MĂ€rz 2, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Kronstadt Journal II

2. MĂ€rz

Im Erziehungshaus in Kronstadt wird eine Delegiertenkonferenz, bestehend aus Vertretern und Vertreterinnen der Schiffe, der Garnison, der verschiedenen Sowjetinstitutionen, der Arbeitergesellschaften und Fabriken, mit etwa 300 Teilnehmern und Teilnehmerinnen abgehalten. Hauptzweck der Konferenz ist die Art der anstehenden Neuwahl des KronstĂ€dter Sowjets zu diskutieren, sie soll aber auch fĂŒr die Resolution des 1. MĂ€rz tĂ€tig sein sowie Wege finden dem Hunger und dem Mangel an Brennmaterial ein Ende zu setzen.

Auf der Konferenz sprechen als Vertreter der Regierung der KommissĂ€r der Ostseeflotte Kusmin und der Vorsitzende des KronstĂ€dter Sowjets Wassiljew. Ersterer spricht zuerst zur Versammlung und bestreitet in seiner Rede die Existenz von Arbeiterunruhen in Petrograd, stellt die revolutionĂ€ren Motive von Kronstadt in Frage und droht mit Krieg: „Wenn ihr offenen Krieg wollt, so werdet ihr ihn bekommen, denn die Kommunisten werden die ZĂŒgel der Regierung nicht fahren lassen. Wir werden bis zum Äußersten kĂ€mpfen.“ Die Rede des zweiten Regierungsvertreters scheint aufgrund ihrer Farblosigkeit und Unbestimmtheit keinen Eindruck auf die Zuhörer und Zuhörerinnen zu machen. Im Verlauf der Konferenz stellen die Delegierten fest, dass die Hoffnung auf irgendeine freundliche VerstĂ€ndigung mit den Regierungsvertretern vergeblich ist. Da sie Kusmin und Wassiljew nicht mehr Vertrauen können und die Kommunisten Waffen besitzen, wĂ€hrend die Versammlung keinen Zutritt zu den Telefonen hat, werden die beiden aus der Versammlung entfernt und unter Arrest gestellt. Ein Antrag, die ĂŒbrigen Kommunisten und Kommunistinnen ebenfalls zu verhaften, wird mit ĂŒberwiegender Mehrheit abgelehnt.

Es wird die Resolution vom 1. MĂ€rz verlesen und von der Versammlung angenommen. Da das GerĂŒcht, das sich alsbald als falsch herausstellt, die Runde macht, dass die Bolschewisten im Begriff seien die Versammlung anzugreifen, geht es nun um die Frage, wie die Verteidigung von Kronstadt gegen einen bolschewistischen Angriff zu organisieren sei. Das fĂŒnfköpfige PrĂ€sidium der Konferenz, das zu Beginn durch Zuruf gewĂ€hlt wurde, wird in ein Provisorisches RevolutionĂ€res Komitee verwandelt, das fĂŒr Ruhe und Sicherheit der Stadt sorgen sowie die notwendigen Vorbereitungen zur Abhaltung der Neuwahlen zum KronstĂ€dter Sowjet treffen soll.

In der Zwischenzeit verlieren die Bolschewisten keine Zeit und die Regierung gibt einen von Lenin und Trotzki unterzeichneten Befehl heraus, in welchem die Bewegung von Kronstadt als Meuterei gegen die kommunistischen Behörden und als Produkt von Interventionisten der Entente und französischer Spione denunziert wird und die Matrosen beschuldigt werden, Werkzeuge frĂŒherer zaristischer GenerĂ€le zu sein. Des Weiteren lautet der Befehl den frĂŒheren General Koslowsky, der bei den Ereignissen in Kronstadt gar keine gespielt hat, der aber von den Bolschewisten geschickt genutzt wird, um die Bewegung als konterrevolutionĂ€r zu denunzieren, und seine Helfer als „außerhalb des Gesetzes stehend zu erklĂ€ren“, die Stadt und Provinz Petrograd unter Kriegsrecht zu stellen sowie die oberste Gewalt ĂŒber den Petrograder Distrikt in die HĂ€nde des von Grigori Jewsejewitsch Sinowjew geleitete Petrograder Verteidigungskomitees zu legen.

In Petrograd werden zahlreiche verdĂ€chtige Soldaten und Matrosen verhaftet, Menschenansammlungen auf öffentlichen PlĂ€tzen und Straßen verboten und als politisch unzuverlĂ€ssige Regimenter der Armee an entfernte Orte verlegt. Die in Petrograd lebenden Familien der KronstĂ€dter Matrosen werden von den Bolschewisten in Geiselhaft genommen.




Quelle: Panopticon.blackblogs.org