Januar 9, 2022
Von Die Plattform Trier
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AnlĂ€sslich des 9. Jahrestags der Ermordung der kurdischen FreiheitskĂ€mpferinnen Sara, RojbĂźn und RonahĂź am 9.1.2013 in Paris haben wir heute an der Gedenkdemonstration des kurdischen Gesellschaftszentrums SaarbrĂŒcken teilgenommen. Gemeinsam mit insgesamt ca. 80 Freund_innen und Genoss_innen brachten wir unsere SolidaritĂ€t mit der kurdischen Revolution und insbesondere dem Frauenfreiheitskampf zum Ausdruck. Im nachfolgenden Redebeitrag setzen wir uns mit dem Potential dieser Bewegung als Lernfeld fĂŒr die radikale deutsche Linke und ihrer weltweiten Bedeutung auseinander. Wir hoffen, dass wir auch in Zukunft den Austausch und die gemeinsame politische Arbeit lebendig halten. ƞehĂźd namirin – Die Gefallenen sind unsterblich!

Unser Beitrag:

Hallo liebe Freund*innen, Auch wir Gedenken Sakine Cansız , Fidan Doğan und Leyla ƞaylemez. Wir fordern Gerechtigkeit und die bedingungslose AufklĂ€rung ihres Todes! wir freuen uns ĂŒber die Einladung, heute als feministische Anarchistinnen hier zu sprechen. Wir arbeiten in verschiedenen politischen Gruppen und sehen große Chancen fĂŒr die deutsche radikale Linke darin, von der kurdischen Frauenbewegung zu lernen. Sakine Cansız und viele ihrer Genossinnen haben eine Revolution angestoßen, die bis heute weitergetragen wird. Eine Revolution der Gesellschaft, der GeschlechterverhĂ€ltnisse und der einzelnen Menschen, die gemeinsam eine freieres und gerechteres Leben anstreben. Sie haben uns gezeigt, wie wichtig es ist, die SolidaritĂ€t und den Zusammenschluss von Betroffenen zu stĂ€rken, statt die Spaltung und Vereinzelung durch patriarchale Gewalt, kapitalistischer Ausbeutung und Krieg hinzunehmen.

Ihre Erfahrungen machen Mut, auch gegenĂŒber staatlicher Repression oder Folter standhaft zu bleiben und fĂŒr Menschenrechte einzustehen! Ihr Vorbild zeigt uns die Kraft der Wut und der Gemeinschaft, die entsteht, wenn sich verzweifelte und ohnmĂ€chtige Menschen zusammentun und nicht lĂ€nger allein fĂŒr ihre Rechte und gegen die systematische Gewalt kĂ€mpfen. Damit Menschen sich zusammentun und organisieren, braucht es Öffentlichkeitsarbeit und Vernetzung. Wir mĂŒssen dran bleiben – mit unseren Inhalten auf die Straße und in die Medien gehen und die einzelnen Menschen erreichen. Wir mĂŒssen ihnen eine Alternative zum bestehenden, gewaltvollen System anbieten und sie einladen, sich anzuschließen, um selbstbestimmt leben zu können!

Der Freiheitskampf der Kurdinnen ist Ă€hnlich wie die Bewegung der Zapatista-Frauen im mexikanischen Chiapas von internationaler Bedeutung fĂŒr FLINTA weltweit – also Frauen, Lesben, inter, nicht-binĂ€re, trans und agender-Personen. Der Erhalt und Ausbau paralleler Strukturen (quasi FLINTA-SchutzrĂ€ume im großen Stil), wie er beispielsweise im irakischen Gebiet der Kandil-Berge stattfindet, schafft die Möglichkeit, fernab von patriarchaler und kapitalistischer Gewalt, ein in jeder Hinsicht nachhaltiges Leben zu fĂŒhren – in Einklang mit der Natur und in solidarischer, gleichberechtigter und freier Gemeinschaft. Hier lernen und organisieren sich die VorkĂ€mpferinnen der Gesellschaft. Ihre Bildung und Ausbildung in ideologischer, kultureller, handwerklicher und militĂ€rischer Weise bildet den Grundstein fĂŒr eine egalitĂ€re, sozialistische und feministische Haltung, die zum Ziel hat, auf den Idealen von Freiheit, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung, eine demokratische Autonomie in der gesellschaftlichen Organisation zu erschaffen. Das VerstĂ€ndnis von Grundbildung als notwendiger Teil von Selbstbestimmung und Selbstverteidigung, bietet ebenfalls einen alternativen, feministischen Ansatz fĂŒr militante Organisierung.

Denn um fĂ€higer Teil einer Selbstverteidigungseinheit zu sein, braucht es zwingend eine Auseinandersetzung mit struktureller UnterdrĂŒckung und Reflexion der eigenen GlaubenssĂ€tze. Auch das Erlernen einer kritikoffenen Haltung und eines direkten Umgangs untereinander fördert ein Miteinander, in dem statt Leistungsdruck und Konkurrenz, persönliches Potential und die gegenseitige UnterstĂŒtzung dabei, bessere RevolutionĂ€rinnen zu werden, im Vordergrund stehen. Die YPJ und der Verband der Frauenkampfeinheiten YJA-Star bieten uns dadurch einen völlig neuen und vor allem antipatriarchalen Zugang zu Militanz als Selbstbehauptung und Verteidigung, und gleichzeitig als Übungsfeld fĂŒr die befreite Gesellschaft. Schließlich beruft sich die kurdische Frauenbewegung auf eine Analyse des Zusammenspiels von Patriarchat und Kapitalismus und fordert eine kritische Auseinandersetzung mit MĂ€nnlichkeit beziehungsweise toxisch-mĂ€nnlicher Dominanz.

Was in der kurdischen Selbstverwaltung in Form von „Akademien zur Umerziehung“ oder regelmĂ€ĂŸigen Selbstkritikseminaren fĂŒr MĂ€nner inzwischen etabliert und institutionalisiert wurde, ist in der deutschen Linken in vergleichbarem Ausmaß nicht zu finden: Dazu zĂ€hlen die intensive BeschĂ€ftigung mit Politik und Geschichte aus der unterdrĂŒckten „weiblichen“ Perspektive, eine entsprechende individuelle und gesellschaftliche VerĂ€nderung der persönlichen Haltung und Handlungen und des GeschlechterverhĂ€ltnisses im privaten und öffentlichen Raum. Sichtbare Erfolge des kurdischen Frauenbefreiungskampfs sind zum Beispiel die paritĂ€tische und diverse Besetzung aller Gremien und Entscheidungspositionen in Bezug auf Geschlecht, Ethnie und Religion und die Ablehnung von insbesondere mĂ€nnlicher Herrschaft und Stellvertreter auf allen Ebenen. Unsere kurdischen Freundinnen fĂŒhren diesen Kampf seit Jahrzehnten gegen die Ă€ußeren Feinde wie dem tĂŒrkischen Staat oder den Daesh, aber sie kĂ€mpfen erst recht gegen die jahrhundertealten patriarchalen Traditionen – auch in den eigenen Reihen. Doch es ist nicht nur IHR Kampf, es ist der Kampf aller FLINTA weltweit, die das gewaltvolle System von Patriarchat und Kapitalismus nicht lĂ€nger ertragen! Und es ist der Kampf aller revolutionĂ€ren KrĂ€fte, sich mit dem eigenen GeschlechterverstĂ€ndnis zu beschĂ€ftigen, um eine wirklich befreite Gesellschaft aufzubauen!

Lasst uns diese KĂ€mpfe gemeinsam fĂŒhren und lasst uns feministische SolidaritĂ€t in der Welt verankern!
Jin Jiyan Azadü! (Frauen – Leben – Freiheit!)




Quelle: Trier.dieplattform.org