MĂ€rz 5, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
301 ansichten


Kronstadt Journal V

5. MĂ€rz

Trotzki, der in der Nacht vom 04. auf den 05. MÀrz in Petrograd ankommt, erlÀsst Befehle, die gewaltsame Niederschlagung des Aufstandes vorzubereiten und sendet das folgende Ultimatum an Kronstadt:

Die Arbeiter- und Bauernregierung hat verfĂŒgt, dass Kronstadt und die Rebellenschiffe sich sofort der AutoritĂ€t der Sowjetrepublik unterwerfen mĂŒssen. Ich befehle daher allen, welche ihre Hand gegen das Sozialistische Vaterland erhoben haben, sofort ihre Waffen niederzulegen. Die Halsstarrigen sind zu entwaffnen und den Sowjetbehörden zu ĂŒbergeben. Die verhafteten KommissĂ€re und anderen Regierungsvertreter sind sofort freizulassen. Nur diejenigen, welche sich ohne Bedingung ergeben, können auf die Gnade der Sowjetrepublik rechnen.

Ich erlasse gleichzeitig Befehle, die Bezwingung der Meuterei und die ÜberwĂ€ltigung der Meuterer durch Waffengewalt vorzubereiten. Die Verantwortlichkeit fĂŒr den Schaden, den die friedliche Bevölkerung erleiden mag, wird ganz auf die HĂ€upter der gegenrevolutionĂ€ren Meuterer fallen.

Diese Warnung ist endgĂŒltig.

Trotzki, Vorsitzender des RevolutionÀren MilitÀrsowjets der Republik. Kamenew, Oberster Kommandant.

Auf das Ultimatum folgt ein Prikas1 mit folgender Drohung: „Ich werde euch wie Fasanen niederschießen.“

„Dennoch gab es einige Menschen in Petrograd, die nicht schweigen wollten. Sie sandten dem Sowjet der Verteidigung folgenden Brief:

An den Petrograder Sowjet der Arbeit und Verteidigung, Vorsitzender Sinowjew:

Es ist unmöglich, ja sogar kriminell, jetzt zu schweigen. Die jĂŒngsten Ereignisse veranlassen uns Anarchist*innen dazu, zu sprechen und unsere Haltung gegenĂŒber der aktuellen Situation zu erklĂ€ren.

Der Geist der Unruhe und Unzufriedenheit, der sich unter den Arbeitern und Matrosen breit gemacht hat, ist das Ergebnis von Ursachen, die unserer vollsten Aufmerksamkeit bedĂŒrfen. KĂ€lte und Hunger haben Unzufriedenheit geschaffen und die Ermangelung jeder Möglichkeit der Diskussion und Kritik zwingt die Arbeiter und Matrosen dazu, ihrem Unmut offen Luft zu machen.

Gruppen weißer Gardisten wĂŒnschen und könnten versuchen, diese Unzufriedenheit fĂŒr die Interessen ihrer eigenen Klasse auszunutzen. Indem sie sich hinter den Arbeitern und Matrosen verstecken, verwenden sie Formeln der Konstituierenden Versammlung, die Forderung nach freiem Handel und Ähnliches. Wir Anarchisten haben seit jeher die LĂŒgen dieser Forderungen enttarnt und wir erklĂ€ren vor der ganzen Welt, dass wir mit Waffengewalt gegen jeden Versuch des konterrevolutionĂ€ren Umsturzes zusammen mit allen Freunden der sozialen Revolution und Hand in Hand mit den Bolschewiki kĂ€mpfen werden.

Was den Konflikt zwischen der sowjetischen Regierung und den Arbeitern und Matrosen betrifft, sind wir der Meinung, dass er nicht durch Waffengewalt geklĂ€rt werden darf, sondern durch Kameradschaft, eine geschwisterliche revolutionĂ€re Vereinbarung. Die Zuflucht zum Blutvergießen auf Seiten der sowjetischen Regierung wird – in der gegebenen Situation – die Arbeiter weder einschĂŒchtern noch zum Schweigen bringen. Im Gegenteil, es wird ZustĂ€nde nur noch verschlimmern und die Bande zwischen Entente und der internen Konterrevolution stĂ€rken.

Schlimmer noch, der Einsatz von Gewalt gegen Arbeiter und Matrosen durch die Arbeiter- und Bauern-Regierung wird einen rĂŒckschrittlichen Effekt auf die internationale revolutionĂ€re Bewegung haben und wird der Sozialen Revolution ĂŒberall unberechenbaren Schaden zufĂŒgen.

Genossen Bolschewiki, besinnt euch, bevor es zu spĂ€t ist. Spielt nicht mit dem Feuer: Ihr seid dabei, einen Ă€ußerst schwerwiegenden und folgenreichen Schritt zu machen.

Wir schlagen euch hiermit folgendes vor: Lasst eine Kommission aus fĂŒnf Personen, darunter zwei Anarchisten, bilden. Die Kommission soll nach Kronstadt gehen, um den Konflikt auf friedlichem Weg zu klĂ€ren. In der gegebenen Situation ist das die radikalste Methode. Sie wĂ€re von internationaler revolutionĂ€rer Bedeutung.

Petrograd,

den 5. MĂ€rz 1921.

Alexander Berkman.

Emma Goldman.

Perkus.

Petrowski.“

Emma Goldman, Meine zwei Jahre in Russland




Quelle: Panopticon.blackblogs.org