MĂ€rz 4, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Kronstadt Journal IV

04. MĂ€rz

Im Petrograder Sowjet findet eine Versammlung statt in der die Resolution verabschiedet wird, dass es sich beim KronstĂ€dter Aufstand, um eine gegenrevolutionĂ€re Erhebung gegen die Sowjetregierung handeln wĂŒrde. So wurden die AufstĂ€ndischen in Kronstadt fĂŒr Vogelfrei erklĂ€rt.

„Das Verteidigungskomitee ĂŒbernahm die systematische „Reinigung der Stadt“. Zahlreiche der Sympathie mit Kronstadt verdĂ€chtige Arbeiter, Soldaten und Matrosen wurden verhaftet. Alle Petersburger Matrosen und mehrere Regimenter der Armee, die als „politisch unzuverlĂ€ssig“ angesehen wurden, wurden an entfernte Orte geschickt, wĂ€hrend die in Petersburg lebenden Familien von KronstĂ€dter Matrosen als Geiseln eingesperrt wurden. Das Verteidigungskomitee teilte sein Vorgehen Kronstadt mit durch eine ĂŒber der Stadt am 4. MĂ€rz von einem Aeroplan ausgestreute Proklamation, welche erklĂ€rte: „Das Verteidigungskomitee erklĂ€rt, daß die Verhafteten als Geiseln gehalten werden fĂŒr den KommissĂ€r der Ostseeflotte, N. N. Kusmin, den Vorsitzenden des KronstĂ€dter Sowjet, T. Wassiljew und andere Kommunisten. Wenn unsere festgehaltenen Genossen den geringsten Schaden leiden, werden -die Geiseln dies mit ihrem Leben bezahlen.“
„Wir wollen kein Blutvergießen. Kein einziger Kommunist wurde von uns erschossen“, war die Antwort Kronstadts.“ Alexander Berkman, die Kronstadt Rebellion

„Am 4. MĂ€rz wĂŒrde sich der Petrograder Sowjet treffen und die allgemeine Wahrnehmung war, dass sich dabei das Schicksal Kronstadts entscheiden wĂŒrde. Trotzki wĂŒrde zu der Versammlung sprechen und ich hatte bisher keine Gelegenheit gehabt, ihn in Russland zu hören. Ich war neugierig darauf, an der Versammlung teilzunehmen. Ich hatte mir noch keine feste Meinung zu Kronstadt gebildet. Ich konnte nicht glauben, dass die Bolschewiki die Geschichte ĂŒber General Koslowski als AnfĂŒhrer der Matrosen bewusst erfunden haben sollten. Ich erwartete, dass das Treffen des Sowjets die Angelegenheit aufklĂ€ren wĂŒrde.

Das Taurische Palais war ĂŒberfĂŒllt und ein Spezialkommando von Kursanti1 bewachte die BĂŒhne. Die Stimmung war ziemlich angespannt. Alle warteten auf Trotzki. Aber als er um 10 Uhr noch nicht erschienen war, eröffnete Sinowjew die Versammlung. Er hatte noch keine Viertelstunde gesprochen, da war ich ĂŒberzeugt, dass er die Geschichte von Koslowski selbst nicht glaubte. „NatĂŒrlich ist Koslowski alt und nicht in der Lage etwas zu tun“, sagte er, „aber die weißen Offiziere stehen hinter ihm und tĂ€uschen die Matrosen.“ Seit Tagen hatten die sowjetischen Zeitungen General Koslowski als die treibende Kraft des „Aufstands“ dargestellt. Kalinin, dem die Matrosen erlaubt hatten, Kronstadt unbehelligt zu verlassen, tobte wie ein FischverkĂ€ufer. Er denunzierte die Matrosen als KonterrevolutionĂ€re und sprach sich fĂŒr ihre sofortige Unterwerfung aus. Mehrere andere Kommunisten folgten seinem Beispiel. Als die Versammlung zur Diskussion ĂŒberging, verlangte ein Arbeiter der Petrograder Waffenfabrik das Wort. Er sprach mit großen Emotionen und erklĂ€rte furchtlos, die stĂ€ndigen Unterbrechungen ignorierend, dass die Arbeiter von der Indifferenz der Regierung gegenĂŒber ihren Beschwerden zum Streik gezwungen worden seien und die KronstĂ€dter Matrosen, weit davon entfernt KonterrevolutionĂ€re zu sein, der Revolution dienen wĂŒrden. Er erinnerte Sinowjew daran, dass sich die bolschewistischen AutoritĂ€ten gegenĂŒber den Arbeitern und Matrosen so verhielten, wie damals die Kerenski-Regierung gegenĂŒber den Bolschewiki. „Damals wurdet ihr als KonterrevolutionĂ€re und deutsche Agenten denunziert“, sagte er. „Wir, die Arbeiter und Matrosen, hielten zu euch und verhalfen euch zur Macht. Nun denunziert ihr uns und seid bereit uns mit Waffen anzugreifen. Denkt daran, dass ihr mit dem Feuer spielt.“ Daraufhin sprach ein Matrose. Er bezog sich auf die glorreiche revolutionĂ€re Vergangenheit Kronstadts, appellierte an die Kommunisten, sich nicht an einem Geschwistermord zu beteiligen und verlas die Resolution von Kronstadt, um die friedfertige Einstellung der Matrosen zu beweisen. Aber die Stimmen dieser Söhne des Volkes trafen auf taube Ohren. Der Petrograder Sowjet, dessen GemĂŒter von der bolschewistischen Demagogie erregt waren, verabschiedete die Resolution Sinowjews, die Kronstadt unter Androhung seiner Vernichtung befahl, sich zu ergeben. Die KronstĂ€dter Matrosen waren immer die Ersten gewesen, die der Revolution gedient hatten. Sie hatten eine wichtige Rolle bei der Revolution von 1905 gespielt, sie waren 1917 in den ersten Reihen. Unter Kerenskis Regime riefen sie die Kommune von Kronstadt aus und begaben sich in Feindschaft zur Konstituierenden Versammlung. Sie waren die Vorhut der Oktoberrevolution gewesen. Im großen Kampf gegen Judenitsch leisteten die Matrosen die kampfstĂ€rkste Verteidigung von Petrograd und Trotzki lobte sie als „Stolz und Ruhm der Revolution.“ Doch nun hatten sie es gewagt, ihre Stimme gegen die neuen Herrscher Russlands zu erheben. Das war aus Sicht der Bolschewiki Hochverrat. Die Matrosen von Kronstadt waren verdammt. Petrograd war aufgebracht ĂŒber die Entscheidung des Sowjets, sogar einige der Kommunisten, besonders die der französischen Sektion, empfanden Empörung. Aber keiner von ihnen hatte den Mut gegen das geplante Massaker zu protestieren, nicht einmal in Parteikreisen. Sobald die Resolution des Petrograder Sowjets bekannt wurde, versammelte sich eine Gruppe bekannter Literaten aus Petrograd, um sich darĂŒber zu beraten, ob man denn nichts gegen das geplante Verbrechen unternehmen könne. Jemand schlug vor, dass man Gorki bitte, Kopf eines Komitees zu sein, dass gegen die sowjetischen AutoritĂ€ten protestieren solle. Man hoffte, dass er seinem glorreichen Landsmann Tolstoi nacheifern wĂŒrde, der in seinem berĂŒhmten Brief an den Zaren seine Stimme gegen das furchtbare Massaker an den Arbeitern erhoben hatte. Auch nun wurde eine solche Stimme benötigt und man hielt Gorki fĂŒr den richtigen Mann, um zu den jetzigen Zaren zu sprechen, sich zu besinnen. Aber die meisten Anwesenden bei der Versammlung verschmĂ€hten diese Idee. Gorki sei einer der Bolschewiki sagten sie, er wĂŒrde nichts tun. Mensch hĂ€tte sich bereits frĂŒher mehrmals an ihn gewandt, aber er hĂ€tte es abgelehnt zu intervenieren.“ Emma Goldman, Meine zwei Jahre in Russland




Quelle: Panopticon.blackblogs.org