Mai 5, 2022
Von Emrawi
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Chancengleichheit heißt, dass Teilnehmer in einem Wettbewerb gleiche Ausgangsbedingungen haben. Wenn von Chancengleichheit die Rede ist, ist Wettbewerb also vorausgesetzt. Wettbewerb heißt Konkurrenz, Konkurrenz heißt Gewinner und Verlierer. Chance bedeutet ja schon Möglichkeit etwas zu realisieren – im Gegensatz zu Sicherheit. Wenn fĂŒr eine Reihe von Leuten durch vergleichsweises Antreten gegeneinander die Möglichkeit besteht, etwas zu bekommen oder zu erreichen, bedeutet das: ein Teil dieser Leute wird das nicht bekommen. Es werden auf jeden Fall welche leer ausgehen.

Das Fordern von Chancengleichheit, zum Beispiel von Gewerkschaften, passiert hĂ€ufig im Bewusstsein, damit etwas gegen „Ungerechtigkeiten“ zu tun. Das bezieht sich vor allem auf das Bildungswesen und den Arbeitsmarkt. Ziel ist, dass Benachteiligte bessere Chancen fĂŒr Aufstieg und Erfolg haben. Dazu sollen sie unterstĂŒtzt bzw. Diskriminierungen eliminiert oder ausgeglichen werden.

Dabei mag es die Vorstellung geben, dass alle irgendwie gewinnen könnten. Das ist in einem selektiven Bildungswesen und einem kapitalistischen Arbeitsmarkt nicht möglich. Es steht bereits vorher fest, dass bestimmte Anteile von Leuten von Möglichkeiten zu Bildung ausgeschlossen werden; es steht auch fest, dass es Arbeit und damit Lohn höchstens fĂŒr so viel Leute gibt, wie von Unternehmen je nach ihren Interessen nachgefragt werden. Wenn man im Sinne eines Ausgleichs oder einer Förderung fĂŒr Chancengleichheit eintritt, heißt das daher: Verlierer*innen gibts weiterhin, aber das sollen die sein, die das Verlieren entsprechend der MaßstĂ€be der jeweiligen Konkurrenz „wirklich verdienen“ – weil sie anhand dieser MaßstĂ€be die Schlechteren sind. Gewinnen sollen nur die, die das umgekehrt „verdienen“.

Dazu kommt, dass mit dieser Forderung die jeweilige Konkurrenz mit dem, worum es da geht und wie sie funktioniert, abgesegnet wird. FĂŒr Schule heißt das: Kinder aus bildungsfernen Milieus sollen gefördert werden, damit sie gleiche Chancen auf höhere AbschlĂŒsse haben. Was damit unter der Hand akzeptiert wird: Lernen funktioniert in der Schule ĂŒber Wettbewerb und Selektion. Inhalte werden portioniert und als Lernziele vorausgesetzt. Sie mĂŒssen in einer bestimmten Zeit eingeprĂ€gt bzw. verstanden sein.

Ein solches Bildungssystem ist sinnvoll fĂŒr eine Gesellschaft, in der es eine Berufshierarchie mit schlecht bezahlten, harten Jobs, bis zu wenigen Gut-bezahlten gibt und in der junge Menschen frĂŒher oder spĂ€ter nach Oben und Unten verteilt werden. FĂŒrs Lernen und die Entwicklung von Menschen ist das schlecht. Leistungsdruck und VersagensĂ€ngste gehören dazu. Dieses System wird vom Staat eingerichtet, der Interesse an der fĂŒr die Ökonomie und das gesellschaftliche Leben notwendigen Sortierung des Nachwuchses hat.

Und beim Arbeitsmarkt: Unternehmen suchen Arbeitnehmer*innen entsprechend ihres gewinntrĂ€chtigen Kapitaleinsatzes und ihres Wachstums. Eingestellt wird, wer fĂŒr die Gewinnrechnung taugt; entlassen wird, wenns daran hapert, auf Seiten der Arbeitnehmer*in oder auf Seiten des Unternehmens. Die LohnabhĂ€ngigen kommen in der Kalkulation der Unternehmen aber auch dann, wenn sie einen Job haben, schlecht weg. Sie sind abhĂ€ngige Variable des Gewinnzwecks und werden Armut (bzw. die Gefahr von Armut) und Stress nicht los.

Das Eintreten fĂŒr Chancengleichheit unterstĂŒtzt diese sehr suboptimale Lage, in der sich die meisten befinden, auch wenn das dabei nicht bemerkt oder gewollt wird. Denn die Forderung nach Chancengleichheit heißt hier, dass „unsachgemĂ€ĂŸe“ Kriterien wie zum Beispiel Hautfarbe oder Geschlecht fĂŒr die Anstellung irrelevant sein sollen. Was hingegen zĂ€hlen soll, ist einzig die FĂ€higkeit, die Arbeitserfordernisse, die der Arbeitgeber gemĂ€ĂŸ seiner Gewinnrechnung definiert, zu erfĂŒllen. Darin besteht der Wettbewerb um einen Arbeitsplatz im Wesentlichen, und darin soll er bei Leuten, die sich fĂŒr Chancengleichheit einsetzen, einzig bestehen.

Was Schule und Arbeit angeht, sind also nicht nur die Verlierer*innen in einer sehr ungĂŒnstigen Stellung; auch die relativen „Gewinner*innen“ haben mit diesen System zu kĂ€mpfen und Pech drinzustecken.

Abschließend: Diskriminierung z.B. aufgrund der Hautfarbe oder des Geschlechts ist mies, weil Menschen dadurch extra HĂ€rten in der Konkurrenz erleiden und Feindseligkeiten ausgesetzt sind. Deswegen ist es richtig sich gegen Abwertungen, Ausgrenzung und dergleichen Feindseligkeit zu wehren und tĂ€tig zu werden. Das geht allerdings, ohne sich das Ziel Chancengleichheit zu eigen zu machen und damit fĂŒr eine „faire“ oder „gerechte“ Konkurrenzgesellschaft einzutreten. Kapitalismus mit dem entsprechenden Bildungssystem und Arbeitsmarkt ist grundsĂ€tzlich abschaffenswert.

Ein Text der Gruppen gegen Kapital und Nation – https://gegen-kapital-und-nation.org




Quelle: Emrawi.org