MĂ€rz 9, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Kronstadt Journal VIII

„Genossen, meine SchĂŒler der industriellen, Roten Armee und Seefahrt & Schulen!

Beinahe dreißig Jahre lebte ich in tiefer Liebe fĂŒr das Volk und brachte, soweit es in meinen KrĂ€ften lag, bis zur jetzigen Stunde Licht und Kenntnisse allen, die danach dĂŒrsteten. Die Revolution von 1917 gab meiner Arbeit grĂ¶ĂŸeren Spielraum, vermehrte meine TĂ€tigkeit, und ich widmete mich mit grĂ¶ĂŸter Energie dem Dienste meines Ideals.

Das kommunistische Schlagwort „Alles fĂŒr das Volk“ begeisterte mich mit seiner WĂŒrde und Schönheit, und im Februar 1920 trat ich in die Russische Kommunistische Partei als Kandidatin ein. Aber der „erste Schuß“, abgefeuert gegen die friedliche Bevölkerung, gegen meine innigst geliebten Kinder, von denen sich etwa siebentausend in Kronstadt befinden, erfĂŒllt mich mit dem Schrecken, man möchte mich als Teilhaberin an der Verantwortlichkeit fĂŒr das so vergossene Blut der Unschuldigen betrachten. Ich fĂŒhle, daß ich nicht lĂ€nger an das, das sich selbst durch eine teuflische Tat geschĂ€ndet hat, glauben und es propagieren kann. Daher habe ich mit dem ersten Schuß aufgehört, mich als Mitglied der Kommunistischen Partei zu betrachten.“ Maria Nikolajewna Schatel (Lehrerin). (Izvestia, Nr. 6, 8. MĂ€rz 1921.), aus Alexander Berkmans – Die Kronstadt Rebellion

Kaum hatten die KĂ€mpfe am 8. MĂ€rz begonnen, verkĂŒndete der Petrograder Sowjet triumphierend, dass die AufstĂ€ndischen bereits „in voller Flucht“ seien. Am selben Tag war Lenin bei der Eröffnungssitzung des Zehnten Parteitags in Moskau ebenso zuversichtlich ĂŒber den Ausgang. „Ich habe noch nicht die neuesten Nachrichten aus Kronstadt“, sagte er, „aber ich habe keinen Zweifel daran, dass dieser Aufstand, hinter dem sich die vertraute Gestalt des Generals der Weißen Garde abzeichnet, innerhalb der nĂ€chsten Tage, wenn nicht Stunden, liquidiert wird.“ Paul Avirch, Kronstadt 1921

„Lenin schwieg ĂŒber Kronstadt bis zum 8. MĂ€rz, bis zu seiner zweiten Rede auf dem Zehnten Parteitag, bis zu dem Zeitpunkt, als die Bolschewiki begannen, Kronstadt zu bombardieren, was am 7. MĂ€rz um 18.45 Uhr geschah. Es gab einen Grund fĂŒr Lenins Schweigen: Er bereitete die grĂ¶ĂŸte und blutigste Provokation vor, er tat alles, was möglich war, um die KronstĂ€dter zu einer bewaffneten Selbstverteidigung zu provozieren, die er als eine von französischen Kapitalisten, Weißgardisten und ihren GenerĂ€len angezettelte Rebellion erklĂ€ren konnte. In Kronstadt gab es jedoch weder eine Rebellion noch ein Komplott, und niemand hatte im Sinn, etwas in dieser Art vorzubereiten. Lenin provozierte um der Parteiinteressen willen, um des Absolutismus der Partei und seiner eigenen Person willen absichtlich die Matrosen, Rotarmisten und Arbeiter von Kronstadt dazu, zu ihrer eigenen Verteidigung zu den Waffen zu greifen.

Der zehnte Parteitag begann am 8. MĂ€rz und endete am 16. MĂ€rz 1921. In seiner „Eröffnungsrede“ versĂ€umte es Lenin natĂŒrlich nicht, die Diskussion abzukĂŒrzen, indem er die Delegierten auf die Gefahr hinwies, die von Parteistreitigkeiten und Meinungsverschiedenheiten ausging; und natĂŒrlich rief er zur Einheit auf, was fĂŒr ihn die Stabilisierung des Status quo der Partei bedeutete.

„Ihr, Genossen, mĂŒsst wissen“, erklĂ€rte er, „dass alle unsere Feinde, und ihr Name ist Legion – unzĂ€hlige auslĂ€ndische Publikationen wiederholen und verstĂ€rken die zahllosen GerĂŒchte, die unsere bourgeoisen und petite-bourgeoise Feinde hier in der Sowjetrepublik in Umlauf bringen, nĂ€mlich: wenn es Diskussionen gibt, bedeutet das, dass es Streit gibt; wenn es Streit gibt, muss es Uneinigkeit geben; und Uneinigkeit bedeutet, dass die Kommunisten geschwĂ€cht sind und die Zeit gekommen ist, ihre SchwĂ€che auszunutzen. Dies ist die Losung einer uns feindlich gesinnten Welt geworden. Wir dĂŒrfen das nicht einen einzigen Moment lang vergessen. Wir mĂŒssen zeigen, dass wir, welchen Luxus der Diskussion wir uns in der Vergangenheit zu Recht oder zu Unrecht auch immer erlaubt haben, jetzt die Notwendigkeit einer grĂ¶ĂŸeren Harmonie und Einheit als je zuvor erkennen. Wir mĂŒssen uns, nachdem wir die FĂŒlle der Plattformen, Schattierungen, feinen Abstufungen der Meinungen auf unserem Parteitag gebĂŒhrend berĂŒcksichtigt haben, sagen, dass wir, so sehr wir hier auch uneins und zerstritten sein mögen, so viele Feinde haben und die Aufgabe, vor der die Diktatur des Proletariats in einem bĂ€uerlichen Land steht, so groß ist, dass formale SolidaritĂ€t nicht genĂŒgt. Von nun an können wir uns nicht die geringste Spur von Fraktionierung leisten, egal wo und wie sie in der Vergangenheit aufgetreten sein mag.“ Grigori Petrowitsch Maximow, Die Guillotine bei der Arbeit

Der Leitartikel in der Iswestija vom 8. MĂ€rz analysiert diesen verhĂ€ngnisvollen „ersten Schuss“ wie folgt. „Sie begannen die Bombardierung von Kronstadt. Nun, so sei es; wir sind bereit. Wir werden unsere KrĂ€fte messen.“

„Sie beeilen sich zu handeln, und ja, sie sind gezwungen, sich zu beeilen. Die WerktĂ€tigen Russlands begreifen trotz aller kommunistischen LĂŒgen, welch große Anstrengung der Befreiung aus dreijĂ€hriger Sklaverei im revolutionĂ€ren Kronstadt geschaffen wird. Die SchlĂ€chter sind entnervt. Das Opfer ihrer schamlosen BestialitĂ€t, Sowjetrussland, entschlĂŒpft ihrer Folterkammer, und mit ihr entschlĂŒpft die Herrschaft ĂŒber das werktĂ€tige Volk endgĂŒltig aus ihren verbrecherischen HĂ€nden.“

„Die kommunistische Regierung wird ein SOS senden. Das wochenlange Bestehen des freien Kronstadt ist der Beweis fĂŒr ihre Machtlosigkeit. Noch ein Augenblick und die wĂŒrdige Antwort unserer ruhmreichen revolutionĂ€ren Schiffe und Festungen wird das Schiff der sowjetischen Piraten versenken. Sie sind zum Kampf mit dem revolutionĂ€ren Kronstadt gezwungen, das die Fahne ‚Macht den Sowjets und nicht den Parteien‘ erhoben hat.“ Stepan Petritschenko, Die Wahrheit ĂŒber Kronstadt

In der Nr. 6 der Izvestia, 8. MĂ€rz, stand im Leitartikel: „FĂŒr was wir kĂ€mpfen“ folgendes:

„Die Arbeiterklasse hatte gehofft, durch die Oktoberrevolution ihre Befreiung zu erreichen. Aber es folgte eine nur noch grĂ¶ĂŸere Versklavung der menschlichen Persönlichkeit.

Die Macht der Polizei- und Gendarmeriemonarchie fiel in die HĂ€nde von Usurpatoren – den Kommunisten – die, statt dem Volk Freiheit zu geben, ihm nur die bestĂ€ndige Furcht der Tscheka einflĂ¶ĂŸten, die durch ihre Greuel Selbst das Gendarmenregime des Zarismus ĂŒbertrifft. 
 Am schlechtesten und verbrecherischsten von allem ist die geistige Kabale der Kommunisten: sie legten ihre Hand auch auf die innere Welt der arbeitenden Massen und zwangen jeden, nach der kommunistischen Vorschrift zu denken.


 Das Rußland der mĂŒhselig Arbeitenden, das zuerst das rote Banner der Befreiung der Arbeit erhob, ist durchtrĂ€nkt vom Blut der fĂŒr den grĂ¶ĂŸeren Ruhm der kommunistischen Herrschaft gefallenen MĂ€rtyrer. In diesem Meer von Blut ertrĂ€nken die Kommunisten alle glĂ€nzenden Versprechungen und Möglichkeiten der Arbeiterrevolution. Es ist jetzt klar geworden, daß die Russische Kommunistische Partei nicht der Verteidiger der Arbeitermassen ist, der sie zu sein sich ausgibt. Die Interessen des arbeitenden Volkes sind ihr fremd. Sie hat die Macht gewonnen und fĂŒrchtet jetzt nur, sie zu verlieren und hĂ€lt daher alle Mittel fĂŒr erlaubt: Ehrabschneidung, TĂ€uschung, GewalttĂ€tigkeit, Mord und Rache an den Familien der Rebellen.

Die lange leidende Geduld ist zu Ende. Da und dort wird das Land erleuchtet vom Feuer der Rebellion im Kampf gegen UnterdrĂŒckung und Gewalt. Die Streiks von Arbeitern haben sich vervielfĂ€ltigt, aber das bolschewistische Polizeiregime hat alle Vorkehrungen gegen den Ausbruch der unvermeidlichen dritten Revolution getroffen.

Trotz alledem aber ist sie gekommen und wird von den HĂ€nden der arbeitenden Massen gemacht. Die Generale des Kommunismus sehen klar, daß es das Volk ist, das sich erhoben hat, das Volk, das zur Überzeugung gelangt ist, daß die Kommunisten die Ideen des Sozialismus verraten haben. FĂŒr ihre Sicherheit fĂŒrchtend und wohl wissend, daß nirgends ein Platz ist, wo sie sich vor dem Zorn der Arbeiter verbergen können, versuchen die Kommunisten noch immer die Rebellen durch GefĂ€ngnis, Erschießen und andere Barbareien zu terrorisieren. Aber unter der kommunistischen Diktatur zu leben ist schrecklicher als der Tod 
..

Es gibt keinen Mittelweg. Siegen oder sterben! Das Beispiel ist von Kronstadt gegeben, das der Schrecken der Gegenrevolution von rechts und von links ist. Hier hat die große revolutionĂ€re Tat stattgefunden. Hier ist das Banner der Rebellion gegen die dreijĂ€hrige Tyrannei und UnterdrĂŒckung der kommunistischen Autokratie erhoben, welche den dreihundertjĂ€hrigen Despotismus des Monarchismus in den Schatten gestellt hat. Hier in Kronstadt wurde der Eckstein der Dritten Revolution gelegt, welche die letzten Ketten des Arbeiters brechen und den neuen, breiten Weg zu sozialistischer schöpferischer TĂ€tigkeit eröffnen soll.

Diese neue Revolution wird die Massen im Osten und Westen erwecken und als Beispiel neuer sozialistischer AufbautĂ€tigkeit dienen, als GegenstĂŒck zum regierungsmĂ€ĂŸigen, fix und fertigen, kommunistischen „Aufbau“. Die arbeitenden Massen werden lernen, daß das bisher im Namen der Arbeiter und Bauern Geschehene nicht Sozialismus war.

Ohne einen einzigen Schuß abzufeuern, ohne einen Tropfen Blut zu vergießen, ist der erste Schritt geschehen. Die arbeiten, brauchen kein Blut, sie werden es nur zur Selbstverteidigung vergießen

 Die Arbeiter und Bauern marschieren vorwĂ€rts: sie lassen hinter sich die utschredilka (Konstituierende Versammlung) mit ihrem Bourgeoisregime und die Diktatur der Kommunistischen Partei mit ihrer Tscheka und ihrem Staatskapitalismus, die um den Hals der Arbeiter die Schlinge gelegt haben und sie zu Tode zu wĂŒrgen drohen.

Der gegenwĂ€rtige Wechsel gibt den arbeitenden Massen Gelegenheit, sich endlich freigewĂ€hlte Sowjets zu sichern, die ohne Furcht vor der Parteipeitsche funktionieren werden; sie können jetzt die von der Regierung beherrschten Arbeitergesellschaften zu freiwilligen Assoziationen von Arbeitern, Bauern und arbeitenden Intelligenzleuten umgestalten. Endlich ist der PolizeiknĂŒppel der kommunistischen Autokratie zerbrochen.“

In einem weiteren Artikel der Nr. 6 der Izvestia, der am 8. MÀrz, veröffentlicht wurde stand dass:

„Der erste Schuß ist gefallen. 
 Knietief im Blut der Arbeiter stehend eröffnete Marschall Trotzki zuerst das Feuer gegen das revolutionĂ€re Kronstadt, das sich gegen die Autokratie der Kommunisten erhoben hat, um die wahre Macht der Sowjets zu begrĂŒnden.

Ohne einen Tropfen Blut zu vergießen hatten wir, MĂ€nner der Roten Armee, Matrosen und Arbeiter von Kronstadt, uns von dem Joch der Kommunisten befreit und haben sogar deren Leben erhalten. Durch die Drohung mit Artillerie wollen sie uns jetzt wieder ihrer Tyrannei unterwerfen.

Da wir kein Blutvergießen wĂŒnschen, ersuchten wir, daß parteilose Delegierte des Petrograder Proletariats zu uns geschickt wĂŒrden, um zu erfahren, daß Kronstadt fĂŒr die Macht der Sowjets kĂ€mpft. Aber die Kommunisten haben unsere Forderung den Petrograder Arbeitern vorenthalten und haben jetzt das Feuer eröffnet – die gewöhnliche Antwort der Pseudo-Arbeiter- und Bauernregierung auf die Forderungen der arbeitenden Massen.

Mögen die Arbeiter der ganzen Welt wissen, daß wir, die Verteidiger der Sowjetmacht, die Eroberungen der Sozialen Revolution bewachen.

Wir werden siegen oder unter den Ruinen von Kronstadt untergehen, im Kampf fĂŒr die gerechte Sache der arbeitenden Massen.

Die Arbeiter der Welt werden unsere Richter sein. Das Blut der Unschuldigen wird auf die HÀupter der autoritÀtstrunkenen kommunistischen Fanatiker fallen.

Es lebe die Macht der Sowjets!“

„Was war also zu tun? Wie konnte die Revolution auf ihren ursprĂŒnglichen Weg zurĂŒckgefĂŒhrt werden? Bis zum 8. MĂ€rz, als die Bolschewiki ihren ersten Angriff starteten, hofften die AufstĂ€ndischen weiterhin auf friedliche Reformen. Überzeugt von der Rechtschaffenheit ihrer Sache, waren sie zuversichtlich, die UnterstĂŒtzung des ganzen Landes – und insbesondere Petrograds – zu gewinnen, um die Regierung zu politischen und wirtschaftlichen ZugestĂ€ndnissen zu zwingen. Der Angriff der Kommunisten markierte jedoch eine neue Phase in der Rebellion. Jede Chance auf Verhandlungen und Kompromisse kam zu einem abrupten Ende. Gewalt blieb der einzige Weg, der beiden Seiten offenstand. Am 8. MĂ€rz verkĂŒndeten die Matrosen eine neue Losung: Sie appellierten an die gesamte russische Bevölkerung, sich ihnen in einer „dritten Revolution“ anzuschließen, um die im Februar und Oktober 1917 begonnene Arbeit zu beenden: „Die Arbeiter und Bauern marschieren unerschĂŒtterlich vorwĂ€rts und lassen sowohl die Konstituierende Versammlung mit ihrem bĂŒrgerlichen Regime als auch die Diktatur der Kommunistischen Partei mit ihrer Tscheka und ihrem Staatskapitalismus hinter sich, deren Henkersnase sich um die HĂ€lse der WerktĂ€tigen legt und sie zu erdrosseln droht. 
. Hier in Kronstadt ist der erste Stein der dritten Revolution gelegt worden, der die letzten Fesseln von den werktĂ€tigen Massen sprengt und einen breiten neuen Weg fĂŒr das sozialistische Schaffen eröffnet.“ Paul Avrich, Kronstadt 1921




Quelle: Panopticon.blackblogs.org