Juli 14, 2021
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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Buchautor_innen
Hendrik Lackus / Olga Schell (Hrsg.)
Buchtitel
Mall of shame
Buchuntertitel
Kampf um WĂŒrde und Lohn

Migrant*innen sehen sich hÀufig prekÀren ArbeitsverhÀltnissen ausgesetzt. Eine Gruppe Arbeiter*innen kÀmpfte jahrelang gegen die Ungerechtigkeiten auf dem Bau der Mall in Berlin.

Arbeit bedeutet fĂŒr viele Kampf um ein besseres Leben. Arbeit und Migration bedeuten meist doppelten Kampf. Dass dieser sich lohnen kann, hat vor kurzem das Ergebnis des Streiks in Bornheim beim Unternehmen Spargel Ritter gezeigt. Über hundert Saisonarbeitende hatten im April 2021, pĂŒnktlich zum Start der neuen Erntesaison, eine außergerichtliche Einigung erzielt und Nachzahlungen fĂŒr die Ernte 2020 erhalten. Ausgangspunkt dieses Kampfes waren 100.000 Euro nicht gezahlter Lohn. UnterstĂŒtzt wurde der hartnĂ€ckige, ein Jahr andauernde Kampf durch die FAU (Freie Arbeiter*innen Union) Bonn.

Auch das von Hendrik Lackus und Olga Schell herausgegebene Buch „Mall of Shame – Kampf um WĂŒrde und Lohn“ verweist nun im Einstieg auf den oben genannten aktuellen Kampf und dessen Gemeinsamkeiten und KontinuitĂ€ten mit dem mehrere Jahre andauernden Arbeitskampf rumĂ€nischer Bauarbeiter, die im Auftrag von Subunternehmen auf der Baustelle der Mall of Berlin gearbeitet hatten. Mehrere dieser Subunternehmen gingen bankrott und einige der Bauarbeiter wurden sogar mehrfach um ihren Lohn betrogen. Der Investor Harald Huth sah keinen Grund bei den Arbeitern finanziell fĂŒr eine EntschĂ€digung zu sorgen.

Weil ihnen kein Lohn gezahlt wurde, starteten die Arbeiter zunĂ€chst einen Protest und begannen, nahezu tĂ€glich ĂŒber ihre Lage direkt vor der Baustelle der Mall zu informieren. Einige Zeit schliefen sie sogar in einem Container auf der Baustelle. Auch hier war es die FAU (Berlin), die den Protest der Arbeiter und die folgenden mehrjĂ€hrigen gerichtlichen Verhandlungen ĂŒber Lohnzahlung tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzte:

„Ihre Hilfe war sehr wichtig, sie haben uns mit Geld unterstĂŒtzt und mit andere Sachen. Wir haben angefangen Proteste zu machen. Sie sind mit Fahnen gekommen und mit Flyern, die wir an die Leute verteilt haben und so etwas.“ (S. 63)

BrĂŒcken der SolidaritĂ€t

Die Autor*innen hatten selbst den Kampf der protestierenden Arbeiter*innen begleitet und bezeichnen sich als solidarische UnterstĂŒtzer*innen. Ihre eigene Rolle kommt im Buch ebenso zur Sprache wie die ungleiche soziale Herkunft einiger Gewerkschaftsmitglieder und der protestierenden Arbeiter*innen:

„Nicht wenige der aktiven Mitglieder sind in einem akademischen bzw. universitĂ€ren Arbeitsumfeld unterwegs. […] Es ist eine große Herausforderung trotz unterschiedlicher Ausgangslagen, Gemeinsamkeiten zu entwickeln. Unserer Meinung nach kann es diese Gemeinsamkeit in KĂ€mpfen jedoch nur geben, wenn bestehende Unterschiede wahrgenommen werden und die jeweils spezifischen Ausgangsbedingungen und LebensrealitĂ€ten der Beteiligten berĂŒcksichtigt und im wechselseitigen Aushandlungsprozess verstanden werden.“ (S. 194)

Den Autor*innen geht es um die Sichtweisen der ehemaligen Protestierenden auf ihren damaligen Kampf. Heute lebt nur noch einer von ihnen in Berlin. FĂŒr die im Buch abgedruckten Interviews fuhren die beiden Herausgeber*innen dorthin, wo es die ĂŒbrigen Arbeiter*innen bei ihrer Suche nach Lohnarbeit gefĂŒhrt hatte. Die Beurteilungen ihres Kampfes fallen unterschiedlich aus. Allerdings geben viele an, dass der gemeinsame Kampf wichtig war. Auch die UnterstĂŒtzung der FAU (SchlafplĂ€tze, juristische Hilfe, Flyerdruck, sonstige finanzielle UnterstĂŒtzung, Pressearbeit, Recherche etc.) wird hĂ€ufig als sehr positiv bewertet. Negativ wird der verlorene Kampf vor Gericht eingeschĂ€tzt. Aber auch wenn die Klagen um den geprellten Lohn allesamt zu Ungunsten der Arbeiter*innen ausfielen, liegt mit dem Buch, neben einer gelungenen historischen Bestandsaufnahme und einer Dokumentation der Misere vieler Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund auf dem deutschen Arbeitsmarkt, reichlich Reflexionsmaterial fĂŒr zukĂŒnftige ArbeitskĂ€mpfe vor.

Neben der Rekonstruktion und Bewertung der Ereignisse um die von den Protestierenden sogenannte „Mall of Shame“ unternehmen die Herausgeber*innen den Versuch, diese Ereignisse in andere KĂ€mpfe und Formen widerstĂ€ndigen Handelns von Arbeiter*innen einzuordnen. So ist beispielsweise ein Interview mit dem mittlerweile wieder aus der Haft entlassenen rumĂ€nischen Arbeiter Daniel Neagu abgedruckt. Weil er keinen Lohn auf einer Baustelle erhalten hatte, setzte er sich in einen Bagger und riss kurzerhand mehrere HĂ€user, die er zuvor mitgebaut hatte, ein und filmte sich dabei. In zwei BeitrĂ€gen des Berliner Juristen Klaus StĂ€hle werden zudem arbeitsrechtliche Fragen erlĂ€utert. Den Abschluss bildet ein Artikel der Sozialwissenschaftler Peter Birke und Felix Blum, die sich Fleischfabriken und Arbeitsmigration unter anderem im Oldenburger MĂŒnsterland widmen und dabei versuchen, einen Bogen zwischen Grenz- und Verwertungsregime zu schlagen und möglichen Widerstand dagegen auszuloten.

Internationale SolidaritÀt

„Die Migration haben wir nicht in RumĂ€nien erfunden. Sie besteht seit Jahrtausenden. Niemand verlĂ€sst sein Land, weil es ihm dort gut geht.“ (S. 26)

Auch Deutschland ist seit vielen Jahren ein Einwanderungsland. Die vorliegende Veröffentlichung lĂ€sst die VerschrĂ€nkungen von kapitalistischer Ausbeutung und rassistischer Arbeitsmigration, sowie die LebensrealitĂ€t der davon Betroffenen deutlich werden. Dabei kommen die KĂ€mpfenden selbst zu Wort. Und der Band kann als wertvolle Literatur fĂŒr kommende KĂ€mpfe gelten, denn Erfahrungen, die Menschen aus ihren HerkunftslĂ€ndern mitbringen, sind auch gewerkschaftlich nicht zu unterschĂ€tzen. Dass im Kapitalismus die Taktik des Gegeneinander-Ausspielens – sowohl von Belegschaften als auch um Löhne und Sozialleistungen – angewendet wird, ist zwar keine neue Erkenntnis. Dennoch zeigt das Buch anschaulich, wie Klassenunterschiede zwar nicht sofort zu ĂŒberwinden sind, aber SolidaritĂ€t untereinander möglich ist. Denn nicht nur SolidaritĂ€t auf der Straße wird gebraucht, sondern auch ein langer Atem, um die derzeitigen VerhĂ€ltnisse zum Tanzen zu bringen und Netze von Subunternehmen und Briefkastenfirmen zu durchschauen. Es gilt sowohl materielle und sozio-kulturelle Unterschiede als auch Sprachbarrieren zu ĂŒberwinden. Die fragmentierte Situation von Arbeiter*innen und die vielen Wechsel der (Arbeits-)Orte erleichtern die KĂ€mpfe nicht. Viele Probleme und Proteste geraten daher schnell in Vergessenheit. Denn obwohl die Zeit des Mall-of-Shame-Protests noch nicht lange her ist, können (oder wollen) sich viele Arbeiter nicht mehr genau an diese Zeit in Berlin erinnern, die unter anderem von Gewalt und Obdachlosigkeit geprĂ€gt war.

Die Kombination aus Interviews mit Arbeiter*innen und Analysen zu Migration und Arbeit veranschaulicht prekĂ€re Arbeitsbedingungen von Migrant*innen. Die Herausgeber*innen wollen mit ihrem Buch nicht bloß dokumentieren, sondern sie versuchen, zu klĂ€ren, wie eine Zukunftsperspektive aussehen und wie man wilde Streiks unterstĂŒtzen kann.

Schließlich handelt es sich hier nicht um EinzelfĂ€lle, wie am genannten Einstiegsbeispiel der protestierenden Spargelstecher*innen klar wird. Dass hinter der Misere System steckt, macht die darauffolgende Entwicklung klar: WĂ€hrend der andauernden Corona-Pandemie stimmten inmitten der Spargel Erntesaison (ebenfalls im April 2021), auf Druck der LandwirtschaftsverbĂ€nde und des Bundesministeriums fĂŒr ErnĂ€hrung und Landwirtschaft, die Abgeordneten des Bundestags einer Ausweitung der sozialversicherungsfreien Zeit fĂŒr BeschĂ€ftigte in der Saisonarbeit zu. Diese ist nun von 70 auf 102 Tage ausgedehnt worden. Das heißt auch, dass die unter diesen Voraussetzungen BeschĂ€ftigten in Zeiten einer lebensbedrohlichen Pandemie keine Krankenversicherung haben. So sind einer weiteren Benachteiligung von migrantischen Arbeiter*innen TĂŒr und Tor geöffnet, denn sie sind diejenigen, die meistens den deutschen Spargel ernten. Ein Umdenken ist zwingend nötig, wenn das oft auf Demonstrationen geforderte Motto „Hoch die Internationale SolidaritĂ€t“ Wirklichkeit werden soll, zum Beispiel indem gewerkschaftliche, syndikalistische und realpolitische Beratung, UnterstĂŒtzung und Rechtsschutz fĂŒr alle gleichermaßen gewĂ€hrleistet und wilde Streiks sowie Arbeitsniederlegungen unterstĂŒtzt werden.

Hendrik Lackus / Olga Schell (Hrsg.)
2020:
Mall of shame. Kampf um WĂŒrde und Lohn.
Die Buchmacherei, Berlin.
ISBN: 978-3-9822036-6-9.
197 Seiten. 12,00 Euro.

Zitathinweis:
Mathias Fiedler: Her mit dem schönen Leben! Erschienen in: Gegenöffentlichkeit in Bewegung. 60/ 2021. URL: https://kritisch-lesen.de/c/1698. Abgerufen am: 14. 07. 2021 19:30.




Quelle: Fau.org