MĂ€rz 19, 2021
Von Soligruppe FĂŒr Gefangene
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Kronstadt Journal XVIII

Als die Sowjetunion ihre eigene Pariser Kommune niederschoss und Lenin Thiers Rolle kulminierte, vollendete und jeden RevolutionÀren auf der Welt eine Warnung schickte


„Hegel bemerkte irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufĂŒgen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“ Karl Marx, 18 Brumaire

Wir haben dieses Zitat von Marx schon in vielen unserer Texten verwendet, nicht nur weil wir dieses Zitat als zutreffend finden, sondern als eine Erinnerung. Diese Erinnerung jÀhrt sich heute doppelt, dreifach, ja sogar vierfach, alles als Tragödie und als Farce zugleich, sei es durch den Zufall der Geschichte oder durch bewusste Handlungen.

Heute feiern wir den Anfang der Pariser Kommune, von der Bakunin sagte, „(
) ich bin ihr AnhĂ€nger hauptsĂ€chlich deshalb, weil sie eine mutige, entschiedene Verneinung des Staates war.“ Wir feiern diesen Tag als Erinnerung, als Bekundung unserer historischen Intention, den Staat-Kapital zu vernichten. Diese sollte am 28. Mai von den Truppen der III. Französischen Republik niedergewalzt werden, eben jener Regierung die die Herrschaft des Napoleons des III nicht beendete, sondern nur ĂŒbernahm. AngefĂŒhrt und befehligt durch ihren PrĂ€sidenten Thiers. Thiers war ein großer Staatsmann, er verstand was auf dem Spiel stand und warum die Pariser Kommune niedergeschossen werden musste, auch wenn er ganz Paris hĂ€tte niederbrennen mĂŒssen. FĂŒr den Erhalt ihrer Macht ist der herrschenden Klasse kein Preis zu groß.

Wir feiern heute den Beginn eines wichtigen revolutionÀren Moments in der modernen Geschichte. Doch genau 50 Jahre spÀter fand ein Ereignis statt, das der Pariser Kommune nicht fern stand.

Heute vor hundert Jahre beendete die Rote Armee unter der AnfĂŒhrung von Trotzki und Tuchatschewski1 den Aufstand der KronstĂ€dter Matrosen. Die Sowjetunion sollte eine RĂ€tebewegung ohne Kommunisten sein, die nur durch die Herrschaft der einzigen Partei gelenkt werden sollte. Am 17. MĂ€rz wĂŒrde die Rote Armee die Insel einnehmen und ein erbitterter Kampf wĂŒrde ĂŒber Stunden lang andauern. Offiziell gibt es verschiedene Meinungen, wann wirklich der Aufstand von Kronstadt niedergestreckt worden sei, einige meinen er sei durch den militĂ€rischen Sieg am 17. MĂ€rz beendet worden. Da die Tscheka bis in den 18. MĂ€rz – und dies den ganzen Tag lang – sich mit der Erschießung der AufstĂ€ndischen beschĂ€ftigen wĂŒrde, ist fĂŒr uns dieser Tag und nur dieser, sprich der 18. MĂ€rz, der Tag welcher das Siegel der Besiegten mit Blei besiegelte.

Ohne RevolutionĂ€re auf die die Sowjetunion noch schießen konnte, vorerst zunĂ€chst, stand Lenin und seinen Lakaien nichts mehr im Weg und sie konnten den Kapitalismus so gestalten, wie sie wollten, sie nannten es nur Sozialismus.

Wir beenden hiermit unsere Reihe zu Kronstadt, dieses schmerzvolle Kapitel der revolutionĂ€ren Geschichte, eine Niederlage, bei der heute die Sieger und nicht die Besiegten gefeiert werden, welche heute bewusst oder unbewusst von den meisten radikalen Linken des Kapitals gefeiert wird. DarĂŒber trauern wir natĂŒrlich nicht, sondern lachen entweder ĂŒber deren reaktionĂ€ren Charakter oder deren stupide Haltung, auf die wir sowohl als auch spucken.

In den Zitaten, die wir fĂŒr diese Reihe ausgesucht haben, finden sich heute genĂŒgend Hinweise und BezĂŒge auf die Feiern die heute vor hundert Jahren in Petrograd wĂ€hrend des X. Parteitages der Bolschewiki gehalten wurden. Zwei Jahre spĂ€ter verkĂŒndete die Internationale Rote Hilfe, diesen Tag als den Tag der politischen Gefangenen. Genaueres dazu berichteten wir schon vor einiger Zeit in diesem Artikel, hier oder hier zu lesen. Wir wollen nun keine Sachen wiederholen.

Nur vielleicht auf die Tatsache hinweisen, dass 31 Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion viele Menschen deren Ideologie immer noch reproduzieren und sie nicht mal den Marxismus-Leninismus verteidigen, aber heute spucken sie auf die AufstĂ€ndischen Matrosen von Kronstadt, heute spucken sie auf die Idee der sozialen Revolution, ohne AnfĂŒhrer und ohne Avantgarde.

Wie beim Zitat mit dem wir diesen Text beginnen, alles wiederholt sich zwei Mal, als Tragödie und als Farce. Nun, die jetzige Farce ist nicht nur eine Farce, sondern der erbĂ€rmliche Sieg der Konterrevolution, der uns nur mahnt dass die Feinde der Revolution ĂŒberall zu finden sind.

FĂŒr die sozialen Revolution!

Es lebe die Anarchie!

Aufstand und noch mehr Aufstand!

Nieder mit dem Leninismus, seinen AnhÀngern und allen Trotteln die heute denken, es gÀbe wirklich was zu feiern!

PS: die Überraschung die wir versprochen haben, ist die Transkription des Textes von Ida MettÂŽs, Kommune von Kronstadt und die vollstĂ€ndige Übersetzung von Emma GoldmanÂŽs Text Trotzki protestiert zu viel.


„In den frĂŒhen Morgenstunden des 18. MĂ€rz besetzten Detachements von Kursanty die beiden Schlachtschiffe. In der Zwischenzeit ergaben sich auch die restlichen AufstĂ€ndischen, abgesehen von einigen wenigen Unverbesserlichen, so dass am Mittag des 18. MĂ€rz die Festungen und Schiffe sowie fast die gesamte Stadt in der Hand der Regierung waren. Es blieb nur noch, die vereinzelten Gruppen von Verteidigern aufzusammeln, die noch aushielten. Im Laufe des Nachmittags wurde der letzte Widerstand ĂŒberwunden, und die GeschĂŒtze von Kronstadt verstummten.“ Paul Avrich, 1921 Kronstadt

„Am nĂ€chsten Morgen, dem 18. MĂ€rz, trugen die Petrograder Zeitungen Schlagzeilen, die an den fĂŒnfzigsten Jahrestag der Pariser Kommune erinnerten. Bands spielten militĂ€rische Melodien und Kommunisten paradierten in den Straßen und sangen die „Internationale“. „Ihre Töne“, notierte Goldman, „einst jubelnd in meinen Ohren, klangen jetzt wie ein Trauerspiel fĂŒr die flammende Hoffnung der Menschheit.“ Berkman machte einen bitteren Eintrag in sein Tagebuch: „Die Sieger feiern den Jahrestag der Kommune von 1871. Trotzki und Sinowjew prangern Thiers und Gallifet fĂŒr das Abschlachten der Pariser Rebellen an.“ Paul Avrich, 1921 Kronstadt

„Schließlich bleibt noch, das Schicksal der KronstĂ€dter Überlebenden zu beschreiben. Keiner der gefangenen AufstĂ€ndischen erhielt eine öffentliche Anhörung. Von mehr als 2.000 Gefangenen, die wĂ€hrend des Kampfes gemacht wurden, wurden 13 ausgewĂ€hlt, um unter Ausschluss der Öffentlichkeit als RĂ€delsfĂŒhrer der Meuterei verurteilt zu werden. Um den Fall einer konterrevolutionĂ€ren Verschwörung zu untermauern, gab sich die sowjetische Presse MĂŒhe, ihre soziale Herkunft zu betonen: 5 waren ehemalige Marineoffiziere von adliger Geburt, 1 ein ehemaliger Priester und 7 von bĂ€uerlicher Herkunft. Ihre Namen sind unbekannt: Keiner gehörte dem Revolutionskomitee an, von dessen vier Mitgliedern – Walk, Pawlow, Perepelkin und Vershinin – bekannt ist, dass sie in Regierungshaft waren, und keiner gehörte zu den „MilitĂ€rspezialisten“, die eine beratende Rolle im Aufstand spielten. Immerhin wurden die 13 „RĂ€delsfĂŒhrer“ am 20. MĂ€rz vor Gericht gestellt und zur Hinrichtung verurteilt. Von den ĂŒbrigen Gefangenen sollen mehrere hundert sofort in Kronstadt erschossen worden sein. Der Rest wurde von der Tscheka in ihre GefĂ€ngnisse auf dem Festland gebracht. In Petrograd waren die GefĂ€ngnisse ĂŒberfĂŒllt, und ĂŒber einen Zeitraum von mehreren Monaten wurden Hunderte von Rebellen in kleinen Gruppen herausgeholt und erschossen. Darunter befand sich auch Perepelkin, den Fjodor Dan beim Exerzieren in seinem GefĂ€ngnishof kennengelernt hatte. Vor seiner Hinrichtung verfasste er einen detaillierten Bericht ĂŒber den Aufstand, aber was daraus wurde, wusste Dan nicht. 53 Andere wurden in Konzentrationslager geschickt, wie das berĂŒchtigte Solovki-GefĂ€ngnis am Weißen Meer, und zu Zwangsarbeit verurteilt, was fĂŒr viele einen langsamen Tod durch Hunger, Erschöpfung und Krankheit bedeutete. In einigen FĂ€llen erlitten die Familien der AufstĂ€ndischen ein Ă€hnliches Schicksal. Koslowskis Frau und seine beiden Söhne, die Anfang MĂ€rz als Geiseln genommen worden waren, kamen in ein Konzentrationslager; nur seine zweijĂ€hrige Tochter blieb verschont.“ Paul Avrich, 1921 Kronstadt

„Am 17. MĂ€rz verkĂŒndete die kommunistische Regierung ihren „Sieg“ ĂŒber das KronstĂ€dter Proletariat und am 18. MĂ€rz gedachte sie den MĂ€rtyrer der Pariser Kommune. Allen, die stumme Zeugen der von den Bolschewiki begangenen GrĂ€ueltaten geworden waren, war klar, dass das Verbrechen gegen Kronstadt viel schlimmer als das Massaker der Kommunarden 1871 gewesen war, da es im Namen der Sozialen Revolution, im Namen der Sozialistischen Republik verĂŒbt worden war. Die Geschichte kann nicht getĂ€uscht werden. In den Annalen der Russischen Revolution werden die Namen Trotzkis, Sinowjews und Dybenkos denen von Thiers und Gallifet hinzugefĂŒgt werden.“ Emma Goldman, Meine zwei Jahre in Russland

„Am 18. MĂ€rz feierten die Bolschewiki das Andenken der Pariser Kommune und in derselben Zeit – O Ironie der Hölle – ihren Sieg ĂŒber Kronstadt. Über 14.000 Leichen waren das Ergebnis dieses „Sieges“. Und die Geschichte schrieb quer ĂŒber den Namen der Kommunistischen Partei Rußlands die Worte: Der Judas der Revolution.“ Alexander Berkman, der bolschewistische Mythos

„Am 18. MĂ€rz feierten die Bolschewikenregierung und die Russische Kommunistische Partei öffentlich die Erinnerung an die Pariser Kommune von 1871, die von Gallifet und Thiers im Blut der französischen Arbeiter ertrĂ€nkt wurde. Zur gleichen Zeit feierten sie den „Sieg“ ĂŒber Kronstadt.

Einige Wochen hindurch waren die Petrograder GefĂ€ngnisse mit Hunderten Gefangenen aus Kronstadt angefĂŒllt. Jede Nacht wurden kleine Gruppen derselben auf Befehl der Tscheka herausgenommen und verschwanden, – um nie mehr lebend gesehen zu werden. Unter den letzten der Erschossenen war Perepelkin, Mitglied des Provisorischen RevolutionĂ€ren Komitees von Kronstadt.

Die GefĂ€ngnisse und Konzentrationslager in dem eisigen Distrikt von Archangelsk und Kerker im fernen Turkestan töten langsam die MĂ€nner von Kronstadt, die sich gegen die BolschewikenbĂŒrokratie erhoben und im MĂ€rz 1921 das Wort der Revolution vom Oktober 1917 proklamiert hatten: „Alle Macht den Sowjets!““ Alexander Berkman, Die Kronstadt Rebellion




Quelle: Panopticon.blackblogs.org