MĂ€rz 15, 2021
Von InfoRiot
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Potsdam – Diese Situation ist eindeutig: Eine Lehrerin kommt ins Klassenzimmer, erblickt auf der Tafel ein hingeschmiertes Hakenkreuz. In dem Fall gilt: Melden, das Schulamt informieren. So steht es in den Handlungsanweisungen des Bildungsministeriums fĂŒr alle Brandenburger Schulen. Wie aber reagieren, wenn ein SchĂŒler Äußerungen tĂ€tigt, die nicht sofort einzuordnen sind, nicht klar ist, ob die Grenze zur Demokratiefeindlichkeit schon ĂŒberschritten ist? Was tun, wenn ein SchĂŒler Verschwörungstheorien verbreitet? 

Start ist am 24. MĂ€rz 

„FĂŒr Lehrer ist es Ă€ußerst herausfordernd zu entscheiden, was in welcher Weise zulĂ€ssig ist“, sagt Ingo Juchler, Professor fĂŒr politische Bildung an der UniversitĂ€t Potsdam. Oft werde aus Zeitmangel dann auf die „Burgfriedenstrategie“ gesetzt und Äußerungen bewusst ignoriert. Hier setzt das dreijĂ€hrige Projekt „Starke Lehrer – starke SchĂŒler“ an, bei dem das Bildungsministerium mit der Robert Bosch Stiftung, der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung und der UniversitĂ€t Potsdam zusammenarbeitet. Start ist am 24. MĂ€rz. Lehrer sollen inhaltlich zu den Themen Demokratiefeindlichkeit und Rechtsextremismus fortgebildet und so befĂ€higt werden, sich mit SchĂŒlern, die entsprechendes Gedankengut verbreiten, auseinanderzusetzen. „Rechtsextremismus darf an Schulen keinen Platz haben“, so Bildungsministerin Britta Ernst (SPD). 

Sechs Oberstufenzentren machen mit 

Geplant ist, dass 19 LehrkrÀfte und ein Schulsozialarbeiter der Oberstufenzentren Teltow-FlÀming, Cottbus, Elbe-Elster, Barnim sowie in Hennigsdorf (Oberhavel) und Frankfurt (Oder) daran teilnehmen. In Sachsen ist diese Qualifizierung bereits umgesetzt worden, in Niedersachsen startete sie 2018.
Das Projekt richte sich zunĂ€chst an Berufsschulen, sagt Cemile Giousouf von der Bundeszentrale fĂŒr politische Bildung. „An Berufsschulen hat politische Bildung einen schweren Stand, dafĂŒr bleibt wenig Zeit“, sagt sie. Zudem sei die SchĂŒlerschaft an berufsbildenden Schulen sehr heterogen, die Altersspanne der SchĂŒler reiche von 16 bis 30 Jahren. Es gebe Untersuchungen, dass etwa Verschwörungstheorien dort hĂ€ufiger Verbreitung finden als in anderen Schulformen. „Lehrerinnen und Lehrern, auch und gerade an Berufsschulen, kommt eine SchlĂŒsselfunktion fĂŒr eine demokratische Schulkultur zu“, sagt auch Markus Lux, Bereichsleiter Globale Fragen der Robert Bosch Stiftung. 

Jugendliche anfĂ€llig fĂŒr Verschwörungstheorien 

Dass in Brandenburg Jugendliche gerade durch die Coronakrise anfĂ€llig fĂŒr Verschwörungstheorien sind, hat die im Februar vorgestellte Jugendstudie 2020 der UniversitĂ€t Potsdam im Auftrag des Bildungsministeriums ergeben. Insgesamt sechs Prozent der Jugendlichen sind der Studie zufolge feste AnhĂ€nger von Verschwörungsmythen. Zu den Problemen, die die Studie aufzeige, gehöre die Verbindung von VerschwörungsglĂ€ubigkeit und Gewaltbereitschaft, sagte Studienleiter Dietmar Sturzbecher: „Die Pandemie ist ein Radikalisierungsbeschleuniger.“ AnhĂ€nger von Verschwörungsmythen seien in der Vergangenheit gewalttĂ€tiger gewesen. Die VorgĂ€ngerstudie „Jugend in Brandenburg 2017“ hatte zudem ergeben, dass die AnfĂ€lligkeit fĂŒr Rechtsextremismus unter Brandenburger SchĂŒlern zugenommen hat. Bei der Befragung stimmten seinerzeit 23 Prozent der Jugendlichen im Alter zwischen zwölf und 14 rechtsextremen Einstellungen zu, bei den 15- bis 17-JĂ€hrigen waren es 11,5 Prozent. Antisemitischen Aussagen wie „Die Juden sind selbst schuld, wenn sie gehasst und verfolgt werden“, stimmten 12,8 Prozent aller Befragten zu.

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Die rot-schwarz-grĂŒne Landesregierung hatte im Koalitionsvertrag vereinbart, die politische Bildung an Schulen zu stĂ€rken. Geht es nach Brandenburgs Innenminister Michael StĂŒbgen (CDU), mĂŒssten Lehrer nicht nur fortgebildet, sondern vor dem Start in die Beamtenlaufbahn auch einem „Verfassungstreue-Check“ unterzogen werden. „Im öffentlichen Dienst hat Rechtsextremismus nichts zu suchen“, sagt auch Bildungsministerin Ernst. Die Lehrerschaft dĂŒrfe aber nicht unter Generalverdacht gestellt werden. Ob sie StĂŒbgens PlĂ€ne unterstĂŒtze, könne sie nicht sagen, da die Details noch nicht vorlĂ€gen.




Quelle: Inforiot.de