weiße Menschen zugeschnitten sei und diese dadurch bessere Chancen auf gesicherte VerhĂ€ltnisse hĂ€tten“ ist einfach blanker Hohn gegenĂŒber Obdachlosen und wieder eine statistische Fehlbetrachtung. Nur weil einige/viele schwarze Menschen in staatlichen und privaten Hilfseinrichtungen strukturelle (bspw. durch PĂ€sse, Aufenthaltsgenehmigungen usw.) und persönliche Diskriminierung erleben, bedeutet dies im Umkehrschluss nicht, dass solche Systeme „auf weiße Personen zugeschnitten sind“. Ein weißer Obdachloser hat keinerlei Vorteil oder bessere Chancen aufgrund der Diskriminierung eines schwarzen Obdachlosen. Der weiße Wohnungslose nimmt dem schwarzen Wohnungslosen nicht eine der wenigen HĂ€user weg. Es gibt nicht zu wenig Geld, GĂŒter oder HĂ€user – es sind die kapitalistischen und rassistischen Verteilungsmechanismen, die Minderheiten begĂŒnstigen und Mehrheiten ausbeuten.

Privileg als Analysekategorie

Die Privilegientheorie spricht, in Anlehnung an das Konzept der IntersektionalitĂ€t, von einer Gesellschaft, die anhand ihrer konstruierten IdentitĂ€ten hierarchisch aufgebaut ist. Alle IdentitĂ€tsmerkmale werden als gleich angesehen. Der heterosexuelle weiße Cis-Arbeiter ist damit privilegierter als die schwarze, pansexuelle, reiche Transfrau. Die Privilegientheorie unterteilt in ein binĂ€res „privilegiert und nicht-privilegiert“ System und ist damit nicht intersektional. Die Analysekategorie „Privileg“ verschleiert eher punktuelle Diskriminierung anstatt diese sichtbar zu machen. Kindern einer alleinerziehenden, arbeitslosen Mutter werden bspw. „privilegiert“ genannt aufgrund deren weißer Hautfarbe. Die Theorie der Ordnung der Gesellschaft anhand von IdentitĂ€ten und Konstrukten ist außerdem antimaterialistisch; Wohnungspreise, Bildungschancen und Löhne sind jedoch zum großen Teil durch materielle Gesetze und Profitorientierung bestimmt. Konstruierte IdentitĂ€ten und diskriminierende Ideologien als Analysekategorien können nicht die gesamte Gesellschaftsordnung erklĂ€ren. Eine fundamentale Kritik an dieser „IdentitĂ€tspolitik“, welche die Gesellschaft nur noch nach konstruierten IdentitĂ€ten und nicht mehr gleichzeitig nach materiellen Gesetzen und konstruierten IdentitĂ€ten/Ideologien analysiert, wĂ€re notwendig. Die Kritik betrifft aber stĂ€rker die Grundlagen der IntersektionalitĂ€t und wĂŒrde daher den Rahmen sprengen.

Entscheidend ist, dass Diskriminierung, bspw. Rassismus, nun nicht mehr anhand einzelner Akteure (bspw. der Polizei, rassistischen Organisationen, unaufgeklĂ€rten Menschen und ausbeuterischen Chefs), Gesetzen, Strukturen und Ideologien kritisiert wird. Es wird stattdessen von „weißen/mĂ€nnlichen/etc. Privilegien“ gesprochen. Es werden keine konkreten diskriminierenden Chefs (bspw. Fleisch-Tönnies in Rheda-WiedenbrĂŒck, Spargel-Ritter in Bornheim) oder Gesetze (bspw. Dublin IV) mehr benannt. Es wird auch nicht dargestellt, wie gesellschaftlichen Strukturen, etwa Hierarchien und Eigentum an Produktionsmitteln, genau diese Ungleichbehandlung ermöglichen oder diskriminierende Einstellungen pusht (bspw. nicht kritisierbare FĂŒhrungskrĂ€fte, Mehrwertausbeutung, radikalisierende Finanzkrisen, kaputtgesparte Bildungssysteme, Ghettoisierung usw.). Ideologien wie Herrschaft, Arbeitsfetischismus und Nationalismus als Voraussetzung fĂŒr Diskriminierung (bspw. assimiliertes StaatsbĂŒrgersubjekt, Sozialchauvinismus, Pass-Systeme) bleiben ebenfalls unbeachtet. Strukturen und Ideologien werden höchstens undifferenziert als „white supremacy“ oder „Patriarchat“ historisch, politisch und theoretisch verfĂ€lscht. „Das eigene Privileg zu checken, nicht weniger Lohn aufgrund des Geschlechts oder Hautfarbe zu bekommen,“ besitzt also keine systematische Kritik an rassistischen/sexistischen Machtstrukturen. Es findet keine strukturelle Kritik statt, sondern es wird sich eines blinden Essenzialismus bedient. Es werden keine Akteure, Gesetze, Ideologien und Strukturen benannt, sondern biologische Eigenschaften mit diskriminierendem Verhalten vermischt. Zugespitzt: Statt einer systematischen Gesellschaftskritik werden Menschen anhand ihrer körperlichen Merkmale unterteilt.

Ein weiterer erwĂ€hnenswerter Punkt ist die (moralische) Benennung von UnterdrĂŒckung, welche angeblich nur durch Privilegien möglich ist. Angeblich soll der Privilegien-Begriff eine Motivation zur individuellen Änderung geben.  Die Bezeichnung als „weiße privilegierte Person“ soll eine Anregung zum Nachdenken und Aufforderung zum Kampf gegen UnterdrĂŒckung sein. Dies ist propagandistisch nicht nur höchst fragwĂŒrdig, sondern auch moralisch unsinnig. Die Betonung der Erfahrung von Ungleichbehandlung/Diskriminierung ist hierbei ausreichend fĂŒr eine moralische Legitimation, wenn eine universalistische Moral  vorhanden ist. SolidaritĂ€t und Empathie mit „Benachteiligten“ ist durch diese Moral schon gegeben. Kein Mensch muss erst als „Rassist*in“ oder „privilegiert“ bezeichnet werden, um gegen Rassismus aktiv zu werden.

Emanzipatorische Möglichkeiten

Neben der offensichtlichen statistischen und gesellschaftsanalytischen Falschheit der neuen soziologischen Benutzung des Wortes „Privileg“, ergeben sich daraus auch „falsche“ politische Praktiken. In der Regel folgen Forderungen nach individueller Schuldeinsicht und moralischen Bekenntnissen. Als Mantra gilt „Privilegien sollten reflektiert werden“. Es soll Abbitte geleistet werden durch öffentliches Bekennen zur eigenen Schuld bzw. Position.8 Es ist im Grunde nichts anderes, als eine katholische Bußpraxis; es soll Demut und Buße geĂŒbt werden, aufgrund der Besserstellung gegenĂŒber „Kindern in Afrika“ bzw. „FLINTA* und POCs“. Kritische MĂ€nnlichkeitsgruppen, Critical Whiteness-Workshops und Spendenforderungen von Instagramaccounts fĂŒr sogenannte „Bildungsarbeit“ sind die Folge dieser individualistischen Theorie. Die Praxis ist grundsĂ€tzlich falsch. VerhĂ€ltnisse werden nicht durch das eigene Verhalten, Sprache oder Spenden geĂ€ndert, stattdessen mĂŒssen ökonomische und staatliche Strukturen verĂ€ndert werden. „Reflektion von Privilegien“ ist eine poststrukturalistische ÜberschĂ€tzung von Sprache, Diskursen und individuellen Möglichkeiten. Es ist natĂŒrlich wichtig zu verstehen, dass Unterbau und Überbau bzw. materielle RealitĂ€t und Ideologie/gesellschaftliche Konstrukte sich gegenseitig bedingen und beeinflussen (bspw. fĂŒhrt die misogyne Einstellung von BĂŒrgern zu hĂ€rteren Abtreibungsgesetzen und rassistische Ideologien rechtfertigen den Fortbestand der Sklaverei). Antirassistische/Antisexistische Bildungsarbeit, die auf das Individuum abzielt, ist daher notwendig und wichtig, kann aber ohne das Ziel einer Änderung der politischen und ökonomischen Struktur niemals vollstĂ€ndig erfolgreich sein. VerkĂŒrzt gesagt: Bildungsarbeit ohne gleichzeitiges revolutionĂ€res Engagement ist individualistisch und erfolglos. Eine revolutionĂ€re Praxis darf Sprache und individuelle Änderungen nicht ĂŒber- und auch nicht unterschĂ€tzen. Dekonstruktion/Ideologiekritik ist notwendig, ebenso wie eine Änderung der ökonomischen und staatlichen Grundlagen.

Die Emanzipationsmöglichkeiten von „Privilegien“ sind somit Selbstdisziplinierung, Chancengleichheit im „farbenblinden Kapitalismus“ und ReprĂ€sentation/Verfahrensfixiertheit (Benennung Sprecherpositionen, Redezeiten usw.). In der Hinsicht sollte klargestellt werden, dass Chancengleichheit, Diskriminierungsfreiheit und ausgeglichene ReprĂ€sentation wĂŒnschenswert sind. Die Gesellschaft sollte nach ebenjener Form aufgebaut sein, da eine gemeinsame revolutionĂ€re Organisierung nur ohne Diskriminierung erfolgen kann. Einige rassismuskritische und feministische AnsĂ€tze zur Überwindung von Diskriminierung, können problemlos (gesellschaftlich und fĂŒr die politische Arbeit) ĂŒbernommen werden. Menschen mĂŒssen bestĂ€ndig ihr Verhalten reflektieren und kritisieren. Diskriminierungsformen mĂŒssen immer wieder neu durchdacht und die aktuelle Umgangsweise damit hinterfragt werden. Sie mĂŒssen genauso stĂ€ndig reflektiert werden wie (die VerĂ€nderungen des) Kapitalismus und der Widerstand dagegen. Ähnlich wie Betriebe, mĂŒssen revolutionĂ€re Organisationen daher ritualisiert Schulungen/Workshops zu Diskriminierungsformen abhalten (und wĂŒnschenswerter Weise diese durch Kritik und Erfahrungen in den KĂ€mpfen weiterentwickeln). Jeder Mensch, der sein Verhalten reflektiert und dadurch keine sexuelle Gewalt ausĂŒbt, ist eine VerĂ€nderung. Um es klar zu sagen: Menschen sollen ihre Verhaltensweisen und nicht ihre „Privilegien“ reflektieren.

Die Fokussierung auf individuelle Reflektion von „Weißen/MĂ€nnern“ anstatt auf revolutionĂ€re Selbstorganisierung von „Schwarzen/Frauen“ ist höchst problematisch. Ebenfalls anti-emanzipatorisch ist die Ablehnung gemeinsamer revolutionĂ€rer Organisationen aufgrund angeblicher Privilegien/Machtpositionen. Eine Fokussierung auf „Privilegien“ verhindert daher einen gemeinsamen Kampf. Die Konzeption von „Privilegien“ lĂ€sst Hierarchien und Misstrauen entstehen. Zusammen mit dem „Sprecher*innen-Position“, fĂŒhrt dieses Konzept zu dem Begriff des „allies“.  Aufgrund von „Privilegien“, sind Menschen nun keine Genoss*innen oder GefĂ€hrt*innen mehr, sondern hierarchisierte „VerbĂŒndete“. Der Privilegienbegriff schafft damit erst Hierarchien und verhindert gemeinsame Organisierung und Diskussionen. NatĂŒrlich ist die Reflektion von Vorwissen, finanzielle Möglichkeiten und die Bereitschaft, juristische Strafen zu kassieren, wichtig und anhand dieser Reflektion sollte jedes Individuum seine eigene nĂŒtzliche Praxis finden. Eine Fokussierung auf Änderung von Einzelpersonen und separaten Organisierungen fĂŒhrt aber zu keiner Revolution. Lasst uns als weg von dieser reformistischen individuellen Besserungspraxis gehen, welche Menschen nur an ihre Moral anruft.

PS: In einer kruden Vermischung von Schein-Radikalismus, Essenzialismus und Individualismus, wird dem sich reflektierenden Individuum aber gar keine Besserungsaussicht unterstellt. Aufgrund der Einsicht, dass systematische Privilegien vorhanden sind, kann es nur zu einer Reflektion anstatt zu einer Abschaffung kommen. Ein Essenzialismus, der oft in einen Rassismus/Sexismus umschlĂ€gt wird sichtbar, bspw. „alle Weißen sind Rassisten“, „alle MĂ€nner sind Sexisten“ aufgrund ihrer Privilegien. Dass diskriminierende Vorstellungen und Verhaltensweisen bei allen Menschen ansozialisiert sind, soll nicht geleugnet werden. Es ist aber auch möglich, sich nicht diskriminierend zu verhalten und dadurch kein Rassist/Sexist zu sein, auch, wenn mensch selbst eine rassistische/sexistische Sozialisation erfahren hat und nicht diskriminiert wird. Der Mensch kann sich also Ă€ndern und frei entscheiden,  nicht-rassistisch zu sein –

Zusammenfassung

Lasst uns Diskriminierung in viele Formen untersuchen und aufdecken. Lasst uns eine gemeinsame revolutionĂ€re Praxis entfalten, welche sich unterschiedlicher Diskriminierung bewusst ist und sich daher stĂ€ndig selbst reflektiert. Es ist dafĂŒr aber notwendig zu erkennen, dass der Privilegien-Begriff kein analytisches oder emanzipatorisches Potenzial besitzt.      Das „Checken von Privilegien“ fĂŒhrt nicht zu gleichen  Lebensgestaltungsmöglichkeiten, sondern nur die gleichzeitige Änderung von materiellen/politischen Strukturen, individuellem Verhalten und herrschenden Ideologien kann uns befreien. Lasst uns unsere KĂ€mpfe vernetzen!

Fußnoten

1. Ehrenhöfer, Margit: „Unbewusster Rassismus: Was fĂŒr und gegen „Weiße FragilitĂ€t“ spricht“, in: Die Furche. Die österreichische Wochenzeitschrift, 19.02.2020. Unter: https://www.furche.at/gesellschaft/unbewusster-rassismus-was-fuer-und-ge…

2. https://squatms.blackblogs.org/privilegien-reflektieren-reflect-your-pri…

3. Gerber, Jan (Hg.): „Die Untiefen des Postkolonialismus“, Berlin 2021.

Perinelli, Massimo: „Zur Debatte: Critical Whiteness und das Ende der antirassistischen Bewegung“, in: Phase 2, 25.11.2020. Unter: https://www.anarchistischefoderation.de/zur-debatte-critical-whiteness-u…

Ein wenn auch ausufernder, dogmatischer und auf Ökonomiekritik reduzierter Artikel, der trotz alldem durch gute Quellenarbeit und argumentative Vielfalt glĂ€nzt: Textor, Jona: „Eine marxistische Kritik der „postmodernen IdentitĂ€tslinken“ und des identitĂ€tspolitischen Antirassismus“, in: Kommunistische Organisation, 30.07.2020. Unter: https://kommunistische.org/diskussion/eine-marxistische-kritik-der-postm…

Stögner, Karin: „Wie inklusiv ist IntersektionalitĂ€t? Neue soziale Bewegungen, IdentitĂ€tspolitik und Antisemitismus“, in: Salzborn, Samuel (Hg.): „Antisemitismus seit 9/11. Ereignisse, Debatten, Kontroversen“, Baden-Baden 2019, S. 385-402.

4. Badura, Leander F.: „Der Katechismus der Antirassisten“, in: Jungle World, 02.07.2020. unter: https://jungle.world/artikel/2020/27/der-katechismus-der-antirassisten

Flower Bomb: „Ein Nekrolog auf IdentitĂ€tspolitik“, 2020. Unter: https://ia801909.us.archive.org/27/items/nekrolog-print/nekrolog.pdf

Kar, Fatma: „Im Kreis der IdentitĂ€ten“, in:  Jungle World,  08.02.2018. Unter: https://jungle.world/artikel/2018/06/im-kreis-der-identitaeten

Tsianos, Vassilis: „Die deutsche Linke wurde lĂ€ngst migrantisiert“, in: Jungle World, 09.08.2012. Unter: https://jungle.world/artikel/2012/32/46024.html

5. Blum, Lawrence: „`White privilege‘. A mild critique1“, in: Theory and Research in Education. Band 6, Nr. 3, November 2008, S. 311. Unter: http://www.faculty.umb.edu/lawrence_blum/publications/publications/A57.pdf

6. Ebd. S. 311.

7. „Unser System in dem wir leben privilegiert einige wenige (reiche weiße MĂ€nner) und beutet einen Großteil aus (sowohl Natur als auch Menschen).“ Fridays for Future NĂŒrnberg: „Was hat Klimagerechtigkeit und Feminismus miteinander zu tun?“, in: Interventionistische Linke, 09.03.2021. Unter: https://nuernberg.interventionistische-linke.org/beitrag/was-hat-klimage…

8. Siehe exemplarisch fĂŒr individuelle Bußpraxis aufgrund von Nicht-Diskriminierung:  Prado, Simon Sales: „Man muss auch mal verzichten“, in: TAZ, 05.09.2020. Unter:  https://taz.de/Das-Konzept-der-Privilegien/!5706891/

Ein weiteres Beispiel fĂŒr Privilegien-Reflektion als angeblich revolutionĂ€re Praxis: Anarchists_luetzerath: „Wohin gehen wir und was wollen wir eigentlich?“, in: Indymedia, 31.12.2021. Unter: https://de.indymedia.org/node/166589




Quelle: De.indymedia.org