Januar 28, 2021
Von Freie ArbeiterInnen Union (FAU)
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Um 14:15 Uhr versammelten sich am heutigen 23. Januar 2021 die ersten „Durstexpress“-Mitarbeiter, Gewerkschafter von der Freien Arbeiterinnen- und Arbeiter-Union (FAU) , der Nahrung-Genuss-GaststĂ€tten (NGG) und Vertreter der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik an der Zschortauer Straße 105.Darunter Sören Pellmann (MdB, Die Linke), Marco Böhme (MdL, Die Linke), Holger Mann (MdL, SPD), die StadtrĂ€te JĂŒrgen Kasek (GrĂŒne), Marco Götze (Linke), Christoher Zenker (SPD) und Thomas „Kuno“ Kumbernuß (Die PARTEI) und neben Irena-Rudolph Kokot (SPD) sogar ein CDU-Vertreter, die ihrem Unmut Luft verschafften.

Drinnen, von der Firmenleitung gut bewacht und von der Presse abgeschirmt von einem „militĂ€risch ausgebildetem“ Securitydienst namens „MASS“ aus Brandenburg, die Mitarbeiterversammlung bei „Durstexpress“, draußen, vor dem Tor, massive Kritik an der Art der Fusion zwischen zwei Firmen aus der Logistikbranche.

Kritik bis in die CDU hinein

Sören Pellmann stellte dabei gegenĂŒber LZ sogar in den Raum, dass sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) um den Fall kĂŒmmern mĂŒsse – immerhin gehe es hier um ein deutschlandweit agierendes Unternehmen und bei Oetker eine eher internationale Marke (siehe Statements im Video).

Bereits im Vorfeld der heutigen Versammlung hatte sogar der ArbeitnehmerflĂŒgel der CDU (CDA) Alarm geschlagen. So wĂŒrde „die Expansion der Oetker-Gruppe ausschließlich auf dem RĂŒcken der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ausgetragen, dies will der SozialflĂŒgel der CDU so nicht hinnehmen“, hieß es aus der parteiinternen Vereinigung, der auch Jens Lehmann (MdB, CDU angehört).

Bereits an die neue gemeinsame Marke gerichtet, betonte Lehmann: „Flaschenpost betont gern öffentlich seine gesellschaftliche Verantwortung – jetzt muss sie diese auch gegenĂŒber den BeschĂ€ftigten zeigen“.

Doch bislang entwickelt sich die bereits seit 2020 angelaufene Fusion zweier Liefermarken zu einem MarktfĂŒhrer trotz der dadurch wachsenden StĂ€rke des neuen Unternehmens unter dem Namen „Flaschenpost“ zu einer Wackelpartie fĂŒr ĂŒber 500 Angestellten am Leipziger Standort.

Und nicht nur da, es ist davon auszugehen, dass auch die „Durstexpress“-Mitarbeiter in Berlin und anderswo Ă€hnliche AnkĂŒndigungen voller Zukunftsfreude von den beiden GeschĂ€ftsfĂŒhrern von „Flaschenpost“ und „Durstexpress“ erhalten haben, wie die Leipziger (siehe gemeinsames Mitarbeiterschreiben, Screen).

WĂ€hrend darin von der gemeinsamen Arbeit bis hier und in einer farbenfrohen Zukunft gesprochen sowie der Teamgeist beschworen wird, ist es mit den Übergangsszenarien weniger blumig gestaltet.

Einkommensverluste scheinen vorprogrammiert, die Wochenarbeitszeit bei „Flaschenpost“ soll fĂŒr alle „Neuen“ von „Durstexpress“ von 40 auf 26 Stunden absinken, von Einnahmeverlusten zwischen 400 und 600 Euro monatlich war heute an der Zschortauer Straße gegenĂŒber LZ die Rede.

Migranten gezielt ausgenutzt?

Hinzu kommt, dass niemand weiß, ob sich die Praxis der Oetker-Tochter „Durstexpress“ der sogenannten „KettenvertrĂ€ge“, also stets befristeter Anstellungen ohne Chance auf einen unbefristeten Vertrag fortsetzen.

Die Linke Leipzig sieht sogar eine gewisse Ausnutzung vor allem der migrantischen Mitarbeiter gegeben, wenn sie mitteilt: „Vorteilhaft fĂŒr das Unternehmen stellte sich dar, dass viele lange arbeitslose Leipziger/-innen verzweifelt nach Jobs suchten oder in den letzten Jahren zahlreiche Migrant/-innen in Leipzig einen Einstieg in die Arbeitswelt schaffen wollten. Viele von letzteren, die – egal wie qualifiziert – in Deutschland stets Probleme haben, einen ihrer Qualifikation entsprechenden Job zu finden, waren froh ĂŒber jede Möglichkeit einer BeschĂ€ftigung.“

Und genau dieser Umstand ermögliche es dem Unternehmen „Durstexpress“ und nun womöglich der „Flaschenpost“ bei der „Gestaltung der befristeten KettenvertrĂ€ge und der Arbeitsbedingungen bisweilen bis an die Grenze des ZulĂ€ssigen zu gehen. Von Mitbestimmung und Koalitionsfreiheit hĂ€lt das Unternehmen wenig. Versuche einen Betriebsrat zu grĂŒnden oder gar gewerkschaftliches Engagement wurden an mehreren Standorten behindert.“

Was sagen die Mitarbeiter, Politiker und Gewerkschafter zum Verhalten von „Durstexpress“? Video: LZ

Der Betriebsrat

Das soll nun in Leipzig enden. Mit Wirkung des heutigen Tages habe man die GrĂŒndung eines ordentlichen Betriebsrates bei „Durstexpress“ eingeleitet, und die fĂŒnf Personen sowie fĂŒnf Stellvertreter gewĂ€hlt, die die GrĂŒndung in etwa zwei Wochen vorbereiten sollen, so Jörg Most von der Gewerkschaft NGG. Zuvor, so „Durstexpress“-Mitarbeiter Frederik fĂŒr die Gewerkschaft FAU (siehe Video), habe es GesprĂ€chsversuche gegeben, ein sogenannter „Talking-Table“ zur Kommunikationsverbesserung zwischen den Berliner Chefs und den Mitarbeitern wurde gegrĂŒndet, tagte aber nur einmal ohne weitere Ergebnisse.

Auch jetzt wĂŒrde seitens der Firmenleitung bei „Durstexpress“ nicht klar kommuniziert, wie es weitergehen solle. Die erste Richtung, welche der Betriebsrat nach GrĂŒndung einschlagen könnte, ist der, welchen die Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Arbeitnehmer/-innenfragen (AfA) in der SPD Sachsen andeutet. NĂ€mlich die Art und Weise der Fusion bekĂ€mpfen.

Irena Rudolph-Kokot, Vorsitzende der sĂ€chsischen sozialdemokratischen Arbeitnehmer/-innen zum Vorgehen der Oetker-Tochter: „Es sieht danach aus, dass sich die Firma um einen sauberen BetriebsĂŒbergang nach §613a BGB mogeln möchte. Dieser steht nach meiner Ansicht den BeschĂ€ftigten zu und wĂŒrde eine Übernahme zunĂ€chst fĂŒr ein Jahr zu gleichen Bedingungen garantieren. Es kann nicht sein, dass hier auf dem RĂŒcken der bei Durstexpress beschĂ€ftigten Menschen versucht wird, aktiv das Gesetz zu umgehen.“

Heißt: der Aufruf der Firmenleitung von „Durstexpress“, sich einfach bei „Flaschenpost“ zu schlechteren Bedingungen neu zu bewerben, könnte bedeuten, dass selbst die Mitarbeiter, die wieder einen Job erhalten, Einbußen hinnehmen mĂŒssten, die nicht nötig wĂ€ren.

Bliebe noch der Verweis auf die Kunden beider Unternehmen, welche Rudolf-Kokot zur SolidaritĂ€t mit dem sonst geschĂ€tzten Lieferservice aufruft: „Ich rufe alle Nutzer/-innen der GetrĂ€nkelieferservices dazu auf, sich aktiv bei den GeschĂ€ftsleitungen der Firmen zu melden und sich fĂŒr die ordentliche Übernahme einzusetzen. Dass es auch anders geht, zeigt sich an anderen Standorten in Deutschland.“

Ein Betriebsrat? Der richtige Schritt in diesem Moment. Video: LZ

Eine generelle Frage zum „Start Up – Modell“?

Wie bei allen sogenannten „neuen Modellen“ am Logistik-, Netz- und Digitalmarkt geht es auch hier der Oetkergruppe und den Investoren hinter der Flaschenpost SE darum, möglichst schnell eine marktbeherrschende Stellung „auf der letzten Meile zum Kunden“ und so einen neuen Direktvertriebsweg fĂŒr Waren zu erreichen. Es gilt das Prinzip „the winner takes it all“, zweite PlĂ€tze interessieren Investoren langfristig nicht.

Anschließend folgen meist ein Börsengang oder weitere Kapitalisierungen, die auf das Modell und weniger auf sofortige Gewinne einzahlen. Dann ist fĂŒr Investoren der ersten Phase Kassensturz und Gewinn angesagt. Auf solche und Ă€hnliche Zielsetzungen deutet bereits die medial kolportierte und von der Oetker-Gruppe unbestĂ€tigte Übernahmesumme von unglaublichen 1000 Millionen Euro fĂŒr einen GetrĂ€nkelieferservice mit einer App und 22 Standorten hin.

Bleibt die nicht nur „Durstexpress“ oder die „Flaschenpost SE“ betreffende Frage: wo ist dann die Beteiligung fĂŒr Mitarbeiter, die bis zu diesem Punkt und womöglich sogar darĂŒber hinaus auf bessere Löhne, gute Arbeitsbedingungen mit unbefristeten VertrĂ€gen, Urlaub und Freizeit in einer Sechstagewoche verzichtet haben? Es ist kaum zu erwarten, dass ihre Investitionen an Arbeitserbringungen dann mit einer Gewinnbeteiligung honoriert werden, wĂ€hrend sie sich womöglich jahrelang durch ein „Hire and Fire“-System durcharbeiten mussten.

Und so also auch das Risiko mittrugen.

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Quelle: Fau.org