Januar 7, 2022
Von InfoRiot
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Geschichte

KZ-Prozess: Gericht will weitere Überlebende hören

Aktualisiert: 07.01.2022, 15:59

| Lesedauer: 3 Minuten


Eine Statue der Justitia hÀlt eine Waage und ein Schwert in der Hand.

Eine Statue der Justitia hÀlt eine Waage und ein Schwert in der Hand.

Foto: dpa

Ehemalige HĂ€ftlinge des KZ Sachsenhausen sollen im Prozess gegen einen mutmaßlichen ehemaligen Wachmann der SS fĂŒr AufklĂ€rung sorgen. Denn der Angeklagte streitet weiterhin ab, ĂŒberhaupt in dem Lager gewesen zu sein. Das Verfahren zieht sich in die LĂ€nge.

Brandenburg/Havel. Im Prozess um die Massentötungen von HĂ€ftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen will das Gericht weitere Überlebende des Lagers als Zeugen hören. Das kĂŒndigte der Vorsitzende Richter Udo Lechtermann am Freitag an. Darunter ist ein Überlebender des Lagers aus dem rheinischen Moers, der laut Lechtermann vier Jahre lang in dem KZ inhaftiert war. Zudem sollen weitere Überlebende aus Frankreich und Israel gehört werden. Anfang November hatte bereits ein 92-jĂ€hriger Überlebender aus Israel ĂŒber den grausamen Lageralltag im Strafkommando der sogenannten SchuhlĂ€ufer berichtet.

Vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Neuruppin ist ein 101-JĂ€hriger aus Brandenburg/Havel angeklagt, der als damaliger SS-Wachmann in dem KZ von 1942 bis 1945 Beihilfe zum Mord an mindestens 3518 HĂ€ftlingen geleistet haben soll. Die Staatsanwaltschaft stĂŒtzt sich auf Dokumente zu einem SS-Wachmann mit dem Namen, dem Geburtsdatum und dem Geburtsort des Angeklagten. Im Prozess hatte auch der Historiker Stefan Hördler zahlreiche Belege zur TĂ€tigkeit dieses Mannes in SS-Wachkompanien geliefert.

Der Angeklagte hat im Prozess dagegen bisher stets energisch bestritten, in dem KZ als Wachmann gearbeitet zu haben. Stattdessen will er in der Zeit von 1941 bis 1945 als Landarbeiter in der Gegend um Pasewalk (Mecklenburg-Vorpommern) tÀtig gewesen sein. Das Gericht wolle dazu auf Anregung des NebenklÀger-Anwalts Thomas Walther noch einmal den Psychiater hören, der dem Angeklagten die eingeschrÀnkte VerhandlungsfÀhigkeit bescheinigt hatte, sagte Lechtermann. Walther will dabei seine These untermauern, dass der 101-JÀhrige seine Beteiligung an den Mordaktionen im KZ verleugnet und verdrÀngt und sich stattdessen eine Scheinwelt aufgebaut habe.

Der historische SachverstÀndige Hördler schilderte am Donnerstag, am 20. Verhandlungstag, die besonders unmenschlichen Bedingungen, unter denen die SS sowjetische Kriegsgefangene in verschiedenen KZ inhaftiert hatte, darunter auch in Sachsenhausen. Daher hÀtten die sowjetischen Kriegsgefangenen die höchste Todesrate unter den verschiedenen Opfergruppen gehabt, berichtete der Historiker.

Der NebenklĂ€ger-Anwalt Mehmet DaimagĂŒler wies in einer Stellungnahme darauf hin, dass hinter den Berichten des Historikers ĂŒber die Massentötungen von sowjetischen Kriegsgefangenen die Schicksale von Zehntausenden 19- bis 20-jĂ€hrigen Soldaten stĂŒnden. Die Leben dieser jungen Menschen seien von den Nationalsozialisten unbarmherzig ausgelöscht worden, mahnte DaimagĂŒler.

Hördler konnte sein historisches Gutachten zu den Massentötungen im KZ Sachsenhausen und in weiteren Lagern am Freitag noch nicht abschließen. Daher solle er noch an zwei weiteren Prozesstagen gehört werden, erklĂ€rte Lechtermann am Schluss der Verhandlung. Die Termine sollen noch bestimmt werden. Die Verhandlungen mĂŒssen wegen des hohen Alters des Angeklagten auf maximal drei Stunden begrenzt werden.

Der Prozess findet aus organisatorischen GrĂŒnden in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel statt. Bis Ende MĂ€rz sind noch zwölf Verhandlungstage vorgesehen.

© dpa-infocom, dpa:220107-99-624450/3





Quelle: Inforiot.de