MĂ€rz 6, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Kronstadt Journal VI

Die Bolschewiki bringen mehr und mehr ArtilleriegeschĂŒtze und Truppen in Stellung um Kronstadt angreifen zu können. Ihrer Nachricht, dass die Matrosen sofort die Waffen niederlegen, wird nicht gefolgt und jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit bis Kronstadt durch Waffengewalt eingenommen wird. In der jungen Sowjetunion dĂŒrfen keine weiteren Kritiken und abweichende Meinungen mehr ausgesprochen, geschweige denn in die Praxis umgesetzt werden.

Auch der Versuch von „renommierten“ Anarchisten und Anarchistinnen wie Emma Goldman und Alexander Berkman, die versuchen das unausweichliche zu verhindern, wird ignoriert.

„Obwohl Berkmans Appell unbeantwortet blieb, sandte der Petrograd-Sowjet am nĂ€chsten Tag, dem 6. MĂ€rz, ein Telegramm an das Revolutionskomitee mit der Frage, ob eine Delegation aus Partei- und Nichtparteimitgliedern des Sowjets Kronstadt besuchen könne, um die Situation zu untersuchen. Ob nun von den Anarchisten veranlasst oder nicht, dies war die erste konstruktive und versöhnliche Geste der Bolschewiki seit dem Ausbruch des Aufstandes. Es ist daher bedauerlich, dass sie abgelehnt wurde. Voller Bitterkeit gegen eine Regierung, die gerade ihre Frauen und Kinder verhaftet hatte, antworteten die AufstĂ€ndischen, dass sie „dem ĂŒberparteilichen Status eurer ĂŒberparteilichen Vertreter nicht trauen.“ Stattdessen verlangten sie, dass die Petrograder Bevölkerung echte parteilose Arbeiter, Soldaten und Matrosen entsenden sollte, die in Anwesenheit von KronstĂ€dter Beobachtern ausgewĂ€hlt wĂŒrden, plus maximal 15 Prozent kommunistische Delegierte, die vom Petrograder Sowjet ernannt werden sollten. Diese Antwort, abrupt und unnachgiebig, erstickte den Vorschlag effektiv im Keim. Danach gab es keine weiteren BemĂŒhungen der Regierung, eine Einigung mit den AufstĂ€ndischen zu erzielen.“ Paul Avrich, Kronstadt 1921

Die aufstÀndischen Matrosen und Arbeiter stehen jetzt ganz alleine, den Verleumdungen der Bolschewiki ausgesetzt, nur noch ein Wunder kann ihre ernsthafte und kritische Lage retten. Alle revolutionÀren AnsÀtze, die sowohl die Herrschaft von Lenin und Trotzki, als auch von den Bolschewiki bedrohten oder in Frage stellten, sind mit Waffengewalt niedergestreckt worden. Die anarchistische Bewegung und die SozialrevolutionÀre waren die Ersten, die dies am eigenen Leibe erfuhren.

In der Ausgabe Nummer sechs der aufstĂ€ndischen Zeitung Izvestiia wurde am sechsten MĂ€rz prophetisch vorausgesehen und mit großer Acht gewarnt, dass „Ihr, GefĂ€hrten, feiert jetzt einen großen und unblutigen Sieg ĂŒber die kommunistische Diktatur, aber eure Feinde feiern mit euch. Die Motive eurer Freude und ihrer Freude sind jedoch völlig entgegengesetzt. WĂ€hrend ihr von dem brennenden Wunsch beseelt seid, die wirkliche Macht der Sowjets wiederherzustellen und von der edlen Hoffnung, dem Arbeiter freie Arbeit und dem Bauern das Recht zu geben, ĂŒber sein Land und die Produkte seiner Arbeit zu verfĂŒgen, sind sie von der Hoffnung beseelt, die zaristische Peitsche und die Privilegien der GenerĂ€le wiederherzustellen. Ihre Interessen sind andere, und deshalb sind sie keine MitlĂ€ufer von euch. Ihr wollt den Sturz der kommunistischen Herrschaft zum Zwecke des friedlichen Wiederaufbaus und der schöpferischen Arbeit; sie wollen ihn zur Versklavung der Arbeiter und Bauern. Ihr wollt die Freiheit; sie wollen euch wieder fesseln. Seid wachsam. Lasst die Wölfe im Schafspelz nicht an die BrĂŒcke des Steuermanns heran.“

Die letzten Aufrufe vor dem Sturm werden bald wie TrĂ€nen in einem Meer verloren gehen. „Am 6. MĂ€rz veröffentlichte Burtsevs Obshchee Delo, das halboffizielle Organ des Zentrums, einen leidenschaftlichen Appell an alle Emigrantengruppen, sich zur UnterstĂŒtzung der Rebellion zusammenzuschließen, um nicht die letzte Chance zur Rettung Russlands zu verpassen: Wir leben in einer Stunde, die sich nicht wiederholen wird. Ein untĂ€tiger Zeuge der Ereignisse zu bleiben, kommt nicht in Frage. Wir richten einen dringenden Appell an alle Russen und durch sie an unsere VerbĂŒndeten, den KronstĂ€dter RevolutionĂ€ren aktive materielle UnterstĂŒtzung zu gewĂ€hren. Gebt den AufstĂ€ndischen Waffen, sichert die Lebensmittel fĂŒr Petrograd. Der Kampf gegen die Bolschewiki ist unsere gemeinsame Sache! Wenn wir uns durch diese schrecklichen Tage quasseln, wenn wir uns nicht aus dem Sumpf der Debatten und Resolutionen herausziehen können, wehe uns, wehe Russland! Wenn Europa, das schon so viele Chancen verloren hat, auch diese verliert, dann wehe ihm, wehe der ganzen Welt!“ Paul Avrich, Kronstadt1921




Quelle: Panopticon.blackblogs.org