November 26, 2021
Von InfoRiot
245 ansichten


Bei einem frĂŒheren Verhandlungstermin betritt der Angeklagte den Tagungssaal. In der Regel trĂ€gt er hier bunte Pullover.

Bei einem frĂŒheren Verhandlungstermin betritt der Angeklagte den Tagungssaal. In der Regel trĂ€gt er hier bunte Pullover.

Foto: oto: dpa/Christophe Gateau

Wenn er sagt, er war da, wĂ€re ich der Letzte, der das verhindern wĂŒrde«, versichert Verteidiger Stefan Waterkamp am Freitag im Prozess. Sein Mandant, der 101 Jahre alte Josef S., ist angeklagt, als Wachmann im Konzentrationslager Sachsenhausen Beihilfe zum Mord in mindestens 3518 FĂ€llen geleistet zu haben.

Dem Vorsitzenden Richter ist zu Ohren gekommen, dass der hochbetagte Angeklagte, der oft schwer zu verstehen ist, sinngemĂ€ĂŸ gesagt haben soll: »Was sollte ich machen? Die haben mich ja durch verschiedene Kompanien gezogen.« Könnte das ein Bekenntnis sein? »Ich glaube, es wĂ€re eine Erlösung, wenn er das einmal hier sagen wĂŒrde«, versucht der Richter zu ermuntern.

Etwas Ă€rgerlich lenkt Verteidiger Waterkamp ein und fragt selbst: »Herr S., waren sie im KZ Sachsenhausen Wachmann?« Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: »Nein!« Dazu wĂŒrde das Gericht dann aber brennend interessieren, was er sonst gemacht habe von 1941 bis 1945. Anfangs hatte er behauptet, 1941 noch in Litauen gewesen zu sein, musste aber schon eingestehen, sich doch in Deutschland aufgehalten zu haben. Aber wo denn, wenn nicht in Sachsenhausen und was hat er da gemacht? Anwalt Waterkamp vertröstet auf den Donnerstag kommender Woche. Dann will er fĂŒr seinen Mandanten eine ErklĂ€rung dazu abgeben.

Fest steht: Es gab einen SS-RottenfĂŒhrer Josef S. in der Wachmannschaft des Lagers, geboren am 16. November 1920, genauso wie der Angeklagte. Alles passt auf ihn: die GrĂ¶ĂŸe, die schlanke Statur, die Herkunft aus Litauen. Der Historiker Stefan Hördler, der die Dokumente durchforstete und dem Gericht ĂŒber etliche Verhandlungstage hinweg als SachverstĂ€ndiger Bericht erstattet, zeigt am Freitag eine SS-Truppenstammrolle fĂŒr Sachsenhausen vom 30. Januar 1943. Darin verzeichnet ist mit der Chiffre 116/41/9 ein Josef S., wobei 116 die laufende Nummer auf der Liste ist, 41 fĂŒr 1941 als Jahr des Diensteintritts steht und 9 fĂŒr die 9. Kompanie im SS-Totenkopfsturmbann. So erklĂ€rt es Hördler. Die Liste hĂ€ngt zusammen mit einer damals erfolgten Reorganisation des Totenkopfsturmbanns, der in Totenkopfwachbataillon umbenannt wurde. Dabei verschmolz die bisherige 9. Kompanie mit Teilen der 8. Kompanie zur neuen 4. Kompanie.

Die Zuordnung könnte wichtig sein, weil den einzelnen Kompanien die Beteiligung an bestimmten Verbrechen nachgewiesen werden kann, etwa die Erschießung sowjetischer Kriegsgefangener oder niederlĂ€ndischer HĂ€ftlinge.

Allerdings irritiert, dass in der einen Truppenliste von 1943 als Geburtsdatum von Josef S. der 16.1.1920 und nicht der 16.11.1920 vermerkt ist. Aber das hĂ€lt Hördler fĂŒr einen Tippfehler auf der Schreibmaschine. Die zweite Eins sei einfach vergessen worden. In anderen Dokumenten ist Josef S. mit dem korrekten Geburtsdatum erfasst. An eine Verwechslung glaubt Hördler nicht, auch wenn der Name Josef S. seinerzeit nicht selten war. Unter den SS-MĂ€nnern in allen 13 Wachkompanien – Anfang 1943 waren es 1423 Mann – gab es keinen anderen Josef S., erklĂ€rt der Historiker. NebenklĂ€geranwalt Thomas Walter vergewissert sich extra: »Ich schließe aus ihren lĂ€ngeren AusfĂŒhrungen: Er ist, wer er ist.« Hördler bestĂ€tigt das.

Walter beantragt am Freitag, die Tochter des Angeklagten als Zeugin zu laden. Der Vater soll ihr ĂŒber die dunkle Zeit nichts erzĂ€hlt haben. Vielleicht doch. Vielleicht verweigert sie auch die Aussage. Aber sie soll ihrem Vater unter die Augen treten, was vielleicht eine Reaktion provoziert.

»Das ist alles nicht wahr. Ich weiß ĂŒberhaupt nicht, warum der SachverstĂ€ndige das erzĂ€hlt«, beschwert sich der Angeklagte wieder einmal. »Nicht ein Wort Deutsch damals gesprochen ich habe«, beteuert er mit den grammatischen Ungenauigkeiten, die entstehen können, wenn jemand als sogenannter Volksdeutscher mit einer anderen Sprache aufgewachsen ist. Litauisch war es im Falle des Angeklagten. Bereits frĂŒher hatte Josef S. sich auf mangelnde Sprachkenntnisse berufen und gesagt, er hĂ€tte die Befehle von Vorgesetzten damals doch gar nicht verstehen können.

Allerdings hatte Historiker Hördler ausgefĂŒhrt, dass es umfangreiche Sprachkurse gab und extra BilderbĂŒcher, um den volksdeutschen SS-MĂ€nnern den Sinn wichtiger Befehle begreiflich zu machen. Es gab Tausende dieser SS-MĂ€nner. Sie stammten vor allem aus RumĂ€nien und Litauen und hatten sich fast immer freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Ausnahmen gab es nur gegen Ende des Zweiten Weltkriegs unter Ungarndeutschen, die genauso, wie es bei den sogenannten Reichsdeutschen vorkam, nun auch zum Wehrdienst in der SS verpflichtet worden sind. Das geschah, nachdem Ungarn aus dem BĂŒndnis mit Hitlerdeutschland ausscheren wollte und von der Wehrmacht besetzt wurde. Die SS-Freiwilligen glaubten, ins Feld geschickt zu werden. Die meisten kamen tatsĂ€chlich an die Front, nicht wenige jedoch auch in die Wachmannschaften der Konzentrationslager.

FĂŒr einige dieser MĂ€nner haben sich Personalunterlagen, Dienstausweise und dergleichen erhalten. So erscheinen auf den Bildschirmen in der Turnhalle in der Max-Josef-Metzger-Straße in Brandenburg/Havel, die fĂŒr den Prozess zum Gerichtssaal umfunktioniert ist, Foto von schwarz Uniformierten, mit denen der SS-Mann Josef S. gedient hat. Was der Totenkopfsturmbann getan hat, darĂŒber besteht kein Zweifel. »Kompromisslose HĂ€rte – das bedeutet DurchfĂŒhren aller Befehle bis zum Mord«, stellt Experte Hördler klar. Nach etwa zweieinhalb Stunden wird die Verhandlung vertagt, obwohl der Angeklagte beteuert, ein wenig könnte er noch aushalten. Weiter geht es nĂ€chste Woche.




Quelle: Inforiot.de